Josch Hoenes (* 14. Oktober 1972; † 22. September 2019) war ein deutscher Kunst- und Kulturwissenschaftler und Aktivist, der im Bereich Transgeschlechtlichkeit und Queer Studies forschte.
Leben und Wirken Hoenes studierte von 1993 bis 2000 Ethnologie, Sozialpsychologie und Interkulturelle Kommunikation in München und wechselte danach für einen Aufbaustudiengang zu Kulturwissenschaftlichen Geschlechterstudien an die Universität Oldenburg. Von 2007 bis 2010 war Hoenes wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kunstwissenschaft und Kunstpädagogik der Universität Bremen, arbeitete danach bis 2013 freiberuflich an der Hochschule für Künste Bremen und promovierte parallel 2012 zum Thema »Nicht Frosch – nicht Laborratte. Transmännlichkeit im Bild. Eine kunst- und kulturwissenschaftliche Analyse visueller Politiken«. An der Universität Oldenburg meldete er ein Habilitationsprojekt an zu „Un_Möglichkeiten. Kulturelle und symbolische Verhandlungen von Geschlecht, Begehren und Sexualität in queeren Mediosphären“.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit war Hoenes auch in der politischen Bildungsarbeit und Interessenvertretung von geschlechtlicher Vielfalt tätig. Von 2012 bis zu seinem Tod war Hoenes als Mitglied im Vorstand der Hannchen-Mehrzweck-Stiftung aktiv. Außerdem arbeitete er zeitweise im Bundesverband Trans* mit, unter anderem als Pressereferent. Im Zusammenhang mit der Einführung einer dritten Geschlechtsoption im deutschen Personenstandsrecht äußerte sich Hoenes wiederholt öffentlich zu den politischen Reformen und kritisierte deren aus seiner Sicht unzureichende Berücksichtigung geschlechtlicher Vielfalt.
Hoenes gilt, gemeinsam mit Adrian de Silva, als „zentral für den Aufbau von Trans* Studies als Forschungsrichtung im deutschsprachigen Raum“. Hoenes engagierte sich zudem für die Schaffung von Räumen für den Austausch und die Produktion von Wissen über inter- und transgeschlechtliche Lebensweisen und unterstützte den Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Inter*- wie Trans*-Communities. Beispielhaft für seine wegbereitenden Tätigkeiten sind neben der 2015 von ihm mitveranstaltete Konferenz des Inter*-Trans*-Wissenschaftsnetzwerkes „Wissen(schafts)politik an den Grenzen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit“ an der Universität Oldenburg und der anschließend von ihm mitherausgegebene Sammelband „Transfer und Interaktion: Wissenschaft und Aktivismus an den Grenzen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit“ (Hoenes/Koch 2019) sowie seine langjährigen Bemühungen um die Anerkennung von inter* und trans* Forschung in der Fachgesellschaft Gender Studies.
Am 1. Oktober 2019 sollte Josch Hoenes eine Stelle als wissenschaftlicher Referent der Magnus-Hirschfeld-Stiftung antreten. Hoenes starb unerwartet am 22. September 2019.
Nachlass Unter dem Titel "Von Fröschen, Einhörnern und Schmetterlingen - Trans*_queere Wirklichkeiten und visuelle Politiken. Schriften von Josch Hoenes (1972-2019)" veröffentlichten Robin Bauer, Adrian de Silva und Utan Schirmer 2024 frühere Schriften in Andenken an Hoenes.
Sein Nachlass wurde 2024 im Rahmen vom Projekt Trans*cestors erschlossen – einem Projekt zur Sichtbarmachung der Vor- und Nachlässe mit trans*, inter* und nichtbinärem Bezug innerhalb des Schwulen Museum Berlin. Hierfür wurde 2026 auch sein Lieblingspullover auf der Website des Schwulen Museums präsentiert und vorgestellt.
Rezeption Hoenes' Forschung und Aktivismus fanden sowohl in Fachverbänden wie auch in überregionalen Medien Beachtung. Ein Nachruf, der in der Zeitschrift Femina Politica erschien, betont die Bedeutung seiner wissenschaftlichen Arbeit und sieht in Hoenes einen „der bedeutendsten Wegbereiter und Ausgestalter der Transgender Studies im deutschsprachigen Raum“. In einer Ausgabe des Fachjournals Zeitschrift für Medienwissenschaft zum Thema „Trans Media Studies“ wird Hoenes' Forschung als „entscheidende Grundlagenarbeit“ bezeichnet.
