mini|Karte der sächsischen Eisenbahnen (1912). Eger befindet sich am unteren Kartenrand in der linken Bildhälfte.Hinweis: Auf dieser Karte fehlt die Staatsgrenze zwischen Bayern und Österreich
Als Lokomotivflucht wird die Evakuierung sächsischer Lokomotiven und Eisenbahnwagen im Deutschen Krieg bezeichnet, um sie vor der Requirierung durch den Kriegsgegner Preußen zu schützen. Allein 142 Lokomotiven und etwa tausend Wagen wurden am 18. und 19. Juni 1866 nach dem österreichischen Bahnhof Eger abgefahren. Im weiteren Kriegsverlauf wurden die Fahrzeuge in Bayern und Ungarn weit außerhalb des Kampfgebietes dem Zugriff Preußens entzogen.
Geschichte mini|Sächsische Lokomotiven im Bahnhof Eger (20. Juni 1866) mini|Sächsische Lokomotiven im Bahnhof Rákos bei Pesth (undatiert) Im Deutschen Krieg, auch als Preußisch-Österreichischer Krieg bezeichnet, stand das Königreich Sachsen an der Seite Österreichs. Auch das Königreich Bayern war dieser Koalition beigetreten. Gemeinsamer Kontrahent war Preußen.
Preußen besetzte ab dem 14. Juni 1866 Sachsen, während sich die Sächsische Armee zunächst kampflos nach Böhmen zurückzog. Nach ersten Requirierungen durch Preußen gelang es sächsischen Eisenbahnern, die meisten ihrer Fahrzeuge in sicher scheinende Gebiete ihrer Bündnispartner zu evakuieren. Zu diesem Zeitpunkt gab es mit der Zittau-Reichenberger Eisenbahn, der Sächsisch-Böhmischen Staatseisenbahn und der Voigtländischen Staatseisenbahn lediglich drei grenzüberschreitende Verbindungen von Sachsen nach Österreich. Dazu kam die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn nach Hof.
Am 15. Juni 1866 besetzte die Preußische Armee die grenznahen Bahnhöfe Löbau und Riesa. Die Löbau-Zittauer Eisenbahn fuhr ihre Fahrzeuge nach Reichenberg ab, später standen sie zusammen mit den Lokomotiven der Östlichen Staatsbahn auf dem ungarischen Bahnhof Rákos bei Pesth.
Die Fahrzeuge der Westlichen Staatsbahn wurden ab dem 18. Juni über die Niedererzgebirgische Staatsbahn und die Sächsisch-Bayerische Staatseisenbahn nach Zwickau und weiter über Herlasgrün nach Eger gebracht. Der erste Zug ab Zwickau bestand aus 19 Lokomotiven und mehreren hundert Wagen. Ab Werdau verkehrte zeitgleich ein ähnlicher Zug mit 25 Lokomotiven. Auf der zweigleisigen Strecke zwischen dem Abzweig Werdau und Herlasgrün wurden beide Streckengleise in einer Richtung benutzt. Auf der eingleisigen Voigtländischen Staatseisenbahn fuhren die Züge dann im Sichtabstand weiter nach Eger.
Am 20. Juni 1866 standen im Bahnhof Eger 142 sächsische Lokomotiven und mehrere hundert Wagen.
Nach Kriegsende kam das evakuierte Material geordnet nach Sachsen zurück. Auch die von Preußen beschlagnahmten Fahrzeuge wurden zurückgegeben.
Mediale Rezeption Das Vaterland erwähnte in einer Kurzmeldung: „40 sächsische Locomotiven wurden gerettet und auf k. k. Staatsbahn-Stationen eingestellt“Die k.k. Staatsbahnen waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegründet worden.. Die Olmüzer politische Zeitung berichtete am 21. Juni gleichlautend. Am Folgetag erwähnte die gleiche Zeitung, dass die Preußen „den Eisenbahnverkehr zwischen Leipzig und Werdau mit abgefangenen sächsischen Lokomotiven und Waggons“ eröffnet hätten. Weiters wurde berichtet: „Die preußischen Truppen fuhren zwischen Leipzig und Werdau per Bahn hin und her“. mini|Die MULDENTHAL der Bockwaer Eisenbahngesellschaft zählte zu jenen Lokomotiven, die von preußischen Truppen requiriert worden waren.Verkehrsmuseum Dresden (Johanneum): Fahrzeugdatenblatt und Betriebsbuch der Dampflokomotive „Muldenthal“ (Inv.-Nr. VMD) Der Pester Lloyd schrieb am 23. Juni 1866, die Preußen hätten „12 Lokomotiven mitgenommen, 115 seien hingegen nach Eger gebracht worden“. Die Olmüzer politische Zeitung setzte hinzu „gestern ging die letzte Lokomotive der Staatsbahn herüber“. Die in Hamburg erschienene Die Reform vermeldete diese Angaben zwei Tage später.
Die Gemeinde-Zeitung bezifferte den Umfang ähnlich: „Die Preußen raubten in Plauen 15 sächsische Lokomotiven, 115 Stück sind hingegen nach Eger gebracht worden“. Am nächsten Tag änderte sie ihre Darstellung: „Die Preußen haben von Plauen 12 sächsische Lokomotive genommen, 115 WaggonsBei der Angabe „115 Wagen“ dürfte es sich um eine Verwechslung mit der Lokomotivanzahl gehandelt haben. nach Eger gebracht. Die Preußen sind gegen Hof vorgerückt, haben sich aber wieder zurückgezogen. 15 österreichische und sächsische Lokomotive wurden mit Beschlag belegt.“
Das Fremdenblatt berichtete am 24. Juni aus Franzensbad über mehrere Lokomotivüberstellungen und konnte auch eine vermeintliche Sensation erwähnen: Die vermeintliche Abreise des Erzherzogs Stefan und seiner Schwester Elisabeth: „Den ganzen Tag und hie darauf folgende Nacht wimmelte es von Beschäftigten und Zuschauern. Im Ganzen kamen 135–140 Lokomotiven hier an.— Noch größere Sensation machte die vermeintliche Abreise Sr. kais. Hoheit des Erzherzogs Stefan mit Sr. durchl. Schwester Elisabeth.“
Die Prager Bohemia brachte am 25. Juni einige Zeilen über bereits eingetretene touristische Aspekte der Lokomotivflucht:
Das Neue Fremden-Blatt zitierte diese Eindrücke.
