Lili Alice Kasticher (; * 6. Mai 1923 in Petrovaselo, Provinz Vojvodina, Jugoslawien; † 1973 in Israel) war eine jüdische Widerstandskämpferin und Holocaustüberlebende.

Werdegang Lili Kasticher wurde 1923 in einem kleinen Dorf in Jugoslawien geboren und wuchs mit ihren Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Als sie fünf Jahre alt war, starb ihre Mutter. Zwei Jahre später heiratete ihr Vater erneut. Nachdem zwei Brüder an Diphtherie gestorben waren, lebte sie bei ihren Großeltern mütterlicherseits. Mit 17 Jahren ging sie nach Novi Sad, wo sie bei ihrer Tante väterlicherseits wohnte und den Beruf als Friseurin erlernte. In ihrer Freizeit fertigte sie kleine Skulpturen und andere Gegenstände aus Ton.

Deportation Während des Zweiten Weltkriegs war Novi Sad von 1941 bis 1945 vom zu den Achsenmächten gehörenden Königreich Ungarn besetzt. Im Jahr 1941 wurde Lili Kastichers Vater umgebracht. Sie wurde bei einem Einsatz der Widerstandsbewegung gefasst und im April 1944 mit ihrer Tante und anderen Juden aus Novi Sad in einen Transport nach Auschwitz-Birkenau gezwungen. Ihre Tante wurde auf dem Weg von einer deutschen Wache erschossen. Im KZ hatte Lili Kasticher unter Kälte, Hunger, stundenlangen Zählappellen sowie Schlägen und Misshandlungen zu leiden. Sie begann sich um ihre Mithäftlinge zu kümmern und ihnen Mut zuzusprechen. Unter anderen behauptete sie, aus der Hand lesen zu können und sagte ihren Mitgefangenen stets eine hoffnungsvolle Zukunft voraus. Außerdem war sie an der Organisation verbotener Dinge beteiligt, die die Gefangenen benötigten. Während der ganzen Zeit ihrer Inhaftierung von April bis November 1944 schrieb sie mit gestohlenen Bleistiftstummeln auf Papierfetzen, obwohl der Besitz von Papier oder Schreibutensilien verboten war und eine Entdeckung ihren Tod bedeutet hätte.

Am 14. November 1944 wurde Lili Kasticher in ein Außenlager des KZ Groß-Rosen in Oberhohenelbe im Sudetenland deportiert, wo sie im Werk der Firma Lorentz Zwangsarbeit leisten musste. Obwohl den Frauen nur einmal in der Woche die persönliche Reinigung, Waschen der Wäsche und Maßnahmen gegen die in den Lagern herrschende Läuseplage erlaubt war, initiierte Lili Kasticher in dieser Zeit stattfindende „Kulturnachmittage“ für jeweils etwa zwanzig Frauen. Sie veranstaltete Mal-, Gedicht- und Kurzgeschichtenwettbewerbe, für die sie einen Teil ihrer eigenen Brotration als Preis auslobte, schrieb Sketche, organisierte improvisierte Aufführungen und gemeinsames Singen, um ihre Mitgefangenen zu ermutigen. Unter anderem verfasste sie ein politisch-soziales Manifest mit „Verhaltensregeln“ als Leitfaden für das Überleben der Frauen. Die verbotenen Blätter mit Gedichten und Bildern versteckte sie bis zur Befreiung im Mai 1945.

Weiteres Leben Nach dem Krieg kehrte Lili Kasticher nach Novi Sad zurück. Sie heiratete und bekam einen Sohn. Im Jahr 1948 emigrierte sie mit ihrer Familie nach Israel. Sie ließ sich in Jerusalem nieder, wo ihre Tochter geboren wurde, kümmerte sich um ihre Nachbarn und schrieb weiterhin Gedichte und ihre Memoiren. Ihre Versuche, die Bilder und Schriften aus den Lagern zu veröffentlichen, hatten keinen Erfolg. Ihre Erlebnisse im Holocaust verursachten wiederkehrende Angstzustände und die Beteiligung ihres Sohnes im Abnutzungskrieg und Jom-Kippur-Krieg während seines Militärdienstes führte bei ihr zu mehreren Krankenhausaufenthalten. Sie starb im Jahr 1973 durch Suizid.

Würdigung und Gedenken Lili Kasticher ist die einzige Frau, von der bekannt ist, dass sie in Birkenau schriftliche Aufzeichnungen verfasste (abgesehen von den Angehörigen des Sonderkommandos, die bessere Möglichkeiten hatten, an Schreibutensilien zu gelangen und diese zu verstecken). Ihre Dokumente aus den Lagern beinhalten eine Sammlung ihrer eigenen Gedichte mit Miniaturzeichnungen, Gedichte von Freundinnen, Zeichnungen und die „Verhaltensregeln“. „Dieses Regelwerk ist von unschätzbarem Wert, denn es stellt ein unmissverständliches Zeugnis dafür dar, wie sich – inmitten der chaotischen Lagerrealität, in der jede Bewegung und jeder Atemzug von den Deutschen diktiert wurde – einige jüdische Frauen zusammenschlossen, um eigene Regeln aufzustellen; damit bekundeten sie ihre moralische Überlegenheit und ihre Meinungsfreiheit gegenüber einem Unterdrücker, der sie zu Untermenschen herabwürdigen wollte.“ Außerdem verfasste Lili Kasticher ein „Auschwitz-Tagebuch“, das sie nach ihrer Befreiung aus dem Gedächtnis rekonstruierte.

Die Werke befinden sich durch Schenkung ihrer Tochter in der Gedenkstätte Yad Vashem. Das Leben von Lili Kasticher ist Teil der 2007 von Yad Vashem konzipierten Ausstellung Lichtflecke: Frau sein im Holocaust.

Einzelnachweise Lily Halpert Zamir: Life and Death in Verses Case Study: The Writings of Lili Kasticher, the Only Woman who Wrote in Auschwitz. In: IAFOR Journal of Arts & Humanities. Band 4, Sonderausgabe, Winter 2017 Lichtflecke: Frau sein im Holocaust: Freundschaft. In: Yad Vashem. Abgerufen am 23. August 2026 Jackie Metzger: Jewish Solidarity in the Holocaust: The Individual and the Community. In: Yad Vashem. Abgerufen am 6. September 2026 The activist. In: If This Is a Woman: Studies on Women and Gender in the Holocaust. Denisa Nešťáková, Katja Grosse-Sommer, Borbála Klacsmann, Jakub Drábik (Hrsg.), Academic Studies Press 2021, ISBN 978-1-644-69712-2 (eingeschränkte Buchvorschau ohne Seitenzahl). Abgerufen am 5. September 2026

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