Mix & Genest war ein deutscher Hersteller elektrotechnischer Geräte, der sich auf das Telefon und die Vermittlungsstellentechnik konzentrierte. Das 1879 vom Ingenieur Werner Genest mit dem Kaufmann Wilhelm Mix in Berlin-Schöneberg als oHG Mix & Genest, Telegraphenbau-Anstalt und Telegraphendraht-Fabrik gegründete Unternehmen gilt bis heute als Pionier auf dem Gebiet der Schwachstromtechnik und der Signalübermittlung. Nach der Jahrhundertwende (1900) war Mix & Genest auch als Hersteller von Rohrpost- und Förderanlagen weltweit bekannt.

Die oHG wandelte sich 1889 in eine Aktiengesellschaft, wurde 1920 von der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) übernommen und 1929 an eine Holding der amerikanischen ITT verkauft. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte die amerikanische Mutter den Sitz nach Stuttgart-Zuffenhausen und verschmolz Mix & Genest zusammen mit der Süddeutschen Apparatefabrik GmbH (SAF) auf ihre deutsche Führungsholding, die wiederum mit der C. Lorenz zur Standard Elektrik Lorenz fusionierte, einem der zehn größten deutschen Unternehmen der 1960er und 1970er Jahre.

Geschichte Überblick In den 1870er Jahren machte die Technik der Telegrafie schnelle Fortschritte und ab 1876 begann in den Vereinigten Staaten der Siegeszug des Telefons. Werner Genest, Sohn des Kaufmanns und Gastwirts August Genest und dessen Ehefrau Hulda, hatte Maschinenbau an der Gewerbeakademie Berlin studiert und durch eine Anstellung bei den Königlich Preußischen Staatseisenbahnen war ihm eigentlich schon eine höhere Beamtenlaufbahn vorgezeichnet. Als er im Jahr 1877 von den Fernsprechversuchen hörte, die der Generalpostmeister Heinrich von Stephan in Berlin mit zwei von Alexander Graham Bell entwickelten Telefonapparaten durchführen ließ, erkannte er jedoch sofort die weitreichende Bedeutung dieser neuen Technik.Wilhelm Ludwig Werner Genest. In: Magdeburger Biographisches Lexikon, Onlinefassung der Universität Magdeburg; abgerufen am 7. Oktober 2015 Nur zwei Jahre später gab er seinen sicheren Beruf auf, um mit dem Kaufmann Wilhelm Mix am 1. Oktober 1879 die Offene Handelsgesellschaft oHG Mix & Genest, Telegraphenbau-Anstalt und Telegraphendraht-Fabrik in der Prinzessinnenstraße 23, Berlin zu gründen.

Die frühen Jahre Unmittelbar nach der Firmengründung begann Werner Genest in zunächst nur ganz kleinem Umfang, in seiner Werkstatt die ersten elektrischen Geräte zu produzieren. Mit anfangs nur wenigen Mitarbeitern fertigte er vor allem sogenannte „Haustelegraphiegeräte“. Dabei handelte es sich vor allem um Klingeln, Druckknöpfe, Läutewerke sowie Fallklappen.Leonhard Dingwerth: Die Geschichte der deutschen Schreibmaschinen-Fabriken, Band 2: Mittlere und kleine Hersteller, 2008, ISBN 978-3-921913-39-0. S. 275() Es folgten Wecker, Tableaus, Haustelefone und Feuermelder. Ein weiteres Geschäftsfeld bildeten bald auch Blitzableiteranlagen. Neben der Konstruktion kümmerte sich Genest selbst um Aufträge und Kunden. Aus seiner Erfahrung mit der Großindustrie, die er bei der Eisenbahn gesammelt hatte, zielte er in seinem Unternehmen von Beginn an auf eine wirtschaftliche Mengenfertigung. Zum Ende des zweiten Betriebsjahres hatte sich die Produktion bereits verdreifacht.

Die Entwicklung des Telefons fand zwar in der Wirtschaft am Anfang noch keine große Beachtung, aber mit der Einführung des öffentlichen Fernsprechverkehrs 1881 begann sich die neue Technik aber langsam durchzusetzen. Zumindest die Post war ein großer und dankbarer Abnehmer. Mit dem Erfolg seines Unternehmens hatte Genest die wirtschaftliche Grundlage geschaffen, sich nun intensiver mit der Entwicklung von Fernsprechern und der mit ihrem Betrieb zusammenhängenden Technik zu beschäftigen. Das erste überlieferte Patent stammt vom 29. November 1883 und betraf eine Verbesserung der Polschuhe früher Telefone.Kaiserliches Patentamt am 29. November 1883, Patentschrift No. 29097 Anordnung der Polschuhe bei Telephonen Das Wachstum des jungen Unternehmens beschleunigte sich weiter.

