mini|Ricarda Huch, um 1930 fotografiert von Wanda von Debschitz-Kunowski rahmenlos Ricarda Octavia Huch, Pseudonym: Richard Hugo, (* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Kronberg im Taunus) war eine deutsche Schriftstellerin, Philosophin und Historikerin, die als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum im Fach Geschichte promoviert wurde. Sie schrieb Romane und historische Werke, die durch einen konservativen und gleichzeitig unkonventionellen Stil geprägt sind.
Leben mini|Gedenktafeln an der Stelle des zerstörten Geburtshauses von Ricarda Huch, der Villa Bierbaum in Braunschweig
Braunschweig – Familie und Jugend Ricarda Huch wurde als drittes und letztes Kind des Kaufmanns Richard Huch (1830–1887) und seiner Frau Emilie, geborene Hähn (1842–1883), in der Villa Bierbaum, Petrithor-Promenade 16 (heute InselwallSilke Köstler-Holste: Ricarda Huch (1864–1947). Einführung in ihr Leben und Werk. Jubiläumsband zu ihrem 50. Todestag anlässlich des internationalen Ricarda-Huch-Forschungssymposions vom 15.–17. November 1997 in Braunschweig. Band 2, S. VI.) in Braunschweig geboren. Die älteren Geschwister waren die Schwester Lilly (1859–1947) und der Bruder Rudolf (1862–1943).Marie Huch: Im Treibsand der Geschichte. Die Lebenserinnerungen an die Braunschweiger Zeit von Marie Huch, geb. Gerstäcker und Friedrich Huch. Herausgegeben von Karlwalther Rohmann. A. Graff, Braunschweig 1978, ISBN 3-87273-029-0. Aus der seit 1815 in Braunschweig ansässigen wohlhabenden Kaufmannsfamilie Huch gingen mehrere Schriftsteller hervor; neben Ricardas Bruder Rudolf die Cousins Friedrich und Felix sowie deren Mutter Marie. Marie Huch wiederum war eine Tochter des Schriftstellers Friedrich Gerstäcker.Anne Gabrisch (Hrsg.): Du, mein Dämon, meine Schlange … Briefe an Richard Huch (1887–1897). Nach dem handschriftlichen Nachlass (= Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt. Band 72). Wallstein-Verlag, Göttingen 1998, ISBN 978-3-89244-184-7.
mini|hochkant|links|Ricarda Huch (links) und Anna Klie um 1875 Zum Zeitpunkt der Geburt Ricarda Huchs gehörte das ehemalige Bierbaumsche Anwesen dem Braunschweigischen Hofbankier und Kommerzienrat Otto Löbbecke.Christina Krafczyk: Constantin Uhde. Bauen in Braunschweig (= Quellen und Forschungen zur Braunschweigischen Landesgeschichte. Band 50). Appelhans Verlag, Braunschweig 2016, ISBN 978-3-944939-20-9, S. 239. Sie wuchs nur einige hundert Meter entfernt in der Villa der Familie Huch, Hohetorpromenade 11 (heute Hohetorwall), auf. Die Villa hatte zuvor den Großeltern väterlicherseits gehört.Gerd Biegel: Huch, Ricarda (= Richard Hugo) Dr. In: Beide Gebäude existieren nicht mehr. Die Villa Bierbaum wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1961 abgerissen. An Ricarda Huch erinnern dort zwei Gedenktafeln. Die ursprüngliche Villa Hohetorwall wurde abgerissen, um 1903 einem Neubau Platz zu machen.Wolfgang Kimpflinger: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Baudenkmale in Niedersachsen. Band 1.1.: Stadt Braunschweig, Teil 1. Hameln 1993, ISBN 3-87585-252-4, S. 242.
In der Villa Hohetorpromenade 11 verlebten Huch und ihre Geschwister eine sorglose Kindheit. Seit ihrer Jugend war Ricarda mit der ebenfalls in Braunschweig lebenden späteren Schriftstellerin Anna Klie befreundet. Diese Freundschaft währte bis zu Klies Tod 1913. Beide teilten das Interesse für Literatur, wobei Klie Huch unter anderem mit dem Werk Gottfried Kellers bekannt machte.Ricarda Huch: Erinnerungen an Anna Klie. In: Heinrich Spiero (Hrsg.): Wilhelm Raabe und sein Lebenskreis. S. 129. Die Freundinnen pflegten zeitlebens einen regen Briefverkehr.Anne Gabrisch (Hrsg.): Du, mein Dämon, meine Schlange … Briefe an Richard Huch (1887–1897). Nach dem handschriftlichen Nachlass (= Veröffentlichungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt. Band 72). Wallstein-Verlag, Göttingen 1998, ISBN 978-3-89244-184-7. Ricarda Huch bezeichnete ihre mehr als 30 Jahre währende Freundschaft mit Klie als einen „hübschen festen Punkt“ in ihrem wechselvollen Dasein.zitiert nach: Else Hoppe (Hrsg.): Unveröffentlichte Briefe Ricarda Huchs an ihre Braunschweiger Freundin Anna Klie. S. 150.
