mini|Jina Khayyer (2025) Im Herzen der Katze ist der Debütroman der deutsch-iranischen Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin Jina Khayyer; er erschien im Herbst 2025 im Suhrkamp Verlag und beleuchtet entlang der Geschichten dreier Generationen von Frauen Fragen nach Exil und Heimat, Freiheit, staatlicher Unterdrückung und Emanzipation im Iran.

Handlung Die sechsundvierzigjährige in Deutschland geborene iranischstämmige Protagonistin Jina erfährt 2022 in Südfrankreich durch die sozialen Medien vom Mord an der gleichnamigen Jina Mahsa Amini und dem sich formierenden Widerstand im Iran. Geschockt und voller Angst um ihre Verwandten telefoniert sie mit ihrer in Wiesbaden lebenden Mutter, spricht per Videocall mit ihrer Schwester Roya und ihrer Nichte Nika in Teheran, die an den Protesten teilnehmen, in ihrem Internetcafé verbotene Flugblätter drucken, auf der Straße demonstrieren und „Frau, Leben, Freiheit“ skandieren, und darauf hoffen, diesmal das Regime zu stürzen und Freiheit für die Frauen erreichen zu können. Die Ereignisse erweisen sich auch als Reise in Jinas eigene Vergangenheit.

Zu großen Teilen folgt die Erzählung nun der Erinnerung von Jina an ihre erste Reise in das Land im Jahr 2000, als sie im Alter von 25 Jahren dort ihre ältere Schwester besucht, die im Gegensatz zu ihr noch im Iran geboren wurde. Jina spricht nur leidlich Persisch, und „das Alltagsleben in Teheran mit all den ungeschriebenen Gesetzen“ ist ihr fremd. Mit großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft wird sie von ihrer großen Verwandtschaft, die sie teilweise zum ersten Mal trifft, empfangen, darunter ihre sechs Tanten väterlicherseits, ihre Schwester Roya und Nichte Nika. Neben ihren Eindrücken werden anhand der Dialoge und ausführlichen Erzählungen der Verwandten die politischen und historischen Ereignisse, Entwicklungen und Regierungswechsel im Iran über drei Generationen von Frauen geschildert. Jinas Tante Esmat erlebte die Monarchie unter Schah Mohammad Reza Pahlavi und die Weiße Revolution, als Frauen geschminkt und mit unbedeckten Haaren als „Dozentinnen, Medizinerinnen, Juristinnen, Politikerinnen“ am öffentlichen Leben teilhatten, und den Wandel im Land zur Islamischen Republik nach der Islamischen Revolution.

Jina ist überrascht von der Schönheit des Landes, seiner Kultur, Sprache und Kulinarik, und „wie sehr die Frauen, auf die sie dort trifft, dem Klischee widersprechen“, da sie versuchen, sich im Privaten Freiräume und Freiheiten zu erhalten, trotz „Kopftuchzwang, Tschador“ und der radikalen Einschränkung weiblicher Freiheit. „Gewalt und Polizeiwillkür, die ständige Kontrolle der Sittenpolizei und der Terror paramilitärischer Organisationen wie der Basidsch-Miliz“ halten die Menschen nicht davon ab, heimlich eigenen Wein herzustellen, verbotene Literatur zu lesen, untersagte Musik zu hören und einen heimlicher Internetzugang zu nutzen. Und subtil klingt in den Erzählungen ihrer Tante Esmat an, dass diese Frauen liebt – „in einem Land, in dem es noch nicht einmal ein Wort dafür gibt“.

Auf Vorschlag ihrer Schwester Roya unternimmt Jina mit ihr und dem von dieser engagierten Fremdenführer und Chauffeur einen mehrtägigen Roadtrip durch das Land, von Teheran nach Isfahan, zum Grab von Hafis in Schiras, zum Feuertempel in Yazd, nach Persepolis und nach Süden in die Wüste, den herrschenden Vorschriften folgend mit einem Schleier verhüllt. Während der Autoreise entpuppt sich ihr Reiseführer als die junge Frau Iman, die sich mit rasiertem Kopf, Männerkleidung einschließlich mit Bandagen abgebundener Brüste und tiefer Stimmlage als Mann ausgibt, um den Repressionen der Sittenpolizei zu entgehen und ein relativ freies Leben führen zu können. Jina beginnt einen verhaltenen zarten Flirt mit Iman.

Jina erinnert sich außerdem an die Proteste der Grünen Bewegung nach der Präsidentschaftswahl 2009, an denen sie selbst teilnahm. Die Erzählung kehrt zurück zu den aktuellen Protesten und endet mit einem Telefongespräch von Jina mit ihrer Nichte Nika nach der Ermordung der Schülerin Armita Geravand im Oktober 2023, die bei einer Kontrolle der sogenannten Sittenpolizei in der U-Bahn schwer verletzt wurde und in Folge am 27. Oktober 2023 in einer Klinik starb.

