örtlich betäubt ist ein 1969 erschienener Roman von Günter Grass. Darin wird die langwierige Zahnstandsbehandlung in Unter- und Oberkiefer eines Gymnasiallehrers zur wiederkehrenden Ausgangslage für Gespräche zwischen dem Patienten und seinem Behandler über individuelle Einstellungen und gesellschaftspolitische Fragen, speziell über den angemessenen Umgang mit einem Schüler, der seinen Hund aus Protest gegen das amerikanische Vorgehen im Vietnamkrieg öffentlichkeitswirksam zu verbrennen beabsichtigt. Im erweiterten Handlungsrahmen werden die Vorgeschichte des Lehrers nebst Bezügen zur NS-Vergangenheit, sein schulisches Umfeld und Erscheinungsformen des Zeitgeistes behandelt.
Entstehungskontext und Gestaltungsmerkmale Der zugrunde liegende Plot hatte bereits im Februar 1969 als – sehr kritisch besprochenes – Theaterstück Davor seine Uraufführung, während der von Grass parallel dazu entworfene Roman erst im August desselben Jahres erschien. Grass habe in der Bearbeitung fürs Theater – mittels einer an Goethes Torquato Tasso anknüpfenden Fünferkonstellation – nach eigenem Bekunden versucht, „ein gesellschaftliches Verhalten in einer bestimmten Zeit darzustellen“. Auf Dieter Stolz wirkt die auf filmische Erzähltechniken verzichtende Dramatisierung der zentralen Konflikte im Vergleich weniger überzeugend „als die sich durch ungleich höheren Fiktionsgrad auszeichnende, wesentlich subtiler ausgearbeitete Prosafassung.“Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 173 und 179 f. Harro Zimmermann zitiert ebenfalls Grass zu dem Romanwerk: „Für mich ist ‚örtlich betäubt‘ das erste bewusst zu unserer Jetztzeit parallel gesetzte Buch und mein erster Versuch, mich mit der Gegenwart, [mit] den sehr harten, nüchternen Friedensproblemen auseinanderzusetzen.“Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 454.
Für Günther Rüther wird das zahnärztliche Behandlungszimmer im Roman zum gesellschaftspolitischen Labor. Im Zentrum stehe die Frage, was aus der Geschichte gelernt werden könne. Ob das Wort genüge oder ob es der Tat bedürfe.Günther Rüther: Günter Grass. Ein politischer Märchenerzähler und Provokateur, Marix, Wiesbaden 2022, S. 126. Von einer überraschenden Erzählhaltung ist bei Zimmermann die Rede. Der Roman lasse eine Zahnbehandlung Revue passieren, „die sich zu einem fiktiven Gedankentheater voller Reflexionen und Diskurse auswächst.“ Imagination, gedankliche Projektion und Wirklichkeitspräsenz gingen ineinander über. Die den Protagonisten abhanden gekommene politische Utopie zeige sich in einer tiefsitzenden Tathemmung.Harro Zimmermann: Günter Grass. Biographie. Osburg, Hamburg 2023, S. 453 f.
Hauptfiguren im Handlungsablauf Die wichtigsten Protagonisten der Auseinandersetzung um zeitdiagnostische, politisch-weltanschauliche und pädagogische Problemlagen sind der wegen seines Überbisses in häufigen und längeren Sitzungen auf dem Behandlungsstuhl ausharrende Lehrer Eberhard Starusch und sein namenlos eingeführter zahnärztlicher Behandler. Regelmäßig drehen sich ihre Gespräche um den Schüler Philipp Scherbaum und sein Vorhaben, den eigenen Hund spektakulär öffentlich zu verbrennen. Wesentlich in die Romanhandlung involviert sind auch Philipps Freundin und Klassenkameradin Veronika („Vero“) Lewand sowie Staruschs Lehrerkollegin Irmgard Seifert, zu der dieser eine komplikationsreiche Beziehung unterhält.
Eberhard Starusch hat sich – in seiner von Grass ihm zugeschriebenen Romanbiographie – unterdessen abgewendet von der in der Blechtrommel und in den Hundejahren eingenommenen Rolle als anarchischer Jugendbandenführer „Störtebeker“ und übt sich in seiner Studienratsfunktion als vernunftbetonter Erzieher. Die Fächer Deutsch und Geschichte unterrichtend, kann und will er bezüglich der Geschichte keine Lehre vermitteln, betrachtet sie als „absurd wie Totozahlen“ und als beschleunigten Stillstand. Anders als sein Schüler setzt er in eine befreiende Tat keine Hoffnung, wird von dessen Vorhaben aber an die eigene Vergangenheit erinnert und dadurch verunsichert. Als angepasster Vertreter einer in begrenzten Möglichkeiten denkenden Erwachsenenwelt nimmt er sich selbst in dieser Konfrontation als halbