Das KZ-Außenlager Duderstadt war ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald in Duderstadt im heutigen Landkreis Göttingen. Es bestand von November 1944 bis April 1945. Rund 750 überwiegend ungarisch-jüdische Frauen und Mädchen wurden dort inhaftiert und zur Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb der Polte-Werke eingesetzt.
Einrichtung und Lage
Das Außenlager wurde Anfang November 1944 eingerichtet. Es befand sich auf dem Gelände der ehemaligen Möbel- und Polsterfabrik Steinhoff an der heutigen Kreuzung Max-Näder-Straße/Am Euzenberg. Nur wenige hundert Meter entfernt lag der Rüstungsbetrieb, in dem die Häftlinge eingesetzt wurden.
Zur Unterbringung der Gefangenen dienten zwei Holzbaracken von jeweils etwa 12,5 × 42,5 Metern. Sie waren mit mehrstöckigen Pritschen, Strohsäcken und Decken ausgestattet. Daneben bestand eine kleine Waschbaracke. Das Lagergelände war eingezäunt. Die SS-Wachmannschaften und Aufseherinnen waren in einem benachbarten Steingebäude untergebracht.
Die Polte Werke errichteten um das Gelände einen 2,50 Meter hohen Zaun, der mit Stacheldraht und elektrisch geladenen Drähten versehen war. Zur Straßenseite schirmte eine hölzerne Sichtblende das Lager ab.
Häftlinge
Am 4. November 1944 traf ein Transport mit 750 jüdischen Frauen und Mädchen aus dem KZ Bergen-Belsen in Duderstadt ein. In der Verwaltung des KZ Buchenwald wurde Duderstadt als Frauenaußenlager und als eines der sogenannten „jüdischen Außenkommandos“ geführt.
Die Häftlinge stammten fast ausschließlich aus Ungarn beziehungsweise aus Gebieten, die während des Zweiten Weltkriegs von Ungarn annektiert worden waren. Drei Frauen stammten aus Polen beziehungsweise der Tschechoslowakei und wurden im Lager als Ärztinnen beziehungsweise als Lagerschreiberin eingesetzt.
Die meisten Frauen waren im Frühjahr und Frühsommer 1944 zusammen mit ihren Familien nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Dort wurden sie als arbeitsfähig selektiert und anschließend nach Bergen-Belsen gebracht. Überlebende schilderten, dass eine Delegation der Polte-Werke die Frauen in Bergen-Belsen für den Arbeitseinsatz in Duderstadt auswählten. Am 4. November trafen die selektierten Frauen in Duderstadt ein.
Das Durchschnittsalter der Häftlinge lag bei etwa 26 Jahren. Ende Januar 1945 wurden fünf weitere Frauen aus Bergen-Belsen nach Duderstadt überstellt. Gleichzeitig wurden einzelne kranke oder nicht mehr arbeitsfähige Gefangene nach Bergen-Belsen zurückgebracht.
Zwangsarbeit
Die Frauen mussten in einem Rüstungsbetrieb der Polte-Werke Munition für die Luftwaffe herstellen. Sie arbeiteten in zwölfstündigen Tag- und Nachtschichten. Arbeitsfreie Tage waren nicht vorgesehen.
Der überwiegende Teil der Häftlinge wurde in Halle 17 eingesetzt. Zu ihren Aufgaben gehörten unter anderem das Bedienen von Maschinen sowie das Stanzen, Bearbeiten und Kontrollieren von Geschosshülsen. Andere Frauen mussten Metallteile mit Säuren und anderen Chemikalien reinigen oder schwere Materialkisten transportieren. Teilweise arbeiteten die KZ-Häftlinge gemeinsam mit deutschen Zivilarbeitern.
Für jeden eingesetzten KZ-Häftling entrichtete der Betrieb einen Tagessatz von vier Reichsmark an die SS.
Die Gefangenen wurden täglich unter Bewachung vom Lager zum Werk und wieder zurück geführt. Die Ernährung und Bekleidung waren unzureichend. Überlebende berichteten von ständigem Hunger und davon, den Weg zwischen Lager und Arbeitsstätte auch bei winterlichen Temperaturen in unzureichender Kleidung zurückgelegt zu haben.
Lagerleitung und Bewachung
Erster Kommandoführer des Außenlagers war SS-Oberscharführer Arno Reißig (1914–2004). Nach Reißigs Versetzung übernahm vorübergehend ein SS-Unterscharführer namens Hübner die Leitung. Letzter Kommandoführer war SS-Unterscharführer Eduard Jansen.
Zur Bewachung des Außenlagers waren etwa 14 bis 16 SS-Männer sowie zeitweise bis zu 18 SS-Aufseherinnen eingesetzt. Die Aufseherinnen waren zuvor Arbeiterinnen der Polte-Werke gewesen und für ihren Einsatz im KZ Ravensbrück ausgebildet worden.
