Die Mammutknochenfundstelle Ústí nad Labem-Bukov ist ein archäologischer Fundplatz des späten Gravettiens im Stadtteil Bukov (deutsch Pockau) der nordböhmischen Stadt Ústí nad Labem (deutsch Aussig) in Tschechien. Die Fundstelle wurde im November 2024 bei Bauarbeiten für den neuen Justizpalast entdeckt und bis Juni 2025 auf rund 1000 m² ausgegraben. Sie enthält die Überreste von mindestens 20 Wollhaarmammuts zusammen mit Feuerstellen, Rötel, Steinartefakten und einem Anhänger aus Mammutelfenbein. Die ersten Radiokarbondaten weisen sie in die Zeit zwischen etwa 28.800 und 25.600 Jahren vor heute. Es handelt sich um die erste bekannte gravettienzeitliche Mammutknochenansammlung in Böhmen und zugleich um das nordwestlichste Vorkommen dieses Fundstellentyps in Mitteleuropa. Nach den vorläufigen Ergebnissen geht die Knochenansammlung auf den Menschen zurück, der frische Mammutkadaver nutzte und die Tiere möglicherweise gezielt bejagte.
Lage und Geologie Die Fundstelle liegt im dicht bebauten Stadtteil Bukov im Nordwesten von Ústí nad Labem auf etwa 210 m Höhe. Sie befindet sich im Tal zwischen dem Střížovický vrch und dem Holoměř, an der Mündung der in tertiäre Basaltfelsen eingeschnittenen Schlucht des Klíšský potok und südlich des heutigen Zusammenflusses von Bílý potok und Klíšský potok. Der Talboden von Bukov besteht überwiegend aus quartärem Löss und Lösslehm. Diese Schichten liegen auf tertiären Sanden und Kiesen und ziehen sich auf die angrenzenden Hänge hinauf, die aus tertiärem Vulkangestein bestehen.
Die quartären Ablagerungen erreichen in der Baugrube eine Mächtigkeit von etwa 8 bis 9 m. Sie wurden in sechs Einheiten (A bis F) gegliedert. Zuunterst liegen feine Sande mit großen Basaltblöcken (Einheit F). Darüber folgen Ton und Löss (E), dann Löss, Ton sowie Sand- und Kieslagen (D) und eine fein geschichtete Folge umgelagerter, lössartiger Sedimente mit dünnen Sand- und Kieseinschaltungen (C). Die oberste pleistozäne Einheit bildet ein weiteres Lösspaket (B). Den Abschluss bildet ein holozäner Humushorizont mit Funden aus Mittelalter und Neuzeit (A), stellenweise überdeckt von bis zu 1 m modernem Bauschutt. Die einzige archäologische Fundschicht (Archaeological Horizon I, AH I) liegt etwa 2,5 m unter der heutigen Oberfläche in lössartigem Sediment mit Feinsandanteil. Sie wird örtlich von einer 1 bis 5 cm dünnen Kies- und Sandlage begrenzt, darüber folgt grauer Tundragley.
Nach der geoarchäologischen Deutung wechselten sich am Fundplatz äolische Lössablagerung und die Umlagerung von Kies, Sand und Löss durch energiearme Hangabspülung eng ab. Diese Bedingungen begünstigten eine rasche, aber schonende Einbettung des Fundmaterials und damit seine weitgehende Erhaltung in ursprünglicher Lage. Schwache hydromorphe Merkmale deuten auf zeitweilige Vernässung hin, nicht aber auf ein dauerhaftes Feuchtgebiet. Die Fundschicht wurde stellenweise durch mikrotektonische Bewegungen um etwa 10 cm vertikal versetzt. Ihr nordöstlicher Rand ist durch eine städtische Abwasserleitung gekappt, der Kernbereich blieb jedoch weitgehend ungestört.
Forschungsgeschichte Gravettien und Mammutfunde in Böhmen Als Kerngebiete des Gravettien in Mitteleuropa gelten Niederösterreich, Mähren und Südpolen. Hier liegen auch die bekannten Mammutknochenansammlungen, etwa Dolní Věstonice, Pavlov, Předmostí u Přerova, Milovice, Krems-Wachtberg und Kraków-Spadzista. Das Mittlere Donaubecken und die Mährische Pforte verbanden die Pannonische Tiefebene mit der Norddeutsch-Polnischen Tiefebene. Aus Böhmen waren gravettienzeitliche Fundplätze dagegen nur spärlich bekannt, Mammutknochenansammlungen fehlten bislang ganz. Am besten erforscht ist die Umgebung von Lubná mit einem spätgravettienzeitlichen Lager, dessen Bewohner auf Rentierjagd spezialisiert waren. In Svobodné Dvory bei Hradec Králové wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Mammutskelett mit einigen Steinartefakten freigelegt. Es wird heute auf mindestens 17.400 Jahre datiert und als Tötungsplatz gedeutet. In Stadice im Tal der Bílina fanden sich Mammutknochen in einem wahrscheinlich epigravettienzeitlichen Siedlungsplatz, jedoch keine großen Knochenansammlungen.
