Das Stammlager III B (Stalag III B) in Fürstenberg (Oder) war während des Zweiten Weltkriegs eines von vier zentralen Stammlagern für Kriegsgefangene der Wehrmacht im ehemaligen Wehrkreis III (Berlin). Das Lager war dem Kommandeur der Kriegsgefangenen im Wehrkreis unterstellt und wurde bis Kriegsende von mehr als 100.000 Kriegsgefangene durchlaufen. Über 4000 Menschen, vor allem sowjetische Kriegsgefangene, starben an Hunger und Krankheit oder durch Folter und Mord durch das Wachpersonal.
Aufbau des Lagers Das Lager wurde ab Dezember 1939 als Folgeeinrichtung des Durchgangslagers Amtitz (bei Guben) errichtet. Es bestand aus zwei Teilen: einem Truppenlager und dem Hauptlager. Im südlicher gelegenen Truppenlager standen unterschiedliche Baracken der Wachmannschaften bzw. Kommandantur. Neben den Unterkunftsbaracken der Landesschützen oder der Wirtschaftsbaracke (Kasino) gab es hier auch einen Exerzierplatz.
Das Hauptlager wiederum teilte sich in ein Vorlager bzw. Eingangsbereich und das eigentliche Unterkunftslager. Im ersteren waren etwa ein Aufnahme- und Desinfektionsbereich, Kranken- und Arrestbaracken oder Baracken der Wachmannschaften errichtet. Ein Wachturm stand in der Mitte der Lagerstraße am Eingang. Der hintere und größere Lagerteil umfasste 40 Unterkunftsbaracken, die links und rechts der Lagerstraße in 10 Sektoren angeordnet waren und jeweils für 250 Menschen platz boten. Jeder Sektor besaß eine Abortbaracke und einen Appellplatz. Es gab zudem zwei Küchenbaracken und eine Verkaufsbaracke im Lager. Das Stammlager wurde durch doppelten Stacheldraht und mindestens sechs (bewaffnete) Wachtürme gesichert.
In Märkisch Rietz und in Kirchhain existierten Zweiglager.
Kriegsgefangene im Lager Die Zusammensetzung der Kriegsgefangenen bezüglich der Nationalitäten im Lager veränderte sich durchgehend und war stark vom Kriegsverlauf abhängig. Wurden anfänglich vor allem französische Soldaten im Lager inhaftiert, waren es später auch sowjetische, serbische, amerikanische oder italienische Kriegsgefangene. Im Januar 1941 gab es beispielsweise 24742 Franzosen, 288 Polen und 164 Belgier im Lager. Im August 1943 hingegen 20101 Franzosen, 7008 Rotarmisten, 801 Serben und 2607 US-Amerikaner. Den verschiedenen Häftlingsgruppen wurden unterschiedliche Lagerbereiche zugeteilt. Konzipiert für zehntausend Kriegsgefangene, waren mit der Höchstbelegung im Schnitt mehr als 40000 Menschen gleichzeitig inhaftiert.
Arbeitseinsätze Die Kriegsgefangenen wurden tagsüber zu Arbeitseinsätzen in der Land- und Forstwirtschaft, im Bergbau, in kleineren Betrieben oder der Industrie (später vor allem Rüstungsindustrie) herangezogen. Sie arbeiteten in Fürstenberg direkt beispielsweise für die Deutsche Gold- und Silber Scheideanstalt (Degussa), Rheinmetall-Borsig oder bei den Märkischen Elektrizitätswerken (MEW).
In über 1000 Arbeitskommandos waren sie den Arbeitsamtsbereichen Fürstenwalde, Frankfurt (Oder), Guben, Forst, Cottbus oder Senftenberg zugeordnet und dort bzw. in der weiteren Umgebung tätig. Es gab zudem Strafkommandos und Schwerarbeiterkommandos für jüdische Häftlinge, für die sowjetischen Kriegsgefangenen und für „delinquente“ Gefangene.