Im Jahre 1879, Ricarda Huch war 15, heiratete ihre Schwester Lilly den gemeinsamen Cousin und promovierten Juristen Richard Huch (1850–1912), Sohn des Onkels William Huch und dessen Ehefrau Agnes. Im Jahr darauf verliebte sich Ricarda leidenschaftlich in ihren Schwager.Arbeitskreis Andere Geschichte (Hrsg.): Braunschweiger Frauen. Gestern und Heute. Sechs Spaziergänge. Braunschweig 2002, ISBN 978-3-929778-08-3, S. 55. Dies entwickelte sich zu einer unhaltbaren Situation im Hause Huch und eskalierte schließlich zu einem stadtweiten Skandal, sodass Ricarda Huch Braunschweig 1886 verlassen musste.
Zürich – Studienzeit und erste Erzählungen Huch zog nach Zürich, um das Abitur zu machen, was in Deutschland für Mädchen noch nicht möglich war.
Danach blieb Huch in Zürich und nahm 1888 ein Studium der Geschichte, Philologie und Philosophie auf, was in Deutschland ebenfalls noch nicht möglich gewesen wäre (vgl. Frauenstudium im deutschen Sprachraum).Dorit Krusche: Wilder, böser, schöner. In: Die Zeit, Nr. 30 vom 17. Juli 2014, S. 17.
mini|319x319px|alt=(1864–1947) als Studentin in Zürich. Schriftstellerin, Dichterin, Philosophin, Historikerin|Ricarda Huch als Studentin in Zürich 1891 beendete sie ihr Studium mit dem Examen für das Lehramt für Höhere Schulen. Im Jahr 1892 wurde sie als eine der ersten Frauen an der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich mit einer historischen Arbeit über Die Neutralität der Eidgenossenschaft während des spanischen Erbfolgekrieges promoviert. Seit ihren Studientagen war sie mit der Tiermedizinerin Marianne Plehn befreundet, die später die erste deutsche Professorin in Bayern wurde. In der Züricher „Pension Walder“ in Hottingen lernte Huch ihre lebenslange Freundin, die Chemiestudentin und spätere Sozialpolitikerin Marie Baum, kennen, die ihr 1950 mit Leuchtende Spur ein biographisches Denkmal setzte.
Während ihres Studiums arbeitete Ricarda Huch seit 1889 als unbezahlte Hilfskraft in der Stadtbibliothek Zürich. Ihre Tätigkeit beschränkte sich zunächst auf die formale Erfassung von ca. 6000 Broschüren aus der Zeit der Französischen Revolution aus der Sammlung Usteri. Zwei Jahre später wurde für sie eine Sekretärstelle geschaffen, die sie am 1. November 1891 antrat. Der Aufgabenbereich umfasste vor allem Korrespondenzen und die Verarbeitung von Druckschriften. Aus privaten Schreiben Ricarda Huchs geht hervor, dass sie den bibliothekarischen Alltag oft als langweilig, sich selbst als unterfordert empfand.
Zur selben Zeit begann sie daher, an der Töchterschule zu unterrichten und erste Texte zu veröffentlichen. So erschien 1891 ihr erster Gedichtband, den sie noch unter dem Pseudonym Richard Hugo veröffentlichte, 1892 dann das erste Bühnenstück Evoë!, das in der Presse wohlwollende Aufnahme fand, wenngleich der enzyklopädisch-gelehrte Stil moniert wurde. 1893 veröffentlichte Huch zum Entsetzen ihrer Familie den Roman Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngeren, in dem sie ihre Beziehung zu Richard Huch und den unternehmerischen Untergang der eigenen Familie – lange vor Thomas Manns Buddenbrooks – verarbeitete. Nach der Kündigung bei der Stadtbibliothek im Herbst 1894 erschien im Jahr 1895 das von ihr verfasste Neujahrsblatt über die sogenannte Wickiana des Züricher Chorherrn Johann Jakob Wick. Inspiriert von Wicks Beschreibung eines Exorzismus, publizierte Huch darauf im Sonntagsblatt der Tageszeitung Der Bund eine Novelle mit dem Titel Eine Teufelei. Nachgelassene Papiere des Staatsschreibers Potzmanterle.
