Litauische Claviere ist der Titel des letzten, 1966 posthumim Union Verlag (VOB) Berlin und 1967 im Verlag Klaus Wagenbach, Berlin veröffentlichen Romans von Johannes Bobrowski. Er spielt 1936 im deutsch-litauischen Grenzland an der Memel und handelt von einem Opernprojekt über den litauischen Dichter Kristijonas Donelaitis vor dem gesellschaftlich-politischen Hintergrund der zunehmenden nationalsozialistischen Agitationen.

Inhalt

Überblick Die Handlung spielt an zwei Tagen, am 23. und 24. Juni 1936,Der Autor verlegte die beiden Tage auf ein Wochenende. am Vortag und Tag des Mittsommerfestes, in einer ostpreußischen StadtDie Beschreibung, z. B. des Fletcherplatzes, der Kleinbahn und der geographischen Lage deuten auf das ostpreußische Tilsit hin, im Handlungsverlauf werden Voigt und Gawehn „die Tilsiter Herren“ genannt: Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 33. und im litauischen Memelland. mini|Bahnfahrt nach WillkischkenKarte mit den Handlungsorten: Fotos (Orte an der Memel): https://johannesbobrowski.de/orte-an-der-memel/ Gymnasialprofessor Martin Voigt, ein Mitglied der Deutsch-Litauischen Gesellschaft, regt den Konzertmeister und „Primgeiger“ Gawehn an, die Musik zu seiner Oper über den von ihm bewunderten litauischen Nationaldichter Christian Donelaitis zu schreiben. Dazu suchen sie authentische Volkslieder und reisen mit der Kleinbahn über die Grenze an der Memel ins litauische Dorf Willkischken.In der evangelischen Kirche heiratete Bobrowski die Bauerntochter Johanna Buddrus aus dem Kirchspielort Motzischken. Im Gemeindezentrum befindet sich heute ein kleines, ihm gewidmetes Museum, in dem sein Berliner Arbeitszimmer mit weitgehend originalen Einrichtungsgegenständen nachgebildet wurde: Fotos (Kindheit, Jugend): https://www.bildarchiv-ostpreussen.de/suche/index.html.de?searchtype=topic&topic=5921#!start=1. Fotos (Arbeitszimmer): https://johannesbobrowski.de/bobrowskis-arbeitszimmer/. Dort treffen sie sich mit dem Lehrer Potschka, der litauische Volkslieder sammelt, die „Dainos […] mit ihren offenbaren Regellosigkeiten“,Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 10. und die litauische Sprache auf der Grenze zwischen Tilsiter und Ragnitzer Litauisch erforscht.

Während Gawehn am zweiten Handlungstag mit Volksliedern aus Potschkas Sammlung in die Stadt zurückkehrt, reisen die Protagonisten zur Sonnenwendfeier nach Bittehnen.

Die Handlung spielt vor dem politisch-gesellschaftlichen Hintergrund der nationalsozialistischen Herrschaft 1936, drei Jahre nach der Machtübernahme und drei Jahre vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, und ihrer Versuche, im Grenzgebiet zwischen Ostpreußen und Litauen, in einem Mischgebiet verschiedener Volksgruppen, die deutsch-nationale Bevölkerungsgruppe für ihre Ideologie von der Überlegenheit der deutschen Kultur und Rasse zu gewinnen und eine Vermischung mit baltischen Volksgruppen zu verhindern.

Aufbau: Kap. 1: Fahrt nach Willkischken Kap. 2: Liedersammler Potschka und die Dorfgesellschaft Kap. 3: Potschka und seine Freundin Tuta Gendrolis Kap. 4: Das litauische Mittsommerfest in Bittehnen mit Storosts Festspiel „Vytautas“ über den Großfürsten von Litauen Kap. 5: Indra Budrus (Skizze nach Storost) Kap. 6: Das deutsche Sonnenwendfest mit dem Theaterstück über die preußische Königin Luise und einer Schlägerei mit den Litauern zum Abschluss Kap. 7–9: Potschka mit seinen Phantasien auf dem virtuellen trigonometrischen Punkt

Voigt Die Protagonisten des Romans, Voigt und Potschka, versuchen gegenüber den nationalen Bewegungen die Vielfalt der Sprachen und Traditionen zu erhalten. Der Gymnasialprofessor Voigt ist Mitglied der 1917 gegründeten Deutsch-Litauischen Gesellschaft (DLG) und ein Bewunderer des zweisprachigen Dichters Christian Donelaitis und seiner Poetik.Donelaitis war im 18. Jh. im preußisch-litauischen Dorf Tollmingkehmen Pfarrer und ein „Mechanikus, Linsenschleifer, Thermometer- und Barometerbauer, Hersteller dreier Claviere“.

