Die Pfingstbewegung (auch Pentekostalismus nach englisch pentecostal movement) ist eine weltweite christliche Bewegung, die im Laufe ihres Bestehens zahlreiche Denominationen hervorbrachte und gleichzeitig innerhalb der traditionellen Kirchen und Freikirchen – etwa in Gestalt der sogenannten Charismatischen Bewegung – eine bedeutende Wirksamkeit entfaltete. Für alle Richtungen der Pfingstbewegung hat das Werk des Heiligen Geistes eine zentrale Bedeutung bei Lehre und Glaubenspraxis.Reinhard Hempelmann (Hrsg.): Handbuch der evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden. Christliches Verlagshaus, Stuttgart 1997, ISBN 3-7675-7763-1, S. 288. In den meisten theologischen Fragen steht die Pfingstbewegung in der Tradition des Evangelikalismus.
Der norwegische Pfingstpastor Thomas Ball Barratt beschrieb die Pfingstler so, dass sie in der Erlösungsfrage den Lutheranern, im Taufverständnis den Baptisten, im Streben nach Heiligung den Methodisten und in der Evangelisation der Heilsarmee ähnlich sind.Reinhard Hempelmann: Pfingstbewegung. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, August 2021 (abgerufen am 9. Februar 2023).
Vorläufer der Pfingstbewegung existierten bereits in Europa seit dem 16. und in Nordamerika seit dem 18. Jahrhundert. Die heutige Pfingstbewegung geht auf den Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA zurück, die von ihr beeinflusste charismatische Bewegung auf den Anfang der 1960er Jahre in einigen eher traditionellen evangelischen Kirchen. Im Jahr 2000 wurden 220 bis 250 Millionen Personen zur weltweiten Pfingstbewegung gerechnet.Pfingstbewegung weltweit. bfp.de (abgerufen am 21. Februar 2023). mini|Die 1930 eröffnete Philadelphia-Kirche in Stockholm gilt als eines der Zentren der Pfingstbewegung
Name Die Bezeichnungen Pfingstler, Pfingstkirche, Pfingstbewegung weisen auf das Pfingstfest hin, das an die im Neuen Testament berichtete Ausgießung des Heiligen Geistes in der Jerusalemer Urgemeinde erinnert. In den 1870er und 1880er Jahren wurde in evangelikalen Kreisen in den USA vermehrt um ein neues Pfingsten, das heißt, um eine neue Ausgießung des Heiligen Geistes gebetet. Berichte über eine Erweckung, die 1905 Wales erfasste, entfachten die Erwartung eines zweiten Pfingsten. Als dann am 9. April 1906 bei einer gottesdienstlichen Versammlung in der Azusa-Street in Los Angeles besondere Phänomene auftraten, die denen des ersten Pfingstfestes in Jerusalem ähnlich zu sein schienen, hielt man das zweite Pfingsten für gekommen.R. C. Wolf: Pfingstbewegung. In: Die Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft (herausgegeben von Kurt Galling), Tübingen 1961 (3. Auflage), Band V, S. 308. Die Bewegung, die im Zusammenhang dieser Ereignisse entstand und sich weltweit ausbreitete, wurde fortan als Pfingstbewegung (englisch: Pentecostal movement) bezeichnet.
Geschichte International mini|hochkant|Charles Fox Parham mini|hochkant=.9|William J. Seymour
Die Pfingstbewegung hatte verschiedene Vorläuferbewegungen, die bereits im Mittelalter, in der Reformationszeit und im Pietismus ihren Anfang nahmen. Dabei waren es oft einzelne Menschen, die mystische Erfahrungen gemacht hatten und diese in ihrem Umfeld weitergaben. Am wichtigsten waren jedoch die Heiligungsbewegung und die Erweckungsbewegungen, besonders in der Ausprägung des neuen Methodismus im 18. Jahrhundert in England und Nordamerika. Sein Gründer John Wesley strebte nach Gottes Heiligkeit und sprach von einer zweiten Segnung Gottes in der HeiligungRudolf Ebertshäuser: Zur Geschichte der Pfingst- und Charismatischen Bewegung, Website das-wort-der-wahrheit.de (21. März 2017, abgerufen am 18. Februar 2026), sein Predigerkollege John William Fletcher gar von der Taufe im Heiligen Geist.
