Die Bürgermeisterwahl in Wittlich 2026 fand am 23. August 2026 in der rheinland-pfälzischen Stadt Wittlich statt. Die Neuwahl war erforderlich geworden, nachdem der bisherige Bürgermeister Joachim Rodenkirch von der CDU sein Amt aufgegeben hatte, um Präsident der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord zu werden.
Da keiner der vier Kandidaten im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichte, kam es am 6. September 2026 zu einer Stichwahl zwischen Sebastian Bölinger von der CDU und Jörn Patzak von den Freien Wählern. Im ersten Wahlgang hatte Bölinger noch mit 291 Stimmen vor Patzak gelegen. In der Stichwahl kehrte Patzak das Ergebnis um und gewann mit 50,8 Prozent gegen 49,2 Prozent. Sein Vorsprung betrug 110 Stimmen.
Ausgangslage Nach dem vorzeitigen Ausscheiden des bisherigen Amtsinhabers Joachim Rodenkirch wurde das Bürgermeisteramt neu ausgeschrieben. Als Termin für die Direktwahl wurde der 23. August 2026 bestimmt. Für den Fall, dass kein Bewerber mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen erhalten würde, wurde der 6. September als Termin einer Stichwahl festgelegt.
Kandidaten und Nominierungen
Sebastian Bölinger
Die CDU nominierte am 12. Juni 2026 den Verwaltungsrichter Sebastian Bölinger einstimmig. Bölinger war in Wittlich geboren und aufgewachsen und gehörte seit der Kommunalwahl 2024 dem Stadtrat an. Beruflich war er seit 2023 am Oberverwaltungsgericht Koblenz tätig.
Bölinger erklärte später, er sei bereits vor Rodenkirchs Ausscheiden auf eine mögliche spätere Kandidatur angesprochen worden. Nach Bekanntwerden von Rodenkirchs beruflichem Wechsel hätten ihn weitere Personen dazu ermuntert, sich um das Bürgermeisteramt zu bewerben.
Jörn Patzak
Die Kandidatur des Leiters der Justizvollzugsanstalt Wittlich, Jörn Patzak, wurde vom Trierischen Volksfreund als überraschend eingeordnet. Noch Mitte Mai hatte die Freie Wähler Gruppe Wittlich gegenüber der Zeitung erklärt, keinen eigenen Bewerber aufstellen zu wollen. Am 5. Juni sprach sich die örtliche Wählergruppe nach einer Vorstellung Patzaks einstimmig für dessen Unterstützung aus.
Nach Recherchen des Trierischen Volksfreunds war der Kontakt zwischen Patzak, dem Kreisverband der Freien Wähler und der Freien Wähler Gruppe Wittlich über einen bekannten Politiker der Partei aus der Region zustande gekommen. Patzak berichtete später, dass er zunächst per WhatsApp gefragt worden sei, ob er sich eine Kandidatur vorstellen könne. Nach einer Beratung mit seiner Familie habe er sich für die Bewerbung entschieden.
Nach eigenen Angaben des Freie-Wähler-Politikers Joachim Streit ging die Anfrage von ihm aus. Streit erklärte nach der Wahl auf Instagram, er habe Patzak am 13. Mai 2026 gefragt, ob dieser für die Freien Wähler als Bürgermeister von Wittlich kandidieren wolle. Patzak dankte Streit nach seinem Wahlsieg öffentlich für dessen Vertrauen und Unterstützung und erklärte, dieser habe seine Kandidatur „erst möglich gemacht“.
Die Kreisvereinigung der Freien Wähler nominierte Patzak am 17. Juni 2026. Bei der Wahl trat er für den Wahlvorschlagsträger Freie Wähler an. Im Wahlkampf wurde er von der Freien Wähler Gruppe Wittlich unterstützt.
Uwe Koll und Mehmet Sag
Die AfD nominierte am 17. Juni Uwe Koll. Der pensionierte Justizvollzugsbeamte war stellvertretender Kreisvorsitzender seiner Partei und Mitglied des Kreistags. Bei der Landtagswahl 2026 war er bereits als Direktkandidat angetreten.
Der SPD-Stadtverband nominierte am 30. Juni Mehmet Sag. Sag war selbst kein Mitglied der SPD. Der in Wittlich aufgewachsene Physiker und Unternehmer lebte zum Zeitpunkt der Wahl in München und wurde von der örtlichen SPD unterstützt.
