Side ist ein Drama des estnischen Schriftstellers Eduard Vilde (1865–1933) aus dem Jahr 1917. Das Stück in vier Akten ist Vildes drittes und letztes Bühnenwerk nach Tabamata ime (1912) und Pisuhänd (1913). Der estnische Titel bedeutet sinngemäß „Band“ beziehungsweise „Verbindung“.

Vilde schrieb den Text 1917 während seiner Jahre im Exil in Dänemark. Ungewöhnlich für sein Schaffen ist, dass zunächst, auf Grundlage des Manuskripts, die Bühnenfassung uraufgeführt wurde und der Text erst 1922 im Druck erschien.

Vilde selbst hielt Side für sein gelungenstes Bühnenwerk. In der estnischen Theatergeschichte blieb es jedoch das am seltensten gespielte seiner drei Dramen.

Inhalt Die Handlung spielt in Estland in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und erstreckt sich über rund dreieinhalb Jahre an verschiedenen Schauplätzen.

Der betagte Buchhändler Hans Ilves hat sich mit erlaubten wie unerlaubten Mitteln ein großes Vermögen erwirtschaftet. Erbe dieses Vermögens wird sein einziger Sohn Voldemar, der die geschäftlichen Praktiken seines Vaters missbilligt – etwa dessen Zahlungsverweigerungen, das grundlose Hinauszögern von Fristen und die Übervorteilung von Gläubigern.

Als der Vater sich eines Tages weigert, dem ehemaligen Lehrer Jaak Grünberg ein Autorenhonorar auszuzahlen, obwohl er weiß, dass dieser nicht einmal Geld für Medizin für sein sterbendes Kind hat, reißt Voldemar der Geduldsfaden: Er zahlt das Honorar eigenmächtig aus. Der alte Ilves gerät daraufhin in Wut und schlägt seinen Sohn ins Gesicht. Voldemar verlässt kurz darauf das Geschäft mit dem Vorsatz, nie mehr in das Vaterhaus zurückzukehren.

Voldemar eröffnet daraufhin eine eigene Buchhandlung mit Verlag. Da das Erbe seiner verstorbenen Mutter nicht ausreicht, nimmt er ein Darlehen von seiner verwitweten Cousine Olga Kurvits auf. Olga, die nach dem Tod ihres Mannes, eines Fleischers, zu Wohlstand gekommen ist, verfolgt mit dem Darlehen eigennützige Absichten: Sie hofft, Voldemar auf diese Weise an sich zu binden und ihn später zu heiraten. Der Plan scheitert, da Voldemar Agnes Schönfeldt liebt, die frühere Verkäuferin im Betrieb seines Vaters, die am selben Tag wie er entlassen worden war und nun in seinem Geschäft arbeitet, gemeinsam mit Jaak Grünberg.

Als Frau Kurvits erkennt, dass Voldemar sie nicht heiraten wird, ändert sich die Lage: Im Zuge eines Streits verspricht Voldemar, ihr das Darlehen – dessen offizielle Rückzahlungsfrist eigentlich acht Jahre beträgt – freiwillig binnen zwei Monaten zurückzuzahlen. Um dies zu ermöglichen, hatte er zuvor bereits ein Darlehen bei einem Landvermesser aufgenommen, der in der Folge erblindet. Dessen Familie ist nun dringend auf die Rückzahlung angewiesen. Am selben Tag treffen Voldemars Geschäft zudem mehrere wirtschaftliche Schläge, die auf heimliche Machenschaften seines Vaters zurückgehen. Überdies erwirbt Hans Ilves das Gebäude, in dem sein Sohn seine Geschäftsräume gemietet hat, sodass dieser in eine weniger belebte Lage umziehen muss. Voldemars Geschäft gerät dadurch in finanzielle Bedrängnis.

In der Absicht, genug Geld zu sparen, um dem erblindeten Landvermesser dessen Geld zurückgeben zu können, dringt Voldemar eines Abends in das Zimmer seines Vaters ein. Unter Vorhalt eines Revolvers verlangt er von ihm seine Schuldwechsel und verbrennt sie, sobald er sie erhalten hat, im Ofen.

