mini|hochkant=2|Weltweite Verteilung von Rechts- und Linksverkehr im Straßenverkehr mini|hochkant=2|Weltweite Verteilung von Rechts- und Linksverkehr, mit historischen Umstellungen seit 1858 mini|Linksverkehr in Wien, circa 1930 mini|hochkant|Deutsche Truppen besetzten die britischen Kanalinseln (hier Jersey) und führten 1941–1945 Rechtsverkehr ein mini|hochkant|Beim Straßenverkehr in Indien herrscht Linksverkehr (Rajpath, Neu-Delhi)
Links- und Rechtsverkehr klassifiziert den Straßenverkehr nach der Fahrspur, auf der Verkehrsteilnehmer (aus eigener Sicht) üblicherweise fahren, oder der Straßenseite, auf der sie einander ausweichen. Das Gegenstück im Schienenverkehr ist die sogenannte Fahrordnung, sie entspricht in vielen Ländern nicht der Ordnung des Straßenverkehrs.
Weltweit überwiegt heute der Rechtsverkehr. Von den 221 Staaten und Gebieten der Erde gilt derzeit in 59 Ländern Linksverkehr, hauptsächlich in früheren britischen Kolonien und Dominions mit ungefähr 2,34 Milliarden Einwohnern (s. a. Liste der Länder mit Linksverkehr).
Im Zuge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege wurden Frankreich, besiegte Länder Europas und die französischen Kolonien und Amerika auf Rechtsverkehr umgestellt. In Österreich kam es nach der Niederlage Napoleons zu wechselnden Regelungen.
Weitere Umstellungen fanden nach dem Ende des Ersten Weltkriegs statt. Mit verschiedenen vertraglichen Übereinkommen wurde im Kontinentaleuropa der Rechtsverkehr bis 1927 vereinheitlicht. Ausnahmen bildeten einige Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns, die bis 1941 auf Rechtsverkehr umstellten, und Schweden (1967).
Geschichte
Im Jahr 1998 fanden Archäologen eine gut erhaltene doppelte Fahrbahn, die zu einem römischen Steinbruch bei Blunsdon Ridge nahe Swindon führte. Die ausgewetzten Wagenspuren im römischen Straßenpflaster waren auf der linken Seite (wenn der Betrachter den Steinbruch im Rücken hat) deutlich tiefer als auf der rechten Seite. Das weist zumindest hier auf Linksverkehr hin, denn die Wagen sollten den Steinbruch schwer beladen verlassen haben.
In Frankreich hielten sich Fußgänger traditionell rechts und Wagen links. Infolge der Französischen Revolution wurde der gesamte Verkehr in Frankreich auf rechts umgestellt. Auch in den von französischen Truppen im Unabhängigkeitskrieg unterstützten Vereinigten Staaten wurde Rechtsverkehr gesetzlich festgelegt, angefangen in Philadelphia 1792. Nach den Napoleonischen Kriegen verordneten die Franzosen Rechtsverkehr in Deutschland, Österreich und anderen eroberten Ländern Europas, wobei die Donaumonarchie nach dem Sieg über Napoleon zum Linksverkehr zurückkehrte. Während der Kolonialzeit wurde Rechtsverkehr von den Franzosen in deren Kolonien in Westafrika, im Maghreb, in Indochina, in Westindien, in Französisch-Guayana und anderswo eingeführt. Vor und während des Zweiten Weltkriegs wurden annektierte und eroberte Teile Europas von den Deutschen auf Rechtsverkehr umgestellt, auch auf den besetzten britischen Kanalinseln.
So kam es, dass 1919 von den 208 Territorien der Welt bereits die Hälfte (104) Rechtsverkehr hatte. Von 1919 bis 1986 wechselten 34 weitere Territorien von links auf rechts.
Theorien Alle Erklärungsansätze für den Linksverkehr gehen letztlich darauf zurück, dass die mehrheitlichen Rechtshänder die jeweilige Norm bestimmten. Allerdings erklären sie nur bedingt, warum nach den napoleonischen Eroberungen relativ schnell auf den rechtsseitigen Verkehr in vielen Ländern umgeschwenkt wurde.
