Höheres Bewusstsein (englisch higher consciousness) ist eine Sammelbezeichnung für Vorstellungen von Bewusstseinsformen oder Bewusstseinszuständen, denen gegenüber dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein ein höherer Erkenntniswert, eine umfassendere Selbst- oder Welterkenntnis oder eine besondere religiöse beziehungsweise spirituelle Bedeutung zugeschrieben wird. Der Ausdruck besitzt weder in der Philosophie noch in der Religionswissenschaft oder der modernen Bewusstseinsforschung eine einheitliche Definition. Historisch treten vielmehr unterschiedliche Begriffe wie „höheres Bewusstsein“, „besseres Bewusstsein“, „kosmisches Bewusstsein“ oder ein gegenüber dem gewöhnlichen Ich erweitertes Selbst auf, deren Bedeutungen sich teilweise überschneiden, aber nicht gleichgesetzt werden können.

Viele Religionen und spirituelle Strömungen kennen veränderte und vertiefte Bewusstseinszustände seit Jahrtausenden und diese zu erreichen sind teilweise das Ziel religiöser oder zeremonieller Praxis. In der europäischen Philosophie des 19. Jahrhunderts wurde die Vorstellung eines gegenüber dem gewöhnlichen empirischen Bewusstsein gesteigerten oder andersartigen Bewusstseins unter anderem im Deutschen Idealismus, bei Arthur Schopenhauer und in der Theologie Friedrich Schleiermachers entwickelt. Um 1900 griffen Autoren wie Richard Maurice Bucke und William James vergleichbare Vorstellungen im Umfeld der frühen Psychologie und der Erforschung religiöser Erfahrung auf. Im 20. Jahrhundert wurde das Konzept von einem höheren oder erweiterten Bewusstsein auch in modernen spirituellen Strömungen (z. B. New-Age-Bewegung) populär.

Definition Der Ausdruck „höheres Bewusstsein“ enthält eine wertende Abstufung: Ein als „höher“ bezeichnetes Bewusstsein soll sich nicht nur vom normalen Wachbewusstsein unterscheiden, sondern ihm in bestimmter Hinsicht überlegen sein. Als Kriterien können etwa größere Klarheit oder Selbstreflexivität, ein erweitertes Wirklichkeitsverständnis, die Erfahrung von Einheit oder Transzendenz oder eine angenommene religiöse beziehungsweise ethische Vervollkommnung dienen. Welche Eigenschaften als „höher“ gelten, hängt deshalb wesentlich vom jeweiligen philosophischen oder religiösen System ab. Zu den typischen Formen oder Merkmalen von „höherem Bewusstsein“ wurden zum teil folgende Phänomene gezählt:

Veränderte Bewusstseinszustände (z. B. ausgelöst durch Meditation oder Psychedelika) Flow-Zustände Euphorie und Wohlbefinden Luzides Träumen Außerkörperliche Erfahrung oder Nahtoderlebnisse Mystische Erfahrungen

Von dem neutraleren Begriff des veränderten Bewusstseinszustands ist „höheres Bewusstsein“ zu unterscheiden. Ein veränderter Bewusstseinszustand ist zunächst lediglich gegenüber dem gewöhnlichen Wachzustand verändert und muss nicht als wertvoller oder erkenntnisreicher angesehen werden. In der neueren Bewusstseinsforschung ist entsprechend umstritten, ob komplexe Bewusstseinszustände überhaupt auf einer einzigen Skala von „niedrig“ zu „hoch“ angeordnet werden können. Innerhalb psychedelischer Zustände können z. B. verschiedene Dimensionen des Bewusstseins gleichzeitig verstärkt und beeinträchtigt sein. Dies spricht gegen eine eindimensionale Hierarchie und für eine multidimensionale Beschreibung von Bewusstseinszuständen.

Begriffsgeschichte Vorstellungen von einem gegenüber dem gewöhnlichen Alltagsbewusstsein „höheren“ Bewusstsein finden sich seit dem 19. Jahrhundert in Philosophie, Religion und später auch in der Psychologie. Der Ausdruck wurde dabei nicht einheitlich verwendet. Je nach Autor konnte er eine tiefere Selbsterkenntnis, eine höhere Stufe philosophischer Einsicht oder eine religiöse Erfahrung bezeichnen.

Bei Johann Gottlieb Fichte findet sich ausdrücklich die Vorstellung eines „höheren Bewußtseyns“. Sie steht im Zusammenhang mit seiner Philosophie des Wissens und der Fähigkeit des Bewusstseins, über seine eigenen Voraussetzungen nachzudenken. Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel sprach in der Phänomenologie des Geistes von einem „höheren Bewusstsein“. Gemeint war damit eine höhere Stufe der geistigen Entwicklung, die durch Erfahrung, Bildung und die Auseinandersetzung mit Widersprüchen erreicht wird. Arthur Schopenhauer verwendete in seinen frühen Schriften den verwandten Ausdruck „besseres Bewußtsein“. Er stellte dieses dem gewöhnlichen, von persönlichen Wünschen und der Wahrnehmung der äußeren Welt bestimmten Bewusstsein gegenüber. Ansätze zu einem solchen besseren Bewusstsein sah er unter anderem in ästhetischer Betrachtung, Tugend, Askese und der zeitweisen Loslösung vom individuellen Wollen.

