Der Schneider (, alternativ auch (Der Tuchschneider), ) ist der Titel eines der bekanntesten Gemälde des italienischen Spätrenaissance-Malers (Manierismus) Giovan Battista Moroni. Neben dem hohen künstlerischen Können zeichnet das Bild eine für seine Entstehungszeit bemerkenswerte Form der Darstellung bürgerlichen Selbstbewusstseins und Selbstverständnisses aus.

Beschreibung Das Porträt-Gemälde zeigt einen jungen Mann im Dreiviertelprofil hinter einem hölzernen Tisch vor einem einfarbigen, graubraunen Hintergrund. Das Licht fällt von links oben auf die Szene. Der Mann mit kurzem dunklem Haar und gepflegtem kurzen Vollbart blickt direkt nach vorne aus dem Bild heraus, als würde er den Betrachter aus den Augen im leicht erhobenen Kopf direkt ansehen. Er steht leicht nach links gedreht. Seine linke Hand ruht auf einem Stück Stoff, während er in seiner rechten Hand eine große Schere hält. Vor dem Mann liegt ein dunkler, schwerer Stoff auf der hölzernen Tischplatte. Auf dem Textil sind dünne, weiße Kreidelinien aufgezeichnet. Die Schere ist noch nicht an einer dieser Linien angesetzt, weist aber dorthin. Der Mann trägt ein helles, cremeweißes Wams mit einem dichten Muster, das wie kleine Schlitze wirkt, und eine Halskrause. 12 Knöpfe in derselben Farbe wie das Wams halten es vor der Brust eng geschlossen. Darunter ist ein weißes Hemd zu sehen, dessen Rüschen an Kragen und Ärmeln hervorstehen. Er trägt zudem eine weite, rötlich-braune Pluderhose, die mit vertikalen Goldstreifen besetzt ist. Um seine Taille verläuft ein schmaler, brauner Gürtel. Am kleinen Finger der rechten, die Schere führenden Hand trägt er einen goldenen Ring.

Im Hintergrund ist nichts als ein Schatten des Abgebildeten und ein leichtes Spiel von Licht zu erkennen.

Interpretation mini|hochkant|Bild mit Rahmen Das Gemälde zeichnet sich durch einen großen Realismus aus. Alle Details werden möglichst genau wiedergegeben, ohne jedoch schon fotorealistisch zu sein. Es verbindet somit Realismus und Kunstfertigkeit. Trotz dieses Realismus auf den ersten Blick ist das Bild streng durchkomponiert und folgt sehr genau geometrischen Vorstellungen, die von Moroni geradezu kunstvoll ausgeführt wurden. So wird die Dreiviertelfigur des Abgebildeten durch den Tisch vorgegeben. Dieser trennt andererseits nicht, wie in solchen Fällen üblich, den Betrachter vom Motiv. Durch den Winkel, in dem der Tisch dargestellt ist, wird er eher zu einem beide Seiten verbindenden Element. Es erzeugt eine Ungezwungenheit, die es dem Maler entgegen der zu der Entstehungszeit üblichen Genrekonventionen gestattet, den Schneider in einer Ruhephase zu zeigen statt in der Aktion. Bevor er den Stoff zerschneidet, kann er sich dem Betrachter, dem Besucher in der Werkstatt, zuwenden. Würde das Bild vertikal zweigeteilt, würde man sehen, dass die Knöpfe des Wamses diese Teilung vorgeben. Die Linie setzt sich nach oben bis zum Rand des rechten Auges fort, nach unten in etwa bis zur Spitze der Schere. Das Auge wird durch diese zentrale Stellung zum Mittelpunkt des Bildes.

Obwohl das Bild, dessen originaler Titel nicht überliefert ist, im Italienischen, Englischen und Deutschen „Der Schneider“ betitelt ist, spricht wenig dafür, dass es sich bei der unbekannten abgebildeten Person wirklich um einen Schneider handelt. Sehr viel wahrscheinlicher handelt es sich hierbei um einen Tuchhändler, der dabei ist, ein Stück Tuch für einen Kunden zuzuschneiden. Dafür spricht auch die teure Kleidung, die einem Schneider eher nicht entsprechen würde. Tuchhändler indessen gehörten zu dieser Zeit oft zu den reicheren Bürgern der italienischen Städte, vor allem dann, wenn sie mit feinerem Tuch handelten. Zudem dürfte auch ein Tuchhändler solche Kleidung nicht im Arbeitsalltag getragen haben; es dürfte sich um eine extra für das Bild geschaffene besondere Situation handeln. Möglich ist auch, dass das Bild aus einem konkreten Anlass, etwa bei einem Aufstieg in der Tuchhändlergilde, in Auftrag gegeben wurde.

Da der Abgebildete nicht bekannt ist, sind auch die Umstände der Entstehung unbekannt. Vermutet wird, dass Moroni das Bild quasi als Tauschgeschäft fertigte und als Gegenleistung Kleidung, die der des Abgebildeten entsprach, erhielt – oder zumindest Stoffe, um sie sich fertigen zu lassen. Da Moroni zu der Zeit wieder in Bergamo lebte, wo er auch die meiste Zeit seines Lebens verbrachte, ist es sehr wahrscheinlich, dass der abgebildete Mann aus der Stadt oder zumindest der näheren Umgebung stammte. Dass sich Personen des gehobenen Bürgertums porträtieren ließen, war eine recht neue, in den 1570er Jahren einsetzende, vom Adel übernommene Mode. Dass Moroni dennoch einen Standesgenossen so einfühlsam darstellen konnte, liegt wohl daran, dass beide ein ähnliches Standesbewusstsein verband. Eine Annahme besteht auch darin, dass die betreffende Person der Familie Marinoni aus Desenzano al Serio angehörte, die ihre Malerwerkstatt aufgab, um nach Venedig zu ziehen und in den Wollhandel einzusteigen.

