Kupantakurunta ist eine vom britisch-niederländische Archäologen und Prähistoriker James Mellaart (1925–2012)Ian Hodder: James Mellaart, 1925–2012. In: Biographical Memoirs of Fellows of the British Academy 14 (2015), S. 411–420; Emma L. Baysal (Hrsg.): James Mellaart. The Journey to Çatalhöyük, Istanbul 2020. konstruierte Herrschergestalt des frühen 12. Jahrhunderts v. Chr., die dieser seit den späten 1980er Jahren in mehreren fingierten Quellen auftreten ließ. Mellaart, von 1959 bis 1961 stellvertretender Direktor des BIAA und später als Dozent für Anatolische Archäologie am Institute of Archaeology des UCL, stellte Kupantakurunta als Großkönig von Mira in Westanatolien vor, der um 1170 v. Chr. geherrscht und bei den Umwälzungen am Ende der Bronzezeit eine maßgebliche Rolle gespielt habe. Zwar ist aus hethitischen Quellen tatsächlich ein historischer König dieses Namens von Mira bekannt; Mellaart übertrug diesen Namen auf eine erfundene, spätere Herrschergestalt, die er mit einer ausführlichen fiktiven Genealogie und einem weitreichenden politischen Wirken ausstattete.

Die Figur erscheint in vorgeblich spätbronzezeitlichen Inschriftenfriesen – die teils aus der Umgebung von Beyköy stammen sollten –, in Keilschrifttafeln, deren Übersetzung Mellaart eigenen Angaben zufolge zwischen 1976 und 1981 von Albrecht Götze erhalten haben will, sowie in weiteren seiner Phantasie entsprungenen Quellen.James Mellaart: Rezension: Peter James u.a., Centuries of Darkness. In: Bulletin of the Anglo-Israel Archaeological Society 11 (1992/92), S. 35–38; Eberhard Zangger/Frederik C. Woudhuizen: Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor. In: Talanta 50 (2018), S. 9–56, hier: S. 16–18; Diether Schürr: Ein pathologischer Betrüger – James Mellaart. In: Gephyra 30 (2025), S. 195–216, hier: S. 198. Demnach sei Kupantakurunta Großkönig von Mira und Bruder Kuwalanazitis, des Königs von Arzawa, gewesen – eingebettet in eine weitreichende Genealogie, deren Namen teilweise an tatsächlich bezeugte Herrscher und Personen aus dem Umfeld Miras anknüpfen; ein Kunstgriff, der der Konstruktion den Anschein historischer Glaubwürdigkeit verleihen sollte. Im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. habe er ein mächtiges, über Mira und Arzawa hinausreichendes westanatolisches Reich beherrscht. Im Krieg gegen Kuzi-Tešup, den König von Karkemiš, und dessen Verbündeten Ramses III. habe Kupantakurunta als König von Mira die 10.000 Mann starken Landstreitkräfte befehligt, während Muksus, der Sohn des Königs von Arzawa, die 500 Schiffe der Flotte der „Seevölker“ angeführt habe. Während der Regierungszeit Aššur-dans I. habe das Heer von Arzawa um 1176 v. Chr. den Euphrat überschritten und sei in Hanigalbat eingedrungen; 1175 v. Chr. hätten die Arzawäer schließlich Aschkelon und Gaza sowie die Grenzen Ägyptens erreicht, ehe Ramses III. im folgenden Jahr Frieden geschlossen habe. Auf Verlangen der Arzawäer seien daraufhin die Philister in Palästina angesiedelt worden. Auch Kuzi-Tešup habe Frieden geschlossen und sei zunächst auf Bewährung im Amt belassen worden; fünf Jahre später, als Muksus inzwischen König von Arzawa geworden seiEberhard Zangger: James Mellaart’s Fantasies. In: Talanta 50 (2018), S. 125–182, hier: S. 150. – was den Anlass zur Abfassung der keilschriftlichen Beyköy-Texte gegeben habe –, sei er um 1170 v. Chr. als Vasallenkönig von Karkemiš eingesetzt worden. In dieser Konstruktion erscheint Kupantakurunta somit als einer der maßgeblichen Akteure beim Zusammenbruch der hethitischen Herrschaft und beim Seevölkersturm kurz nach 1200 v. Chr.

Das von Mellaart vorgelegte Material, das Kupantakurunta, Bruder des Kuwalanazitis, bezeugt, galt in der Fachwelt bereits bei seiner erstmaligen Präsentation als Fälschung.Vgl. hierzu die Leserbriefe und Stellungnahmen der Herausgeber im Bulletin of the Anglo-Israel Archaeological Society 12 (1993); sowie John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127. Der Geologe und PR-Berater Eberhard Zangger und der niederländische Privatgelehrte Frederik Woudhuizen hielten das Material dagegen für authentisch und sahen in Kupantakurunta folglich einen historischen König des frühen 12. Jahrhunderts v. Chr.Eberhard Zangger: Die Luwier und der Trojanische Krieg, Zürich 2017; ders./Fred Woudhuizen: Rediscovered Luwian Hieroglyphic Inscriptions from Western Asia Minor. In: Talanta 50 (2018), S. 9–56 [bereits im Dezember 2017 online erschienen]. 2018 konnten Michael Bányai und Vladimir StissiMichael Bányai: Der Beylöy Text: Eine Fälschung? In: Talanta 50 (2018), S. 57–82; Vladimir Stissi: What is Drawn and Written is not Necessary True. Contextualising Mellaart’s Fakes, ebd., S. 87–124. zeigen, dass die Quellen, in denen Mellaart Kupantakurunta auftreten ließ, in zentralen Punkten auf Fehlinterpretationen hethitischer Überlieferungen sowie auf offenkundig fiktiven historischen Zusammenhängen beruhen.Vgl. auch John David Hawkins: The Fantasies of James Mellaart. Fabrications of an Anatolian Archaeologist. In: The IOS Annual 24 (2024), S. 103–127.

Fußnoten

Kategorie:Fiktive Figur Kategorie:Wissenschaftliche Fälschung