Die Molybdän-Liste (, auch Attolico-Liste) war eine Liste mit Forderungen nach Rohstoffen und militärischer Ausrüstung, die Benito Mussolini am 26. August 1939 an die Regierung von Hitler-Deutschland als Bedingung für den Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg sandte. Vier Tage später begann die Wehrmacht auf Befehl Hitlers den Überfall auf Polen und damit der Zweite Weltkrieg.
Vorgeschichte Im August 1939 hatte sich die diplomatische Lage in Europa verschlechtert, wodurch der unmittelbar bevorstehende Ausbruch eines neuen Krieges wahrscheinlicher wurde. Verschiedene europäische Staaten hatten bereits Nichtangriffs- und Beistandspakte untereinander geschlossen; einer der jüngsten war der Stahlpakt (22. Mai 1939) zwischen Italien und Deutschland. Am 12. August desselben Jahres begab sich der italienische Außenminister Galeazzo Ciano zum Berghof, Hitlers Wohnsitz in Bayern, um sich mit dem Führer zu treffen. Hitler sprach von der Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts, der sich auf Deutschland und Polen beschränken würde, sollte Warschau die Vorschläge Berlins ablehnen; er fügte hinzu, dass „Polens Provokationen und die Verschärfung der Lage ein Handeln Deutschlands dringend erforderlich gemacht hätten“.
Die Bestimmungen des Stahlpakts verpflichteten Italien dazu, gemeinsam mit Deutschland in den Krieg zu ziehen, falls dieses Polen angriff. Mussolini war sich jedoch bewusst, dass die wirtschaftliche und militärische Lage Italiens – infolge des Krieges in Äthiopien (1935–1937) und der Unterstützung für Francisco Franco im Spanischen Bürgerkrieg – keine weiteren großangelegten militärischen Operationen zuließ; dies teilte er Hitler auch mit.
Hergang Am 25. August erkundigte sich der deutsche Reichskanzler beim „Duce“, welche militärische Ausrüstung und welche Rohstoffe Italien benötige. Am nächsten Morgen berief Mussolini in seinem Amtssitz, dem Palazzo Venezia in Rom, eine Besprechung mit der italienischen Militärführung ein, um zu entscheiden, was von Berlin angefordert werden sollte. Die anwesenden Generäle erhielten von Galeazzo Ciano – mit Mussolinis stillschweigender Billigung – die Empfehlung, die italienischen Forderungen übertrieben hoch anzusetzen und sich keinesfalls einem „kriminellen Optimismus“ hinzugeben.
Am Nachmittag des 26. August antwortete Mussolini Hitler mit einer sehr langen und absichtlich überzogenen Liste, deren Anforderungen unmöglich zu erfüllen waren. Die Liste, die aufgrund der geforderten 600 Tonnen Molybdän als „Lista del molibdeno“ (wörtl. „Molybdän-Liste“) bekannt wurde, war ohne jeden Anflug von Ernsthaftigkeit erstellt worden; sie umfasste insgesamt 17 Millionen Tonnen Material und legte dar, dass Italien die Kriegsanstrengungen ohne diese Ressourcen nicht würde aufrechterhalten können. Mussolini selbst fügte der Liste 600 Flugabwehrgeschütze hinzu, um die Deutschen davon abzuhalten, auf die italienischen Forderungen einzugehen. Beschrieben wird „das Minimum, das die italienischen Streitkräfte benötigen, um einen zwölfmonatigen Krieg zu bestreiten, zusätzlich zu dem, was wir bereits haben“. Gefordert wurden
600 Flugabwehrgeschütze 6.000.000 t Kohle für die Gas- und Stahlindustrie 2.000.000 t Stahl 7.000.000 t Öl 1.000.000 t Holz 220.000 t Natriumnitrat 150.000 t Kupfer 70.000 t Kaliumsalze 25.000 t Kolophonium 22.000 t Kautschuk 18.000 t Toluol 10.000 t Blei 7.000 t Zinn 6.000 t Terpentinöl 5.000 t Nickel 600 t Molybdän 600 t Wolfram 400 t Titan 20 t Zirkonium
Die Liste wurde am selben Tag an Bernardo Attolico, seit 1935 Botschafter Italiens in Berlin, übermittelt, der sie dem damaligen deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop vorlegte. Die Frage, wann Italien mit der Lieferung einer solch großen Menge an Material rechne, beantwortete Attolico ohne entsprechende Anweisung aus Rom mit „Sofort.“
Die in der Liste genannte bzw. geforderte Molybdän-Menge überstieg die gesamte weltweite Produktion. Damit war die Liste offenbar eine vorgeschobene Begründung, warum Italien nicht in den Zweiten Weltkrieg eintreten könne.
Obwohl Hitler vermutete, dass Mussolini ihn täuschte, zeigte er sich verständnisvoll. Er erklärte, er erkenne die prekäre Lage Italiens an und könne zwar einen kleinen Teil der angeforderten Ressourcen bereitstellen, doch sei es ihm unmöglich, den Forderungen Roms vollumfänglich nachzukommen. Der Reichskanzler bat Italien, durch Propaganda und Truppenbewegungen den Eindruck zu erwecken, es werde in den Krieg eintreten, und zudem Arbeitskräfte nach Deutschland zu entsenden.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Benito Mussolini Kategorie:Italienische Militärgeschichte (Zweiter Weltkrieg) Kategorie:Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich (1933–1945) und Italien