Die Kapitaltheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu ist eines der Elemente seiner Ökonomie der Praxis. Er konstruiert vier grundlegende und diverse feldspezifische Kapitalsorten, um alles zu erfassen, was Handlungsmöglichkeiten eröffnet und Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position einer Person ermöglicht. Sein Kapitalbegriff geht weit über den der Wirtschaftswissenschaft hinaus.
Kapitalbegriff in der Ökonomie der Praxis Für Bourdieu ist es nur möglich, die Struktur und das Funktionieren der gesellschaftlichen Welt zu verstehen, wenn man den Begriff des „Kapitals in allen seinen Erscheinungsformen“ einführt, nicht nur in der Form, wie sie aus der Wirtschaftswissenschaft bekannt ist. Die Wirtschaftstheorie habe sich nämlich ihren Kapitalbegriff von einer ökonomischen Praxis aufzwingen lassen, „die eine historische Erfindung des Kapitalismus ist.“ Dieser herkömmliche Begriff reduziere die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschverhältnisse auf den bloßen Warenaustausch, der auf eigennützige Profitmaximierung ausgerichtet sei. Damit mache die Wirtschaftstheorie alle anderen Formen des sozialen Austausches zu nicht-ökonomischen, uneigennützigen Beziehungen. Mit der Begründung einer derartig engen Wirtschaftswissenschaft habe man zugleich das Entstehen einer „allgemeinen Wissenschaft von der Ökonomie der Praxis“ verhindert. Eine solche Ökonomie der Praxis würde den Warenaustausch lediglich als speziellen Fall unter mehreren möglichen Formen von sozialem Austausch behandeln.Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen von Maria Keil, Reclam (Great Papers Soziologie), Ditzingen 2026, ISBN 978-3-15-014740-5.
Bei Bourdieu umfasst der Kapitalbegriff alle Ressourcen, die gesellschaftlich wertvoll sind, nicht nur ökonomische. Sein erweiterter Kapitalbegriff bezieht sich auf alles, was Handlungsmöglichkeiten eröffnet und Bewahrung oder Verbesserung der sozialen Position ermöglicht.Boike Rehbein/Gernot Saalmann: Kapital (capital). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 134–140.
Kapitalsorten Im Aufsatz Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, der 1983 erstmals erschienPierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Reinhard Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. In: Soziale Welt, Sonderband 2. Schwartz, Göttingen 1983, ISBN 3-509-01341-7, S. 183–198, spricht Bourdieu von drei grundlegenden Arten des Kapitals: Ökonomisches Kapital, Kulturelles Kapital und Soziales Kapital. Im 1992 erstmals erschienenem Interview mit Loïc WacquantLoïc Wacquant mit Pierre Bourdieu: An Invitation to Reflexive Sociology. The University of Chicago Press, Chicago 1992, ISBN 022606-740-8; deutschsprachige Übersetzung: Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 978-3-518-58229-9. nennt er eine vierte Kapitalsorte: „Zu diesen drei Sorten kommt noch das symbolische Kapital hinzu, das die Form ist, die eine dieser Kapitalsorten annimmt, wenn sie über Wahrnehmungskategorien wahrgenommen wird, die seine spezifische Logik anerkennen (...).“ .Loïc Wacquant mit Pierre Bourdieu: Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 978-3-518-58229-9.
Diese vier Sorten sind die die Grundformen des bourdieuschen Kapitals, auch wenn Bourdieu in seinen Schriften diverse weitere Kapitalformen anführt.
Ökonomisches Kapital
Zum ökonomischen Kapital gehören alle Formen des materiellen Besitzes, die in entwickelten Gesellschaften gegen Geld getauscht werden können. Im Gegensatz zum marxistischen Kapitalbegriff geht es nicht nur um den Eigentum an Produktionsmitteln.Werner Fuchs-Heinritz und Alexandra König: Pierre Bourdieu. Eine Einführung. 3., überarbeitete Auflage, UVK, Konstanz/München 2014, ISBN 978-3-8252-4233-6.
Kulturelles Kapital
Das kulturelle Kapital hat drei Erscheinungsformen: Im inkorporierten Zustand ist das kulturelle Kapital das, was in der deutschen Sprache als Bildung bezeichnet wird, es besteht aus kulturellen Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese Form des kulturellen Kapitals ist weder durch Geld zu erwerben noch direkt in Geld zu verwandeln. Im objektivierten Zustand ist das kulturelle Kapital der Besitz von Büchern, Kunstwerken oder technischen Instrumenten. Dessen Wert lässt sich in Geldbeträgen ausdrücken und ist in ökonomisches Kapital konvertierbar. Im institutionalisierten Zustand besteht das kulturelle Kapital aus Abschlusszeugnissen und Bildungstiteln. Dadurch wird das Kapital als legitim erklärt, weil es institutionellen Maßstäben (Prüfungen) genügt hat. Dem inkorportierten Kaptital eines Autodidakten fehlt dagegen solche Legitimation.
