mini|hochkant=1.4|Gruppe der Kanak am 29. Oktober 1931 im Dorf der Kanak nahe dem benachbarten Ausstellungsgelände der Pariser Kolonialausstellung im Bois de Vincennes.L’Exposition Coloniale Internationale de 1931, le village kanak. Online unter: collections.albert-kahn.hauts-de-seine.fr, ohne Datum, abgerufen 1. September 2026. Das Dorf war im August nach Protesten über die Unterbringung der Gruppe im Jardin d’Acclimatation errichtet worden. Autochrom-Fotografie von 1931
Die Kanak-Völkerschau 1931 war eine Völkerschau (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo), bei der 111 indigene Personen aus Neukaledonien zwischen April und Oktober in Paris und verschiedenen Städten des Deutschen Reichs zur Schau gestellt wurden.
Die Kanak sind ein indigenes Volk der 1853 von Frankreich in Besitz genommenen Inselgruppe Neukaledonien, die bis heute ein französisches Überseegebiet ist. Sie waren im Vorfeld der Pariser Kolonialausstellung (), die von Mai bis November 1931 im Bois de Vincennes im Südosten von Paris stattfand, nach Paris gebracht worden. Weil die Direktion der Pariser Kolonialausstellung 1931 kurzfristig beschlossen hatte, keine Völkerschauen auf dem Ausstellungsgelände im Bois de Vincennes zu dulden, wurden die Kanak ab Anfang April am anderen Ende der Stadt im Jardin d'Acclimatation zur Schau gestellt und als vermeintliche „Kannibalen“ beworben. Die Gruppe wurde Ende April aufgeteilt. 30 Kanak wurden nach Hamburg gebracht, um dort im Tierpark Hagenbeck aufzutreten, weitere 40 traten eine Tournee durch fünf weitere deutsche Städte (Straßburg, Leipzig, Köln, Frankfurt am Main und München) an. Die übrigen etwa 40 verblieben in Paris. Die Kanak setzten sich gegen die Zurschaustellung zur Wehr und erwirkten die vorzeitige Rückkehr nach Neukaledonien am 11. November 1931.
Ende der 1990er Jahre löste die Völkerschau von 1931 in Frankreich öffentliche Kontroversen aus, nachdem der französische Nationalspieler Christian Karembeu im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1998 das Mitsingen der Marseillaise mit Hinweis auf die Zurschaustellung seines Großvaters Willy Karembeu 1931 in Hamburg verweigert hatte. Im gleichen Jahr erschien der Roman Cannibale () von Didier Daeninckx, der aus Perspektive eines der beteiligten Kanak die Völkerschau im Jardin d'Acclimatation nacherzählt und kritisiert.
Herkunft der Kanak mini|left|Neukaledonien: Die Hauptinsel Grande Terre und die Loyalitätsinseln Kanak ist die Selbstbezeichnung der indigenen Bevölkerung des französischen Überseegebiets Neukaledonien. Das Wort Kanak, von dem sich die bis heute geläufige umgangssprachliche abschätzige Bezeichnung „Kanake“ ableitet, bedeutet in der Sprache der Kanak „Mensch“.Stefan Goldmann: Die Südsee als Spiegel Europas. Reisen in die versunkene Kindheit. Rowohlt, Reinbek 1984, ISBN 3-499-17851-6, S. 208–242. Die etwa 1500 km östlich von Australien gelegene Inselgruppe Neukaledonien wurde bis 1922 als Strafkolonie genutzt und hatte deshalb bei den Franzosen einen schlechten Ruf. Sie bezeichneten die Kanak abschätzig als die „Neger Ozeaniens“, und die Bewohner als die „Kannibalen aus der Südsee“. Vermeintliche wissenschaftliche Untersuchungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sollten belegen, dass die Kanak besonders primitive und grausame „Wilde“ und zugleich „Kannibalen“ seien und den australischen Aborigines nahe stünden.