Personen Jede der Frauenfiguren steht für eine bestimmte Zeit, ein individuelles Heimatkonzept und Freiheitsverständnis mit Strategien, ein möglichst selbstbestimmtes Leben umzusetzen und sich für die Freiheit der Frauen und des Irans einzusetzen. Jinas in den 1930er Jahren geborene Tante Esmat hat das Privileg, eine von ihrem Vater gebilligte Ausbildung machen zu können und zu studieren, so dass sie für sich selbst sorgen und eigenständig leben kann und nicht auf eine Heirat zur Versorgung angewiesen ist. Sie verlässt den Iran, kehrt aber in ihre Heimat zurück. Jina ist in Deutschland geboren und verfolgt die Proteste von Frankreich aus. Sie ist nicht im Iran verwurzelt, sondern findet ihre Heimat erst in dem Land, in dem sie lebt. Jinas Schwester Roya ist eine unabhängige, im Iran geborene und in Europa aufgewachsene studierte Frau, die nach der Heirat mit ihrem iranischen Mann in den Iran zurückkehrt und dort ihre Kinder aufzieht, darunter auch ihre Tochter Nika. Für sie ist der Iran ihre Heimat, auch wenn sie ambivalent ist zu gehen oder zu bleiben. Jinas Nichte Nika ist im Jahr 2000 geboren und hat 2022 gerade ihr Studium begonnen. Sie ist im Land verwurzelt, beteiligt sich aktiv an den Protesten und ist entschieden, sich auch mit ihrem Leben gegen das Regime zu stellen und fest entschlossen, ihre geliebte Heimat nicht zu verlassen. Die junge Iman versucht durch den Verzicht auf ihre Weiblichkeit eine Möglichkeit zu finden, selbstbestimmt leben zu können, was in der Tarnung als Mann im Iran unter dem Mullah-Regime leichter ist. Im Privaten erhält sie sich ihr Frausein und ein zartes Anknüpfen zu Jina.

Hintergrund mini|Umrisse des Irans Der Roman nimmt Bezug auf die Proteste zum Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini, die bei einem Besuch in Teheran am 13. September 2022 wegen eines angeblichen Verstoßes gegen das staatliche Hidschāb-Gesetz von der iranischen Sittenpolizei (Gascht-e Erschad) festgenommen und in der Haft tödlich verletzt worden war. Ihr Tod am 16. September 2022 löste weitgehende Proteste gegen das iranische Regime aus.

Das titelgebende „Herz der Katze” bezieht sich auf die Umrisse des Landes Iran, die an eine sitzende Katze erinnern: „Die Ohren in Aserbaidschan, mit der Kehrseite zeigt sie gen Afghanistan“. Die im Buch geschilderte Reise in das Landesinnere wird so zur Reise „ins Herz der Katze“.

Das Leben der Hauptperson des autofiktionalen Romans weist zahlreiche Überschneidungen mit der Autorin des Buches auf. Wie Jina Kahyyer wurde die Romanfigur „Jina” in Europa als Tochter von Exiliranern geboren und lebt seit vielen Jahren in Südfrankreich. Sie hat eine Schwester und eine Nichte in Teheran und ein grosser Teil ihrer Familie lebt noch immer im Iran.

Auszeichnungen Der Roman wurde 2025 mit dem Mara-Cassens-Preis für das beste deutschsprachige Debüt ausgezeichnet. Leseschatz-Preis 2025 Das Buch stand 2025 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2026 wurde das Werk auf der Shortlist für den Literaturpreis der Stadt Fulda geführt.

Rezensionen Die meisten Rezensenten, wie Florina Evers auf der Seite des Goethe-Instituts, ordnen die Landessprache Farsi als poetisch ein und ebenso die Erzählweise des Buches mit den Übersetzungen bildhafter Umschreibungen von Farsi ins Deutsche. So befindet etwa Gallus Frei-Tomic auf der Seite literaturblatt.ch: „Immer wieder blitzt die arabische Kunst des Fabulierens, der blumigen Erzählung auf, der Weisheit in einer Sprache, die schon über viele Jahrhunderte ihre Blüten trägt und auch durch die graue Gegenwart nicht auszulöschen ist“. Monika Roth urteilt in den bn.bibliotheksnachrichten, dass der Roman durch seine poetische Sprache überzeuge, trotz „der schonungslosen Schilderung von Unterdrückung und Gewalt“. Diese Einschätzung teilt auch Gesa Ufer in „Die Literaturagenten“ auf Radio Eins. Dagegen bemängelt Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung, dass sich im Buch ein paar „Mühseligkeiten“ befänden, wie etwa dass „sich in der ersten Hälfte des Buches Jina Khayyer so sehr bemüht, die persische Alltagspoesie ins Deutsche miteinzubeziehen“.

