Das sehr seltene Mineral Jeanbandyit ist ein Eisen-Zinn-Hydroxid aus der Mineralklasse der „Oxide und Hydroxide“ und hat die idealisierte chemische Zusammensetzung Fe3+Sn4+(OH)5O. Strukturell gesehen ist Jeanbandyit ein nicht stöchiometrischer Doppelperowskit aus der Perowskit-Supergruppe.

Jeanbandyit kristallisiert mit kubischer Symmetrie und bildet oktaederförmige Kristalle mit Kantenlängen von bis zu 0,2 Millimetern. Die Farbe der glasglänzenden Kristalle ist braun-orange.

Die Typlokalität ist die Zinn-Wolfram-Bismut-Grube Siglo XX bei Llallagua im Departamento Potosí, Bolivien.

Etymologie und Geschichte Die Verbindung Fe2+Sn(OH)6 synthetisierten Hugo Strunz und B. Contag am Institut für Mineralogie der Technischen Universität Berlin bereits 1960.

16 Jahre später publizierten I. Morgenstern-Badarau und A. Michel von der Universität Paris-Süd in Orsay (heute Universität Paris-Saclay) ihre Beobachtung, dass synthetisches, grau-grünes Fe2+Sn(OH)6 nicht stabil ist und sich binnen zwei Tagen an der Luft umwandelt in eine gelbe Verbindung gleicher Struktur aber mit kleinerer Gitterkonstante, in der sie nur noch dreiwertiges Eisen (Fe3+) nachweisen konnten. Sie vermuteten eine Autooxidation des Eisens, begleitet von einer Abgabe von Wasserstoff, der mit dem Luftsauerstoff zu Wasser reagiert, und gaben die Zusammensetzung der neuen Verbindung an mit Fe3+Sn4+O(OH)5.

mini|Siglo XX in den 1940ern Das erste natürliche Vorkommen von Fe3+Sn4+(OH)5O beschrieb Anthony R. Kampf vom Natural History Museum of Los Angeles County 1982 auf Stufen mit Fluorapatit aus der Zinn-Wolfram-Grube Siglo XX im Departamento Potosí, Bolivien. Die Proben wurden von Mark Chance Bandy während seiner Anstellung bei der Patino Company in Llallagua zwischen 1936 und 1944 gesammelt. Er trug eine der bedeutendsten Sammlungen von Mineralen aus Bolivien mit zahlreichen unbestimmten Mineralen zusammen (what-zit nannte er sie). Bandy verstarb 1963 und seine Witwe Jean Bandy stiftete die Sammlung 1977 dem Natural History Museum of Los Angeles County, wo die Proben genauer untersucht werden konnten. Das hierbei neu entdeckte Eisen-Zinn-Hydroxid Jeanbandyit benannte Kampf nach Jean Bandy in Würdigung ihrer Anstrengungen zum Erhalt von Mark Bandys Sammlung, die schließlich zur Stiftung der Sammlung führten. Mark Bandy selbst wurde bereits 1938 durch Charles Palache und William F. Foshag mit dem Mineral Bandylith geehrt.

Klassifikation Die strukturelle Klassifikation der International Mineralogical Association (IMA) zählt den Jeanbandyit zur Gruppe der nicht stöchiometrischen Doppelperowskite mit unbesetzter A-Position in der Perowskit-Supergruppe. Hier bildet er zusammen mit Burtit, Mushistonit, Nancyrossit, Natanit, Schoenfliesit, Vismirnovit und Wickmanit die Schoenfliesit-Untergruppe.

Da Jeanbandyit erst 1982 als neues Mineral anerkannt worden ist, ist es in der letztmalig 1977 überarbeiteten Systematik der Minerale nach Strunz (8. Auflage) noch nicht verzeichnet.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer IV/F.17-030. Dies entspricht der neu definierten Abteilung „Hydroxide und oxidische Hydrate (wasserhaltige Oxide mit Schichtstruktur)“, wo Jeanbandyit zusammen mit Eyselit, Mopungit, Stottit und Tetrawickmanit die „Stottitgruppe“ mit der Systemnummer IV/F.17 bildet.

Die von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierte 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Jeanbandyit in die Abteilung „Hydroxide (ohne V oder U)“ ein. Diese ist weiter unterteilt nach der möglichen Anwesenheit von Hydroxidionen und der Kristallstruktur. Das Mineral ist hier entsprechend seiner Zusammensetzung und seinem Aufbau in der Unterabteilung „Hydroxide mit OH, ohne H2O; eckenverknüpfte Oktaeder“ zu finden, wo es zusammen mit Mopungit, Stottit und Tetrawickmanit die „Stottitgruppe“ mit der Systemnummer 4.FC.15 bildet.

In der vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Dana hat Jeanbandyit die System- und Mineralnummer 06.03.07.03. Dies entspricht ebenfalls der Klasse der „Oxide und Hydroxide“ und dort der Abteilung der „Hydroxide und hydroxyhaltige Oxide“. Hier ist er zusammen mit Stottit, Tetrawickmanit und Mopungit in der „Wickmanitgruppe (Tetragonal: P42/n)“ mit der Systemnummer 06.03.07 zu finden.