Während Schule und Kirche deutschsprachig sind, versucht Voigt, die litauische Sprache und Volkskultur zu bewahren, „[e]in unwiderruflich untergehendes Volkstum, um das es schade ist, die Zurückdrängung geschieht von Süden nach Norden, eine aussterbende Sprache von größter Schönheit, eine Volkspoesie von höchstem Reichtum“, wie schon Goethe und Herder erkannten. „Ein Volk, freundlich und heftig, dem man aber einen gewissen Fatalismus nachsagt.“Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 12.

Seiner Einstellung entsprechend, hat Voigt in seiner Wohnung ein Bild des Rombinus-Bergs, eines für die Litauer kultisch bedeutsame Hügels und Ortes ihrer Sonnenwendfeiern, und Porträts der Donelaitis-Übersetzer Ludwig Rhesa und Ludwig PassargeBobrowski orientierte sich bei seinen Zitaten an dessen Nachdichtung: Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, Nachbemerkung, S. 127. aufgehängt Er ist von Donelaitis‘ Ideen der natürlichen Gleichheit unter den Menschen, seines Lobes des einfachen Landlebens und der Satiren über die preußischen Amtmänner angetan. Vor allem gefallen ihm in seinem in litauischen Hexametern verfassten Epos Metai (Jahreszeiten) die teils romantische, teils satirische Darstellung der „Leute, Kleinbauern und Mägde und ihrer ländlichen Arbeit“, „Idyllen ohne Schäfer und Schäferin“.Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 9.

Donelaitis-Oper Voigt plant eine Donelaitis-Oper, mit der er dem litauischen Dichter aus dem 18. Jh. ein Denkmal setzen möchte: eine Montage mit Szenen aus seiner Biographie und seinem Metai-Epos: In seinem Entwurf trägt die Oper den Titel „Der Sänger seines Volkes“. Wie das Epos hat sie keine durchgehende Handlung, sondern ist eine Szenenfolge, in der ca. 14 Personen, z. T. aus der Metai-Handlung, und ein Chor auftreten. Eingefügt werden Lieder und Zitate aus den Idyllen (Die Gaben des Herbstes, Die Sorgen des Winters). Auf Voigts Planungszettel steht: Dorf Lasdislehen [Geburtsort des Dichters], Königsberg [Ordination], Kleinstadt Stallupönen [Kantorstelle], Dorf Tolmingkehmen [Pfarrstelle]. Aufbau: Ouvertüre mit volkstümlichen Liedern, Auszug eines jungen Menschen, eines Witwenkindes, vom Dorf nach der Stadt, Abschied am Zaun, Hungerduett zweier Studenten über Freitisch und Unterkunft in der Stiftung, Stube Litera C. Schreibtisch- oder Predigtkrieg: Gedanken eines Dorfgeistlichen, Dialog mit dem Amtmann wegen der Überprüfung des Pfarrlandes. Stiftung eines Verlöbnisses, Hochzeitsszene mit Donelaitis unter den Gästen (Faulenzer Dotschys, Schlunkspecht Slunkius, Selmyke, Magusze, Aste). Studienfreund Sperber besucht Donelaitis in Tolmingkehmen. Arie: Altersklage.

Voigt vermutet, der Dichter habe „resigniert, sich in Krankheiten zurückgezogen, sich mit Klagen beschieden […] Die Reinheit der Sitten schwinde mit dem Vordringen der Deutschen. Deutsch – das sei aus Stehlen und Fluchen zusammengesetzt“.Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 75. Nach Voigts Interpretation war Donelaitis jedoch kein „Deutschenfeind“, sondern er kritisierte die „Herrschaftsverhältnisse“. Deshalb denkt Voigt an die Einbeziehung eines Aufstandes in die Oper. Angeregt wird er durch ein Epitaph in der Kirche, das an den Bauernaufstand von Kaymen, 1525, gegen den Hochmeister und preußischer Herzog Albertus erinnert: „Da waren doch schon einmal alle zusammengestanden, die deutschen Ansiedler mit den unterdrückten preußischen einheimischen und den Scharmaiten“.Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1970, S. 62.

