Asrael ist eine Oper (Originalbezeichnung: „Leggenda“ – ‚Legende‘) in vier Akten von Alberto Franchetti (Musik) mit einem Libretto von Ferdinando Fontana nach einer Erzählung aus Samuel-Henri Berthouds Légendes et traditions surnaturelles de Flandres. Die Uraufführung war am 11. Februar 1888 im Teatro Municipale in Reggio nell’Emilia.

Handlung

Die Oper spielt im 13. Jahrhundert, der erste Akt erst in der Hölle, dann im Himmel, die übrigen Akte in Flandern.

Vorgeschichte („Vorwort“)

Die Engel Nefta und Asrael sind ein Liebespaar im Himmel. Als Luzifer (hier italienisch „Lucifero“ genannt) mit seinen Anhängern den Aufstand gegen Gott beginnt, schließt sich Asrael dem Kampf gegen die Rebellen an, wird jedoch von diesen gefangen genommen. Als seine Entführer feststellen, dass seine Gedanken weiterhin nur seiner Geliebten Nefta gelten, täuschen sie ihn mit einer Lüge: Sie behaupten, Nefta habe sich ihnen angeschlossen und lebe nun bei ihnen in der Unterwelt. Asrael glaubt ihnen und reist auf der Suche nach Nefta in die Hölle. Dort fällt er mitsamt den Aufrührern Gottes ewiger Verdammnis anheim. Nun bleibt ihm nur noch die Trauer um seine unerreichbare Geliebte – so wie auch sie im Himmel um ihn trauert. „Wer rührt den Himmel, trotzt Jehovah’s Worten, Wer zwingt die Hölle? – Nur der Liebe Macht!“

Kurzfassung

Erster Akt. Nach einem Bacchanal in der Hölle erhält der in einen Dämon verwandelte Asrael von Luzifer die Erlaubnis, für ein Jahr auf der Erde zu leben. Im Gegenzug will er bei seiner Rückkehr eine dem Himmel geraubte Seele mitbringen. Sollte ihm dies nicht gelingen, muss er für immer als Verdammter in der Hölle leben. Nefta erhält ihrerseits im Himmel die göttliche Genehmigung, auf die Erde hinabzusteigen, um Asrael zurückzugewinnen.

Zweiter Akt. Auf der Erde hat Asrael keine Erinnerung mehr an seine Vergangenheit. Er besteht eine Blickprobe mit Prinzessin Lidoria von Brabant, um sie als Gattin zu gewinnen – weist sie dann aber zurück und geht eine Beziehung mit Loretta, der Herrin der „Flusszigeuner“, ein. In Gestalt der Nonne Clotilde findet und erkennt Nefta ihren einstigen Geliebten.

Dritter Akt. Asrael und Loretta schwören sich ewige Liebe. Lidoria klärt ihre Rivalin über die Dämonen-Identität Asraels auf und gibt ihr ein Fläschchen mit Weihwasser. Als Loretta dieses auf ihn schüttet, schlagen Flammen aus seinem Körper, und er bleibt wie tot liegen. Clotilde bringt ihn in ihr Kloster.

Vierter Akt. Als sich Asrael nach sechs Monaten einigermaßen erholt hat, sorgt er sich um die Erfüllung seines Pakts mit Luzifer. Clotilde gelingt es nur mit Mühe, ihn zu einem erlösenden Gebet zu bewegen. Beide erlangen ihre Engelsgestalt wieder und können in den Himmel aufsteigen.

Erster Akt

Erster Teil. In der Hölle. Geräumige Grotte, von düsteren Lichtern durchblitzt

mini|Erster Akt, erster Teil: In der Hölle

Rechts eine Treppe, roh in den Felsen gehauen; sie führt aufwärts zu einer Öffnung, durch welche man ein Stück Himmel erblickt. Grotten auf den Seiten und im Hintergrund.

Szene 1. Dämonen empfangen unter Hohngelächter die Seelen von frisch eingetroffenen Verdammten. Bacchantinnen erscheinen, woraufhin sich die Dämonen zurückziehen.

Szene 2. Asrael tritt aus dem Hintergrund hervor. Er denkt an seine verlorene Liebe. Die Sehnsucht nach Nefta ist für ihn die größte Qual der Hölle.

Szene 3. Höllentanz. Kaum hat sich Asrael entfernt, stürzen die Dämonen wieder auf die Bühne, und das Bacchanal beginnt erneut (Chor: „Pape Satan, Pape Satan, Aleppe!“).

Szene 4. Luzifer kommt von rechts auf einem von Ungeheuern gezogenen Wagen. Sein Gefolge verhöhnt die Verstorbenen, deren irdische Rangunterschiede hier keine Bedeutung haben (Chor: „Still verscharren sie die Leichen“).

