mini|Lotsenprojekte in Deutschland

Patientenlotsen koordinieren professionell die Versorgung von Menschen in komplexen Lebens- und Versorgungslagen mit einer oder mehreren Erkrankungen. Sie bedienen sich dabei der Methodik das Care und Case Managements. Ihre Tätigkeit ist umfassend bezogen auf die Bedarfe der Patienten und deren An- und Zugehörige. Der Schwerpunkt der Lotsenarbeit liegt in der Nachsorge von Patienten, aber auch vor oder während der Behandlung (continuum of care). Aufgrund ihres Leistungsumfangs und ihrer Qualifikation werden sie gelegentlich als „professionelle Kümmerer“ bezeichnet. Tätigkeitsziele von Patientenlotsen sind die Stabilisierung der Lebenssituation der Betroffenen und die Her- bzw. Sicherstellung des Zugangs zu Leistungen und Angeboten. Als Wirkziele ermöglichen Patientenlotsen damit ein selbstbestimmtes Leben ihrer Klienten, verbessern deren Lebens- und Versorgungsqualität und gleichzeitig die Effizienz der Versorgung. Dies schließt besonders auch das Empowerment der Patienten ein, welche durch die zeitlich begrenzte Begleitung durch einen Lotsen wieder zur eigenständigen Teilhabe am Leben befähigt werden sollen. Patientenlotsen haben eine qualifizierte Weiterbildung zum Case Manager absolviert. Als Fachpersonen verfügen Lotsen über eine therapeutische, pflegerische, medizinische, sozialpädagogische oder sozialarbeiterische Grundqualifikation. Berufsrechtlich ist der Lotse kein eigenständiger Beruf, sondern eine Tätigkeit mit qualifizierter Weiterbildung. Patientenlotsen gibt es indikationsübergreifend sowie indikationsspezifisch für verschiedene Krankheitsbilder und Lebenslagen, wie z. B. Schlaganfall-Lotsen, Cardiolotsen, Onkolotsen, geriatrische Lotsen, Babylotse und andere.

Definition Es gibt bis jetzt keine gesetzliche Begriffsbestimmung des Patientenlotsen. Die Deutsche Gesellschaft für Care und Case Management (DGCC) hat 2022 die Bestimmung und Qualifikation von Patientenlotsen wie folgt definiert:„Patientenlots:innen sind Care und Case Manager:innen für Menschen in komplexen Lebens- und Versorgungslagen mit einer oder mehreren medizinischen Indikationen. Sie reduzieren oder beheben zusammen und in direkter Interaktion mit den Patienten deren komplexe Lagen durch einen individuellen, koordinierenden Ansatz auf Grundlage einer systematischen Bedürfnis- und Bedarfserhebung. Sie bewerkstelligen damit bedarfsentsprechend im Einzelfall eine nötige Unterstützung, Behandlung, Begleitung, Förderung, Teilhabe und Versorgung von Menschen in einem inklusiven Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen.“Patientenlotsen folgen in ihrer Arbeit dem Handlungskonzept des Care und Case Managements. Die Qualitäts- und Qualifikationsvorgaben der DGCC für Case Manager und Case Management Organisationen gelten entsprechend auch für Patientenlotsen und Träger der Patientenlotsen.

Aufbauend auf der Definition der DGCC und den Erkenntnissen eines aktuell laufenden Patientenlotsen-Projektes existiert seit 2026 eine erweiterte Definition:

Hintergrund und Entwicklung der Patientenlotsen

Patientenlotsen sind gegenwärtig eine der wichtigsten gesundheitspolitischen Reformoptionen. Bei der Verbesserung der Nachsorge von Patienten mit komplexen Hilfebedarfen bestehen seit Jahrzehnten große Defizite. Darauf hat der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen bereits im Jahr 2007 in seinem Gutachten hingewiesen:

Seitdem sind indikationsübergreifende und indikationsbezogene Patientenlotsen in zahlreichen Studien und Projekten erprobt und evaluiert worden. Im Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesauschusses bilden die Lotsenprojekte unter den Neuen Versorgungsformen eine der größten Gruppen der Förderprojekte. Die erste systematische Darstellung der Lotsenprojekte wurde vom Patientenbeauftragten der Bundesregierung beim Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) in Auftrag gegeben. Die damalige Patientenbeauftragte Claudia Schmidtke erklärte 2021, dass Patientenlotsen künftig „einen wichtigen Beitrag dazu leisten können, die Gesundheitskompetenz zu stärken sowie die Behandlungsergebnisse und damit letztlich die Gesundheit und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern“.