Im 19. Jahrhundert praktizierte der schottische presbyterianische Evangelist Edward Irving in seinen Gottesdiensten übernatürliche Geistesgaben. Von 1826 bis 1829 nahm er mit etwa 30 zu verschiedenen Kirchen gehörenden Geistlichen an den Konferenzen von Henry Drummond auf dessen Landgut Albury Park teil. 1831 hörte Drummond erstmals von aufgetretenen Geistesgaben und er rief gegen Widerstand des örtlichen Pfarrers eine Gebetsversammlung und 1832 Gottesdienste ins Leben, in denen die Gabe der Prophetie auftrat. Drummond wurde zum Leiter der ersten katholisch-apostolischen Gemeinde berufen und wurde 1836 als Stammapostel eingesetzt.11.3 Wiederbesetzung des Apostelamts in der Katholisch-apostolischen Kirche, in: Der Katechismus der Neuapostolischen Kirche, Website nak.org (abgerufen am 3. Juni 2026)
Die englische Erweckungsbewegung von Keswick, die zur Heiligungsbewegung gezählt werden kann, verwendete für die Reinigung des Herzens und die Erneuerung durch den Heiligen Geist den Begriff des höheren Lebens (englisch: Higher Life). Zu deren Vertreter zählten auch die Amerikaner Hannah Whitall Smith, William Edwin Boardman, D. L. Moody, Reuben Archer Torrey, A. B. Simpson und Adoniram Judson Gordon, die eine große Sehnsucht nach Gott hatten und mit übernatürlichen göttlichen Heilungen rechneten.Tony Cauchi: General Introduction to the Pentecostal Revival. Revival Library (englisch, abgerufen am 28. Dezember 2022).
1895 eröffnete der ehemalige Baptistenpastor Frank Sandford in Durham in Maine eine Bibelschule namens The Holy Ghost and Us Bible School (deutsch: Der-Heilige-Geist-und-wir-Bibelschule) und benannte den Ort fortan nach dem alttestamentlichen Shiloh. Die Schule hatte jedoch weder eine bestimmte Dauer, noch einen systematischen Lehrplan und eigentliche Lehrer. Nur der Heilige Geist sollte diese irdischen Ordnungen und auch die Aussendung der Absolventen bestimmen. So verbrachten einige Studenten viele Stunden auf dem dortigen Gebetsturm und begannen dann in neuen Zungen zu reden.
Als eigentlicher theologischer Begründer der Pfingstbewegung gilt aber der ursprünglich methodistische Prediger Charles Fox Parham. 1898 besuchte er den presbyterianischen Heilungsprediger John Alexander Dowie in seinen Heilungsräumen in Chicago. Beeindruckt von dessen Dienst eröffnete er mit seiner Frau auch eine Heil- und Evangelisationsanstalt in Topeka in Kansas und in Stones Folly, die den Namen Bethel erhielten. Im Jahr 1900 reiste er zu einigen Führungspersonen und deren Kirchen der Heiligungsbewegung, so zu Dwight Lyman Moody in Chicago, A. J. Gordon in Boston und A. B. Simpson in Nyack bei New York. Im Sommer desselben Jahres besuchte er für einige Wochen die Glaubensgemeinschaft The Kingdom (deutsch: das Königreich) von Frank Sandford und dessen Holy Ghost and Us Bible School.Roy Weremchuk: Thus Saith the Lord? Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2019, S. 522 f. Dort konnte er erstmals Bibelschüler beobachten, die nach langem Gebet in Zungen redeten.Alexander Seibel: Die Anfänge der Pfingstbewegung. alexanderseibel.de (abgerufen am 5. Oktober 2022). Nach den ersten Erfahrungen von Agnes Ozman am 1. Januar 1901 entwickelte er seiner Bibelschule Bethel in Topeka erstmals eine Lehre der Zungenrede und deutete sie in diesem Zusammenhang als anfängliches Zeichen (englisch: initial physical sign) für den Empfang einer Taufe mit dem Heiligen Geist.James R. Goff Jr.: Fields White Unto Harvest. Charles F. Parham and the Missionary Origins of Pentecostalism. University of Arkansas Press, Fayetteville/London 1988, S. 160–166. Die Nachricht über die erfolgte Zungenrede in Topeka verbreitete sich anschließend vielerorts in den USA.Jeffery W. Fogg: Topekas grosse Rolle bei der Entwicklung des Pfingstbewegung: Eine Geschichte des Glaubens und der Wiederbelebung, Website thistopeka.com (26. November 2024, amerikanisches Englisch, abgerufen am 21. März 2026)