Wahlkampf
Der Trierische Volksfreund begleitete den Wahlkampf mit Kandidatenporträts und einem öffentlichen Wahlforum. Das Forum fand am 12. August im Jugend- und Bürgerhaus in Wengerohr statt. Rund 400 Zuhörer verfolgten die von Redakteuren der Zeitung moderierte Diskussion.
Einen Schwerpunkt des Forums bildete die Frage nach der Attraktivität und Belebung der Innenstadt. Weitere Themen waren Klimaanpassung, Verkehr, Wirtschaftsförderung, Leerstände, der Kurfürstenplatz, öffentliche Sicherheit und soziale Schwerpunkte. Alle vier Kandidaten sprachen sich für mehr Begrünung in der Stadt aus.
Bölinger betonte unter anderem die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt, die Anpassung an den Klimawandel und eine moderne Verwaltung. Patzak setzte Schwerpunkte bei Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit. Sag sprach sich unter anderem für Innovation, eine stärkere Verbindung von Unternehmen, Hochschulen und Start-ups sowie ein langfristiges Mobilitätskonzept aus. Koll forderte unter anderem Veränderungen im Stadtpark und in der Innenstadt.
Ein weiteres Thema war das Eventum. Bölinger schlug vor, die bestehende Halle nachzurüsten, anstatt eine zusätzliche Halle zu bauen. Auch die anderen Kandidaten sahen Änderungsbedarf. Patzak kritisierte unter anderem die Hitze in der Halle, die fehlende Bestuhlung, die Zahl der Kabinen, die Beschallung und die Auslastung. Beim Thema öffentliche Sicherheit konnten sich Patzak, Bölinger und Koll eine begrenzte Videoüberwachung vorstellen. Sag sprach sich dagegen gegen eine stärkere Überwachung aus und setzte auf direkten Dialog.
Erster Wahlgang
Der erste Wahlgang fand am 23. August 2026 statt. Von 14.151 Wahlberechtigten beteiligten sich 7.100 an der Wahl. Die Wahlbeteiligung betrug 50,2 Prozent. 7.077 Stimmen waren gültig und 23 ungültig.
Kandidat Wahlvorschlagsträger Stimmen Anteil Ergebnis Sebastian Bölinger CDU 3.075 43,4 % Stichwahl Jörn Patzak Freie Wähler 2.784 39,3 % Stichwahl Mehmet Emin Sag SPD 768 10,9 % ausgeschieden Uwe Koll AfD 450 6,4 % ausgeschieden Zwischen Bölinger und Patzak lagen im ersten Wahlgang 291 Stimmen. Bölinger erhielt 3.075 Stimmen, Patzak 2.784.
Eine Analyse der einzelnen Wahlbezirke zeigte regionale Unterschiede. Bölinger lag in der Kernstadt und in mehreren Stadtteilen vor Patzak. Patzak erzielte im Stadtteil Wengerohr ein über seinem Gesamtergebnis liegendes Resultat.
Stichwahlkampf
Nach dem ersten Wahlgang konzentrierte sich der Wahlkampf auf Bölinger und Patzak. Die SPD sprach keine Wahlempfehlung für einen der beiden Kandidaten aus. Auch bei der AfD war zunächst keine Unterstützung für einen der beiden Stichwahlkandidaten erkennbar.
Vor der Stichwahl galt insbesondere als offen, wie sich die Wähler der ausgeschiedenen Kandidaten Sag und Koll entscheiden würden und ob Bölinger oder Patzak zusätzliche Nichtwähler mobilisieren könnten. Der Trierische Volksfreund verwies darauf, dass der Abstand zwischen den beiden Kandidaten nach dem ersten Wahlgang nur 291 Stimmen betragen hatte.
Stichwahl
Die Stichwahl fand am 6. September 2026 statt. Während der Auszählung wechselte die Führung zwischen Bölinger und Patzak mehrfach. Zeitweise lagen beide Kandidaten bei jeweils 50 Prozent. Nach Auszählung aller zwölf Stimmbezirke gewann Patzak mit 3.301 Stimmen. Bölinger erhielt 3.191 Stimmen. Der Vorsprung betrug damit 110 Stimmen.
Kandidat Unterstützung Stimmen Stimmenanteil Jörn Patzak Freie Wähler und FWG Wittlich 3.301 50,8 % Sebastian Bölinger CDU 3.191 49,2 %
Die Wahlbeteiligung lag bei 46,0 Prozent. Patzak kehrte damit die Reihenfolge des ersten Wahlgangs um, in dem Bölinger noch mit 291 Stimmen geführt hatte.
