Gustav Jahoda (* 11. Oktober 1920 in Wien; † 12. Dezember 2016 in Cardross) war ein österreichisch-britischer Psychologe und emeritierter Professor an der University of Strathclyde.Paul Jahoda: Gustav Jahoda obituary auf The Guardian vom 10. April 2017, abgerufen am 25. September 2026.Ivana Markova; Andrea Jahoda: Gustav Jahoda. 11 October 1920 – 12 December 2016 auf The British Academy, abgerufen am 25. September 2026.

Leben Er wurde als Sohn des Rechtsanwalts Leopold Jahoda und dessen Frau Olga (geb. Barany) in Österreich geboren. Der Aufstieg des Faschismus führte zu seinem Ausschluss vom Wiener Akademischen Gymnasium. Vor dem Anschluss Österreichs floh er 1938 nach Paris und begann dort ein Studium des Bauingenieurwesens. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er zunächst interniert, entschied sich, in die französische Armee einzutreten. Angesichts des deutschen Vormarsches setzte er sich jedoch ab und fuhr mit dem Fahrrad nach Saint-Nazaire an der bretonischen Küste, wo er sich den letzten Einheiten des British Expeditionary Force anschließen konnte, die aus Frankreich evakuiert wurden und kam 1940 in Großbritannien an. Über den Verbleib seiner Eltern und seines jüngeren Bruders herrschte lange Zeit Ungewissheit, bis sie drei Jahre später vom Roten Kreuz in New York City ausfindig gemacht werden konnten. In England diente er im Pioneer Corps, der einzigen Einheit der britischen Armee, die bereit war, „feindliche Ausländer“ aufzunehmen. Nach dem Krieg schrieb er sich an der London School of Economics ein, um neben seiner Arbeit als Fotograf Psychologie und als Zauberkünstler im Teilzeitstudium zu belegen; er schloss sein Studium am Birkbeck College London ab.

Anschließend übernahm er eine Dozentenstelle an der University of Manchester; nach seiner Promotion im Jahr 1952 zog er nach Westafrika an die University College of the Gold Coast. 1956 kehrte er nach Großbritannien zurück, als er eine Dozentenstelle an der University of Glasgow antreten konnte; 1964 wurde er Gründungsprofessor des Fachbereichs Psychologie an der University of Strathclyde. Er war auch Gründungsmitglied der European Association of Experimental Social Psychology, dabei war er zusammen mit Serge Moscovici, Henri Tajfel, Mauk Mulder und Jozef Nuttin Jr. Mitglied des ersten Planungsausschusses der EAESP. An der University of Strathclyde blieb er auch nach seiner Pensionierung im Jahr 1985 als emeritierter Professor aktiv.

Werk Er leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der kulturvergleichenden Psychologie. Als interkultureller und Kulturpsychologe untersuchte er die Entwicklung mentaler Prozesse und die Lösungsansätze für praktische Probleme bei Kindern und Jugendlichen in Ghana, Schottland und anderen europäischen Ländern.

Gemeinsam mit seinem Freund, dem Ökonomen Walter Birmingham, führte er eine der ersten Wahlumfragen an der Goldküste durch, und zwar im Vorfeld jener Wahl, die Kwame Nkrumah an die Macht brachte. Sie sagten das Ergebnis mit großer Genauigkeit voraus, was zu Vermutungen über Hexerei führte. Er hingegen betonte stets, dass die Stichprobenerhebung äußerst sorgfältig geplant und im häuslichen und privaten Umfeld durchgeführt worden sei, denn er hatte erkannt, dass öffentliche Äußerungen nicht immer das tatsächliche Wahlverhalten widerspiegelten. Eines seiner weiteren Ziele war es, in Westafrika jene sozialpsychologischen Experimente zu wiederholen, die ihm der amerikanische Sozialpsychologe Theodore Newcomb beschrieben hatte. In den folgenden Jahren führte er daher umfangreiche Studien in Afrika durch. Dazu gehörten unter anderem Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Ashanti-Namen und Persönlichkeit. In Ghana erhielten Kinder beispielsweise einen „Seelennamen“, der sich nach ihrem Wochentag der Geburt richtete. Einem am Montag geborenen Kind schrieb man ein friedfertiges Wesen zu, während ein am Mittwoch geborenes Kind als aggressiv und streitsüchtig galt. Nachdem er solche Ansichten von Lehrern und Jugendfürsorgern gehört hatte, fragte er sich, welche Auswirkungen diese Etikettierung hatte, und analysierte mühsam Akten von Jugendgerichten. Während Kinder, die an einem Montag geboren waren, in den Akten deutlich seltener auftauchten als andere Kinder, war die Wahrscheinlichkeit, dass am Mittwoch geborene Kinder Straftaten gegen die körperliche Unversehrtheit begangen hatten, signifikant höher. Während er der Ansicht war, die Auswirkungen der Etikettierung auf die Kinder nachgewiesen zu haben, sahen andere darin eine Bestätigung ihrer ethnisch geprägten Überzeugungen bezüglich des Geburtstages.

