mini|Karte des Ghettos von Venedig, 1905 mini|Das Ghetto ist eine der kleineren Einzelinseln des Sestiere Cannaregio und liegt relativ zentral Das Gheto Novo oder Ghetto nuovo di Venezia oder kurz Ghetto in Venedig ist eine Insel im Sestiere Cannaregio. Es war seit dem 16. Jahrhundert bis zu seiner Aufhebung 1796 unter Napoleon (Frankreich) das separate Wohngebiet für die jüdische Bevölkerung in Venedig. Die Insel wurde damit Namensgeberin aller jüdischen Ghettos in Städten dieser Epoche. In späteren Jahrhunderten wurde der Begriff auch auf andere Einrichtungen übertragen.

Die Juden Venedigs wohnten bis zum Ende der Republik im Jahre 1797 unter beengten Verhältnissen getrennt von der übrigen Bevölkerung, genossen aber damit gleichzeitig den Schutz durch die Republik. Sie wurden zwar wie überall im christlichen Europa hart besteuert, man gewährte ihnen aber in Venedig auch Schutz vor der Inquisition und den auch in der Lagunenstadt immer wieder vorkommenden Repressionen. Übergriffe von Christen gegen Juden wurden bestraft. Ebenso wurden die verantwortlichen Beamten in den Städten der Terra ferma, wie man die Staatsgebiete Venedigs auf dem sich anschließenden italienischen Festland nannte, bestraft, die Übergriffe gegen jüdische Einwohner duldeten und nicht von sich aus sanktionierten. Venedigs Juden genossen vom 16. Jahrhundert bis Anfang des 19. Jahrhunderts damit eine in Europa einzigartige Rechtssicherheit. An Pogromen gegen ihre jüdische Bevölkerung haben sich die Serenissima und ihre Bevölkerung nicht beteiligt.

Geographie Die Insel Gheto (Gheto Novo) ist 105 Meter lang und 93 Meter breit. Die Flächenausdehnung beträgt knapp einen Hektar. Sie ist von wesentlich größeren Inseln des Sestiere Cannaregio umgeben und von diesen durch unterschiedlich breite Kanäle getrennt, über die drei Brücken führen. Im Norden führt eine der Brücken über den 18 Meter breiten Rio San Girolamo-Ormesini auf die Insel Ormesini. Im Osten und im Südwesten führen zwei weitere Brücken über den nur sechs Meter breiten Rio Gheto zur Insel San Leonardo, auf der unmittelbar südwestlich des Gheto Nuovos das Gheto Vecchio liegt. Im Westen trennt der dort 14 bis 20 Meter breite Rio del battello – Cà Moro das Ghetto von der Insel Chiovere. Im Zentrum der Insel liegt ein offener Platz, der Campo del Gheto Novo.

Der Name Ghetto mini|280px|Campo de Gheto Novo Die Herkunft des Namens ist nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich ist er von dem italienischen Ausdruck geto für Gießerei abgeleitet, der sich im Laufe der Zeit zu gheto oder ghetto lautlich verhärtet hat. Wahrscheinlicher Grund hierfür war die Ansiedlung der Juden in das Stadtviertel der ungeliebten Eisengießer, daher der Zusammenhang mit „geto“. In Venedig taucht er 1414 in dieser Form in einer Akte auf. 1562 gebrauchte Papst Pius IV. das Wort in einer Bulle erstmals für ein abgeschlossenes jüdisches Stadtviertel (Ghetto). Gegen Ende des 16. Jahrhunderts hatte sich das Wort ghetto für abgeschlossene jüdische Wohngebiete in italienischen Städten durchgesetzt. Bis ins frühe 16. Jahrhundert wurde das Wort sowohl geto als auch ghetto geschrieben.

Geschichte Bereits im 5. und 6. Jahrhundert gab es Juden in Venedig, die von der Stadt jedoch in der Regel nur als Händler, aber nicht als Einwohner geduldet wurden. Jüdische Händler deutscher Herkunft mussten wie die übrigen Kaufleute aus dem Heiligen Römischen Reich im Fondaco dei Tedeschi wohnen, italienische Juden wohnten auf dem Festland. Zu einem ersten größeren Zustrom von Juden auf venezianisches Territorium kam es im Zuge der Pest von 1348/49, da man in Mitteleuropa den Juden die Schuld an der Seuche zuschob und sie blutig verfolgte. 1396 erhielten sie auf dem Lido, unweit von San Nicolò, ihren ersten eigenen Friedhof.La comunità ebraica di Venezia e il suo antico cimitero. Ricerca a cura di A. Luzzatto, Band I. Mailand 2000.

