mini|Abraham Weinbaum: Straßengeiger, vor 1940 Abraham Weinbaum (* 20. April 1890 in Kamjanez-Podilskyj, Russisches Kaiserreich; † nach dem 25. März 1943 im Vernichtungslager Sobibor) war ein polnisch-französischer Maler der École de Paris.

Biografie Kindheit und Ausbildung Abraham Weinbaum wurde am 20. April 1890 in Kamjanez-Podilskyj geboren. Die historisch polnisch geprägte Stadt gehörte damals zum Russischen Kaiserreich (auf dem Gebiet der heutigen Ukraine). Diese Region war von ständigen geopolitischen Spannungen geprägt, weshalb die Familie ihren Wohnsitz kurz nach der Geburt ihres Sohnes Abraham in das polnische Łódź verlegt hat, wo Weinbaums Vater ein Textilunternehmen gründete und Abraham Weinbaum seine Kindheit verbrachte. Die Familie war wohlhabend und im jüdischen Großbürgertum verwurzelt.

Weinbaums Vater wollte seinen Sohn als Nachfolger in die Unternehmensführung einbinden. Dieser hatte allerdings wenig Sympathien für diese Idee und hielt die Industriestadt Łódź für "zu materialistisch". Gegen den Willen seines Vaters ging er nach Odessa um Malerei zu studieren. Dort erhielt er seine erste künstlerische Grundausbildung. Die pulsierende Hafenstadt bot ihm zwar viele kreative Impulse, reichte ihm aber bald nicht mehr aus. Weinbaum wechselte an die Akademie der Bildenden Künste in Krakau, wo er bei Józef Pankiewicz studierte und mit der revolutionären jüdischen Jugend in Kontakt kam.

Der künstlerische Durchbruch in Paris Pankiewicz, der selbst einige Zeit in Paris gelebt hatte, weckte bei Abraham Weinbaum das Interesse für die französische Moderne. Inspiriert von den Erzählungen seines Lehrers ging er im Jahr 1910 nach Paris. Er bezog ein Atelier im Künstlerviertel Montparnasse, das sich in jenen Jahren zum kreativen Epizentrum der westlichen Welt entwickelte. Weinbaums Motive umfassten Porträts, Interieurs, Stadtansichten und Stillleben. Besonders gesucht waren seine Darstellungen des jüdischen Volkslebens, biblische Erzählungen und melancholische Szenen jüdischer Klezmer-Musikanten. Stilistisch bewegte er sich an der Schnittstelle zwischen expressivem Realismus und klassischer Moderne.

Bis zum Anfang der 1930er Jahre hatte sich Weinbaum auf dem Pariser Kunstmarkt durchgesetzt. Seine Gemälde wurden regelmäßig in den großen Ausstellungen der französischen Hauptstadt gezeigt, darunter im Salon d’Automne, im Salon des Indépendants und dem Salon des Tuileries. Auch im Ausland feierte er Erfolge. Im Jahr 1922 reiste er nach Deutschland, um an der ersten Internationalen Kunstausstellung in Düsseldorf teilzunehmen. Wenig später erwarb der belgische Staat eines seiner Ölgemälde für die nationale Kunstsammlung. Bis zum Ende der 1930er Jahre blieb Weinbaum eine feste Größe im Pariser Kunstbetrieb.

Flucht nach Marseille Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 änderte sich auch das Leben des Malers schlagartig. Aus Dankbarkeit gegenüber seiner Wahlheimat meldete sich der fast 50-Jährige als Freiwilliger zur französischen Armee. Die Hoffnung auf einen wirksamen Schutz der Republik zerschlug sich jedoch im Sommer 1940 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht und der anschließenden Kapitulation Frankreichs. Als Jude und als Schöpfer moderner Kunst geriet Weinbaum im besetzten Paris in akute Lebensgefahr. Zusammen mit seiner Ehefrau und seiner Tochter gelang ihm die Flucht aus der Hauptstadt nach Marseille. Die Hafenstadt lag in der sogenannten „freien“, unbesetzten Zone, die nominell unter der Kontrolle des kollaborierenden Vichy-Regimes unter Marschall Pétain stand. Unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen, ständiger Angst vor Razzien und dem Mangel an Malutensilien versuchte Weinbaum in Marseille, seine künstlerische Arbeit im Untergrund fortzusetzen.

