Bis zur Wahrheit ist ein deutschsprachiger Film der Regisseurin Saralisa Volm, der seine Premiere 2024 auf dem Filmfest München in der Reihe Neues Deutsches Fernsehen feierte. Der Film thematisiert die Vergewaltigung einer Frau durch den Sohn eines befreundeten Ehepaars. Maria Furtwängler erhielt für den Film 2025 den Deutschen Fernsehpreis als beste Schauspielerin.
Handlung Martina, mit Ehemann Andi glücklich verheiratet und Mutter der gemeinsamen Tochter Lina, ist eine erfolgreiche Neurochirurgin. Nach ihrer Vorlesung an der Universität fährt sie mit Mann und Tochter zu ihrem Ferienhaus an der Ostsee. Dort will die Familie mit Martinas bester Freundin Jutta, deren Mann Torsten und Sohn Mischa ein paar Tage Urlaub verbringen.
Am nächsten Abend sitzen alle am Lagerfeuer. Mischa war in Amerika und erzählt Andi, was er dort gemacht hat. Amerika habe, so sein Vater am Vortag, „einen richtigen Mann“ aus ihm gemacht. Torsten beginnt, seinen Sohn zu kränken, weil der nach dem von ihm finanzierten Amerikaaufenthalt noch immer nicht weiß, was er beruflich einmal machen möchte. Andi springt Mischa bei. Martina geht vors Haus und trifft dort Mischa, der einen Joint raucht. Sie versucht, ihn zu trösten, doch Mischa reagiert abweisend.
Am nächsten Tag fahren Martina und Mischa mit dem Fahrrad durch den Wald. Mischa überredet sie, hinunter zum Strand zu fahren. Etwas später wundert sich Andi bei der Umarmung, dass die Kleidung seiner Frau nass ist, sagt aber nichts dazu. Martina geht ins Schlafzimmer und masturbiert. Andi kommt und sagt ihr, man wolle essen gehen und danach ins Kino, doch sie will nicht mitkommen und dreht sich weg. Später trifft sie am Schwimmbecken auf Mischa, der ihr ein Kompliment macht. Mischa will runter zur Strandparty, Martina mag aber nicht mitkommen, dafür sei sie zu alt. Als er geht, werfen sich beide flirtende Blicke zu.
Abends geht sie doch zur Party und setzt sich zu Mischa. Er spielt Gitarre, sie tanzt dazu und springt im Übermut durch das Lagerfeuer. Dann geht sie zum Haus zurück. Sie zieht ihr Kleid aus, springt in den Pool und schwimmt los. Plötzlich steht Mischa am Rand und sagt, er könne nicht kraulen. Sie bietet an, es ihm zu zeigen. Nach kurzem Zögern springt auch er ins Wasser. Beide lachen und planschen, sie macht es ihm vor, er schwimmt hinterher. Schließlich küsst Mischa sie. Einen kurzen Moment lachen beide, dann wendet sie sich ab, schüttelt den Kopf und sagt „Nein“. Er macht weiter. Mit einem erneuten „Nein“ stößt ihn von sich fort. Er drückt sie an den Rand, hält sie fest und dringt in sie ein. Auf ihr schmerzverzerrtes Gesicht achtet er nicht.
Am nächsten Morgen setzt sich Martina, als wäre nichts gewesen, an den gedeckten Frühstückstisch. Jutta spricht sie auf die blauen Flecken am Oberarm an, sie wiegelt ab. Im Badezimmer schaut sie sich im Spiegel die Verletzungen an Rücken und Oberarm an und macht mit dem Handy Fotos davon. Andi kommt und will sie umarmen, doch sie stößt ihn weg. Sie reisen ab, obwohl Martina noch eine Woche Urlaub gehabt hätte. Vergeblich versucht Jutta, sie zum Bleiben zu überreden.
Am nächsten Tag geht Martina arbeiten und ist bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. Während einer Operation wird sie durch Erinnerungen an ihre Vergewaltigung abgelenkt. Als sie später schwimmen gehen will, wird sie erneut von Flashbacks eingeholt und kann nicht ins Wasser springen.
Martina lässt sich beim Gesundheitsamt Blut abnehmen, um es auf durch Geschlechtsverkehr übertragbare Krankheiten untersuchen zu lassen. Dabei fällt ihr Blick auf einen Flyer über Hilfsangebote für von sexueller Gewalt Betroffene mit der Aufschrift „NEIN heißt NEIN!“ Sie nimmt ihn mit. Als sie ihn zuhause durchlesen will, kommt Andi ins Zimmer und sie versteckt ihn schnell. Dann initiiert Martina einen Geschlechtsverkehr, den sie in einer Heftigkeit vollzieht, dass sich ihr Mann sichtbar wundert. Andi zeigt sich besorgt, doch sie wischt seine Besorgnis weg.
