mini|Ariadna Skrjabina, vor 1941 Ariadna Alexandrowna Skrjabina (); geborene Schloetzer; verheiratet auch Sarah Knut oder Sara Knout (geboren 26. Oktober 1905 in Bogliasco, Genua, Königreich Italien; gestorben 22. Juli 1944 in Toulouse, Frankreich), war eine russische Dichterin, Aktivistin der jüdischen französischen Résistance und Mitbegründerin der zionistischen Widerstandsgruppe Armée Juive. Postum wurde sie mit dem Croix de Guerre und der Médaille de la Résistance ausgezeichnet.
Sie war die älteste Tochter des russischen Komponisten Alexander Skrjabin und Tatjana de Schloezer. Nach dem Tod ihres Vaters nahm sie dessen Familiennamen an; nach dem Tod ihrer Mutter ging sie ins Exil nach Paris. Als Mitglied der literarischen Kreise der russischen Emigration schrieb und veröffentlichte sie Gedichte.
Sie war dreimal verheiratet, zuletzt mit dem Dichter Dovid Knut. Gemeinsam mit ihrem Ehemann unterstützte sie die Ideen des revisionistischen Zionismus. Als Kind wurde sie nach orthodoxem Ritus getauft, konvertierte jedoch später zum Judentum und nahm den hebräischen Namen „Sarah“ an.
Während der deutschen Besatzung Frankreichs organisierte sie den jüdischen Widerstand im Süden des Landes und gehörte zu dessen aktiven Mitgliedern. Kurz vor dem Zusammenbruch des Vichy-Regimes wurde sie in Toulouse von einem Agenten der Milice française ermordet.
Leben 1905–1924 mini|hochkant|Ariadna Skrjabina, Amsterdam 1907/1908 mini|Ariadna, Marina und Julian Skrjabin, ca. 1913 mini|Tatjana de Schloezer mit Ariadna, Marina und Julian, Moskau 1918 Skrjabina war das älteste Kind von Alexander Skrjabin und Tatjana de Schloezer. Sie hatte zwei jüngere Geschwister, den als Wunderkind verstorbenen Julian Alexandrowitsch Skrjabin (1908–1919) und die Autorin und Komponistin Marina Skrjabina (1911–1998) und vier ältere Halbgeschwister aus der förmlich nicht geschiedenen Ehe des Vaters mit Wera Iwanowna Isaakowitsch. Skrjabina wurde an der Ligurischen Küste geboren, wo der Vater an Le Poème de l’Extase arbeitete.
Skrjabinas Geburt markierte die endgültige Trennung des Vaters von seiner ersten Frau und die neue Familie ließ sich im Januar 1906 in Genf und im Herbst des Jahres in Amsterdam nieder. Die Eltern gingen auf Konzerttour in Belgien, den Vereinigten Staaten und nach Paris, während Skrjabina von den Tanten ihrer Mutter, Henriette und Alina Boti, behütet wurde. Im Sommer 1907 ging die Familie nach Beatenberg, Kanton Bern, und im Herbst desselben Jahres nach Lausanne, wo der Bruder geboren wurde. Alexander Skrjabin hatte schon lange mit einer Rückkehr nach Russland gespielt. Da sein Ruf jedoch durch seinen skandalumwitterten Lebenswandel und seine problematischen familiären Verhältnisse beeinträchtigt war, verzögerte sich das Vorhaben bis Februar 1910. Die Familie zog nach Moskau, wo Skrjabina im Orthodoxen Ritus getauft und im November 1912 die Schwester geboren wurde.
Die Geschwister wurden größtenteils von Hauslehrern erzogen, da die Eltern durch ihr öffentliches Leben in Anspruch genommen waren. Innerhalb der Familie wurde Französisch gesprochen, und das Haus wurde häufig von Dichtern, Künstlern, Theaterleuten und Philosophen besucht. Skrjabina schrieb bereits in jungen Jahren Gedichte und studierte am Moskauer Konservatorium. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurden die Lebensumstände schwieriger. Um seine Familie zu unterstützen, musste der Vater viel Zeit mit Konzertreisen in verschiedene russische Städte verbringen.
Am 14. April 1915 starb Alexander Skrjabin überraschend an einer Sepsis und ließ die Familie ohne Einkommen zurück. Dank der Unterstützung von Freunden erkannte Wera Skrjabina die Kinder als Alexander Skrjabins Nachkommen an und sie konnten seinen Namen übernehmen. Tatjana de Schloezer konnte langsam wieder Einkommen erzielen, konzentrierte sich aber völlig auf Julian Skrjabin als Nachfolger seines Vaters. Die Februarrevolution 1917 und die Oktoberrevolution machten diese Entwicklung zunichte und die Familie zog von Moskau nach Kiew, wo die Versorgungslage besser war. 1919 war die Mutter in Moskau um im Auftrag der sowjetischen Regierung in Skrjabins Haus ein Museum einzurichten. Während der Zeit ertrank Julian Skrjabin im Dnjepr, was bei Skrjabina eine lebenslange Angst vor tiefem Wasser zurückließ. Der Tod des Sohnes traf die Mutter schwer. Sie zog mit der jüngeren Schwester nach Moskau, während Skrjabina in ein Internat in Nowotscherkassk geschickt wurde. Allerdings wurde die Schule bald darauf geschlossen und sie kam ebenfalls nach Moskau.