Bemühungen um die französische Staatsbürgerschaft mini|Brief von Abraham Weinbaum an den Pariser Polizeikommissar Léon Zamaron vom 9. April 1924 Nach dem Zusammenbruch des Russischen Kaiserreichs nach der Oktoberrevolution 1917, wurden durch ein sowjetisches Dekret aus dem Jahr 1921 alle im Ausland lebenden ehemaligen Untertanen des Zarenreiches pauschal ausgebürgert. Da Weinbaum gleichzeitig keinen automatischen Anspruch auf die Staatsbürgerschaft der neu gegründeten Zweiten Polnischen Republik besaß, war er ab 1921 staatenlos. Bereits im April 1924 bemühte er sich deshalb intensiv um die französische Staatsbürgerschaft (Naturalisierung).

Ein erhaltener Briefwechsel belegt, dass er dabei den einflussreichen Pariser Polizeikommissar und Kunstsammler Léon Zamaron um bürokratische Unterstützung bat, um „ein wenig helfen, ein Franzose zu werden“ (m’aider un peu à devenir Français). Die französischen Behörden lehnten solche Anträge ausländischer Künstler in den 1920er Jahren regelmäßig ab, da das damals geltende Staatsbürgerschaftsgesetz von 1889 eine extrem strenge, zehnjährige ununterbrochene Wohnsitzpflicht sowie den Nachweis einer gesicherten wirtschaftlichen Existenz vorschrieb. Trotz dieser frühen Bemühungen und seines späteren Dienstes als Kriegsfreiwilliger im Jahr 1939 wurde Abraham Weinbaum die Einbürgerung zeitlebens verwehrt, was ihn nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg schutzlos machte. Die französische Staatsbürgerschaft hätte ihm und seiner Familie möglicherweise das Leben gerettet, da das kollaborierende Vichy-Regime bei den Deportationen bis Ende 1943 bevorzugt ausländische und staatenlose Juden an die deutschen Behörden ausgeliefert hat.

Deportation und Ermordung in Sobibor Im November 1942 besetzten deutsche Truppen als Reaktion auf die alliierte Landung in Nordafrika die bisher unbesetzte Zone. Marseille wurde damit endgültig zur tödlichen Falle für Tausende jüdische Flüchtlinge. Am 22. Januar 1943 wurde Abraham Weinbaum im Zuge einer großangelegten Razzia der deutschen Besatzungsbehörden und der kollaborierenden französischen Polizei in Marseille verhaftet. Zusammen mit ihm wurden auch seine Ehefrau und seine Tochter festgenommen. Die Besatzer verschleppten die Familie zunächst in das Internierungslager Compiègne-Royallieu im Norden Frankreichs, das primär als Sammel- und Durchgangslager für politische Häftlinge und Juden diente.

Im März 1943 erfolgte die Verlegung in das berüchtigte Sammellager Drancy nahe Paris, dem zentralen Sammelpunkt in Frankreich für den Transport der jüdischen Bevölkerung in die Vernichtungslager in Osteuropa. Am 23. März 1943 wurde Abraham Weinbaum mit Frau und Kind in einen der Viehwaggons des Konvois Nr. 52 gepfercht. Der Transport steuerte nicht das sonst übliche Lager Auschwitz-Birkenau an, sondern fuhr direkt in das Vernichtungslager Sobibor im besetzten Osten Polens. Am 26. März erreichte der Zug das Lager. Abraham Weinbaum, seine Ehefrau und seine Tochter wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern von Sobibor ermordet.

Galerie

Weblinks

Biographie von Abraham Weinbaum auf der Webseite der Sammlung Die Kunst der Verschollenen Generation

Einzelnachweise Abraham Weinbaum. In: Zentrale Datenbank der Holocaustopfer Yad Vashem, abgerufen am 29. August 2026. Abraham Weinbaum auf der Website „Stephanie’s Gallery“ in La Cañada Flintridge, Californien, abgerufen am 29. August 2026. Abraham Weinbaum auf der Website der „Nahum Gallery“ in Vitry sur Seine, Frankreich, abgerufen am 29. August 2026. Abraham Weinbaum auf der Website des „Bureau d’art Ecole de Paris“, abgerufen am 29. August 2026. Nadine Nieszawer: Artistes juifs de l’École de Paris 1905–1939. Éditions Somogy, Paris 2015, ISBN 978-2-7572-0901-1, S. 412–413. Vgl. zur statistischen Bevorzugung der Deportation staatenloser und ausländischer Juden durch das Vichy-Regime: Serge Klarsfeld: Mémorial de la déportation des Juifs de France. Paris 2012; sowie Renée Poznanski: Juden in Frankreich 1939–1945. Wallstein Verlag, Göttingen 2023.

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