Eine einfache Theorie für den Linksverkehr besteht darin, dass viele Menschen beim Aufsitzen auf ein Pferd zuerst mit dem linken Bein in den Steigbügel steigen und dann das rechte Bein über den Rücken des Tieres schwingen. Dies gilt insbesondere für Ritter, die aufgrund der mehrheitlichen Rechtshändigkeit ihre Schwerter links trugen. Die Ausrichtung des Tieres befindet sich also in solchen Fällen notwendigerweise nach links blickend vom Reiter aus gesehen. Damit das Pferd nicht auch noch gewendet werden musste, blieb man auf der linken Seite bzw. führte das Tier direkt mit dieser Ausrichtung an den Weg heran. Eine andere Theorie besagt, dass sich der Linksverkehr auf das rechtshändige Führen von Zugtieren (durch den nebenher laufenden Gespannführer) zurückführen lässt. Mit dem Passieren im Linksverkehr vermeidet der Zugführer, zwischen die beiden Gespanne zu geraten bzw. in der Mitte der Straße zu gehen. Gegner dieser Erklärung argumentieren, dass sich für diese Art der Führung der Rechtsverkehr besser eigne, da so der Führer bequemer in der Mitte der Straße gehen, das Zugtier bei Gegenverkehr effektiver an den Straßenrand abdrängen kann und dabei die kritische, kollisionsgefährdete Wagenseite zum Gegenverkehr hin besser im Auge behält. Bei vom Bock aus gefahrenen Fuhrwerken saß der Fahrer auf der rechten Seite, weil er die Bremse mit der rechten Hand bedienen muss. Er fuhr deshalb möglichst weit links, von wo aus er entgegenkommenden Verkehr besser sehen konnte. Anders bei vom Sattel gefahrenen Fuhrwerken: In diesem Fall musste der Reiter auf dem hintersten linken Tier reiten, um die anderen Pferde mit seiner Peitsche lenken zu können; die bevorzugte Straßenseite für diese Fuhrwerke war deshalb rechts. Das gilt jedoch nur für Rechtshänder. Eine weitere plausible Theorie basiert auf dem Führen von Waffen. Man führte sein Pferd links, um dem Gegner mit der rechten Waffenhand begegnen zu können. In der Kanalschifffahrt entstand Linksverkehr dadurch, dass der Steuermann das Steuerruder in der rechten Hand hält (Steuerbord). Um das Ruder beim Anlegen freizuhalten, legte er mit der linken Schiffsseite (Backbord) an. Also fuhr jeder links, um ein unnötiges Kreuzen der Fahrrinne zu vermeiden.
Römisches Reich Grundsätzlich stellt sich die Frage nach dem Verkehr nur an den Orten, an denen zweispurige Straßen und großes Fahrzeugaufkommen zusammentreffen. In seiner Untersuchung des Verkehrssystems von Pompeji konnte Poehler 2017 zeigen, dass die Fahrer von Wagen wann immer möglich in der Mitte der Straße fuhren. Selbst bei Straßen, die breit genug für zwei Fahrspuren waren, war dies der Fall (S. 136). Die Abnutzungsspuren an den Randsteinen allerdings beweisen, dass bei zweispurigem Verkehr immer auf der rechten Seite gefahren wurde (S. 150–155). Diese Überlegungen können auch an den archäologischen Befunden weiterer Städte der römischen Welt nachgewiesen werden (S. 218–219).Eric E. Poehler: The Traffic System of Pompeii. Oxford University Press, Oxford 2017, ISBN 978-0-19-061467-6, S. 136; 150–155, 218–219. Darüber hinaus gibt es höchstens anekdotische Hinweise, so etwa auf die Wagenspuren von einem römischen Steinbruch bei Blunsdon Ridge, nahe Swindon, deren vom Steinbruch wegführende, linke Spur von den beladenen Wagen tiefer ausgeprägt ist als die rechte. Streng genommen weist das aber nur auf Linksverkehr an diesem Ort hin.
Mittelalter und frühe Neuzeit In Mittel- und Osteuropa herrschte für Kutschen der Linksverkehr vor.Joana Lück: Rechtsverkehr in Deutschland: Warum wir nicht links fahren, 24auto.de, 14. April 2023Warum gibt es Linksverkehr, weltderwunder.de, 2. August 2016
Napoleon Die Wahl von Rechts- oder Linksverkehr ist wahrscheinlich auf die jeweils verbreitete Form der Fuhrwerke zurückzuführen. Im Frankreich der Revolutionszeit dominierten berittene Gespanne, und die Regierung Robespierres erließ ein Gesetz, das in Paris Rechtsverkehr vorschrieb. Napoleon Bonaparte erweiterte dieses Gesetz auf Militärfahrzeuge, der übrige Verkehr hatte sich dem anzupassen. Das napoleonische Frankreich hat dann im Gefolge seiner Eroberungen in weiten Teilen Europas den Rechtsverkehr eingeführt.