Den stärksten Impuls für den Beginn und die spätere Ausbreitung der Pfingstbewegung gab jedoch die Azusa Street Revival in Los Angeles. Diese Erweckung dauerte von 1906 bis 1909 und stand anfänglich unter der Leitung des Parham-Schülers und schwarzen Heiligungspredigers William J. Seymour. Am 14. April 1906 kündigte er in einer Predigt ein Zorngericht Gottes an, das die Erde erbeben lassen würde. Als dann vier Tage später die Großstadt San Francisco durch ein starkes Erdbeben fast völlig zerstört wurde, gewann Seymours Gemeinde in der Azusa-Street große Popularität. Sie erhielt massiven Zulauf und die Anwesenheit zahlreicher Missionare, die aus der ganzen Welt nach Los Angeles gereist waren, sorgte in der Folgezeit für eine Vielzahl von Kirchengründungen in den USA, in Europa, China und den damaligen Kolonialgebieten Südamerikas, Afrikas und Asiens.Cecil M. Robeck Jr.: The Azusa Street Mission and Revival. The Birth of the Global Pentecostal Movement. Nelson, Nashville, Tenn. 2006. Gerade für Christen in den Gebieten der heutigen Dritten Welt war die Bewegung attraktiv, weil in ihr von Anfang an weiße und schwarze Amerikaner, vor allem aus den ärmeren Bevölkerungsschichten, weitgehend gleichberechtigte Mitglieder waren.
Eine wichtige Figur wurde der ehemalige Baptist William Howard Durham, der im März 1907 in der Azusa-Street-Gemeinde eine Geistestaufe erlebte. Danach wirkte er in Chicago mit viel Resonanz. 1911 kehrte er nochmals nach Los Angeles zurück, doch es kam zu lehrmäßigen Differenzen und zum Bruch mit Seymour, weil er die Heiligung nicht mehr wie damals üblich als zweites Werk (englisch: second blessing) des Heiligen Geistes betrachtete, sondern als erfolgtes Werk (englisch: finished work)Larry & Lynda Martin Present: William H. Durham, Azusa Street Testimonies, in: The Apostolic Faith in the February-March 1907, Website azusastreet.org (amerikanisches Englisch, abgerufen am 19. Februar 2026) durch den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus ansah. Aufgrund dieser Differenzen kam es 1914 zu einer ersten Trennung innerhalb der US-amerikanischen Pfingstbewegung, als sich die Assemblies of God durch Neugründung in Hot Springs in Arkansas von der bereits 1897 im Zuge der Heiligungsbewegung entstandenen Church of God in Christ abspalteten. Denn sie hielten nicht mehr an der zweistufigen Segnungslehre fest, sondern ließen es ihren Mitgliedern frei, was sie in dieser Frage glauben sollten.James R. Goff: Sanctification Scuffles, Website Christian History Institute (englisch, abgerufen am 15. Februar 2026)
Im Oktober 1916 kam es in St. Louis zu einem weiteren Bruch mit den Oneness Pentecostals, die die Trinität ablehnten. Die ersten Führer dieser Bewegung Jesus only oder Oneness movement waren der ehemalige Assistent Durhams Frank Ewart (1876–1947) und der ehemalige Geschäftsführer Seymours Glenn Cook (1867–1948). Bereits im Jahr 1914 ließen sie sich öffentlich auf den Namen Jesu taufen. Sie erklärten die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes für ungültig, denn gemäß der Vielzahl der Bibelstellen im Neuen Testament gebe es nur die Taufe im Namen Jesu.Christine Brosch: Das Charisma der Pfingstkirchen. Eine Untersuchung zur Attraktivität der pentekostalen Spiritualität, Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2013, S. 59, abgerufen am 21. März 2026
Die Pfingstler in den Vereinigten Staaten nutzten früh und intensiv die modernen Medien. So predigte die Pfingstlerin Aimee Semple McPherson bereits 1918 über eine der ersten Radiostationen in Kalifornien. Ihr unkonventioneller Predigtstil, ihre ausgedehnte karitative Arbeit in Los Angeles und ihre ökumenischen Bemühungen waren wichtige Beiträge zur Erneuerung der nordamerikanischen evangelikalen Bewegung und verhalfen auch der Pfingstbewegung zu gesellschaftlicher und kirchlicher Akzeptanz. Der christliche Missionssender Radio HCJB wurde bereits 1931 in Ecuador von dem Pfingstler Clarence Jones aus Chicago gegründet.