Moto Guzzi V35 und V40 sind eine Motorrad-Modellreihe der mittleren Hubraumklasse mit mehreren Varianten nach unterschiedlichen Bauarten, die der italienische Hersteller Moto Guzzi von Ende 1977 bis 1992 in Mandello del Lario und Lambrate baute. Die Grundbezeichnung „V35“ bzw. „V40“ basiert auf dem Hubraum von gerundet 350 cm³ bzw. 400 cm³. Nicht alle Varianten wurden nach Deutschland importiert.
Die V35 war, zusammen mit der V50 mit 500 cm³ Hubraum, der Vorläufer einer umfangreichen Modellreihe von „kleinen“ Motorrädern mit längseingebautem V2-Motor, international „Small Block“ genannt, die nach mehreren Hubraumsteigerungen und technischer Weiterentwicklung bis heute – mit der V85 TT von 2019 und der V7 von 2021 – auf dem Markt sind.
Konstruktiv sind diese Motorräder nicht einfach eine verkleinerte Version der zehn Jahre zuvor mit der „Ur-V7“ eingeführten „großen“ Modelle mit mittlerweile traditionellem V2-Motor (sogenannter „Big Block“), sondern waren das Ergebnis einer völlig neuen Entwicklung, sowohl was den Antrieb als auch das Fahrwerk betrifft. Herausragendes technisches Merkmal ist die im Getriebegehäuse gelagerte Gussschwinge aus Aluminium, was die Motordemontage sehr vereinfacht. Verantwortlich für dieses Projekt war Entwicklungsleiter Lino Tonti (1920–2002), der 1967 vom damaligen Geschäftsführer Romolo De Stefani zu Moto Guzzi geholt worden war. Die V35 wurde ein kommerzieller Erfolg, der 350-cm³-Motor wurde stetig weiterentwickelt und bis an die Schwelle des 21. Jahrhunderts gebaut (bis 1999 in der Nevada 350 Club).
Nachfolgerin der unverkleideten Straßenvariante V35 II wurde 1988 die Trentacinque GT mit klassischem Aussehen und viel Chrom. Die Reiseenduro V35 TT wurde 1987 durch die mechanisch weitgehend unveränderte NTX 350 ersetzt. Auf die V35 Florida folgte 1992 die Nevada 350.
Hintergrund In der Mitte der 1970er Jahre erweiterten die meisten italienischen Hersteller ihr Modellangebot in den damals als mittelgroß geltenden Hubraumklassen von 250 bis 500 cm³. So führte auch Moto Guzzi ab 1974 eine Reihe von kleineren und mittleren Motorrädern ein (siehe Liste der Moto-Guzzi-Motorräder), die von der Konzernschwester Benelli – seit 1971 wie Moto Guzzi Eigentum von De Tomaso Industries (DTI) – konstruiert und produziert wurden.
Ziel des neuen Projektes der Guzzi-Geschäftsführung war es, parallel zu den Benelli-Modellen robuste Motorräder mit längseingebautem V2-Motor und Kardanantrieb wie die erfolgreichen „großen“ V2-Modelle, jedoch mit moderaten Preisen und Leistungsdaten anzubieten, im Werk Mandello zu bauen und somit dessen Produktionskosten durch eine starke Volumenerhöhung zu senken. Da jedoch das Werk in Mandello 1976 mit den erfolgreichen Modellen 850 T3, 850 Le Mans und V1000 I-Convert ausgelastet war, kaufte De Tomaso das alte Innocenti-Werk in Lambrate, um dort nach umfangreicher Modernisierung die neuen V35 und V50 zu produzieren. Dies erfolgte erst 1980 nach Fertigstellung.
Unerwartet veränderte steuerliche Bestimmungen in Italien, die Motorräder mit größerem Hubraum stark benachteiligten, sowie das Mindestalter von 21 Jahren für das Fahren einer 500er sorgten dafür, dass 1977 das 350-cm³-Modell im Guzzi-Heimatmarkt plötzlich relevanter wurde und somit als erstes vom Band lief.
Modellentwicklung V35 (1977–1980) Die ersten beiden Versionen der neuen „kleinen“ Guzzis in den Hubraumklassen 350 (V35) und 500 cm³ (V50) wurden der Presse im Herbst 1976 im exklusiven Hotel Gallia in Mailand vorgestellt. Ein Ergebnis der Kostenjagd und Vereinfachungsarbeit Tontis ist die sehr kompakte Konstruktion und das Leergewicht von nur 152 kg (trocken), ein sehr niedriger Wert für eine robuste Straßenmaschine mit Zweizylindermotor, Elektrostarter, Kardanantrieb usw., der damals dem einer gut ausgestatteten 250er entsprach. Die Kehrseite der Medaille waren relativ viele technische Probleme im Laufe der Entwicklung und bei den ausgelieferten Einheiten, während die gesetzten Kostenziele trotzdem nicht erreicht wurden. Deswegen wurde die erste Serie der V35 nicht exportiert.
