Eugen August Christian Zeller (* 6. Juli 1871 in Stuttgart; † 15. September 1953 in Ulm) war ein deutscher Gymnasiallehrer, Philologe, Kommunalpolitiker sowie Autor kultur- und literaturhistorischer Beiträge. Ab 1900 wirkte er als Lehrer in Ulm und beteiligte sich am kulturellen und politischen Leben der Stadt. Er veröffentlichte unter anderem zu Literatur, bildender Kunst und zeitgenössischen Kulturfragen. Über Jahrzehnte stand er in freundschaftlichem und brieflichem Austausch mit Hermann Hesse. 1946 unterrichtete er den späteren Leiter des Suhrkamp Verlages Siegfried Unseld.
Leben und Ausbildung Eugen Zeller wurde am 6. Juli 1871 in Stuttgart als Sohn eines Metzgermeisters geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters besuchte er zunächst die Elementarschule und anschließend die Evangelisch-Theologischen Seminare in Schöntal und Urach.Frank Raberg: Biografisches Lexikon für Ulm und Neu-Ulm 1802–2009. Hrsg. von den Stadtarchiven Ulm und Neu-Ulm. Süddeutsche Verlagsgesellschaft im Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7995-8040-3, S. 485–486.
Nach einer einjährigen Militärzeit begann Zeller am Tübinger Stift ein Studium der Theologie. Unter dem Einfluss der Schriften Søren Kierkegaards sowie von Vorträgen des Theologen und Philosophen Christoph Schrempf wechselte er nach einigen Semestern zur Neuphilologie. Zu seinen Studienfächern gehörten Deutsch, Philosophie, Französisch und Englisch.Biografische Aufzeichnungen Gudrun Kneer-Zellers über ihren Vater Eugen Zeller. Deutsches Literaturarchiv Marbach, Handschriftenbestand Eugen Zeller, Bestandssignatur BD:Zeller, Eugen.
Während seiner Studienzeit hielt sich Zeller unter anderem als Hauslehrer in Lausanne und Genf auf. 1894 legte er die Höhere Lehrerprüfung, 1896 das erste und 1897 das zweite Professoratsexamen ab.
Seine ersten beruflichen Stationen führten ihn nach Stuttgart und Göppingen. 1899 heiratete er Klara Bühler. Im Jahr 1900 wurde Zeller nach Ulm versetzt und unterrichtete am Realgymnasium beziehungsweise an der Oberrealschule. Seine Antrittsrede widmete er dem Dichter Eduard Mörike.Jan Haag, Bernd Michael Köhler: „Seien Sie gegrüßt, liebe Freunde in Ulm“. Hermann Hesse und die schwäbische Donaustadt. Klemm + Oelschläger, Ulm 2018, ISBN 978-3-86281-132-8, insbesondere S. 71–84.
Aus der Ehe gingen mehrere Kinder hervor, darunter der 1900 geborene Sohn Wolfgang und die 1902 geborene Tochter Gudrun, die später als Künstlerin Gudrun Kneer-Zeller tätig war.
Tätigkeit in Ulm Zeller nahm über seine schulische Tätigkeit hinaus am politischen und kulturellen Leben Ulms teil. Als Angehöriger des nationalliberalen politischen Lagers wurde er 1910 in den Bürgerausschuss gewählt. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zeitweise dem Ulmer Gemeinderat an.
Als Mitglied des Bürgerausschusses beteiligte sich Zeller auch an zeitgenössischen kulturpolitischen Debatten. 1911 kritisierte er im Zusammenhang mit Fragen der Jugendfürsorge das damals neue Medium Film und insbesondere die von ihm als moralisch problematisch bewerteten Inhalte populärer Kinofilme. Seine Äußerungen lösten in der Ulmer Presse eine über mehrere Wochen geführte öffentliche Diskussion über Kino, Jugend, Kultur und Zensur aus.Günther Sanwald: Geschichte der Lichtspieltheater in Ulm von den Anfängen bis zur Weimarer Republik. In: Ulm und Oberschwaben. Zeitschrift für Geschichte, Kunst und Kultur, Band 60, 2017, S. 379–408, hier insbesondere S. 395–398.
Während des Ersten Weltkriegs war Zeller als Soldat beziehungsweise in der Militärverwaltung in Belgien eingesetzt.
Nach Kriegsende setzte er sich für kulturelle und künstlerische Bildungsangebote in Ulm ein. Er war an Bestrebungen beteiligt, eine freie Akademie für bildende Kunst („Ulmer Schule“) einzurichten. In diesem Umfeld entstand auch die Ulmer Künstlergilde als Zusammenschluss von Kulturschaffenden verschiedener Sparten.
Zeller war zeitweise Leiter der Ulmer Liedertafel. In dieser Zeit stand er in Kontakt mit dem Komponisten und Musikpädagogen August Halm, der ebenfalls in Ulm wirkte.