Szene 5. Asrael bittet Luzifer um die Erlaubnis, ein Jahr auf der Erde leben zu dürfen. Als Gegenleistung verspricht er ihm eine dem Himmel geraubte Seele. Luzifer gestattet ihm dies. Sollte Asrael sein Versprechen jedoch nicht einhalten, ist seine Dämonen-Existenz verwirkt, und er muss als menschlicher Verdammter in ewiger Pein in der Hölle leben.

Szene 6. Zuversichtlich ersteigt Asrael die Treppe, die Augen auf den Himmelsstreifen gerichtet (Asrael: „Il cor palpita e trema“ – ‚Mein Herz fühl ich erbeben‘). Die Dämonen verlachen seine Torheit mit hämischem Spott.

Zweiter Teil. Im Himmel. Ein Amphitheater von Wolken in den zartesten Farben

mini|Erster Akt, zweiter Teil: Im Himmel

Das Amphitheater wird in der Mitte von einer goldenen Treppe durchschnitten. Dieselbe führt zu einer Öffnung hinan, durch welche man auf dem blauen Grunde des Himmelsraumes die Sterne glänzen sieht. – Sanft perlendes Licht, das sich nach und nach verstärkt.

Einzige Szene. Engel, himmlische Jungfrauen, Heilige, Märtyrer, Patriarchen usw. sind im Himmel versammelt, um die Jungfrau Maria zu preisen (Chor: „L’ora soave di Maria“). Vier Seraphim musizieren auf silbernen Trompeten. Nefta ersteigt die goldene Treppe. Sie verteidigt ihren verlorenen Geliebten, der nie zu den Aufrührern gezählt und auch in der Hölle niemals an den Handlungen der Dämonen teilgenommen habe. Dann bittet sie darum, zu Asrael auf die Erde hinabsteigen zu dürfen (Nefta: „Deh tu la prece mia“ – ‚O, trage du mein Flehen‘). Sollte sich Asrael als unwürdig erweisen, will sie auf ihre Existenz als Engel verzichten und als Menschenfrau in das Paradies zurückkehren. Cherubim beschreiben, wie Maria zum göttlichen Thron aufsteigt, um Neftas Bitte vorzutragen. Ein heller Lichtstrahl verkündet Gottes Genehmigung. Der Chor der Engel verabschiedet sich mit Segenswünschen von ihr.

Zweiter Akt

Freier Platz im Wald

mini|Zweiter Akt: Freier Platz im Wald

Die Türme einer Burg sind rechts hinter dem Laubwerk sichtbar. – Tagesanbruch. – Asrael allein, in einen Mantel gehüllt, als Edelmann, aber einfach gekleidet, schläft unter einer Baumgruppe auf dem grünen Moos.

Szene 1. Auf der Erde fühlt sich Asrael neu belebt. Als er in der Ferne einen Schlossturm erblickt, hofft er auf eine Begegnung mit der Schlossherrin.

Szene 2. Bauern und Bäuerinnen erscheinen, um einen Pavillon zu errichten und festlich mit Blumen zu schmücken.

Szene 3. Asrael stellt sich ihnen als verirrter Wanderer vor. Er erfährt, dass die Hochzeit der Prinzessin Lidoria von Brabant gefeiert werden solle, bisher aber noch kein Freier in Sicht sei. Die in schwarzer Magie bewanderte Lidoria verachte die Liebe. Sie habe geschworen, nur einen Ritter zu heiraten, der „ihrer Augen Blitzstrahl“ standhalten könne. Das sei in den letzten sieben Jahren noch keinem gelungen. Asrael beschließt, die Prüfung zu wagen, und tritt vorerst beiseite.

Szene 4. Die „Fischerkönigin“ Loretta trifft mit ihrem Gefolge aus „Flusszigeunern“ ein.

Szene 5. Loretta preist die Macht der Frauen über die Männer. Sie ist überzeugt, dass Lidoria keinen Sklaven suche, sondern einen Herrn.

Szene 6. Der König erscheint mit seiner Tochter und dem fürstlichen Gefolge. Er führt Lidoria zu einem Baldachin und lässt den Herold ein Signal geben. Ein Horn antwortet, und kurz darauf tritt der nun prächtig gekleidete Asrael auf. Loretta bewundert seine Erscheinung.

Szene 7. Asrael erklärt, die Probe bestehen zu wollen, und blickt Lidoria furchtlos in die Augen. Sie starrt zurück, kann seinem Blick aber nicht widerstehen. Der Herold überreicht Asrael daraufhin einen goldenen Ehering mit dem Wappen von Brabant. Asrael spottet jedoch nur darüber und wirft Lidoria den Ring vor die Füße. Zum Entsetzen der Anwesenden erklärt er, sie nicht heiraten zu wollen: „Wehe dem Weib, das ohne Liebe sich bindet!“ Zutiefst gekränkt befiehlt Lidoria, ihn festzunehmen. Asrael zieht sein Schwert. Da stellt sich Loretta auf seine Seite und ruft die Fischer auf, ihn zu verteidigen. Ein Kampf droht zu entbrennen, doch die Stimme der wohltätigen Nonne Clotilde, die sich auf einer Pilgerfahrt durch das Land befindet, lässt alle innehalten.