V35 Imola (1979–1984) mini|V35 Imola Die im November 1979 vorgestellte, sportlich anmutende V35 Imola war vom erfolgreichen großen Schwestermodell 850 Le Mans inspiriert und wurde von De Tomasos Designstudio in Modena gestaltet, das einige der Designelemente der „Le Mans“ teils übernahm, teils weiterentwickelte: kleine lenkerfeste Cockpitverkleidung, hinten deutlich nach oben gezogene, verchromte Auspuff-Endtöpfe, eckige Zweipersonensitzbank mit integriertem roten „Spoiler“, Leichtmetall-Gussräder in 5-Doppelspeichen-Design, rote Gabel-Tauchrohre, eckiges Rücklicht. Das Design gefiel der Fachpresse und dem breiten Publikum und beeinflusste schließlich die 850 Le Mans III von 1981. Die Zusatzbezeichnung bezieht sich auf die Motorsport-Rennstrecke Autodromo Enzo e Dino Ferrari im Süden der italienischen Stadt Imola.
Die V35 Imola war besonders in Japan wegen der dort geltenden Haftpflichtversicherungsklassen, die für Motorräder mit einem Hubraum über 750 cm³ hohe Versicherungsprämien verursachten, beliebt: Die sehr ähnlich gestaltete V35 Imola war eine willkommene Alternative zur praktisch unerschwinglichen „Le Mans“.
V35 II (1980–1985) Auf der Mailänder Motorradmesse EICMA im November 1979 erschien die V35 II mit einigen Verbesserungen wie größeren Vergasern, einer Zündung mit Unterbrecherkontakten statt mit der damals noch teuren und anfälligen elektronischen Zündung von Bosch, einer geringfügig um ein PS höheren Leistung oder noch leicht verkürzten Getriebe-Übersetzungsverhältnissen, um eine bessere Beschleunigung und Laufruhe zu erzielen.
V35 C / Custom (1982–1987) mini|Moto Guzzi V35 C (1981) Ende 1981 erschien, wie auch für die größere V50, eine Variante im „Softchopper“-Stil, der durch Filme wie Easy Rider (1969) berühmt geworden war. Die V35 C (je nach Unterlage auch ausgeschrieben V35 Custom bezeichnet) hat ein schmales Vorderrad im Kontrast zum breiten Hinterreifen, einen tropfenförmigen Tank, einen Bullhorn-Lenker, ein tiefergelegte gestufte Sitzbank mit kleiner Soziuslehne – Merkmale, die sich später bei der einem der größten Verkaufserfolge von Moto Guzzi wiederfinden, der Ende 1987 vorgestellten California III. Insgesamt wurden knapp 10.000 Stück V35 C gebaut.
Produktionszahlen Jahr 1982 1983 1984 1985 1986 1987 Anzahl 969 3991 2307 2035 604 44
V35 Imola II (1984–1989) mini|V35 Imola II 1983 wurde für die größere V65 Lario mit rund 650 cm³ Hubraum ein Vierventil-Zylinderkopf entwickelt und für die sportlicheren Modelle V35 Imola II und V50 Monza II übernommen. Die „Imola II“ wurde im November 1983 vorgestellt. Für den Ein- und Auslass betätigt je eine Stoßstange über einen Gabelkipphebel zwei Ventile. Die vier Ventile pro Zylinder sind radial in der Pultdach-Brennkammer angeordnet. Ansonsten ist der Motor weitgehend unverändert.
Die „Imola II“ hat, wie die Le Mans 1000 der ersten Baujahre, damals modische 16-Zoll-Räder und eine zweiteilige Frontverkleidung: eine kleine lenkerfeste Cockpitverkleidung mit rechteckigem Scheinwerfer und einen rahmenfesten Unterteil, der nur den Bereich oberhalb des Motors abdeckt.
V40 Capri (1984–1989) mini|V40 Capri Nach dem großen Erfolg der V35 Imola in Japan wurde speziell für den japanischen Markt die V40 Capri mit dort typischen rund 400 cm³ (exakt 386,9 cm³) von der V35 Imola II mit Vierventilmotor abgeleitet. Die Zusatzbezeichnung „Capri“ bezieht sich auf die süditalienische Insel Capri, auf der 1953 das Zeitfahren-Bergrennen Prima Coppa dell'Isola einmalig zwischen dem Plätzchen Marina Piccola im Hauptort Capri und dem Ortseingang von Anacapri veranstaltet wurde.