Hoenes' Verbindung von wissenschaftlicher Expertise und Aktivismus fand auch über akademische Kontexte hinaus Beachtung. Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte im November 2018 ein Interview mit Hoenes zur Reform des Personenstandsrechts und zur dritten Geschlechtsoption. Auch der SPIEGEL berichtete im Zusammenhang mit der Debatte um die dritte Option über die kritische Haltung von Hoenes. Darüber hinaus wurde Hoenes von der Bundeszentrale für politische Bildung als wissenschaftlicher Experte zu Fragen der Darstellung von Geschlecht in den Medien eingeladen.
Publikationen (Auswahl) Monografie
Nicht Frosch – Nicht Laborratte: Transmännlichkeiten im Bild. Eine kunst- und kulturwissenschaftliche Analyse visueller Politiken, Bielefeld: transcript, 2014, ISBN 978-3-8376-2524-0.
Herausgeberschaften
Transfer und Interaktion. Wissenschaft und Aktivismus an den Grenzen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit. Oldenburg: BIS-Verlag 2017, zusammen mit Michael_a Koch, ISBN 978-3-8142-2347-6 (http://oops.uni-oldenburg.de/3050/). un/verblümt. Queere Ästhetiken und Theorien, Berlin: Revolver 2014, mit Barbara Paul Sehen – Macht – Wissen. ReSaVoir: Bilder im Spannungsfeld von Kultur, Politik und Erinnerung. Bielefeld: transcript 2011, mit Angelika Bartl, Patricia Mühr und Kea Wienand (Hg.), ISBN 978-3-8376-1467-1. Landschaftlichkeit. Forschungsansätze zwischen Kunst, Architektur und Theorie, Berlin: Reimer 2010, mit Irene Nierhaus und Annette Urban Unbeschreiblich männlich. Heteronormativitätskritische Perspektiven. Hamburg: Männerschwarmskript Verlag 2007, mit Robin Bauer und Volker Woltersdorff (Hrsg.), ISBN 978-3-939542-01-8.
Aufsätze, Rezensionen, Katalogbeiträge
Caroline Ausserer, Josch Hoenes: Der nächste Ausschluss in der taz am 6. Juli 2026 Teilnehmende Lektüre - Überlegungen zur Objektivierung des Forschersubjekts, in: Josch Hoenes, Michaela Koch (Hg.): Transfer und Interaktion. Wissenschaft und Aktivismus an den Grenzen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit. Oldenburg: BIS-Verlag 2016, ISBN 978-3-8142-2347-6, S. 63–8 mit und Michael_a Koch: Einleitung: Wissenschaftspolitik an den Grenzen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit, in: Josch Hoenes, Michaela Koch (Hg.): Transfer und Interaktion. Wissenschaft und Aktivismus an den Grenzen heteronormativer Zweigeschlechtlichkeit. Oldenburg: BIS-Verlag 2016, ISBN 978-3-8142-2347-6, S. 7–21 Das kulturelle Gewicht der Genitalien. Streifzüge durch die TransGenital Landscapes von Del LaGrace Volcanos, in: Barbara Paul, Lüder Tietz (Hg.): Queer as … - Kritische Heteronormativitätsforschung aus interdisziplinärer Perspektive, Bielefeld: Transcript 2016, ISBN 978-3-8376-3249-1, S. 103–125. Trans* in den Kunst- und Medienwissenschaften (Einzelexpertise) in: Arn Thorben Sauer, Geschlechtliche Vielfalt - Begrifflichkeiten, Definitionen und disziplinäre Zugänge zu Trans- und Intergeschlechtlichkeiten, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin 2016, S. 48–54. Das Gewicht der Imagination - oder wie Kunst queere Verkörperungen hervorbringt. (Rezension zu: Renate Lorenz: Queer Art. A Freak Theory. Bielefeld: transcript 3/2012.), In: IASLonline [27.10.2015]. un/verblümt – Geschlecht, Sexualität und Begehren. Queere Politiken in Kunst und Wissenschaft, in: Josch Hoenes / Barbara Paul : un/verblümt. Queere Ästhetiken und Theorien, Berlin: Revolver 2014, S. 13–37 gemeinsam mit Barbara Paul. Rezension von Regener, Susanne / Köppert, Katrin (Hrsg.): privat / öffentlich. Mediale Selbstentwürfe von Homosexualität. Wien 2013, in: H-Soz-u-Kult 05.06.2014 Wirklich – schön – begehrenswert! Trans* in der Kunst und Kultur Ästhetische Inversionen des Perversen oder Totemtiere der westlichen Moderne, in: von Oldenburg, Helene / Reiche, Claudia (Hg.): quite queer, Bremen: thealit 2014, S. 35–46. Del