Auch Gallus Frei-Tomic (literaturblatt.ch) bescheinigt dem Roman einige Längen, zieht aber dennoch das Fazit, die Autorin ordne „auf beeindruckende Weise, was in seiner Gesamtheit fast nicht zu ertragen“ sei. Carsten Hueck befindet im Deutschlandfunk, das Buch zeichne ein beeindruckendes Bild der Kraft der iranischen Frauen, hätte als literarisches Werk aber Schwächen. So seien die Figuren zu holzschnittartig und einzelne Aspekte der Geschichte, wie die Beziehung zwischen Jina und Iman wirken zu konstruiert.

Susan Vahabzadeh (Süddeutsche Zeitung) meint, die Reise durch historische Stätten, die die Schwestern besuchen, ist das Gerüst, an dem Jina Khayyer eine kurze Geschichte des Irans aufhängt. Auch Louise Otterbein von der Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt, dass den Lesenden die iranische Geschichte, Kultur und Gesellschaft über die Frauen und ihre Geschichten vermittelt werde, und Florina Evers (Goethe-Institut) meint, dass so das Lernen über die Geschichte wie nebenbei beim Lesen geschähe.

Zur Darstellung der Unterdrückung von Frauen im Iran äußert Florina Evers (Goethe-Institut), Jina Khayyer erkunde, was es bedeute, als Frau im Iran zu leben und zeichne „ein vielschichtiges Bild eines Landes jenseits der Schlagzeilen – voller Poesie, Widerstand und heimlicher Freiräume“. Ähnliches ist auf der Seite des Literaturhaus Hamburg zu lesen: das Buch berichte von dem mutigen Kampf um Freiheit und grundlegende Menschenrechte angesichts des gegenwärtigen Mullah-Regimes, in einem „Land zwischen Angst, Gewalt, Aufbegehren, dem Wunsch nach Selbstbestimmung, unerschütterlicher Hoffnung und Sinnlichkeit“.

Auch die Besonderheit der wechselvollen Geschichte der Frauenrechte im Iran wird von einzelnen Rezensenten erwähnt. Gallus Frei-Tomic (literaturblatt.ch) weist darauf hin, dass es eine ganze Generation gäbe, „die in den Medien mitansehen muss, wie auf der anderen Seite der Grenzen weibliche Freiheit gelebt werden kann, deren Mütter in Zeiten des Aufbruchs, als mit dem Wahlsieg Mohammad Chatamis bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit einem Mal Presse- und Bewegungsfreiheit möglich schienen und Frauen sich unverhüllt, geschminkt und in voller Haarpracht in den Strassen der Metropolen bewegten“. Ebenso schreibt Susan Vahabzadeh (Süddeutsche Zeitung): „Die Besonderheit der iranischen Frauen besteht aber eher darin, dass sie für die Freiheiten kämpfen, die ihre Mütter und Großmütter schon einmal hatten, und die orientierten sich an westlichen Standards“.

Ausgaben Im Herzen der Katze. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-518-43248-8 Im Herzen der Katze. Der Audio Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-7424-3586-6 (Erzähler: Pegah Ferydoni) Nel cuore del gatto. Iperborea, Mailand 2026, ISBN 979-12-81724-75-4 (Übersetzung ins Italienische von Silvia Albesano) I kattens hjerte. Batzer & Co Roskilde Bogcafé, Roskilde 2026, ISBN 978-87-85278-09-8 (Übersetzung ins Dänische)

Weblinks Buchvorschau mit zwanzig Seiten

Einzelnachweise Monika Roth: Khayyer, Jina: Im Herzen der Katze. In: bn.bibliotheksnachrichten. Abgerufen am 29. September 2026 Leseschatz-Preis geht an Jina Khayyer. In: Börsenblatt vom 18. Dezember 2025. Abgerufen am 28. September 2026 Carsten Hueck: Jina Khayyer: „Im Herzen der Katze“. In: Deutschlandfunk vom 1. August 2025. Abgerufen am 27. September 2026 (05:57 min) Louise Otterbein: Eine Hommage an die iranischen Frauen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29. August 2025. Abgerufen am 28. September 2026 Florina Evers: Roman über Frauen im Iran. Im Herzen der Katze. In: Goethe-Institut, Mai 2026. Abgerufen am 28. September 2026