Ende der 1920er Jahre gehörte Zeller zum sogenannten Gindele-Kreis, einer Gruppe Ulmer Demokraten, die sich regelmäßig im Café Gindele traf. Gegenüber dem aufkommenden Nationalsozialismus nahm er eine ablehnende Haltung ein. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten gehörte er einem Ulmer Pfarrkreis an, der sich als Distanzzirkel gegenüber dem NS-Regime verstand.
1934 ließ sich Zeller auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzen. Wegen des Lehrermangels während des Zweiten Weltkriegs wurde er später erneut im Schuldienst eingesetzt. 1946 schied er im Alter von 75 Jahren endgültig aus dem Schuldienst aus.
Publizistische und kulturelle Tätigkeit Neben seiner Tätigkeit als Lehrer und Kommunalpolitiker veröffentlichte Zeller Beiträge zu Literatur, bildender Kunst und zeitgenössischen Kulturfragen. Bereits 1911 nahm er mit dem Beitrag Der Kinematograph an der öffentlichen Diskussion über das neue Medium Film teil.
In den Ulmer Heimat-Blättern veröffentlichte er Ende der 1920er Jahre Beiträge über die Künstler Alfred Vollmar und Max Arthur Stremel. Später beschäftigte er sich auch grundsätzlich mit Fragen der Kunst. 1948 erschien sein Beitrag Was ist Kunst? in einer vom Aegis-Verlag herausgegebenen Publikation.
Einen weiteren Schwerpunkt seiner publizistischen Tätigkeit bildeten Hermann Hesse und dessen Werk. 1925 veröffentlichte Zeller anlässlich eines Besuchs Hesses in Ulm den Beitrag Hermann Hesse zum Willkommen in Ulm. Im Dezember 1946 erschien eine ausführliche Besprechung des Romans Das Glasperlenspiel. Eine gekürzte Fassung wurde 1947 in der deutschsprachigen New Yorker Staats-Zeitung und Herold veröffentlicht.
Kunst- und Literatursammlung Zeller war Bücher-, Kunst- und Antiquitätensammler. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Sammlung lag auf Eduard Mörike. Über Fanny Hildebrand, eine Tochter Mörikes, gelangten verschiedene Gegenstände und Erinnerungsstücke aus dem Umfeld des Dichters in Zellers Besitz.
Darüber hinaus besaß Zeller eine umfangreiche Bibliothek und Kunstsammlung. Zu den von ihm gesammelten Künstlern gehörten unter anderem Paul Kleinschmidt und Otto Geigenberger.
Beim schweren Luftangriff auf Ulm am 17. Dezember 1944 wurden Zellers Wohnung in der Bessererstraße 9, seine mehrere tausend Bände umfassende Bibliothek, ein großer Teil seiner Kunstsammlung sowie zahlreiche Briefe und persönliche Dokumente zerstört. Zu den Verlusten gehörten auch Briefe von Hermann Hesse und anderen Schriftstellern und Künstlern.
Nach der Zerstörung seiner Wohnung lebte das Ehepaar Zeller zunächst vorübergehend bei der Familie seiner Tochter in Ulm-Söflingen und anschließend bei Verwandten in Schorndorf. Dort entstand eine Freundschaft mit dem Japanologen und Übersetzer Wilhelm Gundert, einem Cousin Hermann Hesses. Zeller und Gundert beschäftigten sich gemeinsam unter anderem mit asiatischer Literatur und Goethes West-östlicher Divan.
Beziehung zu Hermann Hesse Eugen Zeller gehörte über Jahrzehnte zum Freundes- und Korrespondentenkreis Hermann Hesses. Die Verbindung entstand über Hesses Halbbruder Karl Isenberg, einem Studien- und späteren Lehrerkollegen Zellers. Zeller und Isenberg lernten sich während ihrer Studienzeit in Tübingen kennen. Später waren beide als Lehrer in Ulm tätig.
Zwischen Zeller und Hesse entwickelte sich ein umfangreicher Briefwechsel. Das Schweizerische Literaturarchiv in Bern verwahrt unter der Signatur Ms-L-83-Zeller-Eugen 114 Briefe Zellers an Hesse aus den Jahren 1904 bis 1953 sowie Beilagen.Hesse, Hermann: Hesse-Archiv, Inventarteil B – Korrespondenz an und von Hermann Hesse. Schweizerisches Literaturarchiv / Schweizerische Nationalbibliothek, abgerufen am 11. September 2026. Weitere Korrespondenzen Zellers mit Hesse werden im Deutschen Literaturarchiv Marbach nachgewiesen.Index der Handschriftenbestände X–Z. Deutsches Literaturarchiv Marbach, abgerufen am 11. September 2026.
