Der Begriff Übersetzungsraum (auch Translationsraum, engl. translation space oder translation zone) bezeichnet einen Raum, in dem Übersetzungsbewegungen stattfinden. In Analogie zum Kultur- oder Sprachraum kann der Begriff ein geographisch eingegrenztes Gebiet meinen, er kann sich aber auch auf einen digitalen, metaphorischen oder sozialen Raum beziehen.

Konzepte

Räumliche Aspekte von Übersetzen

Räumliche Konzepte von Übersetzungsprozessen stützen sich oft auf die wörtliche Bedeutung des Begriffs über-setzen, die eine räumliche Bewegung nahelegt. Dabei bezeichnet der Übersetzungsraum im Gegensatz zum geschlossenen Kulturraum einen Zwischenraum, der unterschiedliche Kulturräume verbindet und in dem Austauschbewegungen und Kulturtransfers stattfinden:„Übersetzen wird von der Antike bis in die Gegenwart oft als raumbezogene Praxis beschrieben. Übersetzungen gelten als Produkte, die sprachliche, räumliche, zeitliche, kulturelle und/oder mediale Grenzen überwinden oder auch Brücken zwischen Menschen verschiedener Regionen, Nationen oder Kontinente bauen. Schon den Begriffen des klassischen Altertums für Übersetzen ist eine räumliche Dimension inhärent, trans-ferre oder trans-latio bezeichnen im wortgeschichtlichen Sinne das Über-führen, die Über-setzung, sei es von einem Begriff, einer Idee oder einem Text von einem Kulturraum in einen anderen.“Die Fachzeitschrift Translation Spaces, die seit 2012 beim Verlag John Benjamins erscheint, widmet sich der Erforschung von Übersetzungsräumen. Sie beschreibt ihr Themenfeld wie folgt: „It envisions translation as multi-dimensional phenomena productively studied (from) within complex spaces of encounter between knowledge, values, beliefs, and practices.“

Dritter Raum Das Konzept des Übersetzungsraumes steht im Gegensatz zu einer Vorstellung streng getrennter kultureller oder nationaler Grenzen. Dabei werden auch Machtrelationen mitgedacht: Neben Einflüssen aus der Verflechtungsgeschichte ist eine wesentliche Grundlage Homi Bhabhas postkoloniales Konzept des Dritten Raums (Third Space). Dieser ist nach Bhabha ein abstrakter und dynamischer Raum des Kulturkontakts, in dem Hybridität hergestellt wird. Hybridität wird verstanden als „der Bereich und das Ergebnis von Kulturkontakt, wenn man diesen als Diffusion von Kulturen denkt, die nicht nur in sich brüchig und different sind, sondern deren Vermischungen auch zu Sinn- und Machtverschiebungen führen.“ Bhabha wählt dafür den Vergleich mit einem Treppenhaus, in dem ständige Bewegung herrscht. Bhabhas Theorien zum räumlichen Aspekt von Übersetzung und zum Dritten Raum sind wichtige Grundlagen kulturwissenschaftlicher Übersetzungsforschung; dort werden insbesondere kulturelle Grenzbereiche, geographisch oder abstrakt, als „typische Übersetzungsräume“ bezeichnet.

Beispiele Beispielhafte Übersetzungsräume sind historische Wirtschaftszentren wie Venedig oder Konstantinopel in der Frühen Neuzeit und kulturelle Kontaktzonen wie der transatlantische Raum oder die Karibik zur Zeit des Kolonialismus. Soziale Übersetzungsräume sind etwa Klöster und Höfe im Mittelalter oder Schulen, aber auch Social Media kann als Übersetzungsraum verstanden werden. In metaphorischer Anwendung wird der Übersetzungsraum beispielsweise als Konzept im Bereich der interkulturellen Literatur oder des interreligiösen Dialogs verwendet.

Einzelnachweise

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