Benešov ist ein Meteorit, der am 7. Mai 1991 als außergewöhnlich heller Meteor über Mittelböhmen in Tschechien beobachtet wurde. Fragmente des Meteoriten wurden erst 20 Jahre später gefunden. Der Niedergang des Meteoroiden wurde von mehreren Kameras des tschechischen Feuerkugelnetzes aufgezeichnet.
Bereits unmittelbar nach dem Feuerkugel-Ereignis wurde davon ausgegangen, dass Meteoriten auf dem Gebiet der Gemeinde Benešov den Erdboden erreicht haben könnten. Erste Suchaktionen im Jahr 1991 blieben jedoch ohne Erfolg. Im Jahr 2011 konnte durch eine Neuauswertung der fotografischen Aufzeichnungen ein korrigiertes Streufeld berechnet werden. Bei einer Suche mit Metalldetektoren in dem neu berechneten Streufeld wurden im April 2011 vier stark verwitterte Fragmente mit einer Gesamtmasse von 11,63 Gramm gefunden.
Beobachtung des Niedergangs Der Meteoroid trat am 7. Mai 1991 gegen 23:03:46 Uhr UTC – in der Tschechoslowakei bereits kurz nach 1 Uhr nachts am 8. Mai – in die Erdatmosphäre ein. Die helle Leuchterscheinung wurde von zahlreichen Augenzeugen beobachtet und von 3 Meteor-Kameras an den Stationen Ondřejov, Kostelní Myslová bei Telč und Přimda fotografisch erfasst und – erstmals in der Geschichte – wurde ein Meteor von Spektralkameras der Sternwarte Ondřejov dokumentiert.
Die Leuchtspur begann in einer Höhe von 91,7 Kilometern und endete etwa 19,2 Kilometer über der Erdoberfläche. Der Körper flog auf einer sehr steilen, um mehr als 80 Grad zur Erdoberfläche geneigten Bahn und erzeugte in 5 Sekunden eine Leuchtspur auf einer Länge von 75 km. Die Leuchterscheinung war zu ihrem Maximum mehr als 1.000 Mal so hell wie der Vollmond.
Die Geschwindigkeit des Meteoroiden vor dem Eintritt in die Atmosphäre betrug 21,26 km/s. Die Masse des Meteoroiden vor dem Atmosphäreneintritt wurde auf etwa 4 Tonnen geschätzt. Sein Durchmesser dürfte ungefähr ein bis zwei Meter betragen haben. In einer Höhe von 24,4 Kilometern kam es zu einer besonders starken Fragmentation.
Erste Suche nach Meteoriten Die unmittelbar nach dem Ereignis vorgenommenen Berechnungen ließen erwarten, dass Teile des Meteoroiden den Erdboden erreicht haben könnten. Wenige Tage nach dem Meteor wurden westlich von Benešov Suchaktionen in dem berechneten Fallgebiet begonnen. Trotz ausgedehnter Suchen eines umfangreichen Teams über einen Zeitraum von mehreren Wochen blieb die Suche nach den Überresten des Benešov-Meteors erfolglos. In den folgenden Jahren wurde der Meteor detailliert analysiert und in zahlreichen Werken veröffentlicht, wodurch er zu einem der am gründlichsten erforschten und beschriebenen Boliden der Geschichte wurde.
Neuberechnung des Streufeldes Im Februar 2011 begann eine Arbeitsgruppe um Pavel Spurný vom Astronomischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften anhand der aufgezeichneten Daten eine Neuberechnung des Streufeldes.
Dabei stellte sich heraus, dass mehrere kleinere Ungenauigkeiten die ursprüngliche Berechnung beeinflusst hatten. So war beispielsweise die Positionen der Kamerastationen im Jahr 1991 aus topografischen Karten bestimmt worden und wichen um etwa 10 bis 20 Meter von späteren GPS-Messungen ab. Auch die fotografischen Glasplatten aus dem Jahr 1991 wurden mit modernen Verfahren neu vermessen. Mit den verbesserten Auswertungsmethoden konnte eine leicht abweichende Flugbahn bestimmt werden, deren Ende gegenüber der ursprünglichen Berechnung um rund 330 Meter verschoben war.
Entscheidend für eine erneute Suche war außerdem eine neue Interpretation der Explosion in 24,4 Kilometern Höhe. Die Forscher gingen nun davon aus, dass bei der Fragmentation eine große Zahl kleiner, nur wenige Gramm schwerer Meteorite entstanden war. Während der Dunkelflugphase wurden die kleinen Fragmente durch starke westliche Winde erheblich verdriftet. Die neu berechnete Fallzone für Meteorite im Grammbereich lag auf einem landwirtschaftlich genutzten Feld. Wegen der zwanzigjährigen Verwitterung und der regelmäßigen Bodenbearbeitung wurde erwartet, dass die Meteoriten-Fragmente optisch kaum von irdischen Gesteinen unterscheidbar wären. Da die Spektralanalyse auf eisenhaltige Chondrite hingedeutet hatte, entschied sich die Arbeitsgruppe für eine Suche mit Metalldetektoren.