Der Motor wurde für den japanischen Fahrstil deutlich kurzhubiger ausgelegt (Hub „Imola II“: 50,6 mm vs „Capri“: 45 mm; Bohrung „Imola II“: 66 mm vs „Capri“: 74 mm) und damit drehfreudiger gemacht. Wie die „Imola II“ und hat die „Capri“ 16-Zoll-Räder und eine zweiteilige Frontverkleidung.
V40 Targa (1984–1989) Dieses Schwestermodell der V40 Capri mit Zweiventilmotor wurde für Japan zuerst wie „Imola II“ und „Capri“ mit einer zweiteiligen Frontverkleidung ausgestattet. Spätere Baujahre (ab 1987?) haben, wie auch die große Le Mans 1000 CI, eine vollständig rahmenfeste Halbschalen-Verkleidung – „CI“ steht im Italienischen für Carenatura Integrale. Verschiedentlich wurden „Capri“ und „Targa“ auch in Europa verkauft, sind heute jedoch extrem selten. Die Zusatzbezeichnung „Targa“ bezieht sich auf das Langstrecken-Bergrennen Targa Florio in Sizilien.
V35 TT (1984–1987)
Die V35 TT war, zusammen mit dem stärkeren Schwestermodell V65 TT mit 650 cm³ Hubraum, die erste Reiseenduro des Herstellers. Sie wurden als Reaktion auf den kommerziellen Erfolg der 1980 eingeführten BMW R 80 G/S und ähnlich ausgelegter Modelle japanischer Wettbewerber entwickelt.
V35 III (1986–1992) Als leichter Sporttourer ausgelegtes Motorrad ergänzte die V35 IIIdas Sporttourer-Angebot von Moto Guzzi unterhalb der zeitgleich eingeführten, technisch (bis auf den Vierventiler-Motor) wie optisch sehr ähnlichen V75 (1986–1989). Das klassische Erscheinungsbild der ersten V35 und der nur wenig überarbeiteten V35 II wurde zugunsten eines deutlich moderneren Designs mit viel Kunststoff aufgegeben. Sowohl für die V35 III als auch für die V75 wurden die kleine Cockpitverkleidung und die Instrumententafel von der großen Schwester 850 T5 (1983–1987) übernommen, die allerdings vom sogenannten „Big-Block“-Aggregat angetrieben wird und eine stark unterschiedliche Grundkonstruktion hat. Als Touren-Zubehör waren ein Gepäckträger mit Kofferhaltern und Seitenkoffer von Hepco & Becker aus Pirmasens erhältlich.
V35 Florida (1986–1991) Als Reaktion auf die Kritik gegenüber der „Custom“ wurde im Modelljahr 1986 die V35 Florida mit etwas markanterem „Chopper“-Design, modifiziertem Motor, noch kompakteren Abmessungen und verbesserter Qualität auch bei Komponenten wie Instrumenten und Fußrasten eingeführt. Die Zusatzbezeichnung „Florida“ reiht sich in eine Reihe von nach US-Bundesstaaten bezeichneten Guzzi-Motorrädern der Bauart Custom/Cruiser ein, eine 1971 mit „California“ begonnene Tradition.
Bohrung und Hub des Motors wurden so geändert, dass Zylinder und -köpfe von der hubraumstärkeren Schwester V50 übernommen werden konnten. Gegenüber der V35 C sind Gabel und Federbeine länger, anstelle der Sitzbank gibt es einen breiten, gepolsterten „King-and-Queen“-Sitz (d. h., mit tieferem Fahrer- und erhöhtem Soziussattel mit kleiner Lehne). Für die typische „Cruiser“-Sitzposition sind am verchromtten Motorschutzbügel seitlich ausklappbare, vorverlagerte und hochstehende Fußrasten geschraubt, in den USA-Prospekten als „Highway footpegs“ bezeichnet.
Produktionszahlen
Insgesamt wurden 2426 Stück V35 Florida gebaut. Jahr 1986 1987 1988 1989 1990 1991 Anzahl 862 542 376 234 187 225
Falco 350 (1987, Prototyp) mini|Falco 350 Ab der Mitte der 1980er Jahre arbeitete Moto Guzzi an der in vielerlei Hinsicht modernen, 1987 vorgestellten Falco 350, in manchen Quellen V35 Falco bezeichnet, mit OHC-Ventilsteuerung (pro Zylinder eine über Zahnriemen angetriebene Nockenwelle) und einer Vollverkleidung aus Kunstharz, die jedoch im Prototypenstadium verblieb.
Technik Antrieb