Chitō-ryū (chinesisch 千唐流, dt. „Tausendjähriger chinesischer Weg“) ist eine Kampfkunst, die 1948 von dem okinawaischen Kampfkünstler Tsuyoshi Chitose gegründet wurde. Der Stil ist eine Verbindung der okinawaischen Stile Shuri-te, Tomari-te und Naha-te.
Ursprung Das Chitō-ryū hat seine Wurzeln im alten okinawanischen Tōde (auch Tode, Tōdi oder Tōte geschrieben, okinawanisch Tūdi) – einer älteren Kampfkunstform, die dem heute allgemein als „Karate“ bekannten Stil vorausging.
Chinen (Gochoku) Masuo später bekannt als Tsuyoshi Chitose (1898–1984), erlernte bei seinem Großvater mütterlicherseits Sokon (Bushi) Matsumura (1797–1889) und bei Unchu (Nigaki) Kamade Arakaki (1840–1920) das „Tōde“ (okinawaisch tōdī, japanisch 唐手, übersetzt „China-Hand“).
Tōde ist die Bezeichnung für die weiter entwickelte Selbstverteidigung auf Okinawa, die durch die Kombination des okinawanischen „te“ und des chinesischen „quánfǎ“ ca. im 15. Jahrhundert entstand, wobei auch Einflüsse aus Kumemura durch die „36 Familien“ vorhanden sind. Zu jener Zeit gab es noch keinen Stil oder eine „Ryu“. Der Begriff bezeichnet die waffenlosen Kampftechniken, die sich auf der Insel Okinawa (dem ehemaligen Ryūkyū-Königreich) entwickelt haben.
Arakaki brachte dem jungen Chitose seine erste Kata bei – Seisan. Die damalige Methode des Karate-Unterrichts bestand darin, Kata zu lehren. Das heute übliche Training von Grundtechniken und Kumite war unbekannt. Danach lernte Chitose unter folgenden Meistern: Higaonna Kanryō, Chōtoku Kyan, Choyu Motobu, Hanashiro Chomo und Sanda Chinen.
1921 studierte Chitose an der Universität Tokio Medizin und lernte Judo bei Kyuzo Mifune sowie Kendo und Iaido bei Nakayama Hakudō. Außerdem pflegte er eine Freundschaft mit dem Aikido-Begründer Morihei Ueshiba.
Von 1932 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente er im Sanitätsdienst der Kaiserlich Japanischen Armee, wobei er bei einem alten Kung-Fu-Lehrer in einem Nachbardorf dessen Stil erlernte. Dessen Lehren beeinflussten später einen Teil von Chitoses Karate-Stil.
Im Jahr 1936 nahm Chitose in Naha (Okinawa) an einem Treffen führender Vertreter des okinawischen Karate teil. Bei dieser Zusammenkunft wurde für Karate-do die Bezeichnung „Weg der leeren Hand“ anstelle der ursprünglichen Begriffe „Tode-jutsu“ oder „Methode der chinesischen Hand“ offiziell eingeführt.
1948 gründete Chitose gemeinsam mit Gichin Funakoshi, Mabuni, Higa Seko und Toyama Kanken den All Japan Karate-do Federation (Zen Nihon Karate-do Renmei) und fungierte zeitweise als dessen Präsident. Etwa zu dieser Zeit gab Chitose seinem Stil den Namen „Chito-ryu“. Auch wenn es naheliegend erscheinen mag, dass „Chito“ eine Ableitung von Chitose ist, trifft dies tatsächlich nicht zu. „Chi“ leitet sich von „tausend“ ab und „to“ stammt vom chinesischen „Tang“; folglich lautet die Übersetzung von Chitō-ryū „Der tausendjährige chinesische Weg (Tang-Dynastie)“ – ein Verweis auf den Ursprung des Karate im China der Tang-Ära vor rund tausend Jahren. Chitoses Stil setzt sich aus drei Elementen zusammen: Shuri-Te, die schnelle, leichte Schule. Naha-Te, die kräftige, atmungsbetonte Linie und Tomari-Te, ein Mittelding aus beidem.
