mini|Francesco Rosselli und Gherardo di Giovanni del Fora: Stundenbuch der Luisa de’ Medici, 1485, Biblioteca Medicea Laurenziana, Florenz Gherardo di Giovanni del Fora, eigentlich Gherardo di Giovanni di Miniato (* 1445/46 in Florenz; † 1497 ebenda) war ein italienischer Buchmaler, Maler, Mosaizist und Musiker.
Leben Gherardo di Giovanni di Miniato war der Sohn des Steinmetzen Giovanni di Miniato del Fora und Bruder von Bartolommeo di Giovanni sowie von Mónte di Giovanni del Fora. Der Namenszusatz del Fora war ursprünglich ein Beiname des Vaters und wurde irrtümlicherweise auch auf die Söhne übertragen. Über Gherardos künstlerische Ausbildung ist nichts Genaues bekannt. Vermutlich hatte er Kontakt zu Künstlern, die wie sein Vater an der Opera del Duomo tätig waren. Er kannte aber auch die Künstler im Umkreis der Medici. Die gelegentlich vertretene These, er habe bei dem drei Jahre jüngeren Domenico Ghirlandaio gelernt, gilt als unwahrscheinlich. Gherardo war Mitglied des literarischen Zirkels um Angelo Poliziano und gehörte somit auch zum Kreis um Lorenzo de’ Medici. Seine Briefe verfasste er größtenteils auf Latein. Er war humanistisch gebildet, musizierte und wirkte von 1470 bis 1495 als Organist in den Kirchen Santa Maria Novella und S. Egidio.
Bereits 1460 sind erste Miniaturen für den Kanzler der Ghibellinen, Bartolomeo Scala, dokumentiert. 1465 mieteten die drei Brüder als Cartolai und Buchmaler eine Werkstatt von der Badia Fiorentina. Dabei war Bartolomeo eher für die geschäftlichen Belange zuständig, Gherardo und Mónte für die künstlerischen. Konflikte zwischen den Brüdern führten 1476 zur Auszahlung Bartolomeos. Gherardo, der seit 1472 Mitglied der Compagnia di San Luca war, mietete die Werkstatt fortan allein, arbeitete aber weiterhin eng mit Mónte zusammen. In den folgenden Jahren sind zahlreiche Aufträge der Badia für Papierlieferungen, Buchbindearbeiten und Buchmalereien dokumentiert. Hinzu kamen weitere Auftraggeber wie der Konvent von San Marco, in dem Gherardo bis 1480 als Laienbruder lebte, sowie die Konvente der Santissima Annunziata und das Ospedale di S. Maria Nuova. Unter den zahlreichen Chorbüchern für Letzteres befindet sich mit dem zwischen 1473 und 1475 entstandenen Missale des heiligen Ägidius (Florenz, Museo Nazionale del Bargello, Ms. 67) das erste Meisterwerk der Brüder. In diesem Werk ist der Einfluss sowohl der frühen niederländischen Malerei als auch Leonardo da Vincis erkennbar. Bemerkenswert sind die Ansichten der Piazza San Marco mit dem 1429 vom Vater erworbenen Haus. Im Jahr 1477 erhielt Gherardo Zahlungen für Miniaturen in einer Handschrift für San Lorenzo (Florenz, Museo Nazionale del Bargello, Ms. 68), darunter eine Kreuzigung des heiligen Petrus – eines der wenigen Blätter, die nachweislich allein von Gherardo stammen (die übrigen Miniaturen der Handschrift wurden von Mariano del Buono di Jacopo ausgeführt). mini|Gherardo di Giovanni del Fora: Der Kampf zwischen Liebe und Keuschheit, wahrscheinlich 1475–1500, Eitempera auf Holz, 42,5 × 34,9 cm, National Gallery, London
1488 folgten die Antiphonare für San Lorenzo, in denen der Einfluss Donatellos spürbar ist, besonders im Martyrium des heiligen Laurentius. Die Zuschreibung allein an Gherardo oder an Gherardo und Mónte gemeinsam ist nicht abschließend geklärt. Im Jahr 1492 wurden vier Messbücher für den Florentiner Dom bezahlt, von denen sich eines erhalten hat (Florenz, Biblioteca Medicea Laurenziana, Ms. Edili 109). Ein weiteres entstand für den Dom von Aosta.
Als privater Auftraggeber gab der ungarische König Matthias Corvinus zwischen 1488 und 1490 mehrere Handschriften in Auftrag, die alle ein nach einer Medaille kopiertes Porträt von ihm tragen. Sie befinden sich heute in verschiedenen Bibliotheken, darunter in Budapest, Florenz (Biblioteca Laurenziana), Modena, New York (Pierpont Morgan Library), Prag und Wien. Weitere bedeutende Auftraggeber waren die Medici. Herausragend ist das Stundenbuch in der Bayerischen Staatsbibliothek in München (Clm 23639), dessen großformatige Miniaturen größtenteils von Gherardo stammen. Mitarbeiter waren Giovanni Boccardi und Francesco Rosselli. Zu den weiteren Werken zählen ein Psalter (Cambridge, Fitzwilliam Museum), Stundenbücher in der Biblioteca Nazionale in Florenz und in der Biblioteca Trivulziana in Mailand sowie das 1490 entstandene Stundenbuch zur Hochzeit von Isabella d’Este mit Francesco II. Gonzaga und ein 1495 entstandenes Exemplar zur Hochzeit von Lucrezia Strozzi mit Roberto Acciaiuoli (Melbourne, National Gallery of Victoria). Weitere gemeinsame Werke der Brüder sind die Trionfi des Petrarca (Baltimore, Walters Art Gallery) und ein Ptolemäus-Codex (Florenz, Biblioteca Nazionale).
