I bambini ci guardano (deutsch = Die Kinder sehen uns an) ist ein Film von Vittorio De Sica aus dem Jahr 1943. Der Film ist der erste nach einer Reihe leichter Komödien aus De Sicas früher Schaffensperiode, in dem er sich erstmals mit sozialen Problemen der Gegenwart kritisch auseinandersetzt, Filme, mit denen er schließlich 1948 (Schuhputzer) und 1950 (Fahrraddiebe) zwei Oscars gewann.
Es ist De Sicas erstes Filmdrama und das erste Mal, in dem er selbst in einem Film, in dem er Regie führt, keine Rolle übernahm. Entstanden im faschistischen Italien, bricht der Film mit der Darstellung des Ehebruchs einer Frau, eines Sebstmords und einer unglücklichen Kindheit die Tabus des faschistischen Kinos seiner Zeit.I bambini ci guardano Cineteca Bologna, 6. Oktober 2024, abgerufen am 28. August 2026
Durch den Einsatz von Laienschauspielern, dem Drehen außerhalb der Studios an authentischen Plätzen eines bestimmten Milieus, auch wegen seiner Ästhetik und seiner Stilmittel, gilt der Film in der Filmwissenschaft zusammen mit dem Visconti-Film Obsessione (1943) als Vorläufer des italienischen neorealistischen Films.Massimo Causo: I bambini ci guardano di Vittorio De Sica cineforum.it, abgerufen am 29. August 2026
Handlung Der fünfjährige Pricò lebt mit seiner Mutter Nina und seinem Vater Andrea in Rom und wird, während seine Eltern arbeiten, von dem Haushälterin Agnese betreut. Eines Morgens im Park sieht Pricò, wie seine Mutter mit Roberto, einem Freund der Familie, spricht. Roberto ist gerade dabei, Nina zu überreden, die Familie zu verlassen und mit ihm nach Genua zu ziehen. Am folgenden Morgen weckt ihn sein Vater und erzählt ihm, dass die Mutter weggegangen ist und nicht mehr wiederkommt.
Andrea bringt den Jungen zunächst zu einer Tante, mit der es schnell Streit gibt, und dann aufs Land zu seiner Großmutter, wo er nicht willkomen ist. Dort nimmt ihn die Dienerin Servetta in Obhut. Als sie ihn einmal abends wegen eines Liebhabers alleine lässt, fällt dem Jungen eine Vase auf den Kopf. Die Großmutter ist wütend auf Servetta, und der Vater holt Pricò wieder nach Hause. Während der Fahrt bekommt der Junge Fieber. Er wird ernstlich krank und verlangt nach seiner Mutter. Daraufhin kehrt die Mutter nach Rom und schließlich in die Familie zurück, und der Junge wird wieder gesund. Auch eine Harmonie zischen den Ehegatten scheint sich allmählich wieder einzustellen. mini|links|I sa Pola (Pricòs Mutter), Luciano de Ambrosis (Pricò), Emilio Cigoli (Pricòs Vater) in Alassio Wenig später fährt die Familie zu einem kurzen Urlaub nach Alassio ans Meer. Wegen seiner Arbeit muss Andrea jedoch bald in die Stadt zurückkehren, Frau und Kind bleiben noch in Alassio. Da erscheint Roberto, der Nina keineswegs vergessen hat, auf der Bildfläche. Als Pricò beobachtet, wie sich seine Mutter und Roberto küssen, läuft er weg, er will zu seinem Vater. Die Carabinieri greifen ihn auf und bringen ihn zur Mutter zurück. Nina fährt mit dem Jungen wieder nach Rom, lässt ihn bei der Portiersfrau und verschwindet zu ihrem Liebhaber. Ihr Ehemann Andrea ist tief verletzt und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Er bringt den Jungen in das Kinderheim eines Klosters, geht nach Hause und nimmt sich das Leben. Als Nina den Jungen aus dem Heim zu sich holen will, weigert er sich, mit ihr zu gehen, dreht er sich um und läuft weg.
Produktion I bambini ci guardano wurde während des Kriegs von September 1942 bis Januar 1943 an verschiedenen Schauplätzen in Rom, in Pisa und in Alassio sowie in den Scalera Studios in Rom gedreht.I bambini ci guardano (1943) davinotti.com, abgerufen am 26. August 2026
Am Drehbuch beteiligt waren außer Cesare Giulio Viola, dem Autor der Romanvorlage, Margherita Maglione, Adolfo Franci, der Dramatiker Gherardo Gherardi, der Filmregisseur Mario Monicelli, De Sica selbst und nicht zuletzt Cesare Zavattini. Mit I bambini ci guardano begann offiziell die Zusammenarbeit mit Zavattini, der zwar bereits ein Jahr vorher am Drehbuch der Filmkomödie Teresa Venerdì beteiligt aber im Abspann nicht genannt war, De Sicas langjährigem Drehbuchautor.
Gefilmt wurde mit Ferrania-16mm Nitratfilm. Zur Vorlage für die Zensur, der in Italien laut Gesetz bis zu dessen Abschaffung 2024 jeder Film vorgelegt werden musste, wurde er im August 1943 auf 35mm-Format überspielt.Valentina Rossetto: Ferrania 16mm nitrate film Filmatlas.com, abgerufen am 30. August 2026 Wie De Sica sich erinnert, wurde der Film vom Publikum, vor allem von dem jungen Publikum, das „amerikanische Filme“ sehen wollte, unfreundlich aufgenommen. De Sica drehte daher für den Schluss eine zweite Fassung. Diese Fassung wurde bei der späteren Restaurierung des Films verworfen.