Der Bundesverband Managed Care e.V. (BMC) hat 2020 eine Befragung von Lotsenprojekten durchgeführt. An dieser Umfrage beteiligten sich insgesamt 38 Modellprojekte, in denen zu diesem Zeitpunkt bereits rund 75.000 Patienten Leistungen von Patientenlotsen erhielten. Der Leistungsumfang belegt den vielfältigen Unterstützungsbedarf durch Lotsen: Sie koordinieren unterschiedliche Versorgungsangebote, informieren zu Versorgungsleistungen, unterstützen bei der Inanspruchnahme von Leistungen und halten Therapie- und Versorgungsmaßnahmen nach. Im Durchschnitt beraten die Lotsen zu den Leistungen von mehreren Sozialgesetzbüchern (SGB): vor allem SGB V (Gesetzliche Krankenversicherung), SGB VI (Gesetzliche Rentenversicherung), SGB IX (Rehabilitation und Teilhabe) und SGB XI (Soziale Pflegeversicherung). In den befragten Projekten sind die Lotsen in den verschiedensten Fachrichtungen und Indikationen tätig, besonders beim Schlaganfall, in der Geriatrie, Onkologie, bei psychischen Erkrankungen sowie zahlreichen weiteren Einsatzgebieten, wie z. B. Kardiologie, Osteoporose, Demenz, Parkinson, Adipositas oder Suchterkrankungen. In einem Positionspapier hat der BMC 2023 Eckpunkte für den Leistungsumfang und die Qualifikation von Lotsen formuliert. Eine vom BMC erstellte Landkarte zeigt die deutschlandweite Verteilung der Lotsenprojekte nach Indikationen. (Abb. BMC Lotsenlandkarte)

Die Forderung nach Patientenlotsen wurde 2021 in den Koalitionsvertrag der Ampelkoalition aufgenommen: „Für erfolgreiche geförderte Projekte wie die der Patientenlotsen werden wir einen Pfad vorgeben, wie diese in die Regelversorgung überführt werden können.“"Mehr Fortschritt wagen. Bündnis für Freiheit, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit." Koalitionsvertrag 2021–2025., S. 68 Umgesetzt wurde dieser Passus im Koalitionsvertrag in der abgebrochenen 20. Legislaturperiode nicht mehr.

Mit zahlreichen großangelegten Projekten und Studien sind Patientenlotsen heute ein gut evaluierter Lösungsansatz für die Verbesserung der Versorgung. Aus gesundheitsökonomischer Perspektive lässt sich die Sinnhaftigkeit des Ansatzes weitgehend belegen, auch wenn die empirischen Befunde ein differenziertes Bild zeigen. Beispielhaft werden hier zwei große gesundheitsökonomische Lotsen-Evaluationen genannt: Für den Schlaganfall das Projekt STROKE OWL und für die Kardiologie das Projekt Cardiolotse. Dennoch steht bis heute eine Verstetigung der Patientenlotsen und in letzter Konsequenz der Transfer in die Regelversorgung aus. Im ersten großen Innovationsfondsprojekt der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe „STROKE OWL – Schlaganfall-Lotsen für Ostwestfalen-Lippe“, das von 2017 bis 2021 durchgeführt wurde, wurde die Lotsenintervention fachlich-operativ entwickelt und evaluiert. Mit dem seit 2024 laufenden neuen Innovationsfonds-Projekt „LEX LOTSEN OWL – Eckpunkte zur Governance von Patientenlotsen“ will ein Projektkonsortium unter der Leitung der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe eine praxisbasierte Grundlage für künftige gesetzliche Regelungen und damit die Implementierung von Patientenlotsen in die Regelversorgung schaffen. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Fragen nach den notwendigen strukturellen und rechtlichen Rahmenbedingungen für eine Umsetzung der Patientenlotsen als Regelleistung sowie die notwendige Finanzierung und Steuerung auf regionaler Ebene. Das Projekt läuft noch bis Ende 2027.