Soziales Kapital
Elemente des sozialen Kapitals sind Freundschaften, Vertrauensbeziehungen, Bekanntschaftsbeziehungen, Geschäftsverbindungen sowie Mitgliedschaften in Gruppen, Organisationen, Berufsverbänden oder Clubs. Zur Bildung und Aufrechterhaltung eines solchen Netzes sozialer Beziehungen bedarf es aufwändiger Beziehungsarbeit. Das soziale Kapital dient hauptsächlich dazu, die Chancen zur Erhaltung und Vermehrung des ökonomischen und kulturellen Kapitals zu steigern und zu sichern.
Bourdieus soziales Kapital hat wenig mit dem gleichlautenden Begriff von Robert Putnam und James Samuel Coleman zu tun, der eher die Ressourcen bezeichnet, die sich aus der Gesellschaftsstruktur zur ökonomischen Kapitalakkumulation ergeben.
Symbolisches Kapital
Symbolisches Kapital hat die Form von Anerkennung und Prestige. Es ist abhängig vom Vorhandensein und Volumen der drei anderen Kapitalsorten.
Weitere Kapitalsorten In seinen Schriften verwendet Bourdieu neben den bekannten vier Grundformen noch zahlreiche andere Arten von Kapitalbezeichnungen, wie beispielsweise das psychische, das informationelle, das politische Kapital. Laut Bourdieu-Handbuch gibt es so viele Kapitalsorten wie Felder.
Feldspezifische Kapitalien sind entweder Unterkategorien oder Abwandlungen von kulturellem, ökonomischen und sozialem Kapital. Sie unterliegen wie die drei Grundformen unterschiedlichen Transformations- und Reproduktionsregeln und verweisen damit auf die jeweils eigene Logik jeden Feldes.Maria Keil: Nachwort. In: Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Reclam (Great Papers Soziologie), Ditzingen 2026, ISBN 978-3-15-014740-5. S. 63–125, hier S. 96 f.
Kapital und Feld Das soziale Feld ist für Bourdieu grundsätzlich ein Bereich sozialer Kämpfe. Die Akteure bemühen sich um die bestmöglichen Positionen auf dem Feld. Dafür setzen sie alles ein, über das sie verfügen und was auf dem Feld zählt. Zugleich versuchen sie die Regeln des Feldes so zu ändern, das das, worüber sie verfügen am deutlichsten zur Geltung kommt.Boike Rehbein/Gernot Saalmann: Feld (champ). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 99–103, hier S. 101. Die Ökonomie der Praxis besteht darin, die Ziele, die sich aus der Logik eines bestimmten Feldes ergeben, mit dem geringsten Aufwand zu erreichen.
Literatur Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Reinhard Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. In: Soziale Welt, Sonderband 2. Schwartz, Göttingen 1983, ISBN 3-509-01341-7, S. 183–198; das französische Originalmanuskript Les espèces du capital wurde von Bourdieu nie veröffentlicht. Der deutschsprachige Text ist die von Bourdieu autorisierte Übersetzung seines französischsprachigen Schreibmaschinenmanuskripts von Reinhard Kreckel. Der Text wurde zweimal wieder abgedruckt: Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Pierre Bourdieu: Die verborgenen Mechanismen der Macht. Herausgegeben von Margareta Steinrücke, VSA, Hamburg 1992, ISBN 3-87975-605-8, S. 49–79. Pierre Bourdieu: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. Herausgegeben und mit einem ausführlichen Nachwort versehen von Maria Keil, Reclam (Great Papers Soziologie), Ditzingen 2026, ISBN 978-3-15-014740-5. Loïc Wacquant mit Pierre Bourdieu: Reflexive Anthropologie. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1996, ISBN 978-3-518-58229-9. Boike Rehbein/Gernot Saalmann: Kapital (capital). In: Gerhard Fröhlich, Boike Rehbein (Hrsg.): Bourdieu-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02235-6, S. 134–140. Werner Fuchs-Heinritz und Alexandra König: Pierre Bourdieu. Eine Einführung. 3., überarbeitete Auflage, UVK, Konstanz/München 2014, ISBN 978-3-8252-4233-6.
Weblinks Christoph Weischer: Kapitalien bei Bourdieu
Einzelnachweise
Kategorie:Pierre Bourdieu Kategorie:Soziologische Theorie