Bis auf Isa Pola, die im Unterhaltungskino der Mussolinizeit eine Reihe von größeren Rollen gespielt hatte, waren alle anderen Rollen mit wenig bekannten Schauspielern oder mit Laiendarstellern besetzt. De Sica selbst, der bisher in jedem seiner Filme einen Auftritt hatte oder eine Hauptrolle gespielt hatte, war hier zum ersten Mal nur Regisseur und Drehbuchautor. Luciano De Ambrosis, der den fünfjährigen Pricò spielt, entdeckte De Sica bei Dreharbeiten in Turin. Riccardo Fellini, Marcello Mastroianni und Giovanna Ralli hatten als Kinder bzw. Jugendliche Auftritte im Film, werden aber im Abspann nicht genannt.
Die Musik komponierte Renzo Rossellini, nach Rose scarlatte die zweite und zugleich letzte Filmmusik für einen De Sica-Film.
Veröffentlichung Premiere in Italien war am 27. Oktober 1943, in Frankreich am 29. Juni 1949. Am 11. Juli 1954 wurde der Film auf dem Locarno Film Festival vorgestellt.
2009 veröffentlichten Dolmen Home Video und Cristaldi Film eine Kassette mit 2 DVDs. Enthalten ist neben einer DVD des Films in italienischer Sprache mit italienischen Untertiteln eine weitere DVD mit Interviews von Bernardo Bertolucci, Enzo Biagi, Tonino Guerra, Marco Bellocchio und Roberto Benigni. 2010 veröffentlichte das Label Cecchi Gori eine DVD, Laufzeit 80 Minuten, in italienischer Sprache, zusammen mit mehreren Interviews als Bonusmaterial. 2014 brachte NTSC eine DVD in französischer Sprache heraus.
Rezeption Fotoroman Noch 1943 erschien in dem Mailänder Journal Grandi Film Illustrati Nr. 23 vom 22. Juni der 16-seitige Fotoroman I bambini ci guardano, in dem der Film nacherzählt wird, und der reich mit Fotos ausgestattet ist.Umberto Cantone: I bambini ci guardano (1943) di Vittorio De Sica. Cineromanzo illustrato, abgerufen am 27. August 2026
Kritik Ulrich Gregor schreibt 1974 in der Zeit: „‚I bambini ci guardano‘ gehörte zu jenen Filmen, die, noch vor 1945 produziert, den Neorealismus der Nachkriegszeit vorwegnahmen und einen neuen Ton in das damals vorherrschende Kino brachten.“Ulrich Gregor, Die Zeit, 22. November 1974, zitiert aus: I bambini ci guardano Stadtkino Basel, abgerufen am 28. August 1926
Thomas Koebner führt in seinem Buch Filmregisseure aus, dass die Grundthemen des späteren Werks von De Sica und Zavattini hier schon vorhanden sind: „Erwachsene und Kinder als unversöhnliche Welt“, die Beziehung zwischen Vater und Sohn und die Familie. „Es war für die damalige Zeit ein mutiger Film, der im faschistischen Italien von der regierungsfreundlichen Filmkritik sehr umstritten aufgenommen wurde“.Zitiert aus: I bambini ci guardano Filmpodium, 2002, abgerufen am 29. August 2026
Nicola Milano schreibt 2022 anlässlich eines Seminars der Scuola dell’Accademia di psicoterapia psicoanalitica: „Der Film, eine wahre und eigene ‚Katechese‘ der Menschlichkeit, stellt eine wahre und eigene Wendung in der Geschichte des italienischen Kinos dar“. Es handele es hier um einen wirklichen Bruch, sowohl was die Themen betreffe, die in ihrer Zeit als subversiv galten (Selbstmord, Ehebruch der Frau, das Unglück von Kindern), sondern auch vom Gesichtspunkt des Stilistischen, nämlich der Vorwegnahme der Ästhetik und der Stilmittel des italienischen Neorealismus. Zitat: […] „una vera e propria ‚catechesi‘ di umanità, costituisce una vera e propria svolta per la storia della cinematografia italiana“Zitiert aus: Nicola Milano: I bambini ci guardano? sappacademia.it, abgerufen am 28. August 2026
Literatur Manuel De Sica (Hrsg.): I bambini ci guardano di Vittorio De Sica. Testimonianze, interventi, sceneggiatura. Pantheon - Associazione Amici di Vittorio De Sica 1998. Bert Carullo: Neorealism, History, and The Children’s Film: Vittorio de Sica’s The Children Are Watching Us reconsidered, in: Filmhistoria Online. Vol. 25. Nr. 1. 2015. S. 7–17. Laurent Scotto d’Ardino: La construction d’un regard enfantin: le cas emblématique de I bambini ci guardano (1942) de Vittorio De Sica, in: Presses Universitaires Blaise-Pascal. 2016. S. 43–52 Franco Lorenzoni: I bambini ci guardano. Una esperienza educativa controvento. Sellerio, Palermo 2019. ISBN 978-88-3893895-5
Weblinks
I bambini ci gurdano Film auf Youtube; raiplay.it, paywall; Länge 1:19:47 Patrick Holzapfel: /De Sica-Retro: I Bambini Ci Guardano Jugend ohne Film Peter Brunette: The Children Are Watching Us: A Movement Is Born criterion, 27. März 2006 Massimo Causo: I bambini ci guardano di Vittorio De Sica cineforum.it
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1943 Kategorie:Italienischer Film Kategorie:Filmdrama Kategorie:Milieustudie (Film) Kategorie:Literaturverfilmung Kategorie:Schwarzweißfilm