Ergebnisse nach Wahlbezirken
Die Stadt Wittlich war bei beiden Wahlgängen in zwölf Stimmbezirke eingeteilt. Die in den Tabellen angegebenen Kurzbezeichnungen beziehen sich auf die amtlich festgelegten Wahlräume und bezeichnen nicht die geografischen Grenzen der Bezirke.
Erster Wahlgang
Im ersten Wahlgang erhielt Bölinger in neun der zwölf Wahlbezirke die meisten Stimmen. Patzak lag in den Bezirken 1105 und 1107 in der Kernstadt sowie im Bezirk 2502 in Wengerohr vorn.
+ Ergebnisse des ersten Wahlgangs nach Stimmbezirken Stimmbezirk BölingerCDU PatzakFW SagSPD KollAfD GültigeStimmen 1101Rathaus, Saal Rommelsbach 289 231 61 37 618 1102Friedrichstraße, Wahlraum 1 293 252 78 62 685 1103Friedrichstraße, Wahlraum 2 449 398 83 35 965 1105Rathaus, Saal Lieser 267 276 108 30 681 1106Georg-Meistermann, Wahlraum 1 288 211 80 48 627 1107Georg-Meistermann, Wahlraum 2 222 229 54 57 562 2101Lüxem 281 232 43 14 570 2201Dorf 140 115 37 22 314 2301Neuerburg 160 145 32 25 362 2401Bombogen 232 203 43 27 505 2501Wengerohr 1 235 229 81 48 593 2502Wengerohr 2 219 263 68 45 595 Gesamt 3.075 2.784 768 450 7.077
Stichwahl mini|hochkant=1.35|Vereinfachte Darstellung der Stichwahl nach Gemarkungen. Die Farbintensität zeigt die Stärke des Vorsprungs.
In der Stichwahl lag Patzak in sieben der zwölf Wahlbezirke vorn. Bölinger erhielt in den Bezirken 1101, 1106, 2101, 2201 und 2401 die meisten Stimmen. Besonders groß war Patzaks Vorsprung im Bezirk 2502 in Wengerohr. Dort erhielt er 93 Stimmen mehr als Bölinger.
+ Ergebnisse der Stichwahl nach Stimmbezirken Stimmbezirk BölingerCDU PatzakFW GültigeStimmen 1101Rathaus, Saal Rommelsbach 311 265 576 1102Friedrichstraße, Wahlraum 1 299 322 621 1103Friedrichstraße, Wahlraum 2 438 462 900 1105Rathaus, Saal Lieser 294 326 620 1106Georg-Meistermann, Wahlraum 1 298 260 558 1107Georg-Meistermann, Wahlraum 2 236 282 518 2101Lüxem 284 262 546 2201Dorf 155 120 275 2301Neuerburg 170 172 342 2401Bombogen 238 228 466 2501Wengerohr 1 234 275 509 2502Wengerohr 2 234 327 561 Gesamt 3.191 3.301 6.492
Reaktionen und politische Einordnung
Patzak kündigte nach seinem Wahlsieg an, als Bürgermeister für die gesamte Stadt arbeiten und allen Fraktionen im Stadtrat die Zusammenarbeit anbieten zu wollen. Bölinger erkannte das Ergebnis an und gratulierte Patzak.
Der Kreisvorsitzende der Freien Wähler, Alois Meyer, führte das Ergebnis unter anderem auf Patzaks persönlichen Wahlkampf und eine aus seiner Sicht zunehmende Orientierung der Wähler an einzelnen Kandidaten zurück. Die CDU-Kreisvorsitzende Karina Wächter widersprach der Annahme einer grundsätzlichen Wechselstimmung und verwies auf die hohe Akzeptanz beider Kandidaten sowie den geringen Stimmenabstand.
Der Trierische Volksfreund ordnete den Verlust des Wittlicher Bürgermeisteramts als weitere Niederlage der CDU bei Bürgermeisterwahlen im Landkreis Bernkastel-Wittlich ein. Zuvor hatte die Partei bereits Bürgermeisterämter in Morbach und in der Verbandsgemeinde Thalfang verloren. Die Mehrheitsverhältnisse im Wittlicher Stadtrat änderten sich durch die Bürgermeisterwahl nicht. Patzak ist deshalb bei politischen Vorhaben auf Mehrheiten unter den bestehenden Fraktionen angewiesen.
Einzelnachweise
Kategorie:Wittlich Kategorie:Kommunalwahl 2026