Szene 8. Schwester Clotilde (in Wirklichkeit Nefta in Menschengestalt) gebietet dem Kampf Einhalt. Als Asrael ihr gegenübertritt, erkennt sie ihn sofort an seiner Stimme („De’ suoi detti il suon mi parve“ – ‚Seiner Stimme Klang mir tönet‘). Asrael jedoch hat jede Erinnerung an sie verloren. Er schwärmt stattdessen von Loretta, die sich ebenfalls in ihn verliebt hat. Die verhöhnte Lidoria befiehlt ihren Kriegern erneut den Angriff, doch Asrael lässt deren Schwerter durch einen herbeigerufenen Blitzschlag zu Boden fallen. Er zieht mit Loretta und den Fischern von dannen. Clotilde bleibt zurück, ist sich aber sicher, ihren Geliebten gefunden zu haben. Sie schwört, ihn zu retten.

Dritter Akt

Am Ufer der Schelde

mini|Dritter Akt: Am Ufer der Schelde

Barken der Flusszigeuner am Strand. – Rechts vorne eine Moosbank. Abenddämmerung. – Beim Aufgehen des Vorhangs beendigen die Fischer und Fischerinnen ihre Tagesarbeit. Im Kreis sitzend, flicken die einen Netze, andere spannen dieselben von Baum zu Baum. Loretta sinnend auf der Moosbank.

Szene 1. Die Fischer und Fischerinnen singen eine Ballade („C’era una volta un ricco cavalier“ – ‚Habt ihr die Mär von dem reichen Mann‘). Zwischendurch unterhalten sie sich über Lorettas Liebe zu dem schönen jungen Ritter.

Szene 2. Loretta wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Geliebten, dem sie Liebe geschworen hat, obwohl sie seinen Namen noch immer nicht kennt („Scesa è la notte“ – ‚Nacht sank hernieder‘).

Szene 3. Lidoria erscheint und wirft Loretta vor, den dreisten Ritter bei sich zu verstecken. Sie wolle ihn ihr jedoch nicht entreißen, sondern sie lediglich warnen: Der Fremde sei in Wahrheit ein Dämon namens Asrael, der ihr ewige Verdammnis bringen werde und bereits eine andere Frau liebe. Da Loretta ihr keinen Glauben schenkt, gibt Lidoria ihr einen Rat: Sie soll ihm im Schlaf auf die Wange küssen und ihre Hand auf sein Herz legen. Dadurch sei er gezwungen, die Wahrheit zu offenbaren. Sobald er ihr den Namen der Rivalin nennt, soll sie ihn mit Weihwasser besprengen. Lidoria reicht ihr ein Fläschchen und entfernt sich. Ein Gewitter zieht auf.

Szene 4. Als Asrael eintrifft, schwören sich die beiden erneut ihre Liebe. Sie setzen sich auf die Moosbank, und nach einer Weile schläft Asrael ein. Im Traum spricht er von seiner Liebe zu einem „freundlichen Stern des Himmels“, den er verloren habe. In Loretta keimen allmählich Zweifel auf. Sie befolgt Lidorias Anweisungen und erfährt nun den Namen seiner wahren Geliebten: „Nefta“. In eifersüchtiger Wut schüttet sie den Inhalt der Flasche über ihn und flieht. Begleitet von einem furchtbaren Blitz und Donner schlagen Flammen aus Asraels Körper. Er erwacht mit einem Schrei, krümmt sich vor Qualen und fällt wie tot zu Boden.

Szene 5. Hinter der Bühne streiten Dämonen und Engel um Asraels Seele (Chor: „Dio del cielo e della terra“ – ‚Herr des Himmels und der Zeiten‘). Der Sturm legt sich allmählich, und der Mond geht auf. Man hört die Glocke des Nonnenklosters. Clotilde und die Schwestern nähern sich. Als Clotilde den regungslosen Asrael auf der Erde erblickt, eilt sie besorgt auf ihn zu.

Vierter Akt

Erster Teil. Hof im Kloster der Schwester Clotilde

mini|Vierter Akt, erster Teil: Hof im Kloster

Rechts das Krankenhaus des Klosters, im Hintergrund die Kirche, links allgemeines Ausgangstor. Rechts gegen das Proszenium, ganz isoliert, eine Statue der Madonna mit einem kleinen, reich mit Blumen geschmückten Altar. Morgendämmerung.

Szene 1. Die Nonnen beten in der Kirche für die Seelen der Sünder („Per tutti i dolori“ – ‚Wir flehen für Alle‘).

Szene 2. Schwester Clotilde sorgt sich um die Zukunft ihres Geliebten, den sie vor sechs Monaten schwer krank ins Kloster bringen ließ. Gott hat ihr verboten, sich ihm zu offenbaren. Sie weiß, dass Asrael nur durch ein selbst gesprochenes Gebet erlöst werden kann – doch er scheint das Beten verlernt zu haben.