Handlungskonzept und Arbeitsweise von Patientenlotsen

Vorgehen auf Fallebene Patientenlotsen arbeiten nach dem Handlungskonzept des Care und Case Managements. Sie begleiten Patientinnen und Patienten über einen begrenzten Zeitraum und unterstützen sie beim Management ihrer Erkrankung und ihrer Lebensstilfaktoren, indem sie u. a. erforderliche Akteure wie beispielsweise Ärzte, Therapeuten, Sanitätshäuser, soziale und Ehrenamtsangebote vermitteln. Hierbei koordinieren sie die Versorgung in Zusammenwirken mit den Patienten und deren An- und Zugehörigen. In diesem Sinne stellt die Lotsen-Intervention keine (gesundheitliche) Versorgung im engeren Sinne dar, sondern ein fallbezogenes Versorgungsmanagement. Patientenlotsen folgen in ihrem Vorgehen den Handlungsschritten des Case-Management-Regelkreises (Intake, Assessment, Ziel-/Hilfeplanung, Linking, Monitoring, Evaluation). Ergänzend dazu übernehmen Patientenlotsen edukative Aufgaben, indem sie über das Krankheitsbild und relevante Risikofaktoren aufklären, die Patientinnen und Patienten bei der Umsetzung von Lebensstiländerungen unterstützen und ihre Adhärenz fördern. Neben körperlichen werden auch geistig-seelische Faktoren berücksichtigt. Die Begleitung bezieht zudem das persönliche Umfeld der Patientinnen und Patienten ein und berücksichtigt dabei insbesondere soziale, familiäre und kulturelle Aspekte. Ziel der Begleitung ist es, die Patientinnen und Patienten durch aktive Mitarbeit und Hilfe zur Selbsthilfe dazu zu befähigen, notwendige Maßnahmen möglichst eigenständig umzusetzen.

2023 wurde das Konzept der Lotsengrade in Kombination mit einem ICF-basierten Lotsengradscreening entwickelt. Dies ermöglicht die Differenzierung einer standardisierten Lotsen-Intervention in drei Lotsengrade in Abhängigkeit des vorliegenden Hilfebedarfs und der erwartbaren Intensität der Lotsen-Begleitung. Auf diese Weise können auch Personen mit einem weniger komplexen Hilfebedarf von der Unterstützung durch einen Patientenlotsen profitieren, da Umfang und Intensität der Intervention bedarfsgerecht angepasst werden können. Das Instrument kann auch im Rahmen einer langfristigen Qualitätssicherung sowie für ein Kostengerüst von Lotsenleistungen genutzt werden. Ein ähnliches, ebenfalls ICF-basiertes Instrument wurde für das Projekt Koordinierungsbüro Gesundheit entwickelt und erprobt.

Vorgehen auf Systemebene Während die oben beschriebene Tätigkeit auf der Ebene des einzelnen Falls die individuelle Unterstützung und Koordination eines Patienten und seiner Versorgungssituation umfasst (Case Management), zielt das Care Management auf die Zusammenarbeit und Vernetzung von Organisationen und Akteuren des Versorgungssystems. Durch das Zusammenspiel beider Ansätze sollen Versorgungslücken und Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Einrichtungen, Berufsgruppen und Zuständigkeiten überwunden und die Versorgungsstrukturen verbessert werden. Zunehmend wird auch diese Ebene der Patientenlotsen-Systematik im Rahmen von Projekten untersucht, um Ableitungen für die Umsetzung eines regionalen Care Managements im Gesundheitssystem treffen zu können. (S. dazu ebenfalls die Projekte Ahlener Modell, Bunter Kreis, LEX LOTSEN OWL und Koordinierungsbüro Gesundheit.)

Berufliche Voraussetzungen und Qualifikation von Patientenlotsen Berufsrechtlich wird die Tätigkeit von Patientenlotsen nicht als eigenständiger Ausbildungsberuf gewertet, sondern als eine spezialisierte Tätigkeit, die auf einer bereits vorhandenen für einen Beruf qualifizierenden Erstausbildung (Primärqualifikation) aufbaut. Voraussetzung für die Ausübung der Tätigkeit ist eine Primärqualifikation mit Bezug zum Gesundheits- oder Sozialwesen. Hierzu zählen beispielsweise therapeutische Berufe, Berufe in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Sozialen Arbeit sowie humanwissenschaftliche Studiengänge. Darüber hinaus sollten Kenntnisse über das jeweilige Krankheitsbild sowie Erfahrung im Umgang mit Betroffenen vor Aufnahme einer Tätigkeit als Patientenlotse vorliegen.