Die Briefe Hesses an Zeller gingen dagegen größtenteils beim Luftangriff auf Ulm im Dezember 1944 verloren. Die erhaltene beziehungsweise archivalisch nachgewiesene Korrespondenz behandelt neben persönlichen Angelegenheiten eine Vielfalt von Themen. Nach der Zerstörung der Ulmer Wohnung 1944 unterstützte Hesse das Ehepaar Zeller aus der Schweiz. Nach den biografischen Aufzeichnungen der Familie schickte er Briefe, Drucksachen und Pakete nach Deutschland. Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Hesse im Jahr 1946 gratulierte Zeller seinem Freund. Hesse übersandte ihm daraufhin unter anderem persönliche Fotografien und einen Brief Thomas Manns.
Zeller plante eine Festschrift zu Hesses 70. Geburtstag. Als mögliche Beiträger waren unter anderem Albrecht Goes, Hans Carossa, Thomas Mann, Georg von der Vring und Wilhelm Gundert vorgesehen. Das Projekt wurde nicht realisiert.
Lehrer von Siegfried Unseld 1946 war Zeller Deutschlehrer des aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekehrten Siegfried Unseld, der in Ulm seine reguläre Reifeprüfung nachholte. In der Abiturvorbereitung machte Zeller Unseld insbesondere mit dem Werk Hermann Hesses bekannt.Siegfried Unseld – Ein schwäbischer Bildungsweg. Deutsches Literaturarchiv Marbach, abgerufen am 11. September 2026.
Unseld studierte später Germanistik in Tübingen und promovierte über Hermann Hesse. 1952 trat er in den Suhrkamp Verlag ein; 1959 übernahm er nach dem Tod Peter Suhrkamps die Leitung des Verlages.Ausführliche Biographie Siegfried Unseld. In: Siegfried Unseld Chronik. Abgerufen am 11. September 2026.
Auch nach Unselds Schulzeit blieb die Verbindung zu Zeller bestehen. Für den von Unseld im Aegis-Verlag betreuten Gedichtband von Maria Müller-Gögler bat er seinen ehemaligen Lehrer um das Vorwort.Ausführliche Biographie Siegfried Unseld. In: Siegfried Unseld Chronik. Abgerufen am 11. September 2026.
Letzte Lebensjahre und Tod Nach der Rückkehr aus Schorndorf lebten Eugen und Klara Zeller bei ihrer Tochter Gudrun und deren Familie im Ulmer Stadtteil Söflingen.
Klara Zeller starb im August 1953. Eugen Zeller starb wenige Wochen später am 15. September 1953.
Hermann Hesse erinnerte 1954 in einem seiner Rundbriefe an seinen verstorbenen Freund. Dabei würdigte er Zellers Umgang mit der Zerstörung Ulms und dem Verlust seiner Sammlungen.
Gudrun Kneer-Zeller berichtete 1957, ihr Vater habe nach der Zerstörung seines Hauses an Hermann Hesse geschrieben: „Was man nicht innerlich besitzt, das hat man nie besessen.“Gudrun Kneer-Zeller: Vier Briefe an Professor Eugen Zeller. In: Hermann Hesse zum 80. Geburtstag. 1957, S. 3.
Erinnerung Eine Station des Hermann-Hesse-Besinnungswegs Ulm erinnert an Eugen Zeller und seine langjährige Freundschaft und Korrespondenz mit Hermann Hesse.Jürgen Kanold: Mit Hermann Hesse durch das „außerordentlich schöne“ Ulm. In: Südwest Presse, 9. Oktober 2025.Andrea Reck: Hermann Hesse – Spuren in Ulm. In: BLIX, Mai 2026.
Schriften (Auswahl) Der Kinematograph. In: Ulmer Tagblatt, Nr. 253, 28. Oktober 1911, S. 3164. Hermann Hesse zum Willkommen in Ulm. In: Donauwacht, Nr. 256, 3. November 1925. Ulmer Künstler – Max Artur Stremel (1858–1928). In: Ulmer Heimat-Blätter, Bd. 1, Nr. 10, 1928/29, S. 3–4. Ulmer Künstler – Alfred Vollmar, ein deutscher Romantiker. In: Ulmer Heimat-Blätter, Bd. 1, Nr. 11/12, 1928/29, S. 6–8. Hermann Hesse – Das Glasperlenspiel. Eine Besprechung. In: Der Standpunkt. Die Zeitschrift für die Gegenwart, Bd. 1, Nr. 12, 1946, S. 23–24. Vorwort. In: Maria Müller-Gögler: Gedichte. Aegis-Verlag, Ulm 1947, S. 5–8. Hermann Hesses Glasperlenspiel. In: New York Staats-Zeitung und Herold, 17. Mai 1947. Was ist Kunst? In: Ernst G. S. Bauer (Hrsg.): Was ist Kunst? (= Pandora. Schriften für lebendige Überlieferung, Nr. 8/9). Aegis-Verlag, Ulm 1948, S. 13–19. Das Glasperlenspiel. Zu dem Roman von Hermann Hesse. In: Schwäbische Donauzeitung, 3. Jg., 29. April 1947, S. 5.
Literatur