mini|Nestor l’Hôte
Nestor Hippolyte Antoine l’Hôte (* 24. August 1804 in Köln; † 24. März 1842 in Paris) war ein französischer Zeichner, Maler und Ägyptologe. Gemeinsam mit Ippolito Rosellini nahm er zunächst als Zeichner und epigraphischer Mitarbeiter an der Expedition des Jean-François Champollion nach Ägypten teil und entwickelte sich in den Folgejahren zu einem der Gründungsväter der französischen Ägyptologie.
Leben und Werk Nestor L’Hôte war der Sohn der Zoé, geborene Dequen, und des stellvertretenden Zolldirektors Francois-Isidore l’Hôte und wuchs zunächst in Köln, dann in Charleville in den Ardennen auf. Er hatte schon früh einen Hang zur Kunst entwickelt und erlernte am Kolleg von Charleville bei Jean-Baptiste Cauvelet das Zeichnen und die Malerei und ging im Anschluss vermutlich an der Académie de France in Rom bei Léon Cogniet in die Lehre.
Ebenso wie Jean-Francois Champollion war er stark von dem Eindruck der französischen Expedition Napoléons nach Ägypten geprägt und hatte die Veröffentlichungen der von Edmé François Jomard und Charles Louis Fleury Panckoucke gefertigten Zeichnungen und Skizzen geradezu verschlungen. Beiden war gemeinsam, dass sie mit großem Enthusiasmus den Standpunkt vertraten, dass die in diesen Darstellungen gezeigte Hieroglyphenschrift entziffert und gelesen werden könne. Als er 1826 in Paris einen Grundkurs zur archäologischen Untersuchung ägyptischer, griechischer und römischer Altertümer besucht, machte ihn der Pädagoge und vormalige Expeditionsteilnehmer Jullien de Paris mit Champollion bekannt. L'Hôte nutzt die Gelegenheit und legt Champollion das Manuskript seines Cour d’archéologie vor, wohl wissend, dass er damit dem ersten Entzifferer der Hieroglyphischen Sprache eine eigene Expedition nach Ägypten ans Herz legte.
Tatsächlich erhielt Champollion, seinerzeit Professor für Geschichte an der Universität Grenoble, wenig später von König Karl X. und dem Großherzog der Toskana, Leopold II., die Mittel zur Finanzierung einer archäologischen Expedition nach Ägypten zugesprochen. Teilnehmende dieser Expedition waren neben dem jungen Archäologen Charles Lenormant und Champollion, insbesondere Nestor l’Hôte und sein Freund und Kollege, der an der Universität Pisa lehrende Linguist für orientalische Sprachen und Publizist der ersten Übersetzungen Champollions Ippolito Rosellini.
Gemeinsam stach die aus insgesamt 12 Wissenschaftlern bestehende Expeditionsgruppe am 31. Juli 1828 von Toulon aus auf der Korvette l’Églé in See und erreichte am 12. August den Hafen von Alexandria. Dort angekommen gab Champollion das Thema aus : "Allem voran die Hieroglyphen !" Das diese thematische Vorgabe auch die Arbeit des Nestor l’Hôte bestimmte, geht aus seinen Briefen hervor, wie etwa dem Lettre No. 12 vom März 1829, wo er aus dem Ramesseum in Theben an seine Eltern schreibt : "Trotz der Hitze und aller Unannehmlichkeiten konnte die ermüdende Eintönigkeit der Hieroglyphen meine Arbeiten nicht beeinträchtigen, denn obwohl sie (in ihrer schier endlosen Zahl) langweilig und ermüdend sind, machen sie doch auch süchtig." Aus diesen Zeilen lässt sich bereits klar ersehen, dass Nestor l’Hôte keineswegs nur die ägyptischen Monumente zeichnete und malte, sondern vor allem auch viele Stunden mit der epigraphischen Aufnahme ihrer Inschriften verbrachte. Über das Kopieren der Hieroglyphen lernte er auch die Texte und Eigennamen zu lesen, so identifizierte er im Tal der Könige beispielsweise das Grab eines Pharao als das Ramses V., was zutreffend war und sehr viel Übung erforderte. Geradezu penibel nahmen l’Hôte, Champollion und Rosellini in Abu Simbel, Ombos, Gebel Silsileh, El-Kab, Theben und Luxor binnen 18 Monaten jeweils hunderte von Inschriften auf.