Chemismus Jeanbandyit ist das Fe3+-Analog von Natanit sowie das Zinn-Analog von Nancyrossit und hat die Endgliedzusammensetzung ☐2Fe3+Sn4+(OH)5O, worin ☐ für eine Leerstelle auf der A-Position steht.

Für die empirische Zusammensetzung des Jeanbandyit aus der Typlokalität gab Anthony R. Kampf 1982 zwei alternative Möglichkeiten an: (Fe3+0,71Mn2+0,21Mg2+0,04☐0,04) (Sn4+0,84Si4+0,03☐0,13)(OH)6 (Leerstellen auf Kationenpositionen) (Fe3+0,77Mn2+0,23) (Sn4+0,92Si4+0,04Mg2+0,04)(OH)5,32O0,68 (reduzierte OH-Gehalte)

Kampf gab damals einem Ladungsausgleich über Leerstellen (☐) auf den Kationenpositionen den Vorzug gegenüber reduzierten OH-Gehalten, da die sich damit ergebenen Werte für Wassergehalte und Dichte besser zu den gemessenen Werten passten.

Spätere Analysen (1998) von Jeanbandyit aus Cornwall übernahmen die Annahme von Leerstellen auf den Oktaederpositionen, zeigten aber die Notwendigkeit auf, auch zweiwertiges Eisen mit einzubeziehen: (Fe3+0,46Fe2+0,24Mn2+0,14Mg2+0,03☐0,13) (Sn4+0,90Si4+0,05☐0,05)(OH)6 (Hingston Downs Quarry, Cornwall)

Klarheit über die Natur von Jeanbandyit lieferten erst Einkristallstruturverfeinerungen eines Jeanbandyit aus Cornwall im Jahr 2017. Diese ergaben keine Hinweise auf signifikante Leerstellengehalte der Kationenpositionen von Eisen und Zinn und vorwiegend ferrisches Eisen (Fe3+). Eine Berechnung der Zusammensetzung des Jeanbandyit aus Cornwall normiert auf 6 Sn statt 6 OH (die kleinen Si-Gehalte wurden ignoriert) ergab ausgeglichene Ladungen und volle Kationenpositionen: (Fe3+0,78Mn2+0,15Mg2+0,04) Sn4+1(OH)5,28O0,72 (Hingston Downs Quarry, Cornwall)

Dies bestätigt die Vermutung einer gekoppelten Oxidation und Deprotonisierung von Natanit zu Jeanbandyit, die I. Morgenstern-Badarau und A. Michel 1976 aufgestellt hatten.

Jeanbandyit bildet Mischkristalle mit Natanit und Wickmanit entsprechend der Austauschreaktion Fe3+ + O2- = Fe2+ + (OH)- (Natanit) Fe3+ + O2- = Mn2+ + (OH)- (Wickmanit)

Kristallstruktur Auch die Details der Kristallstruktur von Jeanbandyit waren lange Zeit umstritten. Alle Röntenbeugungsuntersuchungen ergaben kubische Symmetrie der .

Die optischen Eigenschaften (schwache Doppelbrechung, optisch einachsig) deuten auf eine niedrigere Symmetrie hin und Kampf ging bei seiner Erstbeschreibung von einer tetragonale Symmetrie aus mit einer pseudokubischen Elementarzelle mit a= c=7,648(7) Å.

Dieser Widerspruch konnte ebenfalls erst mit der Strukturverfeinerung von 2017 aufgeklärt werden. Demnach kristallisiert Jeanbandyit aus der Typlokalität mit kubischer Symmetrie der und den Gitterparametern a=7,758(2) Å sowie 4 Formeleinheiten pro Elementarzelle.

Jeanbandyit hat die Struktur von Perowskit. Die von 10 Hydroxid-Ionen und 2 Sauerstoffionen kuboktaedrisch umgebene A-Position ist unbesetzt. Die 6-fach koordinierte, oktaedrische B-Position ist in 2 Positionen aufgespalten, die vollständig von Eisen (Fe3+) und Zinn (Sn4+) besetzt sind. 1/6 der Anionenpositionen ist mit O2- statt (OH)- besetzt, wobei die O2--Anionen statistisch verteilt sind und somit die kubische Symmetrie erhalten bleibt. Lokal ist die Symmetrie geringer und die optische Einachsigkeit von natürlichem Jeanbandyit erklären Welch und Kampf mit dem Auftreten geordneter Domänen im Kristall.

Bildung und Fundorte Jeanbandyit ist eine späte primäre Bildung in hydrothermalen Zinn-führenden Gängen, kann sich aber auch sekundär bei der Umwandlung z. B. von Kassiterit oder Natanit bilden.

mini|Siglo XX 2025 Bisher (Stand 2026) ist Jeanbandyit an 10 Fundorten dokumentiert werden. Seine Typlokalität sind die hydrothermalen Zinn-Wolfram-Bismut-Gänge der Siglo XX-Grube bei Llallagua im Departamento Potosí, Bolivien. Jeanbandyit tritt hier in Hohlräumen zusammen mit Stannit, Fluorapatit, Pyrit, Jamesonit, Kassiterit, Quarz und Crandallit oder auch Wolframit, Bismuthinit oder Franckeit auf.

Siehe auch Liste der Minerale

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise Fundortliste für Jeanbandyit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 16. September 2026.

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