mini|Eine der ersten Fabrikationsstätten in Berlin, Neuenburgerstraße 14a um 1885 Die Produktionsfläche in der Prinzessinnenstraße wurde schnell zu klein. Genest wechselte den Standort des Unternehmens in angemietete Räume in der Wassertorstraße 14 (später auch 34) und erwarb, als die Fertigung dort erneut zu klein geworden war, im Jahr 1884 ein Grundstück in der Neuenburger Straße 14a (Gitschiner Str. 94a), um darauf ein neues Fabrikgebäude nach seinen Vorstellungen zu errichten. Der Firmenname wurde in Telegraphenbau-Anstalt, Telephon- und Blitzableiterfabrik Mix & Genest geändert und die Zahl der Angestellten wuchs auf 120. Im Jahr 1886 übernahm Werner Genest die Geschäftsanteile seines Partners Wilhelm Mix und wurde dadurch Alleineigentümer.

Bei den Fernsprechern produzierte das Unternehmen zunächst Nachbauten des Bell-Telefons. Weil das Gerät aber in der Handhabung sehr umständlich war, abwechselnd zum Sprechen an den Mund und zum Hören ans Ohr gehalten werden musste, entwickelte Mix & Genest als Verbesserung das „Doppeltelefon“ mit zweiteiligem Hörer. Den Nachfolger brachte Mix & Genest als „Mikrotelefon“ bereits 1887, kurz nach der praktischen Einführung des Mikrophons auf den Markt. Die Elektrotechnische Zeitschrift beschrieb das Mikrotelefon in Heft 3 des Jahres 1895 als „aus einem Mikrophon und einem Telephon zusammengesetzter selbständiger Sprechapparat für den Gebrauch am Schreibtisch etc. (1887), welcher seitdem die weiteste Verwendung und Nachahmung erfahren hat“. Tatsächlich folgten der von Mix & Genest gewählten Bauweise fast alle nachfolgenden Telefonapparate bis in die jüngste Vergangenheit. Ebenfalls auf Mix & Genest geht die Weiterentwicklung der zunächst einkontaktigen Mikrophone zum „Walzenmikrophon“ zurück.Carl Beckmann (Hrsg.): Telephon- und Signal-Anlagen: Ein praktischer Leitfaden für die Errichtung elektrischer Fernmelde- (Schwachstrom-) Anlagen. Julius Springer, Berlin 1923, S. 68 (Vorschau in der Google Buchsuche) Da ein einzelner elektrischer Kontakt zur Kohle schnell durch Abnutzung oder Oxidation unbrauchbar wurde, setzte das Unternehmen auf bewegliche Kohlewalzen mit mehreren Kontaktstellen. Die Neuerung wurde von der Reichspost eingeführt und weit verbreitet, allerdings schon bald durch die fortschrittlicheren Kohlekörner-Mikrophone abgelöst. Auch die Reichweite konnte in mehreren Schritten bis zum Jahr 1895 auf 10 km Entfernung zur Zentralstation in größeren Gebäuden oder zur Vermittlungsstelle im Stadt- oder Fernbetrieb gesteigert werden.

Bis zur Jahrhundertwende hatte Mix & Genest auch schon etwa 100.000 Telefonvermittlungszentralen an über 75 größere Ämter geliefert. Dabei handelte es sich vor allem um die zur Anfangszeit üblichen handbedienten Ortsbatterie-Zentralen (vgl. OB-Betrieb). Nachdem jedoch deren Verbindungskabel durch häufiges Umstecken beim Wechsel der Verbindung schnell abgenutzt und entsprechend störanfällig waren, entwickelte Mix & Genest den sogenannten „Pyramidenschrank“.Pyramidenschrank Mix und Genest (mit Bild). In: Bayern-Online.com, abgerufen am 7. Juli 2016 Bei ihm waren die Teilnehmerverbindungen in Form einer Pyramide fest verdrahtet. Die Verbindung zwischen zwei Sprechstellen kam durch Setzen von schnurlosen Stöpseln in die entsprechenden Klinkenbuchsen zustande.

