Krankenmorde in der Ukraine waren Teil der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus und fanden während der deutschen Besatzung sowjetischer Gebiete im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1944 statt. Betroffen waren psychiatrische Patienten, Infektions- und Geschlechtskranke wegen der Infektionsgefahr sowie Alte, Behinderte und Kinder. Motiviert waren die Taten aus einer Mischung von Nützlichkeitsüberlegungen und nationalsozialistischer Rassenhygiene. Maßgeblich bei der Organisation und Ausführung waren die Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD.

Opfergruppen

Psychiatrische Patienten Durch den raschen deutschen Vormarsch und das Fehlen von Evakuierungsplänen für Personal und Patienten war der Großteil der Kranken in den Krankenhäusern verblieben. Ihr Schicksal wurde bestimmt von rassenhygienischen und eugenischen Vorstellungen, verschärft durch das Feindbild der „Untermenschen“ aus der NS-Propaganda. Zum Teil spielten pragmatische Nützlichkeitsgedanken eine Rolle, da freiwerdende Räumlichkeiten zur Unterbringung von Soldaten oder als Lazarette und Hospitäler gesucht wurden. Außerdem sollte angesichts des Nahrungsmittelmangels die Zahl „unnützer Esser“ reduziert werden. Deshalb hatten diese psychisch kranken und geistig behinderten Menschen kaum eine Überlebenschance.

Die Tötungen wurden maßgeblich von den Einsatzkommandos der Sicherheitspolizei und des SD organisiert. Wehrmacht, Feldgendarmerie, Geheime Feldpolizei, einheimische Polizei und die Ortsverwaltungen beteiligten sich in unterschiedlichem Ausmaß an Identifizierung und Ermordung. Hauptsächlich fanden die Morde während der zweiten Jahreshälfte 1941 und der ersten Jahreshälfte 1942 statt. Die Tötungen erfolgten in den meisten Fällen in einzelnen Etappen. In einigen Fällen wurden dabei jüdische Patienten vorrangig zur Vernichtung selektiert. Die Patienten wurden unter dem Vorwand einer Verlegung bei vorbereiten Massengräbern erschossen oder in Gaswagen ermordet. Dabei wurde auch oft das Personal über den Zweck des Abtransports der Patienten getäuscht. Das Erschießen war mit erheblichen Belastungen der Täter verbunden wie es in Einsatzgruppen-Meldungen (Ereignisberichten UdSSR) und auch in späteren Ermittlungsakten hieß.

Patienten wurden in einigen Fällen auch durch Injektionen einer Zyanidlösung umgebracht. Zahlreiche Patienten starben an Entkräftung durch die drastische Reduzierung der Essensrationen. (Zum Beispiel war die durchschnittliche Tagesration in Lwiw von viertausend Kalorien auf etwa neunhundert Kalorien während der Besatzungszeit gesunken.)

Einzelne Tötungen psychisch Kranker und Behinderter gab es auch außerhalb der Massenverbrechen, wobei sie von Faktoren wie der Sicherung des rückwärtigen Heeresgebietes sowie Unterbringungs- und Versorgungsmöglichkeiten abhingen.

Infektions- und Geschlechtskranke Die kriegsbedingte Zerschlagung des Gesundheitssystems, Mangel an Medikamenten und medizinischem Personal sowie die katatrophal verschlechterten sanitären Bedingungen in der Ukraine führten zur Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten, vor allem von Typhus und Rückfallfieber. Zur Verringerung der Ansteckungsgefahr für deutsche Soldaten, wurden Typhuskranke isoliert oder auch kurzerhand erschossen. Der Hunger in den Großstädten zwang Frauen, mit Besatzern zusammenzuleben oder sich auch außerhalb der Wehrmachtsbordelle zu prostituieren. Gegen die sich ausbreitenden Geschlechtskrankheiten wurde eine Meldepflicht und später eine Zwangsbehandlung im Krankenhaus bis zur vollständigen Genesung erlassen. Eine eigens geschaffene Gesundheitspolizei oder auch die lokale Polizei setzten die Bestimmungen durch. Bei Infektionen deutscher Soldaten wurde die Feldgendarmerie an der Festnahme der geschlechtskranken Frau beteiligt. Die Ansteckung deutscher Soldaten oder Angestellter galt im Reichskommisariat Ukraine und dem Militärverwaltungsgebiet als Wehrkraftzersetzung, was die Todesstrafe nach sich zog. Es ist sehr wahrscheinlich, dass mitunter deutsche Soldaten nach einer Ansteckung Selbstjustiz übten.