Nach Napoleons Niederlage blieben die meisten Länder beim Rechtsverkehr.Thomas Pospiech: Alles über Autos, Mit einem Vorwort von Det Müller – präsentiert von GRIP das Motormagazin, Riva, 2010, S. 168
Moderne Die Frage von Rechts- oder Linksverkehr erhielt erst beim Aufkommen verstärkten Autoverkehrs eine größere praktische Bedeutung. Heute herrscht in den einzelnen Staaten jeweils eine einheitliche Regelung, ob links oder rechts gefahren wird. Jedoch gibt es in vielen Ländern auf kurzen Strecken Ausnahmen, die meist durch den Straßenverlauf bedingt sind. So ist zum Beispiel in London auf der kurzen Privatstraße Savoy Court vor dem Savoy Theatre Rechtsverkehr vorgeschrieben, damit durch den Rückstau vor der Vorstellung nicht der Eingang zum Savoy Hotel blockiert wird, und das, obwohl diese Straße von der großen Hauptstraße Strand abzweigt. Ein anderes Beispiel ist die bolivianische Yungas-Straße, bis 2006 Teil der Ruta 3, auf der ein Absturzrisiko für Fahrzeuge bestand, wobei der links sitzende Fahrer (in ganz Bolivien herrscht sonst Rechtsverkehr) den Abstand seiner linken Räder zum Fahrbahnrand besser kontrollieren konnte. Nachdem eine weniger gefährliche Umgehung gebaut worden war, verlagerte sich der Verkehr großteils dorthin.
Gefahren bei der Umstellung im Verkehr mini|hochkant|Hinweisschild auf Linksverkehr an den Parkplatzausfahrten an der Great Ocean Road in Australien – gerichtet an Autofahrer aus Ländern mit Rechtsverkehr mini|Viersprachiges Hinweisschild auf Linksverkehr in Wai-O-Tapu / Neuseeland
Die erstmalige Umstellung von Rechts- auf Linksverkehr oder umgekehrt ist für Verkehrsteilnehmer gefährlich, da die konditionierten Reflexe aus der Verkehrserziehung ins Leere gehen: So sind Fußgänger beim ampellosen Überqueren der Straße gefährdet, da der angelernte Sicherungsblick vor dem Betreten der Fahrbahn in die falsche Richtung geht.
Aus demselben Grund sind auch Kfz-Fahrer gefährdet. Das Abbiegen muss neu gelernt werden, um zu vermeiden, dass man reflexartig auf die Gegenspur gerät.
Beim Fahrzeugwechsel gibt es zwar keine Pedalverwechslung, aber der erste Griff zum Schaltknüppel geht oft reflexartig zur Fahrertür. Das Sitzen auf der vermeintlich „falschen“ Seite verzerrt zusätzlich die Wahrnehmung und führt zum Abdriften von der Fahrbahn. Umstellungsschwierigkeiten können sich auch erneut nach der Rückkehr ergeben.
Die Vorfahrtsregel (Österreich: „Vorrang“, Schweiz: „Vortritt“) „Rechts vor links“ gilt in den meisten Ländern, in denen rechts gefahren wird. In Australien und Neuseeland, wo Linksverkehr gilt, gilt ebenfalls „Rechts vor Links“, während andere Länder „Links vor Rechts“ kennen. Andere Länder wie Großbritannien kennen keine allgemeinen Vorfahrtsregeln. Dort wird jede Kreuzung ausgeschildert (Fahrbahnmarkierungen, Verkehrssignalisation usw.).
mini|Zweisprachiges Hinweisschild auf Linksverkehr in Zypern
Sicherheit Im Rechtsverkehr befindet sich die rechte (meist dominante) Hand des Autofahrers an der Gangschaltung anstatt am Lenkrad. Umgekehrt ist im Linksverkehr die rechte Hand am Lenkrad. Auch was das Auge betrifft, könnte sich ein entsprechender Unterschied ergeben: Manche Forscher sind der Meinung, dass Linksverkehr möglicherweise für ältere Verkehrsteilnehmer sicherer ist, da bei den meisten Menschen das rechte Auge dominant ist.
Fahrzeugbau
Position des Fahrersitzes beim Linksverkehr Beim Kraftfahrzeug sitzt der Fahrer in der Regel zur Straßenmitte hin, um besser die Übersicht über den entgegenkommenden Straßenverkehr zu behalten, bei Linksverkehr also rechts. Die ältesten motorgetriebenen Fahrzeuge hatten den Fahrersitz noch in der Mitte. Für den Import von Linkslenkern in Länder mit Linksverkehr oder umgekehrt wurden je nach Land unterschiedliche Regelungen getroffen.