Alltag Zwar kam es im Lager immer wieder zu Verbrechen an den unterschiedlichsten Gefangenengruppen, doch war die Situation der Gefangenen auch von ihrer jeweiligen Länderzugehörigkeit abhängig. So wurde vor allem für die aus westlichen Ländern Inhaftierten versucht zumindest nach außen ein Bild grundlegend rechtlicher Bestimmungen aufrechtzuerhalten. So konnten amerikanische Kriegsgefangene beispielsweise sportliche oder kulturelle Aktivitäten organisieren oder hatten eine Lagerkirche in ihrem Bereich. Für die sowjetischen Kriegsgefangen galt die Genfer Konvention von 1929, welche die Behandlung der Kriegsgefangenen regelte, nicht. An ausreichende Gesundheit oder Ernährung war nicht zu denken. Sie waren, wie in anderen Lagern auch, der Willkür und dem Terror der Wachmannschaften ausgeliefert.
Massensterben der sowjetischen Kriegsgefangenen Im Zusammenhang mit dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 kam es so einige Monate später im Winter 1941/1942 im Lager zu einem Sterben Tausender Sowjetsoldaden. Wie im ganzen rückwärtigen Heeresgebiet und im Reichsgebiet war die Situation in den Stalags die gleiche. Die sowjetischen Gefangenen starben schon während des Zugtransports in Viehwagons zum Lager vor allem an Hunger, Kälte oder Diphtherie. Zu schwache Gefangene wurden von den Wachmannschaften erschlagen oder erschossen. Nach dem Krieg wurden über 4000 tote Gebeine sowjetischer Kriegsgefangener aus Massengräbern geborgen.
Aussonderung sowjetischer Kriegsgefangener Mit dem Kommissarbefehl und den darauffolgenden Einsatzbefehlen verschärfte die Wehrmacht ihre ideologische Haltung gegenüber der Sowjetunion und stellte so den Rahmen zur Vernichtung bedeutender Teile der Roten Armee zur Verfügung. Politkommissare, Intelligenzia, Funktionäre aller Couleur und jüdische Sowjetsoldaten wurden nun während der Gefangennahme oder kurz darauf exekutiert. Im Stalag III B sonderte ein Gestapokommando aus Frankfurt (Oder) mit Hilfe der Wachmannschaften die jeweiligen Gefangenen zur Überstellung und Exekution in die Konzentrationslager Sachsenhausen und Groß-Rosen aus. Die Landesschützen begleiten auch die „Überstellungen“ in die KZ`s. So wurden beispielsweise am 9. April 1942 fünfundzwanzig sowjetische Soldaten nach Groß-Rosen transportiert. Gefangene aus dem Stalag III B wurden im Herbst 1941 außerdem Opfer des Massenmordes an den 13000 sowjetischen Soldaten im KZ Sachsenhausen. Die genaue Zahl der aus dem Lager durch diese Aussonderungen getöteten sowjetischen Gefangenen ist unbekannt.
Wachmannschaften Lagerkommandanten waren Oberstleutnant Paul May und später Oberst Albrecht Blau. Das Lager wurde unter anderem durch die Landesschützenbataillone 313, 314, 326, 334, 349 und 610 bewacht.
Widerstand im Lager Vor allem sowjetische und jugoslawische Kriegsgefangene versuchten sich zu organisieren. Der deutsche Sanitäter Alfred Jung stellte Kontakte zwischen dem medizinischen Personal der Gefangenen und kommunistischen Widerstandsgruppen in Berlin her. Lebensmittelspenden wurden an die sowjetischen Kriegsgefangenen verteilt. 1944 wurde die Organisation durch die Gestapo aufgedeckt. Alfred Jung wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet und ein jugoslawischer Widerständler, Radomir Hrnjak, erhängte sich in seiner Gefängniszelle.