Die Gründung des Gheto novo mini|hochkant=1.5|Campo de Gheto Novo Mitte des 14. Jahrhunderts befand sich die Stadt in einer prekären wirtschaftlichen Situation (vgl. Wirtschaftsgeschichte der Republik Venedig). Die Kriege gegen Verona und Genua (1350–1355) und die Folgen der Pest hatten zu einem Niedergang des Handels geführt. Der Große Rat hatte sich mit dem Problem des allgemeinen Geldmangels, der nicht nur die Staatskasse, sondern die gesamte Bevölkerung betraf, zu befassen. Eine dauerhafte Zulassung jüdischer Pfandleiher, die bereits in Mestre und Treviso tätig waren, wurde auch für Venedig erwogen. Durch deren Tätigkeit konnte neues Kapital in den Wirtschaftskreislauf fließen, und die verantwortlichen Gremien der Republik erkannten bald den Nutzen für die Republik. Man nahm also Juden auf, gab ihnen aber nur befristete Aufenthaltserlaubnis, so dass sie weiterhin zwischen Festland und Stadt hin und her pendeln mussten. Derweil waren seit etwa 1325 in den Kolonien abgegrenzte und manchmal ummauerte Judenviertel entstanden, die als Giudaiche bezeichnet wurden.

Mit der wirtschaftlichen Erholung Venedigs kam es bald wieder zu Spannungen zwischen den einzelnen sozialen Gruppen, die sich in mehr oder weniger kurzfristigen Schikanen von Seiten der Behörden niederschlugen. So mussten die Juden ihre Kleidung kennzeichnen. Ab 1397 mussten sie ein gelbes Zeichen auf ihrer Kleidung tragen, wenn sie in Venedig waren. Ähnliches galt für die Kolonien Venedigs. Ab 1496 sollten sie eine gelbe Kopfbedeckung tragen, oder ab 1497 einen schwarzen Hut. Sie durften keinen Baugrund erwerben, andererseits durften sie in Zeiten von Gefahr ihre diskriminierende Kleidung ablegen und zu ihrem Schutz bewaffnete Leibwächter unterhalten, das heißt zum Schutz des von den Christen benötigten Kapitals, das durch ihre Hände ging. Die kurzfristig wechselnden Rechtstitel wurden fortlaufend den aktuellen Bedürfnissen der Republik angepasst.

Der Zuzug von Franziskanern und Dominikanern in die Stadt machte die Situation für die Juden und die Signoria nicht einfacher. Um sich über mögliche päpstliche Repressionen wegen seiner toleranten Politik klar zu werden, gab der Doge Cristoforo Moro bei Kardinal Bessarion ein Gutachten in Auftrag, in dem dieser darlegen sollte, ob der tägliche Umgang mit Juden Christen schaden könnte. In seinem Brief von 18. Dezember 1463 erklärte der Kardinal, dass keine Gefahr für das Seelenheil der Christen bestünde und dass die Juden zu respektieren seien. Venedig konnte also mit seiner pragmatischen Politik fortfahren und den Reaktionen aus Rom unbesorgt entgegensehen.

Der für alle Beteiligten unbefriedigende Zustand von verweigerter oder gewährter, zeitlich begrenzter Zulassung wurde schließlich am 29. März 1516 durch einen Erlass, der den Juden einen festen Wohnplatz auf dem Gebiet des Gheto novo zuwies, beendet. Dabei rechnete man mit etwa 700 Familienoberhäuptern und ihren Angehörigen.B. Ravid: The Religious, Economic and Social Background and Context of the Establishment of the Ghetti of Venice. In: G. Cozzi (Hrsg.): Gli Ebrei e Venezia secoli XIV–XVIII. Mailand 1983, S. 211–259, hier: S. 220.

Die pragmatische Haltung der Republik zu den jüdischen Einwohnern, bei der ideologische oder religiöse Motive nur eine marginale Rolle spielten und die das Verhältnis zwischen der Serenissima und der jüdischen Gemeinschaft auch in Zukunft kennzeichnen sollte, zeigt sich exemplarisch an der Gründungsgeschichte des Ghettos.

Das Gheto novo befindet sich innerhalb des Sestiere Cannaregio auf dem Gebiet einer verlassenen Gießerei. Die Erlaubnis, sich dort anzusiedeln, galt zunächst nur für die nordeuropäischen und italienischen Juden. Das Ghetto wurde jeden Abend abgeschlossen und die Tore in der Nacht bewacht, die Kosten für die Bewachung hatten die Bewohner zu tragen. Das Verfahren, bestimmte Wohngebiete in der Nacht zu schließen und zu bewachen, war in jener Zeit durchaus üblich. Für die deutschen Kaufleute wurde es im Fondaco dei Tedeschi praktiziert, venezianische Kaufleute ihrerseits wohnten im ägyptischen Alexandria in einem Distrikt, in den sie nachts und an muslimischen Feiertagen eingeschlossen wurden.