Dem Einfluss von Werner Genest wird zugeschrieben, dass die damalige Reichspostverwaltung ab 1900 das Einrichten von Nebenstellenanlagen durch die Privatindustrie gestattete. Für die Installation und den Betrieb von Fernsprechanlagen galt ein strenges staatliches Monopol. Nach einer neuen Fernsprechgebührenordnung vom 20. Dezember 1899 konnten jeder Amtsleitung bis zu fünf Nebenstellen zugeordnet werden, für die ab sofort die Industrie ihre eigene Technik liefern und beim Kunden aufbauen durfte – natürlich unter strenger Beachtung der Postvorschriften. Schon kurz nach dieser Entscheidung brachte Mix & Genest sein neues System unter dem Namen „Janus“ auf den Markt. Der doppelgesichtige römische Gott Janus war dabei Symbol für die zweiseitige Verbindungsmöglichkeit, entweder nur intern von einem zum anderen Hausapparat, oder vom Hausapparat über die Amtsleitung nach außen, zur Vermittlungsstelle der Post. Anstelle von Schnüren und Stöpseln wurde der „Janus-Kurbelschalter“ eingeführt. In der Kurbelmitte lag die Amtsleitung, die durch entsprechende Drehung und Einrasten der Kurbel entweder in der Stellung „Haus“ getrennt blieb, oder für Gespräche nach außen in der Stellung „Amt“ verbunden werden konnte.

+ Anfangsjahre in ZahlenMix & Genest AG (Hrsg.): 75 Jahre Mix & Genest 1879–1954. (Festschrift), gedruckt bei Ernst Klett, Stuttgart 1954, S. 7–11

Actiengesellschaft Mix & Genest, Telephon-, Telegraphen- und Blitzableiter-Fabrik Die schnelle Ausweitung der Produktion erforderte immer größere Investitionen, so dass sich Wener Genest 1889 entschied, sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Am 16. April 1889 wurde seine Firma als Actiengesellschaft Mix & Genest, Telephon-, Telegraphen- und Blitzableiter-Fabrik mit einem Kapital von 1,2 Mio. Mark eingetragen. Die Aktien stießen auf großes Interesse und das Unternehmen investierte in seine Fabrikation, aber verstärkt auch in den Ausbau des Vertriebs. Im Jahr 1890 gründete Mix & Genest erste Filialen in Hamburg und London, 1897 folgten Köln und Amsterdam. Im aus der Perspektive des Jahres 1884 großzügig angelegten Werk in der Neuenburger Straße arbeiteten zu diesem Zeitpunkt etwa 200 Mitarbeiter und damit war das Gebäude erneut zu klein. 1891 musste in der Brandenburgstraße 6 ein Zweigwerk geschaffen werden, es folgten ausgelagerte Werkstätten in der Neuenburgerstraße 18 und etwas später auch in der Gitschiner Straße 80.

Die Zersplitterung der Fertigung auf mehrere Orte war ein Provisorium und behinderte den Geschäftsablauf. Deshalb errichtete das Unternehmen 1894 in der Bülowstraße 67 eine neue Fabrik in einem vierstöckigen Neubau für bis zu 1000 Beschäftigte. Nach Einweihung im Januar 1895 waren 600 Arbeiter und weitere 60 kaufmännische Angestellte unter der neuen Anschrift tätig. Mit über Transmission an eine 100-PS Dampfmaschine angeschlossenen 250 Werkzeugmaschinen und festen Arbeitszeiten von 52,5 Stunden für Arbeiter und 48 Stunden für Angestellte, galt die Produktion als sehr fortschrittlich.Mix & Genest AG (Hrsg.): 75 Jahre Mix & Genest 1879–1954. (Festschrift), gedruckt bei Ernst Klett, Stuttgart 1954, S. 11 Die Görlitzer Maschinenbauanstalt und Eisengießerei AG erweiterte die Fertigung 1898 durch eine leistungsfähigere, etwa 350 bis 400 PS starke Dampfmaschine.Dampfmaschine. In: Kraft- und Dampfmaschinen auf albert-gieseler.de, abgerufen am 25. Oktober 2015 Die Modernisierung und Rationalisierung der Produktion war allerdings auch notwendig, um auf Preissenkungen vorbereitet zu sein, die der zunehmend schärfer werdende Konkurrenzkampf erforderte.

mini|Telegraphon von Mix & Genest in Walzenform, wie es von Poulsen auf der Weltausstellung 1900 in Paris vorgeführt wurde. Im Spätsommer 1899 wendete sich der dänische Erfinder Valdemar Poulsen an das Unternehmen. Auf Drängen des Aufsichtsrats der von ihm gerade neu gegründeten Aktieselskabet Telegrafonen Patent Poulsen war er auf der Suche nach einem starken Partner für die Weiterentwicklung, Produktion und Vermarktung des von ihm konstruierten ersten funktionsfähigen Geräts zur Aufzeichnung und Wiedergabe von Ton und Sprache durch elektromagnetische Induktion. Seine Erfindung verwendete Stahldraht zur Aufzeichnung und leitete die Entwicklung der Drahttongeräte ein, aus denen schließlich Tonbandgeräte und Kassettenrekorder hervorgegangen sind.