1963 vernahm die Staatsanwaltschaft Göttingen sechs ehemalige Aufseherinnen im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens. Das Verfahren wurde später ohne Anklage eingestellt.
Lebensbedingungen und medizinische Versorgung
Die hygienischen und medizinischen Bedingungen im Lager waren unzureichend. Als Häftlingsärztin wurde die jüdische Ärztin Ryfka Saposhnikow aus Kalisz eingesetzt. Die medizinische Versorgung unterstand einem SS-Sanitäter und dem Duderstädter Arzt August Otto, der als Vertragsarzt für das Lager tätig war. Zwischen November 1944 und März 1945 befanden sich durchschnittlich 20 bis 30 Frauen täglich auf der Krankenstation. Im März 1945 wurden zusätzlich täglich mehr als 80 Häftlinge ambulant behandelt.
Mindestens zwei Frauen gebaren während ihrer Haft in Duderstadt. Eines der beiden Kinder überlebte zunächst.
Vier Frauen starben nachweislich während der Existenz des Außenlagers. Nach der späteren Aussage eines ehemaligen SS-Wachmanns wurden die Toten auf dem jüdischen Friedhof in Duderstadt bestattet, dies ließ sich bisher allerdings nicht verifizieren.
Räumung und Befreiung der Häftlinge Angesichts des Vorrückens amerikanischer Truppen wurde das Außenlager am 5. April 1945 geräumt. Die SS transportierte die Frauen zunächst mit Bussen nach Seesen. Dort wurden sie in Eisenbahnwaggons verladen. Ziel des Transports war das Ghetto Theresienstadt. Der Transport dauerte fast drei Wochen und führte unter anderem über Magdeburg, Dessau und Wolfen. In Wolfen gelang einigen Frauen die Flucht. Schließlich erreichte der Zug Lovosice im heutigen Tschechien. Nach einem Luftangriff mussten die verbliebenen Gefangenen den letzten Teil des Weges nach Theresienstadt zu Fuß zurücklegen. Während des Transports starben weitere Häftlinge. Am 26. und 27. April 1945 erreichten vermutlich 719 der aus Duderstadt evakuierten Frauen Theresienstadt. Dort wurden die Überlebenden am 8. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit.
Nachgeschichte und Erinnerung
Nach Kriegsende wurden Teile des ehemaligen Rüstungsbetriebs demontiert oder zerstört. Von den Gebäuden des KZ-Außenlagers blieb eine der beiden ehemaligen Häftlingsbaracken zunächst erhalten, sie wurde 2008 abgerissen.
Seit 1984 erinnert das Mahnmal Die Geknechtete neben dem städtischen Ehrenmal an der Obertorstraße an die Häftlinge des Außenlagers. 1988 wurde dort zusätzlich eine Gedenktafel angebracht. 1994 ließ die Stadt Duderstadt auf dem Gelände des ehemaligen Außenlagers einen Gedenkstein errichten. 2008 wurde auf dem ehemaligen jüdischen Friedhof in Duderstadt ein weiterer Gedenkstein für die während ihrer Haft in Duderstadt gestorbenen Frauen errichtet.
Die Geschichtswerkstatt Duderstadt beschäftigt sich seit den 1980er Jahren mit der Erforschung des Außenlagers und der Erinnerung an dessen Häftlinge.
Literatur
Frank Baranowski: Fremdarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge im Rüstungsbetrieb Polte in Duderstadt. In: Ders.: Rüstungsindustrie in Südniedersachsen während der NS-Zeit. Mannheim 1993, S. 248–316. Frank Baranowski: Der Duderstädter Rüstungsbetrieb Polte von 1938 bis 1945. Göttingen 1993. Frank Baranowski: Das Polte-Werk Duderstadt. Rüstungsproduktion im Schatten des KZ. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2025. Götz Hütt: Das Außenkommando des KZ Buchenwald in Duderstadt. Ungarische Jüdinnen im Rüstungsbetrieb Polte. Books on Demand, Norderstedt 2005. Götz Hütt (Hrsg.): „Jede Minute, die wir noch leben, ist von Nutzen“. Lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Häftlingen des KZ-Außenlagers Duderstadt. Books on Demand, Norderstedt 2011. Gudrun Pischke: Von Auschwitz nach Duderstadt. Zwangsarbeit bei den Polte-Werken. In: Duderstadt 1929–1949. Beiträge zur Geschichte der Stadt Duderstadt. Band 2, Duderstadt 1992, S. 281–292. Gudrun Pischke: Duderstadt (Frauen). In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 3: Sachsenhausen und Buchenwald. C. H. Beck, München 2006, S. 422–424.
Siehe auch
Liste der Außenlager des KZ Buchenwald
Weblinks
Einzelnachweise
Duderstadt KZAussenlager Duderstadt Duderstadt