LaGrace Volcanos Transgenital Landscapes: Ästhetische Aspekte der Subjektbildung, in: Kittlausz, Viktor (Hg): Räume der Vermittlung: ästhetische Prozesse zwischen Alltag und Kunst. Berlin: LIT-Verlag, 2013 Queer Art of Looking. On the Art of Del LaGrace Volcano, in: Haas, Julia / Katz, Jonathan (ed.): Del LaGrace Volcano: A Mid-Career Retrospective, New York: Leslie+Lohman museum of Gay and Lesbian Art, 2012, S. 2–5 (englische Übersetzung von Lisa Glauer) Ruvele Glibter – or how to make love, in: Renner, Elianna 2012: Bobe Mayses, Arbeiten 2008-, Bremen: KUBO-Verlag, 2012, S. 30 A Fabulous County of Gender. Queer-feministische Fantasiebilder von Männlichkeit und Sexualität, in: Katz, Jana / Kock, Martina / Ortmann, Sandra / Schenk, Jana / Weiss, Tomka (Hg.): Sissy Boyz. Queer Performance, Bremen: thealit, 2011, S. 42–56 mit Julia Noah Munier »Du bist das Beste von beiden Welten« – »Du gehörst hier nicht hin«. Loren Camerons Zerrbilder gegen heteronormative Zweigeschlechtlichkeit, in: Paul, Barbara / Schaffer, Johanna (Hg): Mehr(wert) queer – Queer Added (Value). Visuelle Kultur, Kunst und Gender-Politiken – Visual Culture, Art, and Gender Politics, Bielefeld: transkript, 2009, S. 43–58 (englische Übersetzung von Erika Doucette, S. 59–70) Frau Müller, Storno Bitte! Fachabteilung für queerartporn, in: Bauer, Susanne / Bergermann, Ulrike / Hanke, Christine u. a.: Prototypisieren. Eine Messe für Theorie und Kunst, Bremen: thealit 2009, S. 181–193 mit Thomas Böker Queer/Trans: Geschlecht und Sexualität im Spannungsfeld von urbanen Zentren und Peripherien. Eine exemplarische Analyse von Boys don't Cry, in: Krasny, Elke / Nierhaus, Irene (Hg): Urbanografien. Stadtforschung in Kunst, Architektur und Theorie, Berlin: Reimer 2008, S. 93–104 »Und wenn sie eine fest Form angenommen haben« – die Tranzportraits von Del LaGrace Volcano, in: FKW – Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur, »Indem es sich weigert, eine feste Form anzunehmen« - Kunst, Sichtbarkeit, Queer Theory, Heft 45, Juni 2008, S. 72–85 Images et formations de corps d'hommes trans. Politique visuelle dans les photographies de Loren Cameron, übersetzt von Elsa Fernandez und Cornelia Möser, in: Boucier, Marie-Hélène / Molinier, Pascale (Hg): Les fleurs du mâle. Masculinités sans hommes? Paris: L'harmattan 2008, S. 43–58 KörperBilder von Transmännern. Visuelle Politiken in den Photographien Loren Camerons. In: Bauer, Robin / Hoenes, Josch / Woltersdorff, Volker (Hg): Queere und heteronormativitätskritische Perspektiven auf Männlichkeiten, Hamburg: Männerschwarmskript 2007, S. 135–148 »Im falschen Körper«: Implikationen der räumlichen Metaphorik in der Wissensproduktion zu Transsexualität, in: Lagner, Ronald u. a. (Hg.): Ordnungen des Denkens. Debatten um Wissenschaftstheorie und Erkenntniskritik, Berlin: LIT-Verlag 2007, S. 189–199 Das Schweigen brechen. Rezension des Katalogs »1-0-1 [one 'o one] intersex. Das Zwei-Geschlechter-System als Menschenrechtsverletzung«, in: Querelles-Net, Nr. 18, März 2006 www.querelles-net.de/2006-18/text18hoenes.shtml Rosaroter Standortfaktor. Ein Protokoll mit Anmerkungen und Zitaten, in: GAK (Hg.): Tales of Hazyland. Geschichten aus der Stadt des Verschwindens, Projektreader city.crime.control. Bremen 2005, S. 21–25, mit Thomas Böker www.dekoder.de/uploads/c3_tales_from_hayzland_projektreader_v2.pdf EigeneGeschichten - SichtProbleme. Zu lesbischen und transsexuellen Rezeptionen von »The Well of Loneliness«, in: FrauenKunstWissenschaft, Sonderband: Gender-Memory. Repräsentationen von Gedächtnis, Erinnerung und Geschlecht, Heft 39, 2005, S. 17–26 Identitäten in Räumen, in: an.schläge, 11/2003: 24, (wieder abgedruckt in: dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, 15/2004:47) www.anschlaege.at/1103ansage1.html
Einzelnachweise
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