Der Papierhandel ist für die über zweitausendjährige Geschichte des Papiers von erheblicher Bedeutung. Papierhandel umfasst die Bereiche Papierherstellung und -verarbeitung für Erfordernisse von Bildung, Kunst und Religion, Rechtspflege und Verwaltung. Der Papierhandel tangiert auch die Bereiche Buch- und Verlagswesen sowie persönliche Schriftkultur.

Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Japanpapier-Import-Gesellschaft Drissler & Co. In Frankfurt am Main veröffentlichte der Papierhändler Hans Drissler 1954 einen von dem Papierhistoriker und Wasserzeichenforscher Gerhard Piccard verfassten und mit charakteristischen Wasserzeichenabbildungen versehenen, nur 12 Seiten umfassenden Privatdruck, dessen zentrale Aussage von der einschlägigen Forschung aber erst mit gehöriger Verzögerung zur Kenntnis genommen wurde. Piccard stellte klar, dass die papiermachenden Handwerker in ihrer Bedeutung bislang überschätzt worden seien, während doch eigentlich der Handel „zu allen Zeiten vielmehr der eigentliche Initiator der Papiermacherei“Gerhard Piccard: Frankfurt, Frühe Stadt des Papierhandels. Zweiter Privatdruck Dr. Hans Drissler, Frankfurt am Main 1954, S. 3. gewesen sei. Es gelte deshalb, dem Papierhandel in seiner großen kulturellen Bedeutung gerecht zu werden. Doch die Grundzüge der Papiergeschichte widmen dem Papierhandel exakt eine einzige Druckseite.Peter F. Tschudin: Grundzüge der Papiergeschichte. 2., erg. Aufl. Hiersemann, Stuttgart 2012 (Bibliothek des Buchwesens, 23).

Mehr als 60 Jahre später stellte ein von Sandra Zawrel veröffentlichter Forschungsbericht über den Papierhandel im Europa der frühen Neuzeit fest, dass selbiger aus Sicht der Kommunikationsgeschichte nach wie vor ein Desiderat sei, obwohl er „eine grundlegende Organisations- und Versorgungsleistung für weite Teile der öffentlichen, wie auch der privaten Kommunikation“Sandra Zawrel: Papierhandel im Europa der Frühen Neuzeit. Ein Forschungsbericht, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte 19 (2017), S. 98–120, hier S. 98. erbracht habe.

Dieses Defizit mag daraus entstanden sein, dass im Zeitalter einer sich entwickelnden Großindustrie aus deren Blickwinkel nicht ein unabhängiger Papiergroßhandel, sondern der Papiervertrieb der jeweiligen Unternehmen wachsende Bedeutung erlangte und folglich auch kenntnisreich betrieben wurde.Paul Klemm: Handbuch der Papierkunde. Zum Nachschlagen und zum Unterricht über Verwendung, Herstellung, Prüfung und Vertrieb von Papier. 3. Aufl. Th. Griebens's Verl. L. Fernau, Leipzig 1923, S. 322.

Erst den Forschungen von Stefan Feyerabend zum Papierhandel im 19. Jahrhundert und der Entstehung des modernen Feinpapiergroßhandels war weitere Klärung zu verdanken.Stefan Feyerabend: 180 Jahre Papiergroßhandel. Hamburg 1998.

Überblick

Auf Handel, also wirtschaftlichen Austausch zwischen verschiedenen Akteuren, kann nur unter solchen speziellen Verhältnissen verzichtet werden, wie sie zum Beispiel noch im Verlauf des 20. Jahrhunderts in japanischen Dorfgemeinschaften gegeben waren, wo die überwiegend bäuerliche Bevölkerung selbst die Rindenbaststoffe von Kozo, Gampi und Mitsumata erntete, aufwändig aufbereitete und zu großen Papierbogen verarbeitete, mit denen anschließend die hölzernen Rahmen der Schiebefenster und Schiebetüren der eigenen Häuser beklebt wurden. „Um 1638 erschien zum ersten Mal Papiergewebe in der Geschichte. Es waren die Bauern, die in den Wintermonaten Papier schöpften. Wegen ihrer Not suchten sie nach einer Möglichkeit, ihre eigenen Kleider herzustellen.“Therese Weber: Washi. Vergangenheit und Gegenwart der japanischen Papiermacherkunst. Basel / Therwil 1988, S. 37–38. Auf einem bestimmten Niveau der Papierfertigungstechnik ist solche Subsistenzwirtschaft möglich, wenn pflanzliche Rohstoffe und reines Wasser vorhanden sind und die erforderlichen Werkzeuge und Gerätschaften wie die Schöpfsiebe mit ihren aus dünn gehobelten Bambusstäben gefertigten Siebmatten selbst produziert werden können.

Auf Handel konnten Herrscher verzichten, die ihren Papiermachern im Rahmen der Erteilung von Konzessionen für die Betriebserlaubnis der Papiermühlen hohe Naturalabgaben in Form von Papierlieferungen abverlangten.

