Karl Siemund (* 31. Juli 1901 in Liebenow, Landkreis Greifenhagen; † nach 1979) war ein deutscher Kriminalbeamter, Kapitänleutnant und Spion. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er geheimer Informant der DDR-Staatssicherheit in der Westberliner Kriminalpolizei und weiteren westdeutschen Organisationen.
Leben Siemund war zu Zeiten der Weimarer Republik Mitglied im Stahlhelm und Kriminalbeamter in der preußischen Polizei. Während der NS-Zeit fand er keine dienstliche Verwendung. Er war SA-Führer in Crossen/Oder und im Zweiten Weltkrieg Kapitänleutnant der Kriegsmarine.
Nach Kriegsende lebte er in West-Berlin, wurde von den alliierten Entnazifizierungsbehörden als „unbelastet“ eingestuft und kam deshalb 1946 zur neu gebildeten Berliner Polizei. Dort wurde Siemund als kommissarischer Leiter der Kriminalpolizei im amerikanischen Sektor eingesetzt. Er schloss sich bei der schrittweisen Teilung der Hauptstadt der West-Berliner Polizeibehörde unter Polizeipräsident Johannes Stumm an. Am 11. März 1948 war er in der Hochphase der Ost-West-Separation auf Befehl des Vizepolizeipräsidenten des US-Sektors, Bliemeister, an Besetzungen von SED-Räumlichkeiten in Neukölln und Tempelhof beteiligt.
Ab dem Jahr 1950 lief unter dem neuen Berliner Kripo-Chef Kurt Linke eine große Anti-Korruptions-Welle innerhalb des Polizeiapparates an. Im April 1951 wurde Siemund in der Stellung eines Kriminalkommissars bei der Polizei-Inspektion Zehlendorf verhaftet und wegen „Aussageerpressung, Beihilfe zur Erpressung, Urkundenvernichtung und Begünstigung im Amt“ zu eineinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine sowjetzonale Verbindung Siemunds wurde zwar seitens der Öffentlichkeit für möglich gehalten, blieb jedoch ungeklärt.
Nach seiner Haftentlassung wurde er Mitarbeiter der militant antikommunistisch ausgerichteten „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU)“ mit Sitz in Charlottenburg. Die KgU wurde vom amerikanischen Nachrichtendienst CIA kontrolliert, arbeitete auch mit dem BND-Vorläufer, der Organisation Gehlen, zusammen und versuchte, die DDR mit verschiedensten Mitteln zu destabilisieren. Dieses Ziel verfolgte man mit Propaganda-Arbeit und Spionage, aber auch mit Sprengstoff- und Sabotageanschlägen. Kurz nach seinem Eintritt in die Organisation, im Juli 1954, ließ sich Siemund vom MfS für eine Agententätigkeit anwerben und wurde als Informeller Mitarbeiter (IM) „Karl“ geführt. Seine Beweggründe waren vermutlich ökonomischer Natur. Die Autorin Heike Amos schreibt Siemund eine führende Rolle „in der Unterwanderung und Zerschlagung der KgU durch den Ost-Berliner Geheimdienst“ zu. Dies stützt sich auch auf interne Auskunftsberichte der Stasi. Die Kampfgruppe löste sich 1959 auf.
Karl Siemund arbeitete daraufhin bis zu seinem Renteneintritt beim Statistischen Bundesamt. Auch während dieses Zeitraums nutzte er seine guten Beziehungen zur West-Berliner Kriminalbehörde und zum Landesamt für Verfassungsschutz, um weiterhin für die Staatssicherheit zu spitzeln, insbesondere um für sie interessante Personeneinkünfte einzuholen.
Im Jahr 1966, kurz nach seiner Pensionierung, erhielt Siemund vom MfS den Auftrag, den Vertriebenenverbund „Landsmannschaft Berlin-Mark Brandenburg“ zu infiltrieren. Er besuchte das Jahrestreffen im Juni in West-Berlin und organisierte sich in der Folge in dem seinem Geburtsort gemäßen Heimatkreis Crossen/Oder. Durch sein Engagement stieg er zum Stellvertretenden Ortsbetreuer für den Crossener Kreis auf und wurde auch als Delegierter in den Vorstand der Landsmannschaft gewählt. So konnte Siemund vielfältig Erkenntnisse über die Aktionen sowie Verbindungen der Organisation nach Ostdeutschland und Polen, in den ehemaligen Kreis Crossen, nun Krosno Odrzańskie, gewinnen. Auch einen Großteil der Mitglieder der Landsmannschaft in der DDR und in der polnischen Volksrepublik und ihre Adressen konnte er ermitteln und gab diese an den Ost-Berliner Geheimdienst weiter. Diese Spionagetätigkeit hielt bis Ende der Siebziger Jahre an, wobei die Aktivitäten des Vertriebenenverbandes ab Beginn der 1960er Jahre kontinuierlich zurückgingen. Noch 1975 erhielt der „IM Karl“ Zahlungen vom MfS in Höhe von monatlich rund 500 D-Mark. 1979 wurde die Zusammenarbeit zwischen der Staatssicherheit und ihrem Spitzel „Karl“ im Einvernehmen aufgrund seines hohen Alters beendet.
Literatur
Enrico Heitzer: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). In: Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (Hrsg.): Zeithistorische Studien. Band 53, Böhlau Verlag Köln/Weimar/Wien, 2015.
Einzelnachweise
Kategorie:Mitglied im Stahlhelm Kategorie:Kriminalpolizist (Deutsches Reich) Kategorie:Kapitänleutnant (Kriegsmarine der Wehrmacht) Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:Kriminalpolizist (Deutschland) Kategorie:Polizist (Berlin) Kategorie:Person (West-Berlin) Kategorie:Agent für das Ministerium für Staatssicherheit Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1901 Kategorie:Gestorben im 20. Jahrhundert Kategorie:Mann