mini|Ehemaliges Kerngebäude der Tuchfabrik am Bleichwall/Walter-Schulz-Platz

Die Alte Tuchfabrik in Wittstock (Dosse) ist ein Gebäudekomplex aus dem 19. Jahrhundert und dem beginnenden 20. Jahrhundert, das im Zusammenhang mit der schnellen Verbreitung von Webereien und der Textilherstellung im Ort errichtet wurde, als eines von mehr als 200 derartiger Werke. Ihren Aufschwung erlebte die Tuchfabrik im Ersten Weltkrieg, als sie sich auf die Produktion von Uniformtuchen spezialisierte. So wurde sie zu einer wichtigen Militärausrüstungsfirma in Deutschland, was sich in der NS-Zeit noch einmal verstärkte. In der DDR-Zeit wurde die Einrichtung zu einem Volkseigenen Betrieb für Wohnraummöbel. Im Ergebnis der deutschen Wiedervereinigung wurde das Werk aufgelöst und seit 1994 steht das Bauensemble leer.

Geschichte der Fabrik und der Fabrikantenfamilie In den 1820er Jahren ließ der Unternehmer Friedrich Wilhelm Wegener in Wittstock eine Tuchfabrik errichten. Sie versorgte die gerade entstehenden industriellen Kleiderfabriken mit dem Grundmaterial. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelangte die Fabrik an Emil Quandt und eine bauliche sowie Angebots-Erweiterung erfolgte: im Jahr 1905 entstand zunächst eine flache Halle mit Sheddach für Wäscherei, Färberei und die Trocknung und daneben wurde eine viergeschossige neue Produktionshalle errichtet, in der die Webmaschinen aufgestellt werden konnten.

mini|Produktionshalle aus dem Jahr 1905, Zustand im Jahr 2010 Im Ersten Weltkrieg hatten sich die Besitzer auf die Herstellung von Uniformstoff konzentriert, so wurde im Jahr 1917 ein weiteres großes sechsgeschossiges Produktionsgebäude in Betrieb genommen. Bauherr war nun die Draeger-Paul-Wegener-Werke GmbH, die aus dem Zusammenschluss bzw. den Kooperationen der Familien Draeger, Paul (eigene Fabrik 1845) und Wegener entstanden waren. Ihnen schloss sich ab 1911 auch der Industrielle Emil Quandt als Teilhaber an.

Zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die Fabrikanlagen von der Roten Armee besetzt. Danach wollte der Gerhardt Quandt, ein Nachfolger von Emil Quandt die Tuchproduktion wieder aufnehmen, erhielt jedoch keine Genehmigung. Stattdessen wurde er als Kriegsgewinnler bzw. Kriegsverbrecher enteignet und gefangen genommen. Hier kam der Besitzer ums Leben, der Bruder übersiedelte in die BRD.

Die Webmaschinen waren in die Sowjetunion als Reparationsleistungen abtransportiert worden. Mit der Gründung der DDR und der Bildung Volkseigener Betriebe (VEB) begann in den weitläufigen Hallen die Herstellung von Möbeln, insbesondere für Küchenausstattungen, das Werk hieß fortan VEB Möbelwerk Wittstock, später VEB Holzindustrie Wittstock. Die in Serienproduktion hergestellten Schränke und Tische waren bald in der ganzen DDR sehr gefragt, weil mit den Plattenbauten rasch viele neue Wohnungen mit Einbaumöbeln ausgestattet werden mussten, darunter Modelle wie die Anbauküche WBS 70 oder Anbauküche Wittstock 85Ansicht der Küchenzeile Wittstock 85 auf www.deutsche-digitale-bibliothek..

Die Erzeugnisse konnten parallel auch in nichtsozialistische Länder für harte Währung exportiert werden. Um die Qualität stetig zu verbessern, gab es in den 1980er Jahren eine Zusammenarbeit mit dem Institut von Manfred von Ardenne, um die Haltbarkeit und die Geschwindigkeit der Aushärtung der Lacke durch radioaktive Bestrahlung zu verbessern. Infolge der nachfolgenden politischen Umbrüche wurden die neuen Verfahren nicht mehr zur Anwendung gebracht. Die Fabrik unterstand dem VEB Möbelkombinat Berlin (MKB).

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde aus dem VEB zunächst die uni-plus Möbel-Fabrik GmbH, dann übernahm die Treuhandanstalt die gesamte Fabrik und verkaufte sie für zwei Millionen DM an einen westdeutschen Fabrikanten. Doch statt einem neuen Start der Möbelproduktion wurden die Ausrüstungen nach und nach verkauft und im Jahr 1994 endete das kurze neue Leben.

