Im September 1989 besuchte der sowjetrussische Politiker Boris Jelzin, der kurz zuvor in den Obersten Sowjet der Sowjetunion gewählt worden war, die Vereinigten Staaten. Während der Reise besuchte er zehn Städte und absolvierte zahlreiche Reden und öffentliche Auftritte.
Nach seinen Wahlerfolgen bei den Wahlen von 1989 hatten mehrere Organisationen und Einzelpersonen Jelzin, der weithin als führender Vertreter der politischen Reformbewegung der Perestroika galt, zu einem Besuch in die Vereinigten Staaten eingeladen. Schließlich nahm er ein Angebot des Esalen Institute an, das eine mehrtägige Vortragsreise durch verschiedene US-amerikanische Städte organisierte. Die Reise wurde vollständig durch die Honorare für Jelzins Auftritte finanziert. Sein Anteil an den Einnahmen sollte zum Kauf von Einwegspritzen verwendet werden, um die Ausbreitung von HIV/AIDS in der Sowjetunion einzudämmen.
Die Reise begann am 9. September mit einem Aufenthalt in New York City und dauerte etwa eine Woche. Zu den bedeutendsten Ereignissen gehörten eine Begegnung mit US-Präsident George H. W. Bush im Weißen Haus sowie ein Treffen mit dem ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan in Minnesota. Am 16. September legte Jelzins Reisegruppe nach einer Besichtigung des Johnson Space Center bei Houston überraschend einen Zwischenstopp in einem Supermarkt der Kette Randalls ein, um sich ein Bild vom Einkaufsalltag gewöhnlicher US-Amerikaner zu machen. Mehrere Autoren schrieben diesem Besuch einen erheblichen Einfluss auf Jelzins politische Ansichten zu. Sein damaliger Mitarbeiter Lew Suchanow erklärte später, während der anschließenden Weiterreise sei in Jelzin „der letzte Rest des Bolschewismus zusammengebrochen“.
Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion setzte sich Jelzin weiterhin für politische Reformen und engere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten ein. 1991 wurde er zum Präsidenten Russlands gewählt und wirkte in dieser Funktion am Übergang des Landes vom kommunistischen System zu einem demokratisch-kapitalistischen System mit.
Hintergrund mini|240x240px|Boris Jelzin im Februar 1989 Bei den Wahlen zum Kongress der Volksdeputierten im März 1989 gewann Boris Jelzin seinen Moskauer Wahlkreis mit rund 92 Prozent der Stimmen. Dabei schlug er deutlich einen von der örtlichen Organisation der Kommunistischen Partei favorisierten Kandidaten. Noch im selben Jahr wurde Jelzin in den Obersten Sowjet gewählt. Im Parlament gehörte Jelzin zu den Mitbegründern der Interregionalen Abgeordnetengruppe, einer oppositionellen Fraktion, die sich auf politische Reformen konzentrierte, und fungierte als einer ihrer Ko-Vorsitzenden. United Press International bezeichnete ihn zu dieser Zeit als ein „nationales Symbol der Reform“ und als zweitbeliebtesten Politiker des Landes nach dem Generalsekretär der KPdSU Michail Gorbatschow. Felicity Barringer von der New York Times nannte ihn ein „Symbol des wachsenden politischen Pluralismus in Moskau“.
Esalens Reiseplan sah keinen Besuch des Instituts in Kalifornien vor, sondern eine mehrtägige Rundreise durch die Vereinigten Staaten mit zahlreichen öffentlichen Vorträgen Jelzins. Zu den vorgesehenen Städten gehörten New York City, Baltimore, Washington, D.C., Chicago, Philadelphia, Indianapolis, Minneapolis, Dallas und Miami. Zusätzlich war ein Zwischenstopp in Houston für einen Besuch des Johnson Space Center geplant. Das Esalen Institute finanzierte die Reise aus Jelzins Vortragshonoraren, die pro Auftritt zwischen 5000 und 25.000 US-Dollar betrugen. 30 Prozent der Einnahmen gingen an die mit der Organisation der Veranstaltungen beauftragte Agentur, der Rest an Jelzin. Jelzin lehnte den kommerziellen Charakter der Reise zunächst ab, erklärte sich schließlich jedoch damit einverstanden, weil sich die Reise so selbst finanzieren ließ. Er stimmte allerdings nur unter der Bedingung zu, dass sein gesamter Anteil am Gewinn für den Kauf von Einwegspritzen für sowjetische Krankenhäuser verwendet würde. Anfang desselben Jahres hatten sich neun Kinder in der sowjetischen Stadt Elista aufgrund mangelhafter medizinischer Ausrüstung mit HIV infiziert. Die Spritzen sollten helfen, die weitere Ausbreitung von HIV/AIDS in der Sowjetunion zu verhindern. Zusätzlich zu seinem Gewinnanteil wurde Jelzin ein Tagegeld von 100 US-Dollar zugesichert.