Zu dieser Zeit hatte Skrjabina bereits eine ausgeprägte und eigenwillige Persönlichkeit entwickelt. Obwohl sie in der Schule aufgrund ihrer adligen Herkunft und ihres Temperaments wenig beliebt war, kümmerte sie sich nicht darum. In diesen Jahren setzte sie sich das Ziel, eine bedeutende Dichterin zu werden. Zu ihren bevorzugten Autoren zählten Fjodor Dostojewski, William Shakespeare und die antiken Griechen sowie die modernen Alexander Blok und Konstantin Balmont. Mit ihrer Schwester verfasste sie Gedichte unter dem gemeinsamen Pseudonym „Mirra“, die sich stilistisch an Marina Zwetajewa, einer Freundin der Familie orientierten. Wenn sie allein schrieb, verwendete Skrjabina das Pseudonym „Ariadna Orlizkaja“.
Ein Jahr vor dem Schulabschluss beschloss Ariadna, die Schule zu verlassen und zusammen mit einer Freundin aus der Zeit im Internat ein Hochschulstudium aufzunehmen. Sie bestand die Aufnahmeprüfungen und besuchte Vorlesungen in Sprachwissenschaft und Orthoepie, die Geschichte der westeuropäischen Literatur, Poetik und Ästhetik. Im Januar 1922 wurde ihre Hochschule geschlossen, und im März starb ihre Mutter nach einer langen Phase der Depression. Sie wurde auf dem Nowodewitschi-Friedhof-Friedhof neben ihrem Ehemann beigesetzt. Die Schwestern mussten anschließend die Moskauer Wohnung endgültig für das Skrjabin-Museum räumen. Sie verließen Russland: Marina Skrjabina zog zu Verwandten nach Belgien, während Skrjabina zu ihrem Onkel Boris de Schloezer nach Paris übersiedelte.
1925–1939 mini|hochkant|Ariadna Skrjabina, Paris 1924 mini|hochkant|Ariadna Skrjabina mit dem Sohn Eli, Paris 1938 In Paris schrieb sie sich in der Sorbonne ein, besuchte aber anscheinend keine Vorlesungen. Während der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg war Paris Zentrum der russischen Emigration. Russische Emigranten besuchten russische Cafés, Restaurants, Geschäfte und Friseursalons und veröffentlichten russischsprachige Zeitungen, Zeitschriften und Bücher. Die meisten Ehen wurden innerhalb dieser Gemeinschaft geschlossen. Innerhalb dieser Emigrantengemeinschaft bildeten die russischen Juden noch einen eigenen Kreis. Skrjabina fühlte sich diesem Milieu zugehörig. Wahrscheinlich 1923 besuchte sie den Club der russischen Dichter, der auch von ihrem späteren Ehemann, Dovid Knut, frequentiert wurde. Im darauf folgenden Jahr veröffentlichte sie eine Gedichtsammlung unter dem schlichten Titel Poèmes, die gemischte Kritiken erhielt.
Skrjabina kümmerte sie sich weiterhin wenig um gesellschaftliche Umgangsformen oder die Meinung von Umstehenden. Sie war ungezwungen bis hin zur Arroganz, sie rauchte und trank Wodka. Anfang des Jahres 1924 heiratete sie den französischen Komponisten Daniel Lazarus, der von ihrer Persönlichkeit angezogen wurde und der auch ihren Vater verehrte. Lazarus vertonte drei ihrer Gedichte. Skrjabina war nicht völlig glücklich. Sie wurde von der Familie ihres Ehemannes kühl aufgenommen, hatte eine Fehlgeburt und schließlich war sie mit ihrer eigenen dichterischen Arbeit unzufrieden. Später brachte Skrjabina zwei Töchter zur Welt: Tatjana-Miriam (* 1925) und Gilbert-Elizabeth (* 1926). Kurz danach verließ sie Lazarus und nahm beide Töchter mit sich.