Friedrich Schleiermacher sprach dagegen vom „höheren Selbstbewußtsein“. Dieses verband er mit dem religiösen Bewusstsein und der Beziehung des Menschen zu Gott. Für Schleiermacher ist das niedere Selbstbewusstsein „der tierische Teil des Menschen“, der grundlegende Empfindungen wie Hunger, Durst, Schmerz und Lust sowie grundlegende Triebe und Vergnügungen umfasst, während das höhere Selbstbewusstsein, wie die Theologin Dawn DeVries es formuliert, „der Teil des Menschen ist, der in der Lage ist, tierische Instinkte zu überwinden“. Wenn dieses Bewusstsein vorhanden ist, „sind die Menschen nicht durch ihre Instinkte von Gott entfremdet“. Das Verhältnis zwischen dem niederen und dem höheren Bewusstsein gleicht dabei „Paulus’ Kampf des Geistes gegen das Fleisch“.

Die Transzendentalisten des 19. Jahrhunderts betrachteten die gesamte physische Welt als Abbild einer höheren geistigen Welt. Sie glaubten, dass sich der Mensch über seine tierischen Instinkte erheben, ein höheres Bewusstsein erlangen und an dieser geistigen Welt teilhaben könne. Der verbundene Begriff „höheres Selbst“ (higher self) wird mit verschiedenen Glaubenssystemen in Verbindung gebracht, doch seine Grundprämisse beschreibt ein ewiges, allwissendes, bewusstes und intelligentes Wesen, das das wahre Selbst eines Menschen darstellt. Blavatsky, die Begründerin der theosophischen Bewegung, definierte das höhere Selbst offiziell als „Atma, den untrennbaren Strahl des Universums und das eine Selbst. Es ist der Gott über uns, mehr noch als in uns.“ Laut Blavatsky hat jeder einzelne Mensch ein höheres Selbst.

Weitere Esoteriker und Okkultisten entwickelten eigene Konzepte, welche sie mit dem Begriff verbanden. Aleister Crowley, der Begründer von Thelema, bezeichnete das höhere Bewusstsein oder Selbst als Harpocrates, was er als einen Namen für den Heiligen Schutzengel identifizierte. In seinen frühen Schriften erklärt Crowley, dass der Heilige Schutzengel das „stille Selbst“ sei, das Äquivalent zum Genius des Hermetic Order of the Golden Dawn, zum Augoeides des Iamblichos, zum Ātman des Hinduismus und zum Daimon der alten Griechen. Edgar Cayce bezeichnete das höhere Bewusstsein als „das Christus-Muster“. Er beschrieb es als „das Bewusstsein in jeder Seele, das als Muster im Geist eingeprägt ist und darauf wartet, erweckt zu werden – das Bewusstsein der Einheit der Seele mit Gott“.

Um 1900 wurden ähnliche Vorstellungen auch von Psychologen und Religionsforschern aufgegriffen. Der kanadische Psychiater Richard Maurice Bucke bezeichnete in seinem 1901 erschienenen Buch Cosmic Consciousness ein von ihm angenommenes „kosmisches Bewusstsein“ als Entwicklungsstufe oberhalb des gewöhnlichen menschlichen Selbstbewusstseins. William James untersuchte wenig später mystische und religiöse Erfahrungen und vertrat die Möglichkeit, dass das gewöhnliche bewusste Selbst mit umfassenderen Bereichen des menschlichen Erlebens verbunden sein könne.

In religiösen und spirituellen Traditionen werden Erfahrungen beschrieben, die mit Vorstellungen eines höheren Bewusstseins vergleichbar sind. Dazu gehören etwa mystische Erfahrungen, Meditation oder Vorstellungen spiritueller Erleuchtung. Die jeweiligen Traditionen verwenden jedoch eigene Begriffe und erklären solche Erfahrungen unterschiedlich. Der Religionshistoriker Bernard McGinn beschreibt christliche Mystik beispielsweise vor allem als eine besondere Form des Bewusstseins der Gegenwart Gottes und nicht lediglich als außergewöhnlichen psychischen Zustand.

Seit dem 20. Jahrhundert wurde der Ausdruck außerdem in neuen religiösen Bewegungen und besonders im New Age verbreitet. Dort bezeichnet „höheres Bewusstsein“ häufig eine persönliche spirituelle Entwicklung, eine Erweiterung der Wahrnehmung oder die Annahme eines „höheren Selbst“. Der Religionswissenschaftler Wouter J. Hanegraaff sieht die Vorstellung einer spirituellen Entwicklung des Selbst als ein wichtiges Merkmal vieler New-Age-Strömungen.

Der integralistische Theoretiker Ken Wilber hat versucht, östliche und westliche Modelle des Geistes zu integrieren, wobei er sich auf die Begriffe „niedrigeres“ und „höheres“ Bewusstsein stützt. In seinem Buch The Spectrum of Consciousness beschreibt Wilber das Bewusstsein als ein Spektrum, an dessen einem Ende das gewöhnliche Bewusstsein steht und an dessen anderem Ende tiefgreifendere Formen des Bewusstseins auf höheren Ebenen liegen. In späteren Werken beschreibt er die Entwicklung des Bewusstseins als einen Weg vom niederen Bewusstsein über das persönliche Bewusstsein hin zum höheren transpersonalen Bewusstsein.

Literatur

Einzelnachweise

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