Abends gehen Martina und Jutta zur Geburtstagsfeier einer gemeinsamen Freundin. Sie betrinkt sich. Auf dem Heimweg muss Martina von Jutta gestützt werden und übergibt sich schließlich. Auf der Suche nach einem Taschentuch in Martinas Handtasche findet Jutta den Flyer und ist irritiert. Martina reißt ihr den Flyer aus der Hand und steckt ihn wieder ein. Schweigend sitzen die beiden Frauen auf einer Bank. Martina könne ihr immer alles erzählen, sagt Jutta. Martina fällt ihr um den Hals.
Als sie am nächsten Morgen unter der Dusche steht, ruft das Gesundheitsamt an. Andi nimmt das Gespräch an, erfährt dadurch von der Untersuchung und will mit ihr darüber sprechen. Sie läuft weg, sie müsse zur Arbeit. Jutta holt sie von der Arbeit ab und bringt sie zu einer Therapeutin, bei der sie für ihre Freundin einen Termin vereinbart hatte. Martina geht ins Haus, dreht dann aber um und geht nachhause. Dort konfrontiert Andi sie mit ihrem Test auf sexuell übertragbare Krankheiten und schreit sie zunächst an. Als er erfährt, was Mischa ihr angetan hat, ist er wie paralysiert. Er will die Vernissage im eigenen Haus absagen, doch damit ist Martina nicht einverstanden. Unter den Gästen sind auch Torsten und Jutta. Nach einer abfälligen Bemerkung fragt Torsten, was mit Martina los sei. Wütend klärt Andi ihn über die Vergewaltigung durch seinen Sohn auf. Es kommt zu einer Schlägerei zwischen beiden, in deren Verlauf Torsten Martina als „Schlampe“ bezeichnet, die „nie genug“ kriege. Jutta und Martina trennen die beiden Männer, die übrigen Gäste schauen wortlos zu. Jutta ist überzeugt, ihr Mann habe etwas falsch verstanden, Martina solle das aufklären. Die aber schweigt und verlässt den Raum.
Zuhause sprechen Torsten und Jutta darüber. Torsten sagt, Martina ruiniere Mischas Leben mit ihrer haltlosen Behauptung. Sie stehe nicht dazu, was sie gemacht habe, schäme sich nun dafür und wolle es Mischa anhängen. Martina geht zu Jutta und räumt ein, mit Mischa geflirtet zu haben, was völlig unangebracht gewesen sei. Doch sie habe abgebrochen und „Nein gesagt“. Jutta glaubt ihr nicht. Martina erinnert ihre Freundin an die blauen Flecken, die sie am Frühstückstisch gesehen habe. Dann geht sie. Jutta nimmt ihren Sohn noch einmal ins Gebet. Er gibt an, Martina habe schon gesagt, dass es „nicht geht“, aber „Nein“ habe sie nicht gesagt und gewehrt habe sie sich auch nicht. Auf insistierendes Nachfragen seiner Mutter sagt er mit Tränen in den Augen, wenn sie es nicht gewollt hätte, „hätte sie sich doch gewehrt“. Jutta glaubt ihrem Sohn. Er bleibt weinend zurück.
Auf der Arbeit wird über Martina getuschelt. Man merkt, dass sie anders als sonst ist. Einzig ihr Mann glaubt ihr. Als sie nachhause kommt, sagt er ihr, sie hätten Post von Torstens Anwalt. Er drohe mit einer Verleumdungsklage, wenn sie „über den Vorfall weiter Lügen verbreiten“ würden. Martina will schwimmen gehen, kann aber erneut wegen ihrer Flashbacks nicht ins Wasser springen. Eine befreundete Anwältin gibt ihr den Rat, sich an die einstweilige Verfügung zu halten, weil sie vor Gericht keine Chance hätte.