Nach dem Krieg Ermittlungen und Strafverfahren mini|Erhaltende Baracke der Wachmannschaft (2019) mini|Granitblock und heutiger Gedenkstein Gegen mehrere Angehörige des Gestapo- und Wehrmachtspersonals wurde in der Nachkriegszeit wegen Verbrechen an Kriegsgefangenen ermittelt. Einige wurden durch die Alliierten interniert. Nur in einer Handvoll der Fälle kam es zu Verurteilungen und Zuchthausstrafen. Ein an der Erschießung von zehn sowjetischen Kriegsgefangenen beteiligter Untersuchungsrichter wurde etwa durch die sowjetischen Behörden zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt. Den an den Aussonderungen der sowjetischen Gefangenen beteiligtem (Gestapo-)Wachpersonal konnte eine Beteiligung an den Verbrechen durch westdeutsche Ermittlungsbehörden nicht nachgewiesen werden.
Heutiger Zustand Einige der Mannschaftsbaracken für die Landesschützenbataillone der Wehrmacht sind bis heute erhalten. Auf dem ehemaligen Gelände des Hauptlagers existieren, umringt von einem Mischwald, noch Teile der Lagerstraße und ein paar Fundamente der Gefangenenbaracken. Zwei Granitquader, die während der NS-Zeit im Fürstenberger Hafen eingelagert waren, stehen am nördlichen Rand des ehemaligen Lagergeländes und dienen als Gedenk- und Mahnmal.
Gedenken Auf dem Friedhof in Fürstenberg (Oder) gibt es eine Gedenk- und Grabanlage von im Lager umgekommenen Kriegsgefangenen verschiedener (u. a. italienischer, polnischer) Nationalitäten.
1951 wurden in der damals neu gegründeten Planstadt Stalinstadt (ab 1961: Eisenhüttenstadt) ein offizieller und zentraler „Platz deutsch-sowjetischer Freundschaft“ (heute: „Platz des Gedenkens“) angelegt. Unter einem großen Obelisken wurden die Gebeine der sowjetischen Gefangenen aus den Massengräbern neu bestattet. Ab den späten 1990er Jahren begannen dann Diskussionen über den Sinn und Unsinn realsozialistischer Gedenkpolitik. Ehemalige Kriegsgefangene wurden in Russland und der DDR erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rehabilitiert und bis dahin in der offiziellen Darstellung verdrängt und vergessen. Durch eine unkritische Heroisierung der Roten Armee konnte das Ausmaß der antisowjetischen Verbrechen nicht richtig wahrgenommen werden und antislawischer Rassismus wurde dadurch verharmlost.
Im städtischen Museum Eisenhüttenstadt gibt es seit 2003 eine Ausstellung die über die Geschichte des Lager informiert.
Siehe auch Liste der Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht
Literatur Axel Drieschner, Barbara Schulz (Hrsg.): Stalag III Fürstenberg (Oder) – Kriegsgefangene im Osten Brandenburgs 1939–1945. Berlin 2006, ISBN 3-936411-91-3. InterKultur Vielfarben e.V. (Hrsg.): Stalag III B – Ein Kriegsgefangenenlager in Fürstenberg (Oder). Ausstellungsbroschüre, Fürstenberg 2003. Barbara Schulz, Axel Drieschner: Verdeckt vom Mythos der „ersten sozialistischen Stadt“. Ausstellung zum Kriegsgefangenenlager III B in Fürstenberg (Oder), heute Eisenhüttenstadt. Axel Drieschner, Barbara Schulz: Rüstungswirtschaft und Zwangsarbeit in Fürstenberg (Oder). Sonderausstellung im städtischen Museum Eisenhüttenstadt. Axel Drieschner, Barbara Schulz: Denkmal oder Altlast? Eine Kraftwerksruine in Eisenhüttenstadt erzählt von Rüstungswirtschaft, Zwangsarbeit und Krieg. 2002. Deutsch-Russisches Museum: Dimension eines Verbrechens. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg. Katalog zur Ausstellung, Berlin 2021, Metropol.
Weblinks
STALAG 3B. Military Intelligence Service, 1. November 1945 (englisch). STALAG IIIB (französisch). A Russian prisoner never forgot the American POWs who fed him in a Nazi prison camp (1988) CBS News, YouTube (russisch-englisch). Stalag 3B russisches Forum.
Einzelnachweise
Kategorie:Bauwerk in Eisenhüttenstadt Kategorie:Organisation (Eisenhüttenstadt) Kategorie:Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht Kategorie:Gegründet 1939