Berlin-Operation war die interne militärische und operative Bezeichnung für die strategischen Planungen des Warschauer Pakts und der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR zur militärischen Eroberung und anschließenden Besetzung von West-Berlin während des Kalten Krieges.
Hintergrund Im Falle eines militärischen Konflikts zwischen den Staaten des Warschauer Pakts und der NATO bildete West-Berlin eine im Territorium der DDR gelegene Enklave. Die Planungen zur „Berlin-Operation“ waren eng mit der Hauptaufgabe der dafür vereinten Streitkräfte des Warschauer Pakts im zentraleuropäischen Kriegsschauplatz verknüpft, die primär die Eroberung der Bundesrepublik Deutschland und einen anschließenden Vorstoß bis nach Frankreich vorsahen.
Erstmals dokumentiert wurde der Begriff „Berlin-Operation“ im Oktober 1969 im Rahmen des strategischen Übung „Westen“ unter der Leitung des sowjetischen Verteidigungsministers Marschall Andrei Gretschko. Dabei regte Gretschko an, die primär für die Berlin-Operation vorgesehenen 1. Motorisierte Schützendivision (1. MSD) und das spätere Luftsturmregiment 40 (LStR-40) der NVA durch Einheiten der Territorialverteidigung zu verstärken, da die regulären Feldtruppen für den Hauptstoß nach Westen benötigt würden. Nach der erfolgreichen Einnahme West-Berlins sollte die 1. MSD zügig herausgelöst werden, um an der Westfront operieren zu können.
Gliederung und Auftrag Für die Durchführung der Berlin-Operation war ein aus verschiedenen Einheiten gebildeter Verband vorgesehen, der intern als „Berliner Gruppierung“ bezeichnet wurde. Die Führung der beteiligten NVA-Einheiten lag beim Kommando der Landstreitkräfte in Geltow bei Potsdam:
Die Berliner Gruppierung umfasste folgende Einheiten: 1. Motorisierte Schützendivision der NVA Luftsturmregiment 40 der NVA 6. Garde-Mot-Schützenbrigade der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland aus Berlin-Karlshorst 40. Artilleriebrigade der NVA Acht Kampfgruppenbataillone aus Ost-Berlin und Potsdam Zwei Volkspolizei-Bereitschaften Grenzkommando Mitte der Grenztruppen der DDR
Operative Ziele Die operative Planung sah vor, die Einnahme und Besetzung West-Berlins innerhalb von 24 Stunden abzuschließen. Die taktische Durchführung basierte auf mehreren Zielen: Schnelles Überwinden der Berliner Mauer Massiver Vorstoß mit Panzern in Richtung Stadtzentrum und Kaiserdammbrücke Taktische Trennung der alliierten Schutzmächte und die Verhinderung der Vereinigung der britischen, französischen und US-amerikanischen Brigaden Zerschlagung der gegnerischen Kräfte in getrennten Abschnitten und die vollständige Besetzung des Stadtgebiets Einnahme der strategisch wichtigen Flughäfen Tegel und Tempelhof durch taktische Luftlandeoperationen Besetzung von Schwerpunkt- und Vorrangobjekten nach einer vorab definierten Prioritätenliste im Handstreich
Ausbildung Die Eroberung West-Berlins wurde bis in das Jahr 1989 bei den beteiligten Einheiten geübt.
Für das praktische Training des Orts- und Häuserkampfes stand der 1. MSD und dem LStR-40 auf dem Truppenübungsplatz Lehnin die spezialisierte „Stadtkampfanlage Scholzenlust“ zur Verfügung. Auf dieser Anlage waren Merkmale einer Großstadt, darunter Kino, Postamt, Bahnhof, Bank, Fußgängerunterführung sowie U-Bahn-Eingänge und -Tunnel, nachgebildet.
Zusätzlich wurden auf Übungsplätzen der Grenztruppen, wie beispielsweise dem Truppenübungsplatz Streganz, Nachbildungen der Berliner Mauer und der DDR-Staatsgrenze genutzt, um sowohl Verteidigungsgefechte an der Grenze als auch die initialen Angriffshandlungen zu Beginn eines Konflikts zu trainieren.