Erben der Familie Quandt konnten ermittelt werden, haben sich auch alles angesehen einschließlich der gut erhaltenen Fabrikantenvilla, an neuen Nutzungen zeigten sie jedoch kein Interesse.

Hin und wieder fanden in der alten Fabrik nach vorheriger Anmeldung auch Führungen statt. In den 2010er Jahren gab es den Plan, in dem Gebäude eine Bildungseinrichtung anzusiedeln und zu einem Bildungscampus zu entwickeln. Pläne für Sanierungen bzw. des Umbaus zum Bildungscampus lieferten in dieser Zeit unter anderem Wittstocker Architekturbüros wie Kannenberg & Kannenberg sowie CKRS Architekten. Dabei waren auch die Einrichtung von Wohnungen und eines Brauereimuseums für das Gebiet Pritzwalk vorgesehen. Der Landkreis und die Stadt stimmten diesen Plänen jedoch nicht zu.

Umnutzung zur Poliklinik mit Erweiterungsmöglichkeit zum Gesundheitscampus Die Stadtverwaltung kümmerte sich weiter intensiv um eine Perspektive und hat in den 2020er Jahren einen Weg gefunden: Am 27. Februar 2026 berichtete das Fernsehen, dass das eindrucksvolle Bauensemble mitten in der Stadt mit Hilfe des Universitätsklinikums Ruppin-Brandenburg nun zu einer leistungsfähigen Poliklinik umgebaut wird, die 2027 eröffnen soll. Hintergrund ist zudem, dass das noch vorhandene KMG Klinikum Wittstock aufgrund von Vorgaben der Krankenhausreform zum 1. Januar 2027 schließen muss. Als Interims-MVZ wurden bereits einige Räumlichkeiten umgestaltet, erhielten modernste medizinische Geräte und Internetanbindungen für mehr als eine halbe Million Euro. Bis zur geplanten Eröffnung der ersten vier Fachbereiche noch 2026 muss die Kassenärztliche Vereinigung noch die Einrichtung eines neuen MVZ beschließen und kurzfristig muss Fachpersonal gewonnen werden. Schließlich soll die medizinische Versorgung komplett neu als „stambulantes“ (stationär-ambulantes) Modell organisiert werden. Nach der schrittweisen baulichen Sanierung der Fabrik wird das denkmalgeschützte Ensemble auf rund 4000 Quadratmetern Platz für zwölf fachärztliche Praxen, ein ambulantes OP-Zentrum, ein Herzkatheterlabor und eine Endoskopie-Einheit erhalten. Der Totalumbau soll bis 2030 abgeschlossen sein, wofür das Land Brandenburg rund 24 Millionen Euro Fördergelder bereitstellt: zwölf Millionen aus der Poliklinik-Förderrichtlinie des Gesundheitsministeriums, weitere zwölf Millionen aus der Städtebauförderung. Die Stadt Wittstock trägt drei Millionen Euro als Eigenanteil bei – voraussichtlich per Kredit.

Architektur Der Kern der Bauanlage ist das kompakte Backsteingebäude mit großzügigen, lichten Geschossstrukturen, das als Fabrikantenvilla gilt. Es ist unverputzt und bildet mit weiteren Produktionsbereichen über kleine Stegverbindungen einen Baukomplex. Darüber hinaus gehören der oben gezeigte industrielle Hochbau zum Denkmalskomplex. Die Villa steht unmittelbar auf dem historischen Fabrikareal direkt an der eh. Produktionsstätte am Walter-Schulz-Platz (gegenüber des Dosseteichs). Am Gebäude verweist das Monogramm mit den Initialen „FWW“ (für Friedrich Wilhelm Wegener) auf den Bauherren. Für alle genannten Fabrik- und Verwaltungsgebäude gibt es keine Dokumente über die Planer.

Weblinks

Alte Tuchfabrik Wittstock, youtube.com. 3:35 Minuten. Poliklinik in Wittstock – Universitaetsklinikum Ruppin-Brandenburg wird Betreiber, Website kma-online.de.

Einzelnachweise

Alte Tuchfabrik Alte Tuchfabrik Kategorie:Möbelhersteller Kategorie:Produzierendes Unternehmen (DDR) Kategorie:Ehemaliges Unternehmen (Textilindustrie) Kategorie:Gebäudekomplex in Brandenburg Kategorie:Erbaut in den 1910er Jahren Kategorie:Backsteinarchitektur