Martina tanzt die Nacht durch. Morgens findet Andi sie im Auto schlafend. Sie bittet ihn, sie ins Krankenhaus zu fahren. Während der Fahrt kommt es zum Streit, Andi steigt aus und Martina fährt allein in die Klinik. Dort wird ihr eröffnet, dass man ein Alkoholproblem vermute und zwar durchaus Mitgefühl für den „Schicksalsschlag“ habe, doch gehe es nicht so weiter. Sie wird in den Urlaub geschickt und soll wiederkommen, wenn es ihr wieder besser gehe. Wütend verlässt sie den Raum. Sie fährt zu Jutta, stürmt in deren Wohnung und fordert ein klärendes Gespräch. Jutta verweist sie des Hauses. Martina ruft nach Mischa, der mit Umzugskartons die Treppe herunterkommt. Sie hält ihn fest, er solle bekennen. Er reißt sich los und brüllt: „Ich hab’ Nein gesagt!“ Martina ohrfeigt ihn. Jutta bittet sie, zu gehen. Als Martina in ihrem Auto sitzt, sieht sie, wie Mischa und sein Vater einen Umzugswagen beladen. Sie wartet, bis Mischa allein im Umzugswagen ist, läuft dorthin, schließt die Heckklappe, setzt sich ans Steuer und fährt davon. Auf Mischas Klopfen und Rufen reagiert sie nicht. Sie fährt durch die Gegend, bis es dunkel ist, und hält dann am Straßenrand an. Er fragt, ob sie sich rächen wolle. Er schreit, sie habe sich ausgezogen, sie habe mit ihm geflirtet, sie habe ihn geküsst. Ruhig antwortet sie, er solle zugeben, was er getan habe. Er sollte sich schämen und nicht sie. Im Wagen sinkt Mischa in sich zusammen, beginnt zu weinen und sagt, er habe „es noch nichtmal zuende gebracht“. Sie fragt nach dem Grund. Kleinlaut räumt Mischa schließlich ein, er habe gespürt, dass sie es nicht wollte, aber es sei ihm in dem Moment egal gewesen. Dann öffnet sie die Heckklappe, schaut ihn an, wirft den Autoschlüssel auf die Ladefläche, dreht sich um und geht wortlos. Er bleibt zurück und weint.
Als der neue Tag anbricht, läuft Martina durch den Wald zum See und geht schwimmen.
Produktion Bis zur Wahrheit ist eine Produktion von Nordfilm und der von Maria Furtwängler 2017 in München gegründeten Atalante Film. Gefördert wurde der Film mit Mitteln der Nordmedia. Er entstand im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks (NDR) für die ARD. Gedreht wurde er August/September 2023 in Seevetal, Schwedeneck, Hamburg und München.
Die Redaktion lag bei Sabine Holtgreve, die Produktionsleitung bei Susanne Bähre und Frederik Keunecke, die Herstellungsleitung bei Marcus Kreuz. Zum Stab gehörten überdies Stephanie Riess (Kostümbild), Jennifer Porscheng und Edith Paskvalic (Maskenbild), Antje Wetenkamp (Casting), Wolfgang Baark (Szenenbild), Matthias Wolff und Tobias Krause (Ton) und Lena Klein und Laura Aleman (Producerinnen).
Die Projektbeteiligten und ihr Film Der NDR hinterlegte auf seiner Website Reflexionen der Beteiligten zum Film. Es findet sich je ein Gespräch mit den Hauptdarstellern Maria Furtwängler und Damian Hardung, mit der Regisseurin Saralisa Volm, der Drehbuchautorin Lena Fakler und mit Anne Schäfer und Anna König, die als Intimitätskoordinatorinnen engagiert wurden, um die Darsteller zu beraten und gemeinsam Grenzen der Darstellung abzustecken. Überdies findet sich ein Statement der Produzentin Kerstin Ramcke und eines der Juristin Christina Clemm.
Maria Furtwängler habe in ihrer Vorbereitung auf die Rolle besonders daran gearbeitet, zu erfühlen, was es bedeute, „sukzessive den Boden unter den Füßen zu verlieren“. Martina habe zweimal „einen wirklich brutalen Kontrollverlust“ erleben müssen: durch die Vergewaltigung selbst und dadurch, dass das Geschehen öffentlich und „von ihrem Umfeld bewertet und hinterfragt“ wurde. Dadurch sei ihr die „Deutungshoheit über ihr eigenes Erleben entrissen“ worden. Eine solche Rolle mache einen „auch persönlich fertig“, es dauere, „das aus den Kleidern zu bekommen“. Es sei für Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben, „leider viel zu oft schwer, Gehör und Glauben zu finden“, gerade weil diese Taten „meistens im nächsten Umfeld passieren“. Bewusst habe man sich dafür entschieden, die Machtverhältnisse umzukehren, um Fragen zu provozieren und „neue Perspektiven auf Täter-Opfer-Realitäten“ zu geben. In dem Gespräch wird daran erinnert, dass sie gemeinsam mit ihrer Tochter Elisabeth Furtwängler 2016 die MaLisa Stiftung gründete, „um Geschlechterdiversität im Film zu fördern und Gewalt gegen Mädchen und Frauen zu bekämpfen“. In Deutschland erlebe jede dritte Frau „körperliche und/oder sexualisierte Gewalt“, doch würden Fernsehformate, die sich damit befassen, selten „die Perspektive des Opfers“ berücksichtigen. Damit in Verbindung stehenden Fragen stelle sich der Film „auf eine kluge und wirklich mutige Weise“, weil sich die Regisseurin „Klischees vollkommen verschließt“. Es brauche Filme, „die dieses Thema neu erzählen“.