Aus Ústí nad Labem und seiner Umgebung sind vereinzelte Mammutfunde aus Lössgruben seit dem 19. Jahrhundert überliefert. Eine Rettungsgrabung auf dem Marktplatz der Stadt erbrachte weitere Mammutreste, die jedoch nicht mit menschlichen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden konnten.
Entdeckung und Ausgrabung Das erste Knochenmaterial der altsteinzeitlichen Fundschicht kam im November 2024 zum Vorschein, als der Archäologe Petr Lissek vom Institut für archäologische Denkmalpflege Nordwestböhmens (Ústav archeologické památkové péče severozápadních Čech) in Most den maschinellen Aushub für den Justizpalast des tschechischen Justizministeriums überwachte. Die Bauarbeiten wurden im Fundbereich eingestellt, im übrigen Baufeld unter archäologischer Aufsicht fortgesetzt. Ausgegraben wurde gemeinsam mit dem Archäologischen Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften in Brünn und dessen Zentrum für Paläolithikum und Paläoanthropologie in Dolní Věstonice. Die Grabung dauerte bis Juni 2025. Tiefe Suchschnitte und geologische Profile im gesamten Baufeld schlossen weitere Fundhorizonte aus.
Die Grabungsfläche wurde in ein Raster aus 1 × 1 m großen Quadraten und 27 Schnitte von 7 × 7 m eingeteilt. Alle Steinartefakte, alle Knochen über 3 cm Länge und alle Proben wurden mit der Totalstation eingemessen und zusätzlich durch Photogrammetrie, Drohnen-Orthofotos und Zeichnungen dokumentiert. In den fundreichsten Schnitten wurde das gesamte Sediment geschlämmt. Brüchige Knochen wurden in Gipsmänteln geborgen. Für die naturwissenschaftliche Auswertung wurden unter anderem Proben für Pollen-, Makrorest-, Holzkohle- und Phytolithanalysen, für Sediment-DNA, Lipidanalysen, Mikromorphologie und Geochemie sowie für die Lumineszenzdatierung (OSL und pOSL) entnommen. Die Mammutunterkiefer wurden dreidimensional gescannt und im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat geförderten Projekts „MAMBA“ für Zahnmikroabrieb, stabile Isotope, Datierung und DNA beprobt.
Die Grabung verzögerte den Bau des Justizpalasts erheblich. Seine Fertigstellung verschob sich von der ersten Hälfte des Jahres 2027 auf Mai 2028. Weitere Grabungsabschnitte in noch nicht bebauten Teilen des Baufelds sind ab 2027 vorgesehen. Eine erste wissenschaftliche Vorstellung der Fundstelle erschien 2026. Bislang liegen nur vorläufige Ergebnisse vor, weil das geschlämmte Material und große Teile des Knochenbestands noch nicht ausgewertet wurden.
Befunde Räumliche Gliederung Die Fundschicht AH I erstreckt sich über mehr als 1000 m². Die dichteste Fundkonzentration mit einem Kernbereich von etwa 10 m Durchmesser liegt in Schnitt 11 und reicht in die benachbarten Schnitte 6, 7, 10 und 12 hinein, zusammen rund 110 m². Hier liegen der überwiegende Teil der Tierreste einschließlich aller Mammutunterkiefer, die meisten Steinartefakte, drei der vier Feuerstellen, alle Manuports und alle Rötelflächen. Die Konzentration ist unregelmäßig geformt und könnte sich bei weiterer Auswertung in kleinere Zonen gliedern lassen. Knochen, Steinartefakte, Basaltblöcke und Feuerstellen liegen ohne trennende sterile Schichten in unmittelbarem Kontakt miteinander. Das spricht gegen eine längere Unterbrechung der Ablagerung.
Feuerstellen und Rötel Dokumentiert wurden drei sichere und eine fragliche Feuerstelle von jeweils etwa 0,5 m Durchmesser mit Asche, Holzkohle, verbrannten Knochen und teilweise rot verziegeltem Untergrund. Nur bei einer von ihnen (Locus 2) ist der verziegelte Untergrund deutlich ausgebildet und die Lage in situ gesichert. Die übrigen könnten durch Begehung und spätere Aktivitäten gestört worden sein. Drei Feuerstellen werden unmittelbar von großen Skelettteilen überdeckt, ohne dass diese Knochen selbst Brandspuren zeigen. Nördlich der Hauptkonzentration fand sich eine kleine Ansammlung verbrannter Knochen, möglicherweise die stark gestörten Reste einer vierten Feuerstelle.