1926 waren etwa die Hälfte der knapp 52.000 Bewohner der Inseln indigene Kanak. Die Mehrheit von ihnen lebte auf der Hauptinsel Grande Terre und musste dort unter widrigen Bedingungen in Reservaten leben. Die Kanak von den nordöstlich gelegenen Loyalitätsinseln durften hingegen ihren Grundbesitz behalten und waren deshalb den französischen Besatzern gegenüber positiver eingestellt. 76 der 111 Kanak wurden von den Loyalitätsinseln rekrutiert: 40 von der Insel Lifou, 20 von der Insel Maré und 16 von der Insel Ouvéa. Die anderen 35 stammten aus der Region Canala auf der Hauptinsel Grande Terre. Die Kanak trugen europäische Kleidung, sprachen Französisch, waren mehrheitlich christlicher Konfession und aßen normales europäisches Essen.
mini|hochkant|Zurschaustellung einer Gruppe von „Kanaken“ aus NeukaledonienAlexander Honold: Ausstellung des Fremden – Menschen- und Völkerschau um 1900. Zwischen Anpassung und Verfremdung. Der Exot und sein Publikum. In: Sebastian Conrad, Jürgen Osterhammel (Hrsg.): Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914. Göttingen 2006, S. 170–190. auf der Pariser Weltausstellung (Foto von 1889)
Bereits 1889 wurde auf der Pariser Weltausstellung eine Kanak-Gruppe zur Schau gestellt,Pascal Blanchard u. a.: Einleitung. MenschenZoos: Schaustellung „exotischer“ Menschen im Westen. In: Dies. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 10–64. wo sie – anders als vier Jahrzehnte später – als fleißige Handwerker und nicht als „Kannibalen“ präsentiert wurden.
Veranstalter Die Kanak wurden auf Initiative der nicht-staatlichen Fédération Française des Anciens Coloniaux (FFAC, ) in Neukaledonien angeworben – ursprünglich in der Absicht, dass sie auf der Kolonialausstellung in Paris als Repräsentanten Neukaledoniens auftreten sollten.Stephen Henningham: „The Best Specimens in All Our Colonial Domain“. New Caledonian Melanesians in Europe 1931–32. In: The Journal of Pacific History, Jg. 29 (1994), Nr. 2, S. 172–187. Der FFAC-Kommissar Jean Pourroy, der später maßgeblich für die Betreuung der Gruppe der Kanak verantwortlich war, wurde dabei vom französischen Gouverneur Neukaledoniens Joseph Guyon unterstützt,Joël Dauphiné: Canaques de la Nouvelle-Calédonie à Paris en 1931. De la case au zoo. Paris 1998. der im September 1931 aufgrund der Kritik an der Völkerschau in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde. Finanziert wurde die Völkerschau von der Souchon-Finanzgruppe, die auch am Betrieb des Jardin d’Acclimatation beteiligt war und das Subunternehmen La Vulgarisation Ethnographique mit dem Management und der Durchführung der Völkerschau unter der Leitung von Jean Pourroy beauftragte. Für die Veranstalter erwies sich die Völkerschau mit einem Minus von rund 450.000 Franc als Verlustgeschäft.
Die Aussagen zur Organisation und Durchführung der Völkerschauen in Deutschland sind abweichend. Laut dem Historiker Joël Dauphiné konnte sich das Unternehmen Hagenbeck die Exklusivrechte für sämtliche Schauen sichern. Einem Schreiben des Kolonialministeriums vom 18. Juni 1931 zufolge stünden dem Unternehmen Hagenbeck aufgrund dieser Exklusivrechte alle Einnahmen der Völkerschauen zu. Nach anderen Angaben war der Impresario Willy Siebold für die Tournee der zweiten nach Deutschland gereisten Kanak-Gruppe verantwortlich, der zur selben Zeit auch die Sara-Kaba-Völkerschau mitveranstaltete.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005.
Verlauf der Völkerschau Anwerbung FFAC-Kommissar Jean Pourroy begann mit der Anwerbung bereits im September 1930 und konnte bis Januar 1931 die Gruppe der 111 Kanak rekrutieren, darunter 92 Männer, 14 Frauen und 5 Kinder. Eine Namensliste von 108 der 111 Kanak ist überliefert.Mwà Véé, Revue Culturelle Kanak, Nr. 13 (Juli 1996),S. 30. Die Bedingungen ihres Aufenthalts wurden mündlich mit ihnen kommuniziert, zugleich auch ein Vertrag aufgesetzt, den die Kanak aber selbst nicht zu sehen bekamen. Laut des Vertrags dauerte die Verpflichtung zwei Jahre. Festgelegt wurden auch die Arbeitsbedingungen, Unterkunft, Verpflegung und Entlohnung der Kanak. Die Häuptlinge sollten je nach Rang 250 bis 500 Francs pro Monat erhalten, die Männer 120 Francs und die Frauen 75 Francs. Mündlich war den Kanak zugesichert worden, die Reise werde nur acht Monate dauern. Sie sollten auf der Kolonialausstellung die Bewohner Neukaledoniens repräsentieren. Vor der Abreise wurden die Kanak medizinisch untersucht und geimpft. Die Schiffsreise, während der zwei Männer (darunter der Häuptling Bazit) verstarben, dauerte zwei Monate. Nach ihrer Ankunft in Marseille regte sich Unmut, als die Gruppe erfuhr, dass im Vertrag eine Aufenthaltsdauer von zwei Jahren festgelegt worden war und ihnen versprochene Kleidungsstücke und Decken nur teilweise ausgehändigt wurden. Die Gruppe erreichte Paris am 31. März 1931.