Weitere Arbeiten bezogen sich auf geometrischen Täuschungen und Umwelt, zu topologischen und euklidischen Raummerkmalen in der Wahrnehmung von Kindern sowie zu Faktoren, die Orientierungsfehler bei der Reproduktion von Figuren beeinflussen. Die Forschungsarbeit und sein Leben in Afrika lieferten aufschlussreiche Erkenntnisse, da er Ergebnisse erzielte, die denen aus den USA nicht entsprachen. Wie einige andere Forscher kam er zu dem Schluss, dass die Daten, die bei Experimenten mit US-amerikanischen Studierenden zu Themen wie soziale Kognition, Einflussnahme, Konformität, Gruppendynamik und anderen Phänomenen gewonnen wurden, nicht ohne Weiteres auf unterschiedliche Populationen weltweit übertragbar waren. In seinem ersten Buch „White Man“, das auf seiner Forschung in Ghana basierte, kehrte er die übliche Perspektive um: Statt zu untersuchen, wie Weiße Schwarze wahrnahmen, erforschte er, wie Weiße von schwarzen Ghanaern in der Vor-Unabhängigkeitszeit wahrgenommen wurden.

Nach seiner Rückkehr aus Afrika zählte die Kinderpsychologie zu seinen wichtigsten Interessensgebieten, wobei er besonderes Augenmerk auf die Untersuchung praktischer Probleme und kulturbezogener Themen legte. Zu den ersten empirischen Studien, die er nach seiner Rückkehr durchführte, gehörte eine Untersuchung über die Vorstellungen von Kindern zur Nationalität. In seinem Standardwerk „Psychology and Anthropology“ zeichnete er die Ursprünge der kulturbezogenen Psychologie sowie der Vorstellungen von der Einzigartigkeit von Kultur und Geist nach. Er lenkte dabei den Blick auf die historische Perspektive, die verdeutlichte, dass diese beiden Disziplinen – Psychologie und Anthropologie – aus gemeinsamen Wurzeln hervorgegangen sind.

Ehrungen/Positionen 1993: Fellow der Royal Society of Edinburgh 1988: Fellow der British Academy 1972: erster Präsident der „Internationalen Vereinigung für Interkulturelle Psychologie“.

Privates An der University of Manchester traf er die Sozialarbeiterin Jean Buchanan (gest. 1991), die er 1950 heiratete. Aus der Ehe stammen die Kinder Andrew, Colin, Catherine und Paul. Nach dem Tod seiner ersten Frau lernte er die Lehrerin Andrea Jack kennen, die seine Lebenspartnerin wurde. Er liebte die Natur in Argyll und ging zwischen seinen akademischen Tätigkeiten dem Angeln, Holzhacken und Strandwandern nach. Bis in sein 94. Lebensjahr hinein fuhr er an drei Tagen in der Woche mit dem Zug zu seinem Büro an der University of Strathclyde, um dort zu arbeiten. Er verstarb im Alter von 96 Jahren.

