Egységes Párt (zu Deutsch Einheits-Partei) war zwischen 1922 und 1944 die Regierungspartei im Königreich Ungarn. Ihr Programm wandelte sich von der anfangs konservativ, christlich-nationalen Agrar-Partei zu einer nationalkonservativ-autoritären nationalistischen Partei.
Name Egységes Párt war die Kurzbezeichnung des Parteinamens. Die offizielle Bezeichnung lautete ab 1922 Keresztény-Keresztyén Földmíves-, Kisgazda- és Polgári Párt (zu Deutsch etwa Christlich-Christliche Partei der Landwirte, Kleinbauern und Bürger), ab 17. Oktober 1932 Nemzeti Egység Pártja (zu Dt. Nationale Partei der Einheit) und ab 22. Februar 1939 Magyar Élet Pártja (zu Dt. Partei des ungarischen Lebens).
Geschichte Entstehung Die Partei entstand 1922 auf Betreiben von Ministerpräsident István Bethlen, einem führenden Politiker der Keresztény Nemzeti Egyesülés Pártja (KNEP; Partei der christlich-nationalen Vereinigung), die eine Sammelpartei verschiedener christlich-konservativer und christlich-sozialer Strömungen war. Ab 1921 geriet Bethlen zunehmend in Konflikt mit den legitimistischen (habsburg-treuen) Kräften innerhalb des christlich-nationalen Lagers. Spätestens nach den beiden Restaurationsversuchen König Karls IV. strebte Bethlen eine breitere nationalkonservative Regierungsbasis an. In der Folge gründete er mit einem Teil der KNEP-Mitglieder im Februar 1922 eine neue nationalkonservative Einheitspartei, in die auch die von István Szabó geführte Kisgazdapárt (Kleinlandwirte-Partei) eingegliedert wurde.
Ära Bethlen mini|Bethlen (rechts) und Gömbös (links, mit Hut) auf einer Wahlkampf-Veranstaltung, 1922 Formal wurde Szabó Parteivorsitzender, während Bethlen als Ministerpräsident die Richtung bestimmte. Innerhalb ihrer Parlamentsfraktion bestanden verschiedene Strömungen: die kleinbäuerlich-demokratische Gruppe um István Szabó, konservative Politiker, ehemalige Vertreter des alten Arbeitsparteimilieus sowie der radikalnationalistische Flügel um Gyula Gömbös. In den entscheidenden politischen Fragen ordneten sich diese Gruppen jedoch zunächst Bethlen unter. Bei den Parlamentswahlen von 1922 errang die Partei 143 von 245 Sitzen. Damit verfügte Bethlen über eine klare parlamentarische Grundlage für seine Regierung. Bei den Wahlen von 1926 gewann sie sogar 170 Sitze und 1931 noch 158 Sitze. Ihre Dominanz beruhte allerdings nicht allein auf gesellschaftlicher Unterstützung: Das Wahlrecht war eingeschränkt, und in zahlreichen ländlichen Wahlkreisen wurde weiterhin offen gewählt, wodurch die Regierung und die örtlichen Verwaltungsbehörden erheblichen Einfluss auf die Wahlen ausüben konnten.
Innerhalb der Partei blieb aber ein grundlegender Konflikt bestehen: Bethlens konservativer, auf Stabilisierung ausgerichteter Kurs stand den radikalnationalistischen Vorstellungen von Gömbös gegenüber. Er und seine Anhänger vertraten eine wesentlich radikalere nationalistische und antisemitische Politik und wollten die Regierungspartei stärker in eine moderne, nationalistische Massenpartei umwandeln. Der Konflikt eskalierte 1923, als Gömbös und seine Anhänger die Partei verließen und später eine neue Partei (Magyar Nemzeti Függetlenségi Párt, meist Fajvédő Párt z. Dt. Rassenschutzpartei) genannt. Damit verlor Bethlen einen erheblichen Teil des radikalnationalistischen Flügels seiner Partei.
Parallel dazu verlor auch der kleinbäuerliche Flügel, besonders nach dem Tod von Szabó 1924, zunehmend an Einfluss. Bei den Wahlen von 1926 waren nur noch etwa zehn Vertreter dieser Richtung im Parlament vertreten. Damit verschob sich das Machtzentrum der Partei immer stärker zu den konservativen und Großgrundbesitzer-Kräften um Bethlen. Bei der Wahl von 1926 erreichte Egységes Párt mit 170 Mandaten ihre größte parlamentarische Stärke. Ab 1929 geriet die Konsolidierung durch die Weltwirtschaftskrise unter Druck. Die wirtschaftliche Lage verschlechterte sich, soziale Spannungen nahmen spürbar zu und innerhalb der politischen Rechten gewann der Konflikt zwischen Bethlen und Gömbös wieder an Bedeutung. Bei der Wahl von 1931 konnte die Partei ihre parlamentarische Mehrheit zwar noch behaupten und errang 158 Sitze, aber Bethlens politische Position war deutlich geschwächt. Am 24. August 1931 trat er als Ministerpräsident zurück.