Alte, Behinderte und Kinder Behinderte und Kinder in Heimen wurden teilweise durch Erschießen und Verhungernlassen getötet. Die Versorgung von Alten, Behinderten und Kindern war während der Besatzungszeit sehr schlecht. Durch Mangelernährung (Hungerplan), zunehmende Infektionskrankheiten, fehlende Medikamente und mangelhafte medizinische Versorgung stieg die Sterblichkeit signifikant an. So starben in Charkow 1942 mehr als fünfzig Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr. Unklar ist, in welchem Umfang Kinder als Blutspender (zur Versorgung deutscher Soldaten oder für medizinische Versuche?) in deutschen Lazaretten missbraucht wurden und inwieweit das zur Erhöhung der Sterblichkeit beitrug.

Außerhalb der Ukraine Ukrainische Ostarbeiter, die zur Zwangsarbeit verschleppt wurden, litten teilweise an psychischen Erkrankungen, nervlicher Zerrüttung oder Infektionskrankheiten (insbesondere Tuberkulose) und wurden im Rahmen der „dezentralen Euthanasie“ im Reich ermordet. Ukrainische Evakuierte und vor der Besetzung geflohene kranke und behinderte Einwohner wurden außerhalb der Ukraine von der Front eingeholt und waren dann der Vernichtungspolitik ausgesetzt.

Opferzahlen Mindestens 8.500–9.000 Psychiatrische Patienten wurden erschossen, vergiftet oder starben an der vorsätzlichen Hungerpolitik. Einige hundert Menschen mit Infektionskrankheiten (Typhus, Geschlechtskrankheiten) wurden vermutlich ermordet. Bis zu einige tausend Bewohner von Behinderteneinrichtungen, Anstalten und Kinderheimen wurden getötet. Tausende von Säuglingen und Kindern in Kinderheimen und Fürsorgeeinrichtung starben wegen der gezielt schlechten medizinischen Versorgung und sanitären Verhältnisse.

Aufarbeitung mini|hochkant|Denkmal für 752 Patienten beim Psychiatrischen Krankenhaus Kiew Die Krankenmorde in der Ukraine stellen ein wenig erforschtes Thema der deutschen Besatzungsherrschaft dar und werden erst in jüngster Zeit erforscht. In der deutschen Erinnerungskultur haben die Opfer kaum Platz gefunden. Seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine im Februar 2022 unterstützt ein deutsches Hilfsnetzwerk aus Gedenkstätten, Museen sowie verschiedenen Initiativen und Vereinen die Überlebenden der NS-Verfolgung in der Ukraine.Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde: Neu gegründetes Hilfsnetzwerk will Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine unterstützen. 20. März 2022.

Die Außerordentlich Staatliche Kommission nahm zwischen 1942 und 1945 die Verbrechen auf, die auch Eingang in die sowjetische Anklage im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess fanden. Auch in der Ukraine fanden Nachkriegsprozesse gegen NS-Verbrecher sowie Strafverfahren gegen Kollaborateure statt. Das Klinikpersonal erhielt als vermeintliche Kollaborateure wie beim Krankenhaus von Poltawa teilweise härtere Freiheitsstrafen als deutsche Täter. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden Urteile gegen Krankenhausmitarbeiter und städtisches Personal im Rahmen der „Rehabilitierung der Opfer politischer Repression“ in der Ukraine revidiert.

Literatur

Weblinks Die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde: Russland - Weißrussland - Ukraine. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Einzelnachweise

Kategorie:Krankenmorde im Nationalsozialismus Kategorie:Holocaust in der Ukraine Kategorie:NS-Kriegsverbrechen