Die Wiener Zeitung bot am 26. Juni 1866 auch Hintergrundinformationen:
Die Grazer Zeitung übernahm diesen Artikel am Folgetag fast wortgleich.
Das Fremden-Blatt erwähnte auch Details zur Herkunft der Lokomotiven:
Auch eine bayrische Zeitung schrieb über den Transport von Fahrzeugen nach Bayern:
Erst am 27. Juni erwähnte die Augsburger Postzeitung, „Die sächsischen Eisenbahnbediensteten, welche den größten Theil ihrer Locomotiven, Waggons u. s. w. nach Eger brachten, verweilen in Hof.“ Die in Neustadt an der Haardt erschienene Neustädter Zeitung meldete unter Berufung auf ein Prager Blatt: „Der Prager ‚Politik‘ wird gemeldet, die Preußen hätten in Plauen 12 sächsische Locomotiven mitgenommen, 115 Stück seien hingegen nach Eger (Böhmen) gebracht werden. (Letzteres wird von Reisenden bestätigt, welche in Eger die massenhaft angesammelten sächsischen Locomotiven gesehen haben).“ mini|Preußische Husaren Etwas ausführlicher berichtete am 28. Juni die Gemeinde-Zeitung:
mini|Titelseite der Ausgabe 47/1866 der Gartenlaube Die Zeitschrift Die Gartenlaube schilderte in ihrer Ausgabe 47/1866 das Ereignis 1866 noch ausführlicher und wählte zur Darstellung eine nicht bloß sachliche, sondern eine emotionale und heroisierende Form. Es war dies die umfangreichste zeitgenössische Berichterstattung über das betreffende Thema. Im Jahr 1869 erwähnte Die Gartenlaube das Ereignis am Rande neuerlich, bezeichnete es dann aber als Bergung.
Lokomotiven mini|Lokomotivbauarten aus den 1860er-Jahren, darunter 1'B-Lokomotiven von Hartmann und Borsig Der Artikel in der Gartenlaube erwähnte zehn konkrete Lokomotivnamen. Alle diese Lokomotiven wurden zwischen 1848 und 1864 von Borsig in Berlin sowie von Hartmann in Chemnitz gebaut. Neun davon waren Lokomotiven der Bauart 1’B, die Lokomotive BÄR war als Dreikuppler (C n2) ausgeführt.
+LokomotivnameLaut GartenlaubeBahn-Nr.HerstellerBaujahrgeliefert anDie Bezeichnungen der Bahnen wurden unverändert aus den Typoskripten der Lieferlisten von Merte übernommenHERCULES108Hartmann 1862Westliche StaatsbahnST. EGIDIEN 811857Niedererzgebirgische StaatsbahnAUGUSTUSBURG1131864Westliche StaatsbahnBÄR9 1861TIGER10 1857Sächsisch-Bayerische StaatseisenbahnWALLROSS431854STRAUSS18Borsig1848GIRAFFE19NASHORN20GAZELLE401852
Wirtschaftliche Einordnung Österreichische Zeitungen gaben an, der Wert der Lokomotiven hätte 10 Millionen Thaler betragen. Da der Sächsische Staatshaushalt im Jahr 1864 mit 13.658.984 Thlr. beziffert war, hätte der Wert der gesicherten Fahrzeuge mehr als zwei Drittel des Jahresetats des Königreiches ausgemacht.
Literarische Rezeption In dem im Jahr 2019 erschienenen Roman Winterbergs letzte Reise des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš wird das Ereignis ebenfalls heroisierend erwähnt. Der Charakter Wenzel Winterberg erzählt Weiters wird die Lokomotivflucht vereinzelt auch in Sachpublikationen zur sächsischen und zur Kriegsgeschichte rezipiert.
Literatur
Fritz Näbrich, Günter Meyer, Reiner Preuß: Lokomotivarchiv Sachsen 2. transpress VEB Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1983, bzw. Alba Publikation Alf Teloeken GmbH + Co KG, Düsseldorf, ISBN 3-87094-096-4, S. 64–68. Der Dampf auf der Flucht. Die Gartenlaube, Heft 47, S. 737–739 (Digitalisat), Volltext (Link).
Bohemia, diverse Ausgaben, Prag, Juni 1866 (Digitalisate) Österreichs Kämpfe im Jahre 1866. Nach Feldacten des k. k. Generalstabs-Bureaus für Kriegsgeschichte. Band 3. Wien, Verlag von Carl Gerold’s Sohn, 1868–1869. (Der Krieg in Böhmen). (Digitalisat).
Weblinks www.lokhersteller.de, insbesondere Listen für Borsig und Hartmann
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Sächsische Militärgeschichte Kategorie:Schienenverkehr (Sachsen) Kategorie:Geschichte (Cheb) Kategorie:Deutscher Krieg Kategorie:Verkehrswirtschaft (Deutschland) Kategorie:Ereignis 1866 Kategorie:Schienenverkehrsgeschichte (Deutschland)