Verbreitung des Stils
Im Jahr 1951 war Chitose Karate-Ausbilder beim US-Militär in Camp Wood bei Kumamoto. Zu den namhaften Schülern aus seiner Zeit als Lehrer im Camp Wood in Kumamoto zählen unter anderem William Dometrich, Henry Slomanski, Wallace Ruemann, Robert Wightman, Warren Pochinski, Arby Edwards und Roger Warren. Mit der Rückkehr der Militärangehörigen sowie einiger seiner weiteren fortgeschrittenen Schüler begannen sich die Lehren von Chitose rasch in Nordamerika zu verbreiten.
1958 erhielt Chitose den Rang eines Judan (十段 bedeutet auf Japanisch „zehnte Stufe“ oder auch 10. Dan (Meistergrad)) von der Zen Okinawa Karate Kobudo Rengo Kai (dem Verband für Karate und Waffenkünste von ganz Okinawa). 1975 verlegte er sein Dojo – bekannt als Sohonbu (Hauptquartier) – nach Tsuboi in der Stadt Kumamoto, wo es sich bis heute befindet. Nach Chitoses Tod im Jahr 1984 übernahm sein Sohn Yasuhiro Chitose die Aufgaben als neuer Soke und nahm dabei den Namen seines Vaters an.
Daraufhin löste sich die Tsuyoshi Chitose Sr. gegründete International Chito-Ryu Karate Federation (ICKF) auf. Es entstanden neue Verbände, wie:
United States Chitō-ryū Karate Federation (William Dometrich) World Chito-Ryu Karate-Do Federation (Shane Higashi) Australian Chitokai Karate Association (Brian Hayes).
Andere wiederum entwickelten auf der Basis des Chito-Ryu völlig neue Karate-Stile, wie etwa Masami Tsuruoka (Tsuruoka Karate), Mamoru Yamamoto (Yoshukai Karate), und sogar Chitoses Schwiegersohn Ken Sakamoto (Ryusei Karate).
Stilmerkmale und Unterschiede Die Kata der höheren Stufen dieses Stils weisen einen ausgesprochen starken chinesischen Einfluss auf. Zu den spezifischen technischen Merkmalen des Chitō-ryū gehören:
Betonung von „Shime“ (Anspannen oder Kontraktion). Anwendung von „Shibori“ (Dreh- oder Ausdrehbewegung). Schnelle Drehbewegungen. Häufiger Einsatz von Tai Sabaki (Ausweichen aus der Angriffslinie) auf fortgeschrittenem Niveau.
Katas (Formen) im Chitō-ryū
Sanchin (). Unsū (). Seisan (). Seisan, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 1 min 24 s). Niseishi (), es ist nicht dieselbe Kata wie jene, die in anderen Stilen als Nijushiho oder Niseishi bekannt ist. Niseishi, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 33 s). Shihōhai (). Shihōhai, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 33 s). Bassai (). Bassai, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 1 min 13 s). Chinto (). Chinto, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 56 s). Sochin (), hat mit der Shōtōkan-Version nichts zu tun. Sochin, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 1 min 00 s). Rohai (), eine Form des Kranich-Kung-Fu. Der Ursprung der Kata liegt in der Region Tomari auf Okinawa. Es gibt „Sho“- und „Dai“-Varianten. Rohai Dai, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 43 s). Tenshin (). Tenshin, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 29 s). Sanshiru (). Sanshiru, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 1 min 10 s). Ryūsan (). Ryūsan, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 55 s). Kūshankū – (). Yoshukai-Karate praktiziert die gleiche Version. Sie ähnelt nicht der Kūshankū im Shitō-ryū. Kūshankū, YouTube, 2021 (englisch, Laufzeit: 0 min 55 s). Literatur
Kempo Karate-dō — Universal Art of Self-Defense (拳法空手道一般の護身術) by Tsuyoshi Chitose.
Einzelnachweise
Kategorie:Kultur (Präfektur Okinawa) Kategorie:Kampfkunststil Kategorie:Budō Kategorie:Kampfkunst