Allein die hoch angesehenen jüdischen Ärzte durften bei Bedarf das Ghetto nachts verlassen, wurden aber von Wachen kontrolliert und mussten die Namen der Patienten angeben.

Das Gheto vecchio mini|Gheto Vecchio 1474 bestiegen Ferdinand II. von Aragonien und Isabella von Kastilien den spanischen Thron. Es begann eine blutige Judenverfolgung; eine Welle der Intoleranz verbreitete sich über das gesamte spanische Territorium, das damals bis Sardinien und Sizilien reichte. Ab 1496 beteiligte sich auch Portugal, dessen König Manuel I. ein Schwiegersohn Ferdinands und Isabellas war, an den Verfolgungen. Wer sich nicht bereit erklärte, das Land binnen kurzer Zeit zu verlassen, wurde zwangsgetauft. Diese Politik löste eine Wanderungsbewegung im gesamten Mittelmeerraum aus. Die Gruppe der jüdischen Einwanderer, die nach Umwegen über Stationen in Hafenstädten des östlichen Mittelmeers, der Levante, in Venedig ankamen, nannte man in Venedig Levantiner.

Eine weitere Einwanderungswelle wurde durch die Niederlage in der Schlacht von Agnadello von 1508 ausgelöst, bei der Venedig der Liga von Cambrai unterlegen war, und zahlreiche Juden der Terra ferma den Schutz des Stadtgebiets suchten. Auch die Bankiers aus Mestre flohen nach Venedig. Die Spannungen in der Stadt zwischen den Eingesessenen und den Flüchtlingen nahmen zu und das Wohnrecht der Juden wurde im Senat erneut diskutiert.

Pragmatisch nutzte man das wirtschaftliche Potential, das die Zuwanderer mitbrachten und fand eine Lösung. Ein dem Adligen Leonardo Minotti gehörendes angrenzendes Areal wurde zur Erweiterung des Ghettos umgewidmet, indem man dem Eigentümer hohe Mieteinnahmen versprach. 1541 wurde den Juden erlaubt, in diesem Gebiet zu leben. Das neue Ghetto mit dem Namen Gheto vecchio wurde vornehmlich von Levantinern besiedelt. Die Bezeichnung „vecchio“ () bezieht sich nicht auf die Judenansiedlung, sondern die Gegend hieß schon vorher, als Gießereiviertel, so.

1589 erhielten schließlich auch orientalische Juden so wie die spanischen und portugiesischen Juden und Conversos, abwertend häufig als Marranen bezeichnet, die Erlaubnis, sich im Gheto vecchio anzusiedeln.

Das Gheto novissimo 1611 wohnten auf einem Gebiet von rund drei Hektar 5.500 Einwohner, während es im Jahr 1552 erst 900 gewesen waren. Die Wohnverhältnisse in den Ghettos waren also außerordentlich beengt, daher baute man die Häuser immer mehr in die Höhe, während die Höhe der einzelnen Stockwerke immer mehr reduziert wurde, so dass man in den Räumen kaum stehen konnte. Nach den Verlusten durch die Pest von 1630 bis 1632 verließen viele Juden die Stadt und siedelten sich in anderen Städten Italiens, beispielsweise in dem liberalen Livorno, an.

1633 entstand schließlich das gheto novissimo, in dem sich großzügige Wohnhäuser und Paläste befanden und in dem vor allem spanische und portugiesische Juden wohnten. In dieser Zeit waren die Juden in Venedig anerkannt und geschätzt, sie konnten in Padua, der venezianischen Universität, studieren. Dort unterlagen sie fast keinen Restriktionen, für sie galten die gleichen Gesetze wie für alle anderen Studenten. Nur die Studiengebühren waren für Juden erheblich höher. Nach dem Examen arbeiteten sie als Wissenschaftler oder Ärzte. In Venedig selbst entfaltete sich eine reiche jüdische Kultur.

Niedergang des Ghettos Parallel zum Verfall der Wirtschaftskraft und der politischen Macht Venedigs kam es zu einem Niedergang des Ghettos. Nach den Verlusten durch die Pest, bei der Venedig ein Drittel seiner Bevölkerung verloren hatte, verließen viele Juden die Stadt, andererseits hielt der Zustrom von Juden an, die unter Verfolgungen in Nord- und Osteuropa zu leiden hatten.