Paris Jardin d'Acclimatation Der ursprüngliche Plan, die Kanak im Rahmen der Pariser Kolonialausstellung am Pavillon Neukaledoniens auftreten zu lassen, war hinfällig geworden, nachdem die Direktion unter Marschall Hubert Lyautey die Zurschaustellung indigener Menschen untersagt hatte, um einem humanen Umgang mit der indigenen Bevölkerung in den Kolonien Ausdruck zu verleihen.Pascal Blanchard, Gilles Boëtsch, Nanette Jacomijn Snoep (Hrsg.): Exhibitions: L'invention du sauvage. Actes Sud Editions, Paris 2011.
Erst nach ihrer Ankunft in Paris wurde den Kanak klargemacht, dass sie umgehend im Jardin d'Acclimatation untergebracht und dort bereits am Tag nach ihrer Ankunft zur Schau gestellt würden. Im zoologischen Teil des Parks – in unmittelbarer Nachbarschaft zu einer zeitgleich stattfindenden Krokodilschau – bestand bereits ein vorher genutztes „Eingeborenendorf“, das gleichzeitig auch als Unterkunft diente. Die Vorführungen fanden nachmittags statt. Vormittags durften sich die Kanak im Jardin frei bewegen, aber das Gelände nicht verlassen. Am Ruhetag des Jardin organisierte Pourroy Gruppenausflüge in die Stadt. Der Gruppe war ein Arzt zugeteilt. Dennoch traten verschiedene Krankheiten auf, und 15 Angehörige der Gruppe mussten zwischenzeitlich ins Krankenhaus eingewiesen werden. Zwei Babys wurden im Jardin geboren. Seit dem 1. April 1931 sind Zeitungsannoncen überliefert, die die Gruppe als „Les mangeurs d'hommes“ (Die Menschenfresser) angekündigt haben. Die Besucher mussten für die Völkerschau einen zusätzlichen Eintritt von 5 Franc zahlen. Sie durften das von einem Zaun umgebene Dorf nicht betreten. Die spärlich bekleideten Kanak führten Tänze auf und sollten durch Zähnefletschen und gutturale Schreie einen gefährlichen Eindruck erwecken. Es wurde ihnen untersagt, während der Ausstellung Französisch zu sprechen. Laut dem Historiker Joël Dauphiné wurden die Kanak „regelrecht entmenschlicht“.
Bereits seit ihrer Ankunft protestierten die Kanak gegen die Zurschaustellung und die Vertragsbrüche betreffs der Unterbringung, der Vertragsdauer und der Entlohnung. Sie litten anfangs unter der Kälte und dem Verlust ihrer Bewegungsfreiheit. Vor allem beklagten sie sich darüber, als Kannibalen ausgestellt zu werden. Die Kanak wurden dabei von einem „ungewöhnlichen Bündnis“ von Kirchenvertretern, Journalisten, Parlamentsabgeordneten und Siedlern Neukaledoniens in ihren Protesten unterstützt. Die Protestschreiben zeigten Wirkung. Am 27. Juli 1931 schritt das Kolonialministerium ein und forderte vom FFAC eine deutliche Verbesserung der Situation der Kanak. Sie sollten in einem dafür zu errichtenden Dorf auf dem Ausstellungsgelände der Kolonialausstellung untergebracht werden. Außerdem wurde in einem Schreiben an alle Gouverneure vom selben Tag die Zurschaustellung von Menschen aus den Kolonien verboten, die nur der Befriedigung der „ungesunden Neugier“ des Publikums diene. Der verantwortliche Gouverneur Guyon wurde am 9. September in den Ruhestand versetzt und damit die Verantwortung auf ihn abgewälzt. Die Kanak-Ausstellung von 1931 war die letzte Völkerschau im Jardin d'Acclimatation.
Pariser Kolonialausstellung