Trotz der engen Zusammenarbeit mit seinem Bruder hat Gherardo auch einige Bücher allein illustriert, darunter das Graduale D der Santissima Annunziata, ein franziskanisches Brevier in der British Library (Add. Mss. 29735), die von Titus Livius verfasste Geschichte Roms, die er 1479 für Ferdinand von Aragón ausführte (Valencia), sowie eine mit Miniaturen versehene Prachtausgabe von Plinius’ Naturalis Historia, gedruckt in Venedig für Filippo Strozzi (Oxford, Bodleian Library, Ms. Douce 310). Die 1488 gedruckten Werke Homers (Neapel, Biblioteca Nazionale) enthalten das Porträt eines jungen Mannes im Stil Piero della Francescas.
Gherardos malerisches Werk außerhalb der Buchmalerei ist weniger umfangreich. Das Fresko an der Fassade von S. Egidio (1474, Papst Martin V. gewährt der Kirche Privilegien) wurde später von Francesco Brini erneuert, sodass von der ursprünglichen Malerei kaum mehr etwas erkennbar ist. Erhalten, wenn auch teilweise übermalt, ist ein Tabernakel an der Ecke Via Cavour/Piazza San Marco, das die Madonna mit Kind und vier Heiligen darstellt. Ein weiteres Tabernakel, das 1487 gemeinsam mit Mónte im Auftrag der Vorsteher des Bigallo an der Via Settignanese ausgeführt wurde, ist nur fragmentarisch erhalten. Das Fresko in S. Maria del Sasso bei Bibbiena (1486) ist kaum noch sichtbar. Die Lünetten in S. Marco und am Hauptportal von S. Giusto alle Mura gelten als zerstört. Als Tafelbilder werden Gherardos Triumph der Keuschheit (Turin, Galleria Sabauda) und Kampf zwischen Amor und Keuschheit (London, National Gallery) zugeschrieben. Hinzu kommen drei heute verschollene, thematisch zugehörige Tafeln aus der ehemaligen Genueser Sammlung Adorno. Im Jahr 1491 erhielten Gherardo und Mónte gemeinsam mit den Brüdern Domenico und Davide Ghirlandaio sowie Sandro Botticelli den Auftrag zur mosaikischen Ausstattung der Zenobius-Kapelle im Florentiner Dom. Laut Vasari lieferte Gherardo einen großformatigen Karton mit den Evangelistenfiguren, der zur Ausführung in Mosaik bestimmt war. mini|Gherardo di Giovanni del Fora (möglicherweise unter Beteiligung von Monte di Giovanni): Vision Davids, 1493–1495, Miniatur in einem Graduale temporale, Museo degli Innocenti, Florenz
Die seit Vasari immer wieder kolportierte Vermutung, Gherardo habe Kupferstiche von Albrecht Dürer und Martin Schongauer kopiert, entbehrt jeder Grundlage. Die betreffenden Stiche stammen tatsächlich von Cristofano Robetta.
Gherardo di Giovanni del Fora zählt zu den bedeutenden Malern des Florentiner Quattrocento im Umkreis von Domenico Ghirlandaio und Leonardo da Vinci, der ihn in einem seiner Manuskripte lobend erwähnte. Neben hervorragenden Porträt- und Landschaftsdarstellungen, in denen der Einfluss der frühen niederländischen Malerei spürbar ist, führte er in die Buchmalerei einen neuen Bordürentyp mit Kameen, Grotesken, Kandelabern, mythologischen Figuren und Tondi ein, die an Werke Donatellos erinnern, sowie Festons mit Früchten und Blumen im Stil der Della Robbia. Über die Vermittlung Pietro di Antonio Deis dürfte Luca Signorelli von Gherardos Werk beeinflusst worden sein; die Miniaturen im Missale des hl. Ägidius gelten als mögliche Vorbilder für dessen monochrome Tondi in der Brizio-Kapelle im Dom von Orvieto.
Literatur
Daniela Galizzi: Gherardo di Giovanni. In: Milvia Bollati (Hrsg.): Dizionario biografico dei miniatori italiani. Secoli IX–XVI. Sylvestre Bonnard, Mailand 2004, S. 258–262. Annarosa Garzelli: Miniatura fiorentina del Rinascimento, 1440–1525: un primo censimento. 2 Bände, Giunta regionale toscana / La Nuova Italia, Florenz 1985. Everett Fahy: Some Followers of Domenico Ghirlandajo. Garland, New York 1976. Paolo D’Ancona: La miniatura fiorentina nei secoli XI–XVI. Florenz 1914.
Weblinks
Einzelnachweise
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