Marceli Stark (* 19. September 1908 in Lemberg, Österreich-Ungarn; † 4. Mai 1974 in Warschau) war ein polnischer Mathematiker, Redakteur und Wissenschaftsorganisator. Er gehörte zum Umfeld der Lemberger Mathematikerschule. Als Jude überlebte er das Warschauer Ghetto, das SS-Arbeitslager Budzyń sowie mehrere Konzentrationslager. Seine 1945/46 entstandenen Erinnerungen Ale jednak czuję i żyję… Pamiętnik więźnia obozu pracy w Budzyniu wurden 2012 vollständig veröffentlicht.
Leben
Jugend und Studium in Lwów Stark wurde als Sohn von Ignacy Stark und Franciszka Stark, geborene Sak, in Lwów geboren. Sein Vater arbeitete zunächst als Handelsvertreter, war von 1922 bis 1932 Kaufmann und anschließend im Forderungseinzug tätig.Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 69–72.
Nach dem Schulabschluss 1926 nahm Stark im selben Jahr an der Jan-Kazimierz-Universität Lwów ein Mathematikstudium auf. Zu seinen Lehrern gehörten Stefan Banach und Hugo Steinhaus. 1929 wurde er, noch während seines Studiums, Assistent am Lehrstuhl Banachs; später arbeitete er bei Stanisław Ruziewicz und Steinhaus. Diese Assistententätigkeit endete 1935.Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 69–71.
Am 28. Juni 1933 erwarb Stark an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät den Grad eines Magisters der Philosophie im Fach Mathematik. Seine Magisterarbeit trug den Titel O przedstawialności grup skończonych przez grupy tablic („Über die Darstellbarkeit endlicher Gruppen durch Matrizengruppen“).Diplomurkunde Starks, abgedruckt in: Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 55–56.
In den 1930er Jahren engagierte sich Stark in linken politischen Organisationen. 1934 trat er der sozialistischen Studentenorganisation Życie bei, im Herbst 1935 der Kommunistischen Partei der Westukraine (KPZU). Ende 1936 wurde er wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in der illegalen Partei verhaftet und Anfang 1937 mangels Beweisen freigelassen. Bis zur Auflösung der KPZU 1938 blieb er politisch aktiv. Von 1935 bis zum Kriegsausbruch bestritt er seinen Lebensunterhalt hauptsächlich durch Privatunterricht.Stark: Lebenslauf von 1950. In: Ale jednak czuję i żyję…, S. 70–71. Der Herausgeber weist auf die zeittypische politische Sprache des Textes hin.
Zweiter Weltkrieg und Verfolgung Nach der sowjetischen Besetzung Ostpolens erhielt Stark im Dezember 1939 wieder eine Assistentenstelle an der Universität Lwów, die er bis zum deutschen Angriff auf die Sowjetunion 1941 innehatte. Nach der deutschen Besetzung blieb er wegen der schweren Erkrankung seiner Mutter in Lwów. Als Jude wurde er zur Zwangsarbeit herangezogen. Im August 1942 wurden seine Eltern ermordet. Im November 1942 floh Stark mit falschen Papieren nach Warschau.Stark: Lebenslauf von 1950. In: Ale jednak czuję i żyję…, S. 71.
Nach etwa zwei Monaten wurde er von den Deutschen festgenommen, konnte aber aus einer bewachten Gruppe fliehen und gelangte in das Warschauer Ghetto. Nach seinem 1950 verfassten Lebenslauf fand er dort keinen Anschluss an eine der organisierten Untergrundgruppen, schmuggelte jedoch zeitweise Waffen in das Ghetto. In einem Brief an seinen Cousin Leonard Kirsch vom 8. März 1948 schrieb Stark hingegen, er habe im Ghetto bewaffneten Widerstand organisiert und während des Aufstands bis zur letzten Patrone gekämpft.Stark: Brief an Leonard Kirsch vom 8. März 1948. In: Ale jednak czuję i żyję…, S. 212–213; Urynowicz: Wstęp („Einleitung“), S. 29–30. Der Herausgeber seiner Erinnerungen, Marcin Urynowicz, nimmt an, dass Stark zu einer der nicht an die größeren Widerstandsorganisationen angeschlossenen bewaffneten Gruppen gehörte.Urynowicz: Wstęp („Einleitung“). In: Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 29–30; Stark: ebenda, S. 71 und 213–214.
Während der Niederschlagung des Aufstands wurde Stark gefangen genommen und nach Lublin gebracht. Von dort kam er in das SS-Arbeitslager Budzyń bei Kraśnik, wo jüdische Gefangene unter anderem für einen Flugzeugbetrieb arbeiten mussten. Stark war zunächst als Arbeiter, zeitweise in der Buchhaltung und anschließend erneut als Arbeiter eingesetzt.
