Noch immer Mein Leben ist der 2016 erschienene dritte Band der Lebenserinnerungen Hartmut von Hentigs mit dem Untertitel Erinnerungen und Kommentare aus den Jahren 2005 bis 2015. Annähernd die Hälfte der Ausführungen in dem 1392 Seiten umfassenden Buch gilt von Hentigs Auseinandersetzung mit den pädophilen sexuellen Übergriffen und Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule (OSO) und den für ihn daraus seit 2010 eingetretenen Verwicklungen und Folgen, die mit seiner Nähe zu dem als Haupttäter beschuldigten Gerold Becker verbunden waren und sind. Weitere Themen sind die in der besagten Dekade in Kultur und Gesellschaft, Pädagogik und Familie gesammelten Eindrücke und mitmenschlichen Erfahrungen sowie die zunehmenden Alltagsbeschwernisse im Alter. Im Schlusskapitel des Bandes gibt von Hentig eine Einschätzung der zeitgenössischen conditio humana und leitet daraus die ihm plausiblen Verhaltensoptionen und -empfehlungen ab.

Verfassermotive

Nach eigenem Bekunden datiert von Hentigs Entscheidung, die nach dem Aufflammen der OSO-Missbrauchsanklagen Anfang 2010 gehegte Absicht aufzugeben, stillzuhalten und allenfalls für die eigene Schublade zu schreiben. Nicht zuletzt die Einsicht in das altersbedingte Nachlassen der eigenen Schreibfähigkeit habe ihn alarmiert. „Warte ich, bis die Öffentlichkeit vergessen hat, was sie meint, mir jetzt vorwerfen zu müssen, bin ich vermutlich der Aufgabe nicht mehr gewachsen.“ Er wolle seinem letzten Lebensabschnitt in Sinn und Form die Gestalt geben, „die meiner Erkenntnis und meinem sittlichen Maßstab entsprechen.“ (S. 9f.)Alle Seitenangaben gemäß Hartmut von Hentig: Noch immer Mein Leben. Was mit Kindern Verlag, Berlin 2016.

Auf das große allgemeine Publikum ziele er dabei nicht, sondern darauf, von seinen Freunden und Feinden verstanden zu werden. (S. 10) Ohne den Odenwaldschul-Skandal wäre dieser dritte Erinnerungsband laut von Hentig nie geschrieben worden. Die zehn Kapitel, die nicht seine persönliche Verstrickung darin behandelten, seien dazu bestimmt, dem ihm widerfahrenen Entzug der Glaubwürdigkeit durch die Beschreibung der eigenen Alltagspraxis entgegenzuwirken. „Ich hielt es darum für notwendig, mein ‚Haus‘ zur Besichtigung freizugeben, alle Kammern, Schränke und Schubladen zu öffnen, in der Hoffnung, dass man Zutrauen zu seinem Bewohner fasst.“ (S. 15)

Im Nachspann des Werkes benennt von Hentig vier damit verbundene Absichten: 1. das Freikommen-Wollen von dem Vorwurf, er habe von den Vergehen Gerold Beckers gewusst, sie gedeckt, bagatellisiert und zu vertuschen versucht; 2. sei es ihm nicht um die Freisprechung von Schuld oder Rechtfertigung des Freundes gegangen, sondern darum, ihn nicht als Monster, sondern als fehlbaren Menschen zu zeigen; 3. das Bedürfnis zu erklären, was ihn selbst gehindert habe, als Erstes sein Mitempfinden für die Opfer auszusprechen und dieses auch später nur verklausuliert zu tun: der Ruch von Opportunismus und Unglaubwürdigkeit; 4. habe er weder Rechtfertigung noch Kritik der Reformpädagogik betreiben wollen, sondern sie vor einer Haftbarmachung für den OSO-Missbrauchskomplex auf unwissenschaftlicher Basis bewahren wollen. (S. 1360)

Zum Titel des dritten Erinnerungsbands „Noch immer Mein Leben“ erläutert von Hentig, dass er den Zusatz „bedroht und bejaht“ der Vorgängerbände nicht beibehalten hat. Sehr wohl könne er sein Leben auch in dieser Phase als bedacht bezeichnen, aber angesichts des erlittenen schmerzhaft-plötzlichen Reputationsverlusts kaum mehr als bejaht. (S. 13)

Gestaltungsmerkmale

Der dritte Band der Lebenserinnerungen von Hentigs ist in 20 Kapitel gegliedert, die von zwei Rahmenerläuterungen eingefasst sind, deren Überschriften „Zur Vorbereitung des Lesers“ und „Zur Nachbereitung des Lesers“ lauten. In den ersten acht und in den letzten beiden Kapiteln gibt von Hentig Einblick in sein Denken, Arbeiten und Alltagsumfeld vor und nach der umfassenden öffentlichen Befassung mit dem sexuellen Missbrauchsgeschehen an der Odenwaldschule, die 2010 den Niedergang seines öffentlichen Rufes einleitete.