An Bord der La Comète im März 1830 nach Frankreich zurückgekehrt, unterstützte l’Hôte nun Champollion in der Königlichen Bibliothek bei der Klassifizierung der gesammelten Inschriften und Antiquitäten, denn dieser selbst wird zum Konservator des Louvre ernannt. Da Champollion bereits am 4. März 1832 in Paris an einer Erkrankung verstirbt, sind es nun vor allem dessen Bruder Jacques-Joseph Champollion und der Archäologe Charles Lenormant, sowie Nestor l’Hôte selbst, welche die Ergebnisse dieser ersten Expedition posthum unter dem Titel Monuments de l’Égypte et de la Nubie in einer 4 Bände umfassenden Werkausgabe veröffentlichen. Da während der Redaktion dieser Werkausgabe im Material zahlreiche Lücken festgestellt wurden, nahm l’Hôte im Winter 1838/39 an einer zweiten Expedition teil und begab sich an der Seite des Archäologen Jean-Antoine Letronne direkt nach Theben, wo er in Korna (Qurna) und im Tal der Könige die fehlenden Inschriften kopierte. Ohne zu Zögern folgte l’Hôte zudem dem Ruf des Bildungsministers Villemain und nahm ab Juli 1840 an einer dritten Expedition nach Ägypten teil, wo er die Kartuschen weiterer Pharaonen identifizierte und in Tell el-Amarna mit den monumentalen Stelen von Achet-Aton die einstige Residenz des Pharao Echnaton entdeckte. Am 7. August 1841 in Kairo zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, kehrt Nestor l’Hôte im Winter nach Frankreich zurück, wo er wenig später an einer Rippenfellentzündung und einem hohen Fieber erkrankt und im Alter von 38 Jahren verstirbt.
Die Arbeiten des Nestor l’Hôte wurden nur teilweise unter seinem Namen in das Œuvre des Champollion eingearbeitet. Das Niveau seiner ägyptologischen Tätigkeit erschießt sich einem im Grunde erst in seiner Abhandlung über die historische Entwicklung der ägyptischen Obelisken, sowie aus seinen Briefen, welche er 1840 in Teilen veröffentlichte. Der tatsächliche Umfang der Leistungen des Nestor l’Hôte an der Erarbeitung der Grundlagen der Ägyptologie wurde im Kern aber erst 1961 bekannt, als Jean Leclant im Rahmen einer Recherche in der Nationalbibliothek anhand eines Konvoluts nachwies, dass die darin enthaltenen epigraphischen Unterlagen und Zeichnungen aus der Feder des l’Hôte stammen. Die entsprechenden Ergebnisse wurden 1963 in Auszügen von Jeanne Vandier d’Abbadie und Rosalind Moss veröffentlicht. Der vorzüglichste Schüler des Nestor l’Hôte war sein Cousin, Auguste Mariette, welcher 1845 über die Durchsicht und Klassifizierung seines Nachlasses zur Ägyptologie fand und darüber ein weiterer Gründungsvater dieser Wissenschaft wurde.
Literatur Diane Harlé, Jean Lefebvre: Sur le Nil avec Champollion. Lettres, journaux et dessins inédits de Nestor L’Hôte; premier voyage en Égypte, 1828–1830. Éditions Paradigme, Caen / Orléans 1993, ISBN 2-86878-114-4. Jeanne Vandier d’Abbadie, Rosalind Moss: Nestor L’Hôte (1804–1842): choix des documents conservés à la Bibliothèque Nationale et aux archives du Musée du Louvre (= Documenta et Monumenta antiqui. Band 11). Brill, Leiden 1963. Zur Investigation des Ägyptologen Jean Leclant siehe unten, sowie ebenda, S. 28 (Digitalisat). Nestor l’Hôte: Notice historique sur les Obélisques Égyptiens, et un particulier sur l’Obelisque de Louqsor. Leleux, Paris 1836. Nestor l’Hôte: Lettres écrites d’Égypte en 1838 et 1839, contenant des observations sur divers monuments égyptiens nouvellement explorés et dessinés. Firmin Didot, Paris 1840 (Digitalisat). Jean Leclant: Le voyage de Jean-Nicolas Huyot en Égypte (1818–1819) et les manuscrits de Nestor L’hote. In: Bulletin de la Société francaise d’égyptologie. Nr. 32, 1961, S. 35–42 mit den einschlägigen Inventarnummern der Dokumentensammlungen (Digitalisat).
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