Am 5. September kündigte Jelzin seine Reise öffentlich auf einer Pressekonferenz an. Er erklärte, der Erwerb medizinischer Hilfsmittel sei lediglich ein zweitrangiges Ziel; hauptsächlich wolle er mehr über die Vereinigten Staaten erfahren.In einem späteren Gespräch mit dem amerikanischen Nationalen Sicherheitsberater Brent Scowcroft erklärte Jelzin, die Reise habe für ihn eher „philosophische“ als politische Gründe gehabt. Er habe dieses „große Land“ sehen und dessen hart arbeitende Bevölkerung kennenlernen wollen. Zu den Unterschieden zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion erklärte Jelzin, die USA verfügten über mehr als 200 Jahre Erfahrung mit demokratischer Regierung, wenn auch mit „bürgerlicher Demokratie“, während die Sowjetunion politisch „gerade erst aus dem Ei schlüpfe“. UPI berichtete, Jelzins Vorträge würden sich auf das sowjetische Regierungssystem konzentrieren, und bezeichnete das Thema der Veranstaltungen als Frontiers of Soviet Democracy. Jelzin wollte die Reise außerdem als Plattform nutzen, um für weitere wirtschaftliche und politische Reformen in der Sowjetunion zu werben, darunter Gorbatschows Programme Glasnost und Perestroika. Jelzin plante außerdem den Besuch mehrerer Einrichtungen zur Behandlung von AIDS, darunter des Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York. Begleitet wurde er von Viktor Jaroschenko, einem Mitglied des Kongresses der Volksdeputierten, seinem persönlichen Assistenten Lew Suchanow, Viktor Alferenko von der Foundation for Social Inventions, dessen Kollegen und Prawda-Kolumnisten Pawel Woschtschanow, Jim Garrison, einem Mitarbeiter Garrisons sowie zwei Dolmetschern.
Ursprünglich war die Reise für den Zeitraum vom 9. bis 23. September vorgesehen, wurde jedoch um mehrere Tage verkürzt, damit Jelzin an einer wichtigen Sitzung des Zentralkomitees in Moskau teilnehmen konnte. Dadurch sollte er bereits am 17. September zurückkehren. Nach Angaben Garrisons stellte das sowjetische Außenministerium Jelzins Ausreisevisum erst am Abend des 7. September aus, sodass zeitweise unsicher war, ob die Reise überhaupt stattfinden würde.
Reise
New York City mini|Low Memorial Library der Columbia University Jelzin flog am 9. September in die Vereinigten Staaten und landete am John F. Kennedy International Airport in New York City, wo er am damaligen Worldport mit Journalisten sprach. Am ersten Morgen unternahm er einen Hubschrauberflug zur Freiheitsstatue. Anschließend verbrachte er rund eineinhalb Tage mit Interviews und Besichtigungen. Zu den besuchten Sehenswürdigkeiten gehörten der Central Park, das Empire State Building, die Fifth Avenue, das Metropolitan Museum of Art und der Trump Tower. Ein geplanter Besuch des Stammhauses von Bloomingdale’s in Manhattan wurde aus Zeitgründen abgesagt. Am 10. September wurde Jelzin um 7:15 Uhr in der ABC-Sendung Good Morning America interviewt und besuchte anschließend die New York Stock Exchange. Weitere Interviews gab er unter anderem für Nightline auf ABC, Face the Nation auf CBS und The MacNeil/Lehrer NewsHour auf PBS.
Mittags nahm Jelzin an einem Treffen von Vertretern des Council on Foreign Relations teil, darunter George F. Kennan und Cyrus Vance. Vorgestellt wurde er von David Rockefeller. Sein erster größerer öffentlicher Vortrag fand später an diesem Tag an der Columbia University statt. Die Veranstaltung war von Professor Robert Legvold organisiert worden und fand in der Low Memorial Library statt. Universitätspräsident Michael I. Sovern stellte Jelzin vor. Am Abend nahm Jelzin an einem von Rockefeller ausgerichteten Essen im River Club teil. Kurz vor Mitternacht bestieg er ein Flugzeug nach Baltimore.
