Der Endla-See (estnisch Endla järv) ist ein See in Mittelestland. Er liegt im Kreis Jõgeva, größtenteils im Dorf Kärde, mit einem kleinen Uferanteil im benachbarten Dorf Tooma.
Der Endla-See ist der größte See des Endla-Moorgebiets (estnisch Endla soostik) und liegt innerhalb des Naturschutzgebiets Endla.
Mit einer Wasserfläche von rund 282 Hektar zählt er zu den größeren Seen Estlands; über die Region hinaus bekannt ist er vor allem wegen seiner Rolle in der von Friedrich Robert Faehlmann (1798–1850) rekonstruierten estnischen Mythologie und im estnischen Nationalepos Kalevipoeg.
Vom deutlich kleineren, unmittelbar benachbarten Endla Sinijärv („Endla-Blausee“, rund 42 Hektar) sowie von weiteren, kleineren Seen desselben Moorgebiets – etwa Männikjärv, Kõrtsijärv oder Tulijärv – ist der Endla-See zu unterscheiden.
Lage Der See liegt auf etwa 75 m über dem Meeresspiegel im nördlichen Teil des Kreises Jõgeva in Ostmittel-Estland, rund vier Kilometer westlich des Dorfes Kärde.
Er ist Teil des rund 25.100 Hektar großen Endla-Moorgebiets, das sich in einer Senke zwischen dem Höhenzug Pandivere, der mittelestnischen Ebene und der Drumlinlandschaft Vooremaa erstreckt. Der unter Schutz stehende Kernbereich dieses Moorgebiets bildet das 1985 eingerichtete, rund 10.100 Hektar große Naturschutzgebiet Endla (Endla looduskaitseala), dessen Verwaltungs- und Forschungszentrum sich im Dorf Tooma befindet.
Der Endla-See ist zusammen mit mehreren kleineren Seen des Moorgebiets – unter anderem Männikjärv, Kõrtsijärv, Kaasikjärv, Sinilaugas und Tulijärv – Rest eines nacheiszeitlichen Sees („Suur-Endla“, zu deutsch etwa „Groß-Endla“), der aus einem randglazialen Eisstausee hervorging, sich einst über mehr als 3000 Hektar erstreckte und im Zuge der fortschreitenden Verlandung allmählich in mehrere kleinere Einzelseen zerfiel. Der benachbarte Endla Sinijärv gehörte diesem eiszeitlichen Vorläufersee den vorliegenden Untersuchungen zufolge dagegen nicht an.
Morphometrie und Hydrologie Angaben zu Fläche, Tiefe und Inselzahl schwanken je nach Quelle, Erhebungsjahr und Wasserstand. Nach den Daten der estnischen Fischereidatenbank Kalapeedia misst die offene Wasserfläche rund 282 Hektar, hinzu kommen etwa 39 Hektar Inselfläche, sodass sich eine Gesamtfläche von rund 321 Hektar ergibt.
Der See ist rund 2 km lang und 1,6 km breit. Nach anderen, auf Ramsar-Daten beruhenden Angaben werden eine maximale Längsausdehnung von bis zu 2,8 km, ein Wasservolumen von rund 3,1 Millionen Kubikmeter sowie eine Uferlinie von etwa 30 km genannt. Die größte Tiefe beträgt 2,4 m, die mittlere Tiefe liegt bei etwa 1,5 m. Das Einzugsgebiet umfasst rund 433 km²; rechnerisch erneuert sich das Wasser des Sees etwa 31-mal im Jahr.
Der Endla-See ist ein Durchflusssee. Hauptzufluss ist der aus dem nordöstlich gelegenen Tulijärv kommende Mustjõgi; daneben münden mehrere Gräben – unter anderem aus dem Dorf Endlaküla und aus Kärde – sowie einzelne Quellen in den See, von denen sich einige in der Nähe des mythologisch aufgeladenen Juta-Steins befinden.
Der Abfluss erfolgt über den sogenannten Uuskanal (auch Räägu kanal) in den Põltsamaa jõgi; zeitweise, in Abhängigkeit vom Wasserstand, besteht zudem eine Verbindung über den Nava jõgi, dessen Fließrichtung wechseln kann.
Der Wasserstand des Sees wurde im Lauf der Zeit mehrfach künstlich abgesenkt, um umliegende Wiesen zu entwässern, unter anderem im späteren 19. Jahrhundert und erneut um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Nach älteren Angaben betrug die Fläche vor einer Absenkung 1949/50 rund 415 Hektar, danach rund 180 Hektar, bei Hochwasser bis zu 400 Hektar – ein Hinweis darauf, wie stark Wasserstand und Seefläche im Lauf der Zeit schwankten.
Die Seeufer sind überwiegend flach, schlammig-torfig und schwer zugänglich; lediglich im Nordosten findet sich festerer Uferboden, wo eine Halbinsel mit dem Juta-Stein in den See hineinreicht. Der Seegrund ist von einer dicken Schlammschicht bedeckt, unter der sich Seekreide findet.