Ab 1928 war Skrjabinas Stiefschwester Jelena, die mit dem Pianisten Wladimir Wladimirowitsch Sofronizki verheiratet war und mit der sie eine enge Freundschaft verband, mehrere Jahre in Paris. In der Zeit lernte Skrjabina den französischen Schriftsteller René Méjean kennen und heiratete ihn. Obwohl Méjean demselben aristokratischen gesellschaftlichen Milieu entstammte wie Lazarus, begegnete seine Familie ihr deutlich freundlicher. Sie störte sich auch nicht daran, dass sie zwei Kinder aus einer gescheiterten Ehe mitbrachte. Die Ehe belastete allerdings die Freundschaft mit Jelena, die schließlich uu ihrem Ehemann nach Russland zurückkehrte. Skrjabina ließ Méjean aber bald wieder fallen. Während der Schwangerschaft mit dem Sohn Eli (* 1935) erklärte sie ihm fälschlicherweise, dass er nicht der Vater des Kindes sei. Méjean erfuhr erst im hohen Alter, dass das Kind tatsächlich sein Sohn war. Dem Sohn hatte Skrjabina gesagt, dass Knut sein Vater sei.
Dovid Knut war ein bessarabischer Jude, Sohn eines Lebensmittelhändlers, und wurde in Chișinău geboren. Nach dem Anschluss Bessarabiens an Rumänien zog er nach Paris, wo er zunächst verschiedenste Gelegenheitsarbeiten verrichtete. Später eröffnete er ein einfaches Restaurant und beschäftigte dort seine Schwestern sowie einen jüngeren Bruder. Knut bewunderte die Dichtung Alexander Puschkins und begann bereits in Chișinău, eigene Gedichte zu veröffentlichen. Sein dichterisches Schaffen und sein Charakter entsprachen in vieler Hinsicht Skrjabinas Wesen.
Ihre Beziehung begann Ende des Jahres 1934, zehn Jahre nach ihrer ersten Begegnung., Obwohl Skrjabina Méjean verlassen hatte, blieb dieser mindestens bis Ende 1936 freundschaftlich mit Knut verbunden. Die Ehe zwischen mit Méjean wurde erst 1937 offiziell geschieden, während Knut sich bereits 1933 von seiner ersten Ehefrau getrennt hatte.
Nach ihren enttäuschenden Erfahrungen mit der Lyrik wandte sich Ariadna der Prosa zu. Über viele Jahre arbeitete sie, rauchend im Bett liegend, an einem Roman über ein jüdisches Mädchen namens „Leah Liwschiz“, den sie jedoch niemals vollendete. Das Manuskript ging im Krieg verloren.
1939–1944 mini|hochkant|Ariadna und Dovid Knout, Paris 1939 Alarmiert vom zunehmenden Antisemitismus in Europa, insbesondere in Deutschland, wurden Skrjabina und Knut überzeugte Zionisten. Skrjabina entwickelte eine extrem radikalere Haltung und reagierte äußerst empfindlich und kompromisslos auf selbst geringste Erscheinungsformen von Antisemitismus, womit sie selbst jüdische Bekannte irritierte. Sie soll geäußert haben, dass die einzige Lösung der „arabischen Frage“ darin bestehe, die „Araber aus unserem Land zu vertreiben oder ihnen die Kehle durchzuschneiden“. Anfang 1939 gründeten Knut und Skrjabina die Zeitung Affirmation, die das Ziel verfolgte, das nationale Bewusstsein der Juden zu stärken. Knut fungierte nicht nur als Herausgeber, sondern auch als Journalist. Das Erscheinen der Zeitung war ein bedeutendes Ereignis für die jüdische Gemeinschaft von Paris. Im August 1939 wurden sie deshalb zum 21. Zionistenkongress in Genf eingeladen.
Knut wurde sofort am ersten Tag des Zweiten Weltkriegs, am 1. September 1939, in die französische Armee zum Dienst Paris eingezogen, woraufhin die Zeitung ihr Erscheinen einstellen musste. Am 30. März 1940 ließen Knut und Skrjabina ihre Ehe schließlich offiziell registrieren. Wenige Tage später trat Skrjabina zum Judentum über und nahm den Namen „Sarah“ an. Danach verlangte sie von allen Freunden und Bekannten, sie ausschließlich mit diesem neuen Namen anzusprechen. Der Übertritt zum Judentum wurde von der überwiegend christlich geprägten russischen Emigrantengemeinschaft als ein „Verrat“ wahrgenommen.
Mit dem Heranrücken der deutschen Truppen auf die französische Hauptstadt wurde Knuts Militäreinheit in den Süden des Landes verlegt, während Skrjabina mit den Kindern in Paris blieb. Schließlich zog die Familie nach Toulouse. Die einsetzenden Repressionen des Vichy-Regimes gegen die Juden machten auch dort den Aufenthalt unsicher. Die Familie sprach auch im engsten Familienkreis nur noch Französisch und scheiterte an einem Versuch, über Marseille nach Südamerika zu entkommen.