Im April 1944 wurde Stark über Majdanek in das KZ Płaszów gebracht. Dort wurden im Frühsommer 1944 mehrere wissenschaftliche Häftlingskommandos zusammengestellt. Stark leitete das Mathematikerkommando, das unter der Aufsicht von Kurt Walter mathematische Berechnungen unter anderem für das astronomische Observatorium Babelsberg sowie für weitere Forschungs- und Rüstungsaufträge ausführte. Zu dem Kommando gehörte auch der spätere US-amerikanische Unternehmer Henry Orenstein, der sich bereits im Januar 1944 in Budzyń ohne entsprechende Ausbildung als Wissenschaftler hatte registrieren lassen. Im September 1944 wurden acht Mitglieder des Mathematikerkommandos nach Ravensbrück und im März 1945 weiter nach Sachsenhausen verlegt.Urynowicz: Wstęp („Einleitung“). In: Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 30–31; Bernhard Strebel/Jens-Christian Wagner, S. 62–65, besonders S. 64.
Im April 1945 wurden die Häftlinge zu Fuß nach Westen evakuiert. Stark überlebte den Todesmarsch und wurde am 2. Mai 1945 in der Umgebung von Schwerin von amerikanischen Truppen befreit.Urynowicz: Wstęp („Einleitung“). In: Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 31–32.
Am 23. Mai 1945 machte er sich auf den Weg nach Polen. Da die sowjetischen Behörden ihn wegen seiner Herkunft aus Lwów zunächst als sowjetischen Staatsbürger behandelten, wurde er vorübergehend in einem Repatriierungslager festgehalten. Mitte Juli 1945 konnte er nach Polen zurückkehren.Stark: Lebenslauf von 1950. In: Ale jednak czuję i żyję…, S. 71–72.
Tätigkeit nach 1945 mini|Moskau 1956, III. Mathematikerkongress der UdSSR. Von links: Kazimierz Urbanik (1930–2005), Andrzej Mostowski, Marceli Stark, Władysław Orlicz, Ljubomir Chakalov (1886–1963), Josef Novák (1905–1999), Arnold Walfisz und seine Tochter Anna Walfisz. Im April 1946 erhielt Stark eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mathematik an der Universität und Technischen Hochschule Wrocław. Seit Februar 1949 arbeitete er zusätzlich am neu gegründeten Państwowy Instytut Matematyczny (Staatliches Mathematisches Institut), das später in das Mathematische Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN) eingegliedert wurde. 1951 wechselte Stark als Sekretär des Instituts nach Warschau; 1954 erhielt er den Titel eines Dozenten.Kryda: Słowo o Marcelim Starku („Ein Wort über Marceli Stark“), S. 64–66.
Ein Beschluss des Präsidiums der PAN vom 16. Oktober 1956 ernannte ihn zum wissenschaftlichen Sekretär des Mathematischen Instituts. Außerdem war er stellvertretender Direktor des Instituts und Sekretär des Mathematischen Komitees der PAN. Über die Dauer seiner Tätigkeit als stellvertretender Direktor bestehen unterschiedliche Angaben: Barbara Kryda nennt die Jahre 1954 bis 1970, andere biographische Quellen 1962 bis 1967.Kryda: Słowo o Marcelim Starku („Ein Wort über Marceli Stark“), S. 65; Pavlíček: Rozhovor s prof. Jaroslavem Kurzweilem („Gespräch mit Prof. Jaroslav Kurzweil“), S. 110.
Einen großen Teil seiner Arbeit widmete Stark dem mathematischen Publikationswesen. Seit 1948 war er Redaktionssekretär der von Banach und Steinhaus vor dem Krieg gegründeten Zeitschrift Studia Mathematica und war wesentlich an deren Wiederaufnahme nach dem Krieg beteiligt. Später leitete er zeitweise die mathematische Redaktion des staatlichen Wissenschaftsverlags PWN. Seit 1958 war er Redaktionssekretär von Acta Arithmetica und arbeitete auch für weitere mathematische Zeitschriften. In Erinnerungen seiner Kollegen wurde seine Tätigkeit als Redakteur und Wissenschaftsorganisator als ein wesentlicher Teil seines Wirkens hervorgehoben.Kuratowski u. a.: Marceli Stark (1908–1974), S. 101–113.
Zu Starks eigenständigen Forschungsarbeiten gehören On a functional equation (1948) und On the ratio test of Frink (1949). Daneben veröffentlichte er Lehrbücher, darunter 1951 ein umfangreiches Lehrbuch der analytischen Geometrie. Gemeinsam mit Andrzej Mostowski verfasste er mehrere Lehrbücher der höheren und linearen Algebra.Stark: On a functional equation, S. 230–231; ders.: On the ratio test of Frink, S. 46–47.