Publikationen (Auswahl) Monografien A History of Social Psychology: From the Eighteenth-Century Enlightenment to the Second World War. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-68786-7. Mit Geneviève Vinsonneau; Mohamed Lahlou: La Psychologie au regard des contacts de Cultures. L'Interdisciplinaire, Limonest 2001, ISBN 978-2-907447-25-6. Images of Savages: Ancient Roots of Modern Prejudice in Western Culture. Routledge, Milton Park 1998, ISBN 978-0-415-18855-5. Crossroads Between Culture and Mind: Continuities and Change in Theories of Human Nature. Harvard Univ. Press, Cambridge, Massachusetts 1993, ISBN 978-0-674-17775-8. Span. Ausgabe: Encrucijadas entre la cultura y la mente : continuidades y cambio en las teorías de la naturaleza humana (dt.: Schnittpunkte von Kultur und Geist: Kontinuitäten und Wandel in den Theorien der menschlichen Natur). Machado Grupo de Distribución, Madrid 1995, ISBN 978-84-7774-114-5. Psychology and Anthropology: A Psychological Perspective. Academic Press Inc, Cambridge, Massachusetts 1983, ISBN 978-0-12-379820-6. Mit W. L. Needham: Improving Library Service for Disabled Persons: A Self Evaluation Checklist. Libraries Unlimited Inc, Exeter 1983, ISBN 978-0-87287-348-3. Franz. Ausgabe: Psychologie et anthropologie. Armand Colin, Paris 1997, ISBN 978-2-200-31259-6. Mit Harry McGurk: Pictorial Depth Perception by Children in Scotland and Ghana. In: Journal of Cross-Cultural Psychology, 1975, 6 (3), S. 279–296. Mit Office of Population Censuses and Surveys Social Survey Division; Joyce Cramond: Children and alcohol: a developmental study in Glasgow. Stationery Office Books, London 1972, ISBN 978-0-11-700142-8. The Psychology of Superstition. Penguin, London 1970, ISBN 978-0-14-021203-7. White Man (Institute of Race Relations S.). Oxford University Press, Oxford 1961, ISBN 978-0-19-218113-8.

Herausgeberschaften Mit Ioan Lewis: Acquiring Culture: Cross Cultural Studies in Child Development (Psychology Revivals). Psychology Press, Hove 2016, ISBN 978-1-138-84945-7.

Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge Seventy Years of Social Psychology: A Cultural and Personal Critique. In: Journal of social and political psychology, 2016, 4 (1), S. 364–380. Mit I. Marková: Across culture, mind and history. In: Culture & Psychology, 2018, 24, S. 266–281. J. B. Davis; S. Tagg: Parents’ alcohol consumption and children’s knowledge of drinks and usage pattern. In: British Journal of Addiction, 1980, 75, S. 297–303. The construction of economic reality by some Glaswegian children. In: European Journal of Social Psychology, 1979, 9, S. 115–127. The development of children’s ideas about country and nationality. Part I: a conceptual framework. In: The British Journal of Educational Psychology, 1963, 33, S. 47–60. The development of children’s ideas about country and nationality. Part II: national symbols and themes. In: The British Journal of Educational Psychology, 1963, 33, S. 143–153. Children’s concepts of time and history. In: Educational Review, 1963, 15, S. 87–104 Development of Scottish children’s ideas and attitudes about other countries. In: The Journal of Social Psychology, 1962, 58, S. 91–108. Sex differences in preferences for shapes: a cross-cultural replication. In: British Journal of Psychology, 1956, 47, S. 126–132. Adolescent attitudes to starting work. In: Occupational psychology, 1949, 23 (3), S. 184–188.

Weblinks

Gustav Jahoda auf Research Gate, abgerufen am 26. September 2026. Gustav Jahoda FRSE, FBA (1920–2016) auf The British Psychological Society vom 6. März 2017, abgerufen am 26. September 2026. Gustav Jahoda auf Science Direct, abgerufen am 26. September 2026.

Literatur P. R. Dasen; G. Vermes: In memoriam: Gustav Jahoda. In : Alterstice – Revue Internationale De La Recherche Interculturelle, 2017, 6 (2), S. 7–11. J. Deregowski: In memoriam. Gustav Jahoda: a life. In: Journal of Cross-Cultural Psychology, 2017, 48, S. 455–60. Y. H. Poortinga; S. G. L. Schruijer: Gustav Jahoda: the art and science of constructive scepticism. In: Culture & Psychology, 2018, 24, S. 368–381.

Einzelnachweise

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