Hauptfiguren Hans Ilves – betagter, wohlhabender und schlitzohriger Buchhändler und Verleger, Voldemars Vater. Er hat sein Vermögen mit teils zweifelhaften geschäftlichen Mitteln aufgebaut und verkörpert im Stück ein rücksichtsloses, am Gewinn orientiertes Geschäftsgebaren. Voldemar Ilves – Hans Ilves' Sohn, zunächst in dessen Geschäft tätig, später Inhaber einer eigenen, konkurrierenden Buchhandlung und eines eigenen Verlags. Er steht für eine idealistische, an ethischen Grundsätzen orientierte Geschäftsauffassung; sein Credo lautet sinngemäß, wir verkaufen keine Bücher, sondern Träume („me ei müü raamatuid, me müüme unistusi“). Agnes Schönfeldt – ehemalige Verkäuferin im Geschäft von Hans Ilves, von diesem am selben Tag wie Voldemar entlassen. Sie liebt Voldemar und arbeitet später in dessen Buchhandlung. Olga Kurvits – Voldemars verwitwete Cousine, durch den Tod ihres Mannes, eines Fleischers, zu Vermögen gekommen. Sie leiht Voldemar Geld in der Hoffnung, ihn dadurch an sich zu binden und zu heiraten. Jaak Grünberg – ehemaliger Lehrer, dem Hans Ilves ein Honorar verweigert, was den offenen Konflikt zwischen Vater und Sohn auslöst; arbeitet später in Voldemars Geschäft.

Literarische Interpretation Im Zentrum des Stücks steht die Gegenüberstellung der verbreiteten Schacherei und Unmoral mit den ethischen Handelsmethoden, die Vilde während seiner Auslandsjahre kennengelernt hatte. Als Vorbilder für die Figuren Hans und Voldemar Ilves gelten namentlich bekannte estnische Verleger, mit denen Vilde selbst zu tun hatte; er hatte wiederholt Ärger mit der Grobheit und Gewinnsucht estnischer Verleger im Zusammenhang mit der Veröffentlichung seiner eigenen Werke erlebt. Als Nebenhandlung behandelt das Stück das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern sowie das Bestreben mancher Frauen, über eine Heirat gesellschaftlich aufzusteigen – verkörpert durch die Figur der Olga Kurvits.

Zur Entstehung des Stoffs berichtete Vilde später, sein ursprünglicher Plan sei ein Lustspiel mit dem Arbeitstitel Pärija („Der Erbe“) gewesen, in dem Vater und Sohn einander im Wettstreit gleichsam totzukonkurrieren versuchen, ehe sie die Sinnlosigkeit ihres Tuns erkennen und sich versöhnen. Seine Frau Linda überzeugte ihn jedoch, dem Generationenkonflikt eine ernstere Seite abzugewinnen, woraus statt der geplanten Komödie ein ernstes Drama wurde.

In einer Beschreibung der Werkausgabe wird Side ebenso wie Tabamata ime als „novellistisches Drama“ charakterisiert. Der Regisseur Tiit Palu, der das Stück 2024 am Theater Vanemuine in Tartu neu inszenierte, bezeichnete Side als Vildes letztes großes literarisches Werk und nannte als Vorbilder die Dramen Henrik Ibsens und August Strindbergs. Zudem hob er die bildreiche, kraftvolle Sprache des Stücks hervor. Die Theaterkritikerin Pille-Riin Purje wiederum sah in Side eine Geistesverwandtschaft mit August Kitzbergs Drama Kauka jumal.

Rezeption Die Uraufführung fand am 5. September 1917 im Theater Estonia in Tallinn statt, Regie führte Karl Jungholz. Zu Vildes Enttäuschung fiel die Aufnahme beim estnischen Publikum kühl aus. Das Gesamturteil der Kritik fiel dagegen deutlich wohlwollender und die Besprechungen positiver aus als bei Vildes vorangegangenen Stücken.

Trotz dieser vergleichsweise günstigen kritischen Aufnahme und obwohl Vilde selbst das Stück für sein bestes hielt, blieb Side in der estnischen Theatergeschichte eine Randerscheinung. Es war von seinen drei Dramen das am seltensten inszenierte. Nach der Uraufführung wurde es 1938 am Theater Ugala in Viljandi unter der Regie von Eduard Tinn sowie 1988 erneut am Ugala, in der Regie von Ilmar Tammur, aufgeführt. 2024 brachte Tiit Palu das Stück am Theater Vanemuine in Tartu erneut auf die Bühne; er kürzte den 1917 in Dänemark entstandenen Text um rund ein Drittel und fügte ein Motiv aus Vildes 1886 entstandener Jugenderzählung Musta mantliga mees („Der Mann mit dem schwarzen Mantel“) hinzu.

Literatur Cornelius Hasselblatt: Geschichte der estnischen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. De Gruyter, Berlin 2006, ISBN 3-11-018025-1, S. 342

Einzelnachweise

Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Drama Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Estnisch)