Nemzeti Egység Pártja mini|Gömbös mit Reichsverweser Horthy, 1935 Nach dem Rücktritt von Bethlen blieb die Partei Regierungspartei, die Krise verschärfte sich jedoch unter seinem Nachfolger Gyula Károlyi. Indessen war Gömbös 1928 wieder in Egységes Párt eingetreten und gelang zwischen 1931 und 1932 an die Spitze der Partei. Im Oktober 1932 wurde Gömbös schließlich Ministerpräsident und richtete die Partei politisch stärker autoritär-nationalistisch aus. Im Zuge dessen erfolgte auch die Umbenennung in Nemzeti Egység Pártja (NEP). Dabei orientierte sich Gömbös teilweise an autoritären und faschistischen Bewegungen der Zeit. Sein 1932 veröffentlichtes politisches Programm der „95 Punkte“ sah unter anderem eine stärkere staatliche Lenkung der Wirtschaft und eine autoritärere Staatsordnung vor. Seine Vorstellungen konnte er allerdings nur teilweise umsetzen. Der konservative Teil der politischen Elite, insbesondere Reichsverweser Miklós Horthy und einflussreiche Kreise um Bethlen, stand einer vollständigen Umgestaltung des politischen Systems skeptisch gegenüber. Gömbös war daher gezwungen, Kompromisse einzugehen. 1935 trat Bethlen schließlich mit seinen Anhängern aus der Partei aus; die NEP errang im selben Jahr 149 Parlamentsmandate.
mini|Darányi verkündet das Győrer Programm Nachdem Gömbös im Oktober 1936 im Amt verstorben war, wurde unter seinen Nachfolgern die radikale politische Mobilisierung der NEP teilweise zurückgenommen. Da gleichzeitig die faschistische Nyilaskeresztes Párt (Pfeilkreuzlerpartei) unter Ferenc Szálasi zunehmend an Bedeutung gewann, versuchte Ministerpräsident Kálmán Darányi aufgrund der sich verschärfenden Konkurrenz, zwischen konservativen Eliten und politischen Rechten zu vermitteln. Daraufhin begann eine deutliche Verschärfung der nationalistischen und antisemitischen Regierungspolitik. Im März 1938 verkündete Darányi mit dem Győrer Programm (győri program) ein umfassendes Investitions- und Aufrüstungsprogramm, das unter anderem die Modernisierung der Streitkräfte vorsah. Zugleich kündigte seine Regierung gesetzliche Maßnahmen zur Einschränkung der jüdischen Bevölkerung an, die in den unter seinem Nachfolger Béla Imrédy verabschiedeten Ersten Judengesetz (első zsidótörvény) einen ersten Höhepunkt erreichten. Im November 1938 gelang dann mit dem Ersten Wiener Schiedsspruch ein großer außenpolitischer Erfolg. Ungarn, das in der Revision des Vertrags von Trianon (1920) in dem es über zwei Drittel seines Staatsgebiets und drei Millionen Ungarn an die Nachbarländer verlor, einen wichtigen Bestandteil seiner Politik sah, gelang die Rückgewinnung einiger Gebiete mit ungarischer Bevölkerungsmehrheit in der südlichen Tschechoslowakei.
Magyar Élet Pártja mini|Ungarn schließt sich unter Teleki im November 1940 den Achsenmächten an Nach dem Rücktritt Imrédys wurde Pál Teleki im Februar 1939 Ministerpräsident. Unter seiner Regierung wurde die Regierungspartei erneut umgestaltet und erhielt den Namen Magyar Élet Pártja (MÉP) (Partei des Ungarischen Lebens). Bei den Parlamentswahlen im Mai 1939 konnte die MÉP ihre führende Stellung behaupten. Die Partei gewann 181 der 260 Sitze und blieb damit die mit Abstand stärkste politische Kraft im Parlament. Unter Teleki versuchte die Regierung, einen schwierigen Mittelweg zu verfolgen. Einerseits betrieb sie eine zunehmend nationalistische und revisionistische Politik und näherte sich dem faschistischen Deutschland und Italien an, um die Rückgewinnung ehemals ungarischer Gebiete voranzutreiben. Andererseits wollte Teleki eine vollständige politische und militärische Abhängigkeit von Deutschland vermeiden. 1939 wurde das Zweite Judengesetz verabschiedet und mit dem Zweiten Wiener Schiedsspruch gelang 1940 abermals die Rückgewinnung verlorener Gebiete.