Einordnung in Moronis Werk

Obgleich Moroni auch viele religiöse Werke im Stile seines Lehrers Alessandro Moretto gefertigt hatte, lag sein besonderes Talent, für das er bis heute berühmt ist, auf dem Porträtieren. Vor allem stellte er Personen aus dem Provinzadel dar. Die Bilder wirken bis heute nach, sind sehr unmittelbar und verzichten auf jeden Heroismus. Sie zeigen die Abgebildeten als Menschen des Alltags. Motivische Einfachheit verbindet sich mit einer Humanität, die die Abgebildeten nahbar macht. Das verbindet diese Werke direkt mit Der Schneider, auch wenn sich die Abgebildeten im Stand unterscheiden mögen. Mit seinen Arbeiten etablierte sich Moroni für Porträts als Alternative zu Tizian.Stefano Zuffi, Francesca Castria: Italienische Malerei. Die Meisterwerke vom 14. bis zum 20. Jahrhundert. Könemann, Köln 1998, ISBN 3-8290-0489-3, Seite 233. Er steht mit seiner psychologischen Durchdringung der Abgebildeten auch der venezianischen Malerei deutlich näher als seinem Lehrer, insbesondere Tizian und Giorgione. mini|links|hochkant|Bildnis eines alten Senators, um 1576, Accademia Carrara (58AC00084). Späteres Werk Moronis in Dreiviertellänge ohne sichtbaren Details im Hintergrund. Zunächst stellte Moroni seine Porträtierten oft, wie sein Lehrer Moretto es zuweilen tat, in voller Länge dar. Obwohl schon seit den 1530er Jahren im norditalienischen Porträt zunehmend auf die Darstellung eines detaillierten Hintergrunds verzichtet wurde, behielt Moroni dies noch längere Zeit bei. Insbesondere nach dem 1563 beendeten Konzil von Trient, in dessen Spätzeit auch Moroni in der Stadt tätig war, änderte sich die Darstellungsweise des Malers. Zunehmend verzichtete er auf detaillierte, naturalistische Hintergründe; zudem wurde die Dreiviertelansicht sein bevorzugter Ausschnitt, zum Teil wählte er noch kleinere Ausschnitte. Der Schneider fügt sich dementsprechend in das Werk des Künstlers ein. Zudem zeigt er neben Adeligen und Kirchenfürsten auch Dichter und Denker mit Attributen ihrer Profession. Die Darstellung eines arbeitenden Menschen bleibt jedoch singulär im Werk Moronis.

Provenienz Erstmals sicher fassbar wird das Gemälde nach heutigem Wissensstand im Besitz der venezianischen Familie Grimani. Von dort gelangte es im 19. Jahrhundert in den Besitz der Familie Frizzoni. Dort war es Teil der privaten Sammlung im Palazzo Frizzoni, dem heutigen Sitz der Stadtverwaltung von Bergamo. Im Jahr 1862 wurde es von Charles Lock Eastlake für die von ihm geleitete, noch im Aufbau begriffene National Gallery in London erworben (Inventarnummer NG697). In England erfreute sich Moroni schon länger besonderer Beliebtheit, sodass heute die National Gallery mit elf Gemälden die größte Sammlung von Werken des Künstlers außerhalb von Italien besitzt. Gemeinsam mit den weiteren Bildern Moronis Ritter mit seinem Turnierhelm, Einen Brief haltender Mann und La Dama in Rosso wird es heute in Saal 4 unter dem Motto The Spectacle of Portraiture: European Painting 1500–1600 (Das Spektakel der Porträtmalerei: Europäische Malerei 1500–1600) an der Seite von Werken wie Die Gesandten von Hans Holbein dem Jüngeren und Werken von Lorenzo Lotto, Palma il Vecchio, Parmigianino, Frans Pourbus dem Jüngeren sowie dem Porträt des Grafen Fortunato Martinengo seines Lehrers Moretto ausgestellt.

Im Jahr 2008 war das Gemälde im Rahmen einer Ausstellung von Porträts aus der Renaissance im Museo del Prado in Madrid zu sehen. In den Jahren 2015 und 2016 kehrte es nach Bergamo zurück und wurde dort in einer Sonderausstellung der Accademia Carrara präsentiert.

Weblinks

Literatur Erika Lagmuir: The National Gallery. Museumsführer. 5. Ausgabe, National Gallery Global, London 2023, ISBN 978-1-85709-706-1, Seiten 144–145.

Belege

Kategorie:Gemälde (16. Jahrhundert) Kategorie:Gemälde der National Gallery (London) Kategorie:Werk der Porträtmalerei Kategorie:Geschichte des Textilhandels Kategorie:Arbeit in der Bildenden Kunst Kategorie:Kunstwerk der Renaissance