Inseln Der Endla-See gilt als einer der inselreichsten Seen Estlands. Je nach Quelle werden zwischen 23 und 34 Inseln angegeben; die genaue Zahl schwankt, da im See auch schwimmende Torfinseln (õõtsikud) vorkommen, die bei Wind über das Wasser treiben und zeitweise mit dem Ufer verschmelzen.
Flora und Fauna Der Endla-See gilt als einer der vogelreichsten Seen Estlands. Im Rahmen des Ramsar-Gebiets Endla brüten unter anderem gefährdete Arten wie Steinadler (Aquila chrysaetos), Fischadler (Pandion haliaetus) und Kiebitz (Vanellus vanellus). Unter den Fischarten kommen vor allem Rotauge, Flussbarsch, Hecht und Schleie vor, seltener Aland, Karausche, Kaulbarsch, Quappe und Ukelei.
Schutzstatus Der Endla-See liegt vollständig innerhalb des Naturschutzgebiets Endla und ist Teil des am 17. Juni 1997 unter der Ramsar-Konvention als Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung ausgewiesenen Gebiets Nr. 907 „Endla“. Dieses umfasst neben dem See acht Hochmoor- und Sumpfgebiete, Moorwälder sowie zahlreiche Quellen und Fließgewässer des Moorgebiets und liegt im Grenzbereich der Landkreise Jõgeva, Järva und Lääne-Viru. Es dient unter anderem der Grundwasserneubildung im hydrogeologisch komplexen Karstgebiet des Pandivere-Höhenzugs.
Bedeutung in der estnischen Mythologie Der Endla-See nimmt in der estnischen Mythologie eine besondere Stellung ein. Der Tartuer Arzt und Gelehrte Friedrich Robert Faehlmann (1798–1850), Mitbegründer der 1838 gegründeten Gelehrten Estnischen Gesellschaft (Õpetatud Eesti Selts), veröffentlichte zwischen 1840 und 1852 in den Schriften dieser Gesellschaft sieben sogenannte „mythische Sagen“ (Müütilised muistendid), mit denen er den Versuch unternahm, eine systematische estnische Mythologie zu rekonstruieren.
Eine dieser Sagen, Endla järv ja Juta („Der Endla-See und Juta“), spielt am Ufer des Sees: Der göttliche Sänger Vanemuine, einer der Helfer des Schöpfergottes Vanaisa („Großvater“), findet dort ein ausgesetztes Mädchen im Gras und zieht es als Ziehtochter groß. Ihr Onkel Ilmarine, ein weiterer Helfer Vanaisas, schenkt ihr ein aus Silberfäden gewirktes Zaubertuch, durch das die von ihr erzählten Geschichten lebendig erscheinen.
Der Sage nach lebt Juta bis heute am Ufer des Sees, weist verirrten Wanderern den Weg und deutet den Zug der Wandervögel. Nach ihr ist der in den See hineinreichende „Juta-Stein“ (Juta kivi) benannt, der bis heute auf Karten der Gegend verzeichnet ist. In einer jüngeren, populäreren Erzählvariante wird der Name des Sees zudem mit Jutas verstorbenem Verlobten Endel, einem Sohn Ilmarines, in Verbindung gebracht.
Faehlmanns Figuren gingen in das von Friedrich Reinhold Kreutzwald (1803–1882) verfasste estnische Nationalepos Kalevipoeg ein, das 1857 bis 1861 in den Schriften der Gelehrten Estnischen Gesellschaft erschien. Gleich in der Einleitung des Epos wird die „weise Tochter des Sängers“ – also Juta – aufgerufen, vom Endla-See herzukommen, an dessen spiegelglatter Oberfläche sie seit Langem ihr seidenes Haar kämme; der See erscheint damit bereits in den einleitenden Versen als Wohnort Jutas, die das folgende Lied inspirieren soll. Auch im 13. Gesang des Epos wird der See erwähnt.
Durch die weite Verbreitung von Faehlmanns Sagen und Kreutzwalds Epos, die während der nationalen Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts auch in estnischen Schullesebüchern verwendet wurden, gilt der Endla-See trotz seiner mittleren Größe als einer der dem Namen nach bekanntesten Seen Estlands.
Literatur Aare Mäemets: Eesti NSV järved ja nende kaitse. Valgus, Tallinn 1977. Friedrich Robert Faehlmann: Müütilised muistendid. Erstveröffentlichung in: Verhandlungen der Gelehrten Estnischen Gesellschaft zu Dorpat, 1840–1852. Friedrich Reinhold Kreutzwald: Kalewipoeg, eine Estnische Sage. Verhandlungen der Gelehrten Estnischen Gesellschaft zu Dorpat, Vierter und Fünfter Band, Dorpat 1857–1861.
Weblinks Ramsar Sites Information Service: Datenblatt Nr. 907 „Endla“ Eintrag zum Endla-See in der Kalapeedia (Eesti kalastikuandmebaas)
Einzelnachweise
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