Der Boden unter der Hauptkonzentration der Tierknochen ist örtlich mit Rötel gefärbt, kleinere Pigmentstücke fanden sich über die ganze Fläche verteilt. Wie die Feuerstellen scheinen auch die rot gefärbten Flächen von den Mammutknochen überdeckt worden zu sein. An der Unterseite mancher Knochen haftet noch Pigment.
Basaltblöcke Auffällig sind große Basaltblöcke, die fast immer auf den Tierknochen liegen. Wegen ihrer Größe und ihres Gewichts können sie nicht durch die energiearme Sedimentation an den Fundplatz gelangt sein. Sie stammen vermutlich aus 150 bis 200 m entfernten Felsaufschlüssen und wurden in der jüngsten Nutzungsphase vom Menschen auf die dichteste Knochenansammlung gelegt. Einige Blöcke tragen einzelne Abschlagnegative, die meisten zeigen jedoch keine makroskopischen Gebrauchsspuren. Ob sie etwa als Ambosse oder Arbeitsunterlagen bei der Zerlegung dienten, ist noch offen.
Funde Tierreste mini|Model eines Wollhaarmamuts im Royal British Columbia Museum in Victoria. Mit über 3500 eingemessenen Stücken bilden die Tierreste die größte Fundgruppe. Fast ausschließlich stammen sie vom Wollhaarmammut (Mammuthus primigenius). Anhand der Unterkiefer und eines bereits zuvor beschriebenen Einzelzahns ergibt sich eine Mindestindividuenzahl von 20 Mammuts, die sich durch weitere Einzelzähne noch leicht erhöhen könnte. Daneben sind Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis, mindestens zwei Individuen), Pferd (Equus sp.), Rentier (Rangifer tarandus) und Hase (Lepus sp.) mit jeweils nur wenigen Skelettteilen und mindestens einem Individuum vertreten.
Von den Mammuts sind nahezu alle Skelettteile vorhanden, Stoßzähne und Schädel jedoch deutlich unterrepräsentiert. Stoßzähne liegen nur unvollständig oder als Elfenbeinfragmente vor. Von den Schädeln wurden drei Konzentrationen stark zerbrochener Knochen festgestellt. Die Knochen liegen überwiegend regellos. Nur vereinzelt wurden Teile im anatomischen Verband angetroffen, etwa Wirbelsäulenabschnitte, Mittelhand- bzw. Mittelfußknochen, Langknochen der Vorderbeine und möglicherweise zwei Schwanzwirbel. Hinweise auf eine gezielte Auswahl oder Anordnung bestimmter Skelettelemente fanden sich im Gelände nicht. Die Knochenoberflächen sind teils durch Mineralverfärbungen, Kalkkrusten und Wurzelfraß verändert. Dennoch wurden Schnittspuren an Mammutrippen, Frischbrüche und Verbissspuren von Raubtieren beobachtet.
Das Sterbealter der Mammuts wurde anhand der Backenzähne in den Unterkiefern nach dem Verfahren von Gary Haynes bestimmt. Es wird in „Afrikanischen Elefantenjahren“ (AEY) angegeben und liegt zwischen etwa 3,3 und 35 Jahren. Dreizehn Tiere waren geschlechtsreif, aber noch nicht ausgewachsen (etwa 13 bis 27 AEY). Fünf waren jüngere, noch nicht geschlechtsreife Tiere (etwa 2,5 bis 13 AEY), zwei befanden sich am Ende des Wachstums oder im besten Alter (27 bis 40 AEY). Das Altersprofil kommt dem von Haynes beschriebenen Typ C am nächsten.
Steinartefakte Das Steinartefaktinventar ist vergleichsweise klein. Von 286 eingemessenen Stücken sind ohne Absplisse und Kleinstfragmente etwa 141 Artefakte auswertbar. Die meisten liegen im Bereich der dichtesten Knochenkonzentration. Rund 52 % bestehen aus erratischem Feuerstein aus den Moränen nördlich des Erzgebirges und des Lausitzer Berglandes. Hinzu kommen Quarzit (22 %), Limnosilizit (19 %), Porzellanit (3 %) und lokales Vulkangestein (2 %). Alle Rohmaterialien stammen aus einem Umkreis von etwa 30 bis 50 km, was etwa 50 bis 70 km Fußweg entspricht. Fernimporte fehlen. Nur wenige Stücke tragen Rinde (Cortex). Die Grundformen wurden daher offenbar an bereits weitgehend vorbereiteten Kernen hergestellt, die an den Fundplatz mitgebracht wurden.