Bremen, Wien, Triest, München, Braunschweig – zwei Ehen, eine Tochter und Werke über Romantik und Risorgimento mini|hochkant|links|Braunschweig, Bruchtorwall 1, hier lebte Huch von 1907 bis 1910. 1896 nahm Huch eine Stelle als Lehrerin für Deutsch und Geschichte in Bremen an. Sie ging eine kurzzeitige Verlobung mit dem Bremer Juristen Hermann Wilhelm Eggers ein und engagierte sich, wie dieser, gegen den Alkoholmissbrauch und die Alkoholsucht.Der heimliche Verlobte Ricarda Huchs: Hermann Eggers (1867–1947) in Der Heidewanderer, Jahrgang 98, Nr. 45, November 2022 (Beilage der Allgemeinen Zeitung der Lüneburger Heide), aufgerufen am 5. März 2024 1897 beschloss sie, als freie Schriftstellerin in Wien zu arbeiten, und begann über die Romantik zu arbeiten. Das Buch Blütezeit der Romantik erschien 1899. In Wien lernte sie 1898 den sieben Jahre jüngeren Zahnarzt Ermanno Ceconi (1871–1927) kennen und heiratete ihn. Huch lebte mit Ceconi 1898–1900 in dessen Heimatstadt Triest, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte. 1899 wurde dort ihre Tochter Marietta geboren. In dieser Zeit erarbeitete Huch die Geschichte der italienischen Einigung, des Risorgimento, und die Rolle von Giuseppe Garibaldi. Weil sie sich mit dieser Forschung Verdienste um Italien erworben hatte, wurde sie später von den italienischen Faschisten geschätzt, was sie wiederum im nationalsozialistischen Deutschland vor Verfolgung bewahrte.
mini|Ricarda Huch, Radierung von Johann Lindner, 1901 1900 zog Huch mit ihrer Familie nach München. Im Rahmen ihres Engagements gegen den Alkoholmissbrauch hielt Huch am 21. Oktober 1902 eine Rede vor dem Sozialwissenschaftlichen Bildungsverein in Wien mit dem Titel „Rausch und künstlerische Produktion“, in der sie ausführte: „Der Rausch, insbesondere der Alkoholrausch, steigert den Produktionstrieb und die Selbstzufriedenheit, sodass der Berauschte zu künstlerischem Schaffen gereizt und von seiner Leistung bald befriedigt wird; diese Leistung gerät aber schwächer, als dem Vermögen des Betreffenden entspricht, weil seine Urteilskraft nicht völlig gegenwärtig ist.“ Die Rede wurde im Wortlaut in der Internationalen Monatsschrift zur Erforschung des Alkoholismus und Bekämpfung der Trinksitten abgedruckt, dem offiziellen Organ des Alkoholgegnerbundes.
In München freundete Huch sich mit der Malerin Sophie von Scheve und der jungen Germanistin Käthe Brodnitz an. 1905 begann Ceconi ein Verhältnis mit Käte Huch, Tochter von Ricardas Schwester Lilly und ihrem Jugendschwarm Richard Huch, was zur Scheidung beider Paare führte. 1907 heirateten Ricarda und Richard Huch. Während dieser Ehe hatte Huch ihren Lebensmittelpunkt wieder in Braunschweig. Sie veröffentlichte in Neue Gedichte sexuell freizügige Liebeslyrik, die unter anderem von Richard Dehmel kritisiert wurden. Die Ehe mit Richard Huch war jedoch unglücklich und endete 1911 mit der Scheidung. 1914 starb Richard Huch.
München, Zürich, Berlin – Bücher über Bakunin, die Religion und die Deutsche Revolution 1848/49 Nach der Scheidung 1911 kehrte Huch nach München zurück. Sie lebte dort bis 1916. Direkt bei der Gründung des Münchner Schriftstellerinnen-Vereins 1913 trat sie ein. Während des Ersten Weltkrieges von 1916 bis 1918 zog sie erneut in die Schweiz und lebte vom Kriegsende bis 1927 wieder in München. Sie schrieb viele wichtige Bücher, zum Beispiel die Biographie Michael Bakunin und die Anarchie (1923). Auch ihre religionsphilosophischen Bücher entstanden zwischen 1914 und 1926 hier (Luthers Glaube, Der Sinn der Heiligen Schrift und Entpersönlichung, Der wiederkehrende Christus), mit denen sie die christliche Religion durch Übersetzung der Diktion und Denkbegriffe in die Moderne hinüberzuretten versuchte. In München lernte Huch unter anderem Thomas Mann, Annette Kolb und Rainer Maria Rilke kennen, auch kam sie in Kontakt mit der Frauenbewegung, mit deren Vordenkerinnen Ika Freudenberg und Gertrud Bäumer sie korrespondierte. Katia Mann schildert in ihren Lebenserinnerungen, dass ihre Kinder bei Ermanno Ceconi in zahnärztlicher Behandlung waren.Katia Mann: Meine ungeschriebenen Memoiren. Frankfurt am Main 2002, S. 55.