Fund der Meteorite Die erste intensive Suche im neu berechneten Gebiet fand am 9. April 2011 statt. Rund zwanzig Personen suchten mit Metalldetektoren entlang der vorausberechneten Falllinie. Unter mehreren Dutzend geborgenen verdächtigen Objekten konnten zwei als Meteorite identifiziert werden. Ein drittes Fragment wurde am 21. April 2011 gefunden. Bei einer weiteren Suche wurde am 25. April 2012 ein viertes, nur etwa ein halbes Gramm schweres Stück entdeckt. Alle Fragmente sind nach 20 Jahren stark verwittert und besitzen keine erhaltene Schmelzkruste mehr. Die Gesamtmasse der vier gefundenen Stücke beträgt 11,63 Gramm. BezeichnungFunddatumMasse beim FundMasse nach ReinigungKlassifikationM19. April 20112,91 g1,54 gH5M29. April 201112,93 g7,72 gLL3.5 mit achondritischem EinschlussM321. April 20112,29 g1,99 gLL3.5M425. April 20120,50 g0,38 gwahrscheinlich LL3.5 Klassifikation und Zusammensetzung Die beiden Fragmente M2 und M3 wurden als gewöhnliche Chondrite der Klasse LL3.5 klassifiziert. Sie werden von der Meteoritical Society unter der offiziellen Bezeichnung Benešov (a) geführt. Ihre gemeinsame registrierte Masse beträgt rund 9,7 Gramm.
Das größere Fragment M2 ist eine polymikte Brekzie. Neben der LL3.5-Lithologie enthält es einen etwa 4,8 × 2,6 Millimeter großen achondritischen Klasten. Dieser ist durch eine unregelmäßige Ader aus Impaktschmelze mit dem umgebenden chondritischen Material verbunden. Seine mineralogischen Eigenschaften deuten darauf hin, dass er wahrscheinlich durch Kristallisation aus einer chondritischen Impaktschmelze entstand.
Das Fragment M1 unterscheidet sich deutlich davon und wurde als gewöhnlicher Chondrit des Typs H5 klassifiziert. Es trägt offiziell die Bezeichnung Benešov (b).
Die Forscher hatten ursprünglich vorgeschlagen, sämtliche Fragmente unter der gemeinsamen Bezeichnung Benešov zu führen. Wegen der deutlich unterschiedlichen Klassifikation akzeptierte das Nomenclature Committee der Meteoritical Society diesen Vorschlag jedoch nicht. Deshalb wurden die Stücke offiziell auf Benešov (a) und Benešov (b) aufgeteilt.
Zuordnung zum Boliden von 1991 Da die Meteoriten erst zwanzig Jahre nach dem beobachteten Boliden gefunden wurden, besteht anders als bei unmittelbar nach einem Fall geborgenen Stücken keine direkte zeitliche Verbindung. Die Meteoritical Bulletin Database führt Benešov (a) und Benešov (b) deshalb formal als Funde aus dem Jahr 2011 und vermerkt, dass sie möglicherweise am 7. Mai 1991 gefallen sind.
Spurný und seine Mitautoren argumentieren jedoch, dass die räumliche Fundsituation eine zufällige Übereinstimmung praktisch ausschließt. Die vier Meteorite wurden in einem nur etwa 250 × 70 Meter großen Gebiet und in Abständen von höchstens etwa 40 Metern zur vorausberechneten Falllinie gefunden. Für ein zufälliges weiteres Meteoritenereignis in einem Gebiet dieser Größe innerhalb weniger Jahrzehnte errechneten die Autoren eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit. Auch der starke Verwitterungsgrad entspricht einer längeren Lagerung in feuchtem Boden unter mitteleuropäischen Klimabedingungen.
Wissenschaftliche Bedeutung Die Funde bestätigten, dass selbst Jahrzehnte nach einem instrumentell beobachteten Meteoritenfall durch eine erneute Analyse von historischen Aufzeichnungen noch Meteoriten gezielt geborgen werden können. Das Astronomische Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften bezeichnete Benešov als den ersten Fall, bei dem dies nach einem derart langen Zeitraum gelungen ist.
Von großer wissenschaftlicher Bedeutung ist die ausgeprägte Heterogenität des Meteoroiden. Mit LL3.5-, H5- und achondritischem Material enthält Benešov drei deutlich unterschiedliche Lithologien. Dies deutet darauf hin, dass der ursprüngliche Körper eine komplexe Brekzie war, die durch Kollisions- und Vermischungsprozesse auf ihrem Mutterkörper entstanden war. Ein ähnlich heterogener Aufbau war zuvor auch beim Meteoriten Almahata Sitta nachgewiesen worden. Der Benešov-Fall lieferte damit weitere Hinweise darauf, dass Asteroiden aus Material unterschiedlicher mineralogischer Herkunft zusammengesetzt sein können.
Umlaufbahn Aus den fotografischen Beobachtungen ließ sich die heliozentrische Umlaufbahn des Meteoroiden vor der Kollision mit der Erde bestimmen. Das Objekt bewegte sich auf einer stark exzentrischen asteroidenartigen Bahn, die von innerhalb der Erdbahn bis weit in den Asteroidengürtel reichte. Die Neuberechnung von 2014 ergab eine große Halbachse von 2,483 AE, eine Exzentrizität von 0,6274 und eine Bahnneigung von 23,98°. Das Perihel lag bei 0,925 AE und das Aphel bei 4,040 AE; die Umlaufzeit um die Sonne betrug etwa 3,91 Jahre.
Einzelnachweise
Kategorie:Meteorit