mini|Unterzeichnung des ungarisch-jugoslawischen Freundschaftsvertrags, 1940 Im Frühjahr 1941 geriet Teleki angesichts des deutschen Plans zum Angriff auf Jugoslawien in einen schweren außenpolitischen Konflikt. Ungarn hatte noch im Dezember 1940 mit Jugoslawien einen Freundschafts-Vertrag geschlossen, während Hitler zugleich die ungarische Beteiligung am Angriff und im Gegenzug territoriale Gewinne in Aussicht stellte. Teleki versuchte, eine Intervention an Bedingungen zu knüpfen, darunter den vorherigen Zerfall Jugoslawiens und die Beschränkung der ungarischen Truppen auf die historischen ungarischen Gebiete. Nachdem Horthy jedoch am 2. April erklärte, diese Bedingungen nicht vollständig einhalten zu wollen, nahm sich Teleki in der Nacht zum 3. April 1941 das Leben.
Nach seinem Tod ernannte Horthy László Bárdossy zum Ministerpräsidenten. Deutschland begann am 6. April den Angriff auf Jugoslawien. Jedoch erst nachdem Kroatien am 10. April seine Unabhängigkeit erklärt hatte, überschritten ungarische Truppen am 11. April die jugoslawische Grenze und besetzten die Batschka, das Baranya-Dreieck und die Murinsel. Die Magyar Élet Pártja blieb die Regierungspartei. Bárdossy führte jedoch einen deutlich stärker an Deutschland orientierten Kurs als Teleki. Nach dem Bombenangriff auf Kassa am 26. Juni 1941 erklärte Ungarn der Sowjetunion den Krieg und trat in die Kampfhandlungen des Deutsch-Sowjetischen Kriegs ein.
Mit der Ernennung von Miklós Kállay zum Ministerpräsidenten durch Horthy am 9. März 1942 vollzog sich ein Kurswechsel. Kállays Ziel war es, den außenpolitischen Handlungsspielraum Ungarns gegenüber dem NS-Staat wieder vergrößern und Ungarn aus dem Krieg herauszuführen, indem man sich in geheimen Verhandlungen den Westalliierten anzunähert. Das führte auch innerhalb der MÉP zu Spannungen. Die Partei war inzwischen keineswegs einheitlich: Neben konservativen Kräften gab es ausgesprochen deutschfreundliche und rechtsradikale Abgeordnete. Gleichzeitig blieb seine Politik nach außen deutsch-freundlich: Ungarn kämpfte weiterhin an der Seite Deutschlands und setzte seine antisemitische Gesetzgebung fort.
mini|Deportierte ungarische Juden in Auschwitz, 1944 Diese Doppelstrategie scheiterte schließlich: Im März 1944 besetzte die deutsche Wehrmacht Ungarn und Kállay musste sein Amt aufgeben. Für die MÉP war das ein entscheidender Einschnitt. Sie wurde zwar nicht aufgelöst, sondern durfte als eine von vier zugelassenen Parteien bestehen bleiben. Anschließend wurden ihre gemäßigten bzw. deutschlandkritischen Kräfte systematisch ausgeschaltet; mehrere Parteimitglieder wurden ausgeschlossen und von der Gestapo verhaftet oder verschleppt. 23 Abgeordnete mussten ihre Mandate aufgeben. Unter Döme Sztójay beteiligte sich die ungarische Regierung an der systematischen Entrechtung und Deportation der jüdischen Bevölkerung. Nach der Absetzung Sztójays im August 1944 und der Machtübernahme der Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi im Oktober wurde das politische System nochmals grundlegend verändert. Die MÉP spielte in diesem Regime keine eigenständige Rolle mehr.
Nach dem Zusammenbruch des Horthy-Systems und der Bildung der neuen ungarischen politischen Ordnung wurde die Magyar Élet Pártja am 26. Februar 1945 als „faschistische Organisation“ aufgelöst.
Literatur
A magyar állam története 1711-2006
Einzelnachweise
Kategorie:Historische Partei (Ungarn) Kategorie:Historische konservative Partei Kategorie:Parteigründung 1940 Kategorie:Aufgelöst 1944