Handel mit Papier kam immer dann zustande, wenn Bedarf durch auf den Handel spezialisierte Kaufleute an Papiermacher herangetragen wurde, welche die benötigten Mengen im Tausch gegen andere Wirtschaftsgüter veräußerten. Handel mit Papier wurde auch betrieben, wenn ein Aufkäufer seine Vorräte an einen anderen Händler weiterveräußerte, dabei genau über Sorten und Wertstufen, Formate und Preise, Mengen und Handelsbräuche Bescheid wusste, sich mit Zöllen und Abgaben und günstigen Transportwegen auskannte, umgekehrt Papierhersteller über die Bedürfnisse der Papierverarbeiter und Endverbraucher hinsichtlich Papierqualitäten, Mengenerfordernissen und Terminvorgaben informieren konnte. Papierhandel konnte und kann in den unterschiedlichsten Formen erfolgen, als Fabrikverkauf, auf Messen und Märkten, als ambulanter Handel, als Groß-, Zwischen- und Einzelhandel.

Beim Zustandekommen des Papiers waren und sind die dabei erforderlichen Roh- und Hilfsstoffe ebenfalls Handelsobjekte. Mit abgelegten Textilien befassten sich Lumpensammler und der Lumpenhandel, mit dem Aufkommen von Lumpenersatzstoffen entstanden Holzschleifereien, die ausschließlich für den Handel arbeiteten, schließlich entsteht mit dem Aufkommen des chemisch erschlossenen Holzzellstoffs ein weltweites Handelssystem. Gleichzeitig wird Altpapier als Sekundärrohstoffe zum wertvollen Wirtschaftsgut. Großunternehmen und vertikale Konzerne der Papierwirtschaft können von der Waldwirtschaft über die Zellstoffgewinnung und Papierherstellung bis zur Produktkonfektionierung und weltweiten Vertriebsorganisation mittels Verkaufsbüros in marktnahen Orten als ein Akteur unter einer Marke in Erscheinung treten.

Der Papierhandel profitierte im Spätmittelalter von der allgemeinen Entwicklung des Handels, der entlang wichtiger Handelsrouten in Oberitalien Messestädte hervorbrachte und in Städtebünden wie der Hanse verlässliche Strukturen entwickelte. Neue kaufmännische Instrumente wie die doppelte Buchführung oder die Verbreitung von Wechselbriefen basierten auf der aufkommenden Papierkultur und stärkten die Nachfrage nach Papier in bedeutendem Umfang. Mehrere Jahrhunderte später hatte der handlungsreisende Papiervertreter eine Eisenbahnfahrkarte einstecken, in seinem Koffer befanden sich Musterbücher voller originaler Papierproben, eilige Botschaften wurden auf Telegrafenstreifen festgehalten. Der Papierhandel nutzte alle Potentiale der Papierkultur für die eigenen beruflichen Zwecke.

Wie schon zu Zeiten der Handpapierfertigung haben sich auch in industriellen Zeiten die geografischen Schwerpunkte sowie die Handelsströme und deren Richtung mit oft großer Dynamik verändert.. Erst seit dem 20. Jahrhundert liegen hierzu zuverlässige Statistiken vor.

Literatur Daniel Bellingradt und Anna Reynolds (Hrsg.): The paper trade in early modern Europe. Practices, materials, networks. Brill, Leiden 2021 (= Library of the written word, volume 89. The handpress world). Stefan Feyerabend: Papierhandel im 19. Jahrhundert und die Entstehung des modernen Feinpapiergroßhandels, in: Wochenblatt für Papierfabrikation 125 (1997), Nr. 7, S. 308–318. Stefan Feyerabend: 180 Jahre Papiergroßhandel - 90 Jahre Deutscher Verband. Ein Überblick. Herausgegeben durch den Bundesverband des Deutschen Papiergroßhandels, Celle. Hamburg, Feyerabend 1998. Franz Irsigler: Papierhandel in Mitteleuropa, 14.–16. Jahrhundert, in: Miscellanea Franz Irsigler (2006), S. 309–348 (Veränderter Neuabdruck des Aufsatzes La carta. Il commercio, 1992.) Nils J. Lindberg: Paper comes to the north. Sources and trade routes of paper in the Baltic Sea region 1350-1700. A study based on watermark research. IPH, Marburg 1998 (International Association of Paper Historians. IPH monograph series; 2). ISBN 952-90-9795-6. Hermann Meyer: Papierfabrikation und Papierhandel. Beiträge zu ihrer Geschichte, besonders in Sachsen. In: Archiv für Geschichte des deutschen Buchhandels 11 (1888), S. 283–357. Viktor Thiel: Papiererzeugung und Papierhandel vornehmlich in den deutschen Landen von den ältesten Zeiten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. In: Archivalische Zeitschrift 3 (1932), 106–151. Nikolaus Wolf: Kurze Geschichte der Weltwirtschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 64· 1–3/2014, 30. Dezember 2013, S. 9–15. (Online) Maria Zaar-Görgens: Champagne – Bar – Lothringen. Papierproduktion und Papierabsatz vom 14. bis zum Ende des 16. Jahrhunderts. Porta-Alba-Verlag Trier 2004 (Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte, 3). ISBN 978-3-933701-11-4 Sandra Zawrel: Zwischen Mühle und Druckerei. Der Amsterdamer Papierhandel 1750–1810. Campus, Frankfurt 2025. ISBN 978-3-593-51969-2 (print), ISBN 978-3-593-45920-2 (digital)

Einzelnachweise

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