Mit 1392 Seiten ist dieses Werk rund 300 Seiten umfänglicher als die beiden ersten Erinnerungsbände zusammengenommen. Von Hentig gibt den Lesern Einblick in seinen Schreibprozess und macht deutlich, dass die Abfolge der Kapitel nicht durchweg der Chronologie ihrer Niederschrift entspricht. So habe er das Schlusskapitel „Vier Himmelsrichtungen – oder: aufeinander achten“, mit dem seine literarische Tätigkeit absehbar enden werde, in Form einer über sein eigenes Leben hinausweisenden Summe bereits vorab fertiggestellt. (S. 1267)

Manche Reflexionen und Einschätzungen werden in einem Darstellungskontext angerissen und an anderer Stelle eingehender aufgenommen oder mit neuen Akzenten versehen, was mit häufigen Bezugnahmen und Seitenverweisen verbunden ist. Zu diversem Dokumentationsmaterial verweist von Hentig im Text auf den Anhang, von dem in der Druckfassung jedoch nur die jeweiligen Titel aufgeführt sind. (S. 1368 f.) Die für den kompletten Anhang eingerichtete Internetseite www.noch-immer-mein-leben.de ist nicht mehr abrufbar. Das Namensverzeichnis am Ende des Bandes umfasst 23 doppelspaltig angelegte Seiten; dort entfallen beispielsweise auf den Erstankläger des OSO-Missbrauchsgeschehens Andreas Huckele allein 29 Seitenverweise, auf dessen Pseudonym Jürgen Dehmers noch einmal 24. Gegenüber dem Gesamterscheinungsbild seiner Erinnerungs- und Verarbeitungsprozesse des OSO-Missbrauchskomplexes, die ihn zu neuen Einsichten gebracht hätten, äußert von Hentig selbst Vorbehalte dergestalt, dass er mit einem Mehr an verbleibender Kraft und Zeit – aus einem Jahr Abstand womöglich – diesen dritten Erinnerungsband mit neuerlernter Demut noch einmal geschrieben hätte. (S. 1182)

Inhaltliche Akzente

Letzte pädagogische Initiativen

Das Eingangskapitel dient von Hentig als Rückblick und Schlussbetrachtung bezüglich seines pädagogischen Wirkens und Schreibens. Mit der Einstellung der zuletzt immer weniger nachgefragten Zeitschrift Neue Sammlung ging 2005 das bisherige Bindeglied zwischen seiner beruflichen und der nachberuflichen Phase verloren. (S. 17–19) Im Zusammenhang mit Plänen zur Abschaffung bzw. Aussetzung der Wehrpflicht setzte sich von Hentig für eine alternative Dienstpflicht im Rahmen eines sozialen, ökologischen oder politischen Pflichtjahrs ein. (S. 22–26) Im schulischen Bildungsgang sollte damit nach seinen Vorstellungen eine Phase der Entschulung verbunden sein. Seine diesbezügliche Anregung formulierte er in Buchform aus (Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein. Die Entschulung der Mittelstufe und ein einjähriger Dienst für die Gemeinschaft. Hanser 2006). Mit Vorträgen an einer Vielzahl von Veranstaltungsorten warb er für sein „letztes pädagogisches Thema“ und gewann bis 2010 einige Schulstandorte für die Erprobung von Entschulungs- / Bewährungsprojekten, blieb auf der Suche nach breiter Unterstützung dafür jedoch erfolglos. (S. 30–54)