Übungen 1970er Jahre Die operative Umsetzung wurde in den Folgejahren in verschiedenen geheimen Übungen erprobt. Vom 10. bis 14. Dezember 1973 fand beispielsweise die Übung TURNIER-73 statt. Thema war die Einnahme und Besetzung einer Großstadt durch gemischte Einheiten ohne den Einsatz von Kernwaffen.
Aus Geheimhaltungsgründen wurde West-Berlin in den Übungsunterlagen als fiktive Stadt Magdeburg, „eine unmittelbar an der Staatsgrenze zur DDR gelegene Industriegroßstadt der BRD, die zum Land Niedersachsen gehört“, bezeichnet. Sie besaß jedoch alle realen Merkmale West-Berlins wie beispielsweise dort stationierte alliierte Brigaden, eine Alliierten-Kommandantur, Grenzübergänge sowie Abgeordnetenhaus und Regierenden Bürgermeister.
Der Gefechtsplan von 1973 sah nach der Eroberung weitreichende Maßnahmen für ein einzurichtendes Regime unter einem Stadtkommandanten vor. Dazu gehörte unter anderem: Einsetzung des Kommandeurs des Grenzkommandos Mitte als Stadtkommandant Errichtung von Kriegsgefangenen- und Internierungslagern im (realen Magdeburger) Stadtbezirk Brückfeld und dem angrenzenden Biederitz Verhängung einer nächtlichen Ausgangssperre von 18:00 bis 07:00 Uhr und das Verbot von Versammlungen Sofortige Beschlagnahmung aller Waffen, Munition, Sprengstoffe und Kraftfahrzeuge Auflösung aller aus DDR-Sicht „faschistischen und revanchistischen Parteien und Organisationen“ sowie der West-Berliner Polizei
1980er Jahre In den 1980er Jahren, unter anderem im Rahmen der Übungen BORDKANTE-85 bis BORDKANTE-88, veränderten sich die operativen Planungen grundlegend. Die Errichtung eines rein militärischen Regimes trat in den Hintergrund. Stattdessen sah das neue Konzept den Einsatz von Kräften des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vor.
Laut den von Generalleutnant Wolfgang Schwanitz am 5. August 1985 unterzeichneten „Linienspezifischen Aufgaben der BV Berlin“ sollte nach der Eroberung eine sogenannte „Verwaltung B2“ die Kontrolle über das gesamte Stadtgebiet übernehmen. Für jeden der 12 West-Berliner Bezirke war bereits eine eigene Kreisdienststelle des MfS fest eingeplant.
Die primären Aufgaben des MfS sollten umfassen: Verhaftung „feindlicher Kräfte“ wie beispielsweise der Spitzen aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft sowie Journalisten und Geheimdienstmitarbeiter Formelle Auflösung des West-Berliner Senats, des Abgeordnetenhauses und der Bezirksämter Aufbau „demokratischer Organe“ zur Errichtung einer neuen Stadtverwaltung unter Einbeziehung linker Gruppierungen
Die personellen Vorbereitungen für die politische Machtübernahme waren so weit gediehen, dass für die 604 geplanten Stellen der „Verwaltung B2“ bereits im Jahr 1985 für 137 Posten konkrete Kadervorschläge vorlagen. Mit dem Mauerfall im November 1989 und der anschließenden Wiedervereinigung wurden diese Pläne hinfällig.
Literatur Otto Wenzel: Die Pläne und Übungen der NVA zur Eroberung West-Berlins. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZdF), 9/2000, S. 122–124 Helmut Göpel: Die Berlin-Operation. In: Klaus Naumann: NVA. Anspruch und Wirklichkeit nach ausgewählten Dokumenten. E.S. Mittler & Sohn, Hamburg u. a. 1996, ISBN 3-8132-0506-1 Hans-Hermann Hertle: Chronik des Mauerfalls - Die dramatischen Ereignisse um den 9. November 1989, Ch. Links Verlag, Berlin 2009, S. 218–219, ISBN 978-3-86153-541-6
Kategorie:Deutsche Militärgeschichte Kategorie:West-Berlin Kategorie:Militärische Planung Kategorie:Deckname