Am Mittsommerfesttag in Bittehnen spricht Voigt auf dem Hügel Rombinus mit Professor Wilhelm Storost, dem Autor des dort aufgeführten litauischen Festspiels, und mit Saluga, dem Redakteur der litauischen Zeitung Keleivis (Der Wanderer), über ihre Bemühungen um die Erhaltung der litauischen Kultur (Kap. 4). Storost empfiehlt ihm eine drastische sprachmächtige Szene aus Donilaitis‘ „Gaben des Herbstes“ für seine Oper. (6. Kap.). Saluga dagegen sieht das Projekt insgesamt skeptisch: Sie betrieben eine Art „Volkskundemuseum“. Er fragt Voigt: „[W]erden Sie nicht morgen schon allein stehen? War das alles doch eher Romantik, und ist sie vorbei? […] ging es nicht um die Integration Litauens und also um seine Auslöschung? Dieser Staat jetzt, so wie er ist, wird unsere Hoffnungen nicht erfüllen“.Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 74. Der Erzähler reflektiert mit den drei Literaten: „Diese Oper. Wer wird sie aufführen wollen? Oder können, jetzt, in Deutschland? Und in Litauen, wie stünde es damit? Das sieht doch alles, hüben wie drüben, sehr ähnlich aus.“Johannes Bobrowski: Litauische Claviere. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1970, S. 77.

Potschka Anregungen für die Komposition suchen Voigt und Gawehn im Besuch des ländlichen Litauens und in der Volksliedersammlung des litauischen Lehrers Potschka, ein ähnlicher Grenzgänger zwischen der deutschen und der litauischen Kultur wie ihr Vorbild Donelaitis. Sein Zimmer über dem Saal von Plattners KrugParallele zu Voigts Wohnung in der Stadt ist gefüllt mit seiner Liedersammlung. An der Wand hängen zwei Bilder von Ciurlionis: „Das Königsmärchen“ und ein Balkenkreuzbild mit Spitzdach vor einer Landschaft.vielleicht in assoziativer Verbindung mit dem surrealen trigonometrischen Punkt mini|Königsmärchen Durch seine Liebesbeziehung zu Tuta (3. Kap.) gerät Potschka in die Kritik der deutschnationalen Bevölkerung in Willkischken. Er selbst ist ein Grenzgänger zwischen den Volksgruppen und ein träumerischer Idealist. Bei der Erzählung seines Lebens mischt er seine Biographie mit der des von ihm bewunderten Christian Donelaitis: Keine Erinnerung an den Vater, die fremde Stadt, Pauperschüler, Collegium Albertinum, Litauische Stiftung, Freund Sperber in Kunzen, auf der Kurischen Nehrung. Dabei taucht er ganz in seine Phantasiewelt ein, identifiziert sich mit dem litauischen Dichter und spricht seine Geliebte mit Anna Regina, dem Namen von Donelaitis‘ Frau, an und sie nennt ihn Christian.

Deutsche und Litauer Infolge des Versailler Vertrages wurde das Memelgebiet mit seiner Mischbevölkerung vom deutschen Reichsgebiet abgetrennt und seit 1923 von Litauen verwaltet. In der Folge kam es Spannungen zwischen den beiden Ländern und ihren Bevölkerungsgruppen. Zur Handlungszeit des Romans, 1936, besucht der nationalsozialistische Rechtsanwalt Neumann aus Memel das Grenzgebiet und agitiert für eine „großdeutsche Lösung“.

Die aufgeheizte Stimmung spürt Voigt vor seiner Reise ins Memelland in der im Untergeschoss seiner Stadt-Wohnung gelegenen Kneipe. Dort wird ein Dienstjubiläum gefeiert und der Litauer Elisat, ein ehemaliger Musikdirektor, spielt deutsche Heimatlieder (Ännchen von Tharau) und dazwischen auch Litauisches. Darauf schlägt ihm der angetrunkene Assistent Lenuweit, „seit drei Jahren in Stiefeln“, ein Bierglas auf den Kopf und redet über „Deutsch ist die Saar“. Der hinzukommende Voigt schreitet ein und erzählt später während der Zugfahrt empört von dem Übergriff. Seine Zuhörer reagieren teils deutschnational und beschwichtigend, teils zurückhaltend und ängstlich.