1974 ließ Stark sich vor einer schweren Herzoperation katholisch taufen. Nach einer zunächst erfolgreichen Operation verschlechterte sich sein Gesundheitszustand wieder. Er starb am 4. Mai 1974 plötzlich auf einer Straße in Warschau.Kryda: Słowo o Marcelim Starku („Ein Wort über Marceli Stark“), S. 67–69.
Erinnerungen an Budzyń Stark schrieb seine Erinnerungen an die deutsche Verfolgung an der Jahreswende 1945/46 nieder. Der Text behandelt vor allem das Jahr 1943 und seine Haft im Zwangsarbeitslager Budzyń. Der Bericht endet noch vor der Darstellung seiner späteren Lagerstationen. Das polnische Institut für Nationales Gedenken (IPN) bezeichnet ihn als die umfangreichste verfügbare Erinnerung eines Häftlings an Budzyń.
Ein Auszug erschien 1975 unter dem Titel Pamiętnik Marcelego Starka („Marceli Starks Erinnerungen“) in der Zeitschrift Więź.Urynowicz: Wstęp („Einleitung“). In: Stark: Ale jednak czuję i żyję…, S. 14, Anm. 5. Die vollständige Ausgabe wurde erst 2012 von Marcin Urynowicz wissenschaftlich herausgegeben.Siehe Schriften. Neben dem eigentlichen Pamiętnik enthält der Band einen biographischen Beitrag von Barbara Kryda, autobiographische Texte, umfangreiche Nachkriegskorrespondenz sowie Erinnerungen von Freunden und Mathematikerkollegen.Stark: Ale jednak czuję i żyję…, insbesondere S. 331–346; dort ist der Erinnerungskomplex von Kuratowski u. a. von 1979 in redaktionell ergänzter Form enthalten.
Schriften (Auswahl) On a functional equation. In: Colloquium Mathematicum 1 (1948), S. 230–231. On the ratio test of Frink. In: Colloquium Mathematicum 2 (1949), S. 46–47. Geometria analityczna: ze szczególnym uwzględnieniem podręcznika Eustachego Żylińskiego („Analytische Geometrie, unter besonderer Berücksichtigung des Lehrbuchs von Eustachy Żyliński“). Warszawa–Wrocław 1951. mit Andrzej Mostowski: Algebra wyższa („Höhere Algebra“). 3 Bände, Warszawa 1953–1954. mit Andrzej Mostowski: Algebra liniowa („Lineare Algebra“). Warszawa 1958. mit Andrzej Mostowski: Elementy algebry wyższej („Elemente der höheren Algebra“). Warszawa 1958. Ale jednak czuję i żyję… Pamiętnik więźnia obozu pracy w Budzyniu („Aber dennoch fühle und lebe ich … Erinnerungen eines Gefangenen des Arbeitslagers Budzyń“). Hrsg. von Marcin Urynowicz, Instytut Pamięci Narodowej, Warszawa 2012, Online
Literatur Barbara Kryda: Słowo o Marcelim Starku („Ein Wort über Marceli Stark“). In: Marceli Stark: Ale jednak czuję i żyję…, Warszawa 2012. Marcin Urynowicz: Wstęp („Einleitung“). In: Marceli Stark: Ale jednak czuję i żyję…, Warszawa 2012. S. Kolankowski: Marceli Stark (1908–1974). In: Słownik Biograficzny Matematyków Polskich („Biographisches Lexikon polnischer Mathematiker“), Tarnobrzeg 2003, S. 227–228. Stanisław T. Sroka: Stark Marceli (1908–1974). In: Polski Słownik Biograficzny („Polnisches Biographisches Wörterbuch“), Band 42, 2003–2004, S. 299–300. Zdzisław Pogoda: Rezension zu Ale jednak czuję i żyję…. In: Wiadomości Matematyczne, Band 50, 2014, S. 201–204. Kazimierz Kuratowski, Andrzej Turowicz, Mark Kac, Stanisław Hartman, Andrzej Schinzel, Wiesław Żelazko, Jean-Pierre Kahane, Zbigniew Semadeni: Marceli Stark (1908–1974). In: Wiadomości Matematyczne, Band 21, Nr. 2, 1979, S. 101–113. Bernhard Strebel, Jens-Christian Wagner: Zwangsarbeit für Forschungseinrichtungen der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft 1939–1945. Ein Überblick. (= Ergebnisse. Vorabdrucke aus dem Forschungsprogramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus“. Nr. 11). Berlin 2003. Online.
Einzelnachweise
Kategorie:Mathematiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Überlebender des Holocaust Kategorie:Häftling im KZ Plaszow Kategorie:Häftling im KZ Ravensbrück Kategorie:Häftling im KZ Sachsenhausen Kategorie:Häftling im KZ Majdanek Kategorie:Holocaust-Biograph Kategorie:Pole Kategorie:Geboren 1908 Kategorie:Gestorben 1974