Baltimore
Ursprünglich hatte Jelzin geplant, Baltimore am 12. September gegen 22 Uhr zu erreichen. Tatsächlich traf er erst gegen 1 Uhr nachts am Flughafen Baltimore/Washington ein und wurde von Personen aus seinem Umfeld als äußerst erschöpft beschrieben. Für 7:45 Uhr war bereits ein Vortrag vorgesehen, obwohl Jelzin und seine Begleiter nach einer späten Mahlzeit erst gegen 4 Uhr schlafen gingen. Jelzin selbst hatte Schwierigkeiten einzuschlafen und legte sich erst nach dem Konsum von zwei Gläsern Whiskey und der Einnahme zweier Schlaftabletten schlafen. Insgesamt schlief er in dieser Nacht lediglich etwa zwei Stunden, bevor er für seinen Termin im Johns Hopkins Club aufstand. Jelzins Vortrag begann mit mehr als einer Stunde Verspätung. Steven Muller, Präsident der Johns Hopkins University, bezeichnete die von ihm organisierte Veranstaltung später als „bestenfalls ein vollständiges Desaster“. Personen aus Jelzins Umfeld verteidigten sein Verhalten und bestritten, dass er während der Veranstaltung betrunken gewesen sei.Garrison erklärte später, Jelzin sei während der Reise ständig betrunken gewesen, er selbst habe diese Information jedoch damals vor der Öffentlichkeit verborgen. Mehrere Quellen berichteten allerdings von starkem Alkoholkonsum und sichtbarer Trunkenheit Jelzins. Nach seinem Vortrag verließ Jelzin Baltimore in Richtung Washington. Zuvor erhielt er vom Bürgermeister von Baltimore, Kurt Schmoke, eine Medaille für seine Beteiligung an einem von der Stadt organisierten Alphabetisierungsprogramm.
Washington, D.C. mini|George H. W. Bush mit Boris Jelzin bei einem späteren Staatsbesuch 1991 Bereits vor seiner Abreise in die Vereinigten Staaten hatte Jelzin Interesse an einem Gespräch mit George H. W. Bush, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, geäußert. Anfang September war jedoch noch keine feste Vereinbarung für ein Treffen getroffen worden. Während seines Aufenthalts in Baltimore erhielt Jelzin die Nachricht, dass er am 11. September im Weißen Haus empfangen werden sollte. Die Regierung Bush wollte vermeiden, dass Jelzins Besuch als Brüskierung Gorbatschows verstanden wurde, der zu diesem Zeitpunkt selbst noch nie das Weiße Haus besucht hatte. Daher wurde offiziell festgelegt, Jelzin werde vom Nationalen Sicherheitsberater Brent Scowcroft empfangen, während Bush ebenfalls anwesend sein würde. Medienvertreter waren nicht zugelassen. Jelzin wurde erst bei seiner Ankunft im Weißen Haus über diese Regelung informiert. Jelzins Begegnung mit Bush blieb insgesamt kurz, da sich der Präsident gerade auf eine Rede vorbereitete. Einen Großteil der Informationen, die Jelzin eigentlich Bush hatte mitteilen wollen, trug er stattdessen Scowcroft vor. Während seines Aufenthalts im Weißen Haus traf Jelzin außerdem die Präsidentenberaterin Condoleezza Rice und Vizepräsident Dan Quayle.
Wegen des Besuchs im Weißen Haus musste Jelzin mehrere andere Termine in Washington absagen, darunter ein Treffen mit Politikern wie Zbigniew Brzeziński, Dick Gephardt und Barbara Mikulski. Wahrnehmen konnte er lediglich ein von Bill Bradley organisiertes Treffen mit mehreren Senatoren. Zu den letzten Personen, mit denen er im Kapitol zusammentraf, gehörte Außenminister James Baker.
Aktivitäten in weiteren Städten
Am 12. September besuchte Jelzin in Philadelphia die Liberty Bell. Während seines Aufenthalts in Indiana besichtigte er einen Schweinezuchtbetrieb. Als ein Farmer ihn fragte, ob er Schweine sehen wolle, antwortete Jelzin scherzhaft: „Im Allgemeinen ziehe ich es vor, Amerikaner zu sehen, aber ich nehme an, Schweine tun es auch.“
Am 14. September reiste Jelzin während seines Aufenthalts in Minneapolis nach Rochester, um den ehemaligen Präsidenten Ronald Reagan zu besuchen, der sich nach einer Operation in der Mayo Clinic erholte. Jelzin erklärte, er habe Reagan treffen wollen, weil er diesen wegen seiner Rolle bei der Verbesserung der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen respektiere.
Supermarktbesuch bei Houston