Cuts ist ein Musikalbum von Peter Kowald und dem Ort Ensemble Wuppertal mit Evan Parker, Lê Quan Ninh und Carlos Zingaro. Die am 5. und 6. September sowie am 21. und 22. Oktober 1995 im Artcore Studio in Wuppertal entstandenen Aufnahmen erschienen 1998 auf Free Music Production.

Hintergrund Peter Kowald unternahm zwischen Mai 1994 bis April 1995 nach 30 Jahren weltweiter Präsenz keine Tourneen und Konzertreisen, sondern blieb in Wuppertal, wo er 64 Konzerte veranstaltete, aber auch Ausstellungen und öffentliche Gespräche. Daneben entstand das Ort Ensemble mit jüngeren Musikern aus Wuppertal und Umgebung, mit denen er einmal die Woche Formen des gemeinsamen Improvisierens entwickelte. Anfangs gehörten acht Personen dazu, später kamen zwanzig, ziemlich regelmäßig. Kowald lud Kollegen ein, mit der Gruppe zu spielen und zu diskutieren. Er selbst hörte zu. Das Ort Ensemble traf sich insgesamt 44-mal. Die entstehende Musik wurde zunächst nicht mitgeschnitten. Erst ein halbes Jahr, nachdem Kowalds Jahr zuhause vorbei war, ging das Ort Ensemble ins Studio.vgl. auch Dabei werden die Möglichkeiten der motivischen Improvisation exemplarisch vorgestellt. Das Ensemble arbeitete überwiegend mit Klangverschiebungen und -verdichtungen, wie sie in den Orchesterwerken von György Ligeti entwickelt worden waren.

Cuts erscheint als eine 20-teilige Komposition von Peter Kowald, bei der lange, Drone-artige Klangflächen von Einzel- und Gruppenimprovisationen durchbrochen werden. Unter Einbeziehung eines 22-köpfigen Orchesters – abgesehen von den drei genannten Solisten und Kowald selbst, der die Leitung übernahm – entstand ein Werk der Extreme hinsichtlich Modalität, Polytonalität und ereignisorientiertem Serialismus.

Mitwirkende waren neben dem Ort Ensemble Wuppertal der Saxophonist Evan Parker, der Perkussionist Lê Quan Ninh und der Geiger Carlos Zingaro als dessen Gäste; das verlieh dieser über einen Zeitraum von zwei Monaten an vier Tagen entstandenen Aufnahme eine gewisse „Legitimität“. Jeder der „Cuts“ ist klar abgegrenzt und bezieht spezifische instrumentale Gruppen des Orchesters ein: Zingaro führt die Streicher und Stimmen durch eine drone-artige Studie kontrapunktischer Improvisation, während Parker die Führung in einem Abschnitt übernimmt, in dem sich die Bläser ein Duell mit der Rhythmusgruppe um ein mikrotonales Gleichgewicht liefern, bevor sie in ihren tiefen Registern die Oberhand gewinnen. In anderen Teilen von „Cuts“ treten Einflüsse von Anton Webern und Alban Berg in Erscheinung, so Thom Jurek – durch eine Reihe dominanter serieller Strukturen, die auf verminderten Nonen und übermäßigen kleinen Septimen basieren und eine ganze Abfolge von Moll- und verminderten Tonleitern durchlaufen, bevor sie wieder verschwinden.

Titelliste Peter Kowald / Ort Ensemble Wuppertal With Evan Parker, Lê Quan Ninh, Carlos Zingaro: Cuts (FMP – CD 94) Part 1 5:27 Part 2 2:51 Part 3 2:30 Part 4 2:53 Part 5 1:55 Part 6 5:42 Part 7 1:55 Part 8 1:19 Part 9 4:51 Part 10 3:28 Part 11 2:18 Part 12 2:38 Part 13 0:54 Part 14 4:42 Part 15 4:09 Part 16 7:37 Part 17 4:10 Part 18 1:56 Part 19 1:54 Part 20 2:00

Die Kompositionen stammen von Peter Kowald.

Besetzung Altsaxophon – Jean Sasportes; Altsaxophon, Bassklarinette – Ingo Stanelle; Bass – André Issel, Günther Pitscheider, Jan Keller; Bassgitarre – Andreas Leep; Cello – Anne Krickeberg, Mathias Beck; Klarinette, Bassklarinette – Rainer Wentz; Flöte – Angelika Sheridan, Anja Lautermann, Karola Pasquai; Gitarre – Robin Sheffel; Gitarre, Klarinette – André Linnepe; Piano – Christoph Iacono; Schlagzeug – Lê Quan Ninh; Sopransaxophon – Evan Parker; Trompete – Justin Sebastian; Violine – Carlos Zingaro, Christoph Irmer, Katrin Scholl; Violine, Bratsche – Gunda Gottschalk; Stimme – Irmel Droese, Jochen Bauer, Judith Richelshagen

Rezeption Thom Jurek verlieh dem Album in Allmusic vier Sterne und schrieb, diese Musik sei von hoher Dramatik geprägt; Kowald habe nicht die Absicht, das Publikum zu langweilen, nur um seine Theorie der Vereinigung durch eigenständige Einheiten zu verwirklichen. Jeder seiner „Cuts“ würde Überraschungsmomente bieten, da es so wirke, als begegneten die Musiker den improvisatorischen Elementen zum ersten Mal – was tatsächlich auch der Fall sei. Es stehe eine breite Klangpalette zur Verfügung, die einen wahrhaft filmischen Dynamikumfang ermögliche – all dies würde Kowald auf intelligente, wenn auch nicht immer tief empfundene Weise nutzen. Ja, es handle sich um akademische Musik, doch sie verfolge ein Ziel und eine Richtung, die jeden fesseln und zufriedenstellen würden, der sich auf die Orchester-Avantgarde einlassen möchte, wie sie am Ende des 20. Jahrhunderts komponiert und aufgeführt wurde.

Klaus Hübner stellte in der Neuen Zeitschrift für Musik fest, dass Kowald für die CD zwanzig Teile aus den Aufnahmen auswählte, die tatsächlich nur „Aus-Schnitte“ des vielfältigen Experiments vorstellen würden. „Da jeder Teilnehmer gleiche Freiheiten besaß, entstanden aufrüttelnde und verspielte Exkursionen in die Randgebiete improvisierter Musik.“ Die zahlreichen Streicher würden den Boden des völlig freien Improvisationsgeschehens bereiten, „in dem die Ausführenden vordergründig gar nicht als Ensemble bemerkbar wurden, sondern als Solisten innerhalb der Gruppe.“

Weblinks

Einzelnachweise

Kategorie:Album (Klassische Musik) Kategorie:Album (Neue Improvisationsmusik) Kategorie:Album 1998 Kategorie:Peter Kowald