Zwei weitere Kapitel handeln von nachlassenden, aber doch beibehaltenen Reiseaktivitäten. Eine als Ausnahme bezeichnete ausgedehntere Reise war mit einem Jugendhilfeprojekt in Kiew verknüpft. Nach von Hentigs Darstellung war er von der die Mittel dafür bereitstellenden Initiatorin gebeten worden, einen geeigneten, pädagogisch versierten Projektleiter zu vermitteln. Mit diesem verabredete von Hentig zwecks gemeinsamer Inspektion der Gegebenheiten und Möglichkeiten vor Ort eine gemeinsame Anreise besonderer Art. Auf den Flug nach Istanbul folgte auf der „MS Koschevoj“ eine Art Kreuzfahrt übers Schwarze Meer samt Donaudelta und Stadtbesichtigungen u. a. in Odessa, Jalta und Sewastopol sowie eine mehrtägige Fahrt flussaufwärts auf dem Dnjepr bis nach Kiew. Während der Schiffsfahrt, so von Hentig, seien in diversen, jeweils gut vorbereiteten Sitzungen die den Projektleiter beschäftigenden Themen und Probleme der Projektrealisierung besprochen worden, aus denen dann von Hentigs schriftlich gefasste Ausgangsempfehlungen hervorgingen. (S. 120–144) In dem in Kiew vorgefundenen Areal, das den hilfebedürftigen Jugendlichen in Betreuungsfamilien als Bleibe dienen sollte – ein zwei Hektar großer, verwilderter Garten, darauf vier Häuser, von denen eines sich unter den drei alten als neu herausgeputzt abhob –, sah von Hentig einerseits ein Juwel, das jede Anstrengung lohnte, und andererseits eine Titanenaufgabe für den Projektleiter. Nach dem Heimflug von Kiew bemühte von Hentig sich, das Kiewer Jugendhilfeprojekt mit dem Oberstufen-Kolleg Bielefeld zusammenzubringen. Die Erschließung und Gestaltung des Kiewer Garten- und Wohnkomplexes hätte im Zusammenwirken von gut einem Dutzend Oberstufenkollegiaten mit den ukrainischen Jugendlichen vorangebracht werden sollen. Daraus wurde letztlich nichts; und auch das angelaufene Kiewer Gesamtprojekt scheiterte alsbald an der versiegenden Finanzierung und dem Zerwürfnis der Hauptbeteiligten. Von Hentig blieb von der zweiwöchigen Schiffsreise und dem einwöchigen Aufenthalt vor Ort der Eindruck, noch einmal die erfüllenden Möglichkeiten seines Berufes erlebt zu haben. (S. 145–151)

Teilhabe an Kultur und Politik

Im vierten und fünften Kapitel trägt von Hentig persönliche Eindrücke und Erlebnisse aus Kultur und Politik jenseits der Fertigstellung seines zweiten Erinnerungsbands zusammen. Ausgewählte Lesefrüchte, Theateraufführungen, Filme und Hörbücher werden teils ausführlich besprochen und gegebenenfalls anempfohlen. Sehr eingehend widmet sich von Hentig der Lyrik von Eva Zeller am Beispiel des Gedichtbands Was mich betrifft (S. 157–165) und anschließend dem Jugendroman Will & Will, wo ihm eine bis dahin unbekannte neue Lebenswelt von Jugendlichen erschlossen worden sei, ein Buch, „in dem ich in der alten Welt verharrend Einblicke in die Neue Welt bekomme.“ (S. 173)

Im Berliner Theaterbetrieb ist von Hentig in der zugrundeliegenden Dekade nicht oft mehr auf seine Kosten gekommen. Zwei Bühnenaufführungen bespricht er als ihn nachhaltig beeindruckend ausführlich, nämlich das Theaterstück „Im Bällebad“ des Berliner Grips-Theaters und die Inszenierung der Oper Boris Godunow von Mussorgski im Festspielhaus Baden-Baden. Auch auf drei Filme, die seinerzeit starke Wirkung auf ihn ausgeübt hätten, geht von Hentig näher ein: Das weiße Band von Michael Haneke, Nowbody Knows von Hirokazu Koreeda und Julie Bertuccellis Depuis qu’Otar est parti. (S. 210–245)

Mehr Zeit als mit Buchlektüren verbrachte von Hentig nach eigenem Bekunden in jenen Jahren mit Hörbüchern und Tondokumenten, denen er morgens feste Zeiten einräumte. „Buchstaben, Wörter, Wortzeilen und Druckseiten brauchen den Hauch meiner Einbildungskraft, um zum Leben zu erwachen. Das gesprochene Wort dagegen erblüht von allein in der Stimme eines Menschen; manchmal erkrankt oder erstickt es auch in ihr; manchmal versteckt oder verliert oder verwandelt es sich in deren falschem Klang.“ (S. 247) Hervorzuhebende Hörerlebnisse waren für von Hentig Wolfgang Koeppens Werklesung Jugend, Arno Geigers Der alte König in seinem Exil, gelesen von Matthias Brandt, sowie Josef Bierbichlers eigene Lesung des Romans Mittelreich.

Politische Entwicklungen beschäftigten den Bürger von Hentig weiterhin nicht nur als Zeitungsleser. Bis zu der durch den OSO-Missbrauchskomplex bedingten Lebenswende blieb er eine beachtete Stimme des öffentlichen Lebens, danach nur mehr im privaten Rahmen. Sein Plädoyer für Ethik als fortbestehendes Regelfach im Berliner Schulunterricht konnte er als erfolgreichen Beitrag zum Scheitern des Volksentscheids „Pro Reli“ einordnen. (S. 279–285) Zum Streit um die Rechtschreibreform meldete er sich mit der Buchveröffentlichung 14 Punkte zur Beendigung des Rechtschreib-Krieges zu Wort, das allerdings 2005 erst erschien, nachdem die Kultusministerkonferenz zum Jahresende 2004 den Rat für deutsche Rechtschreibung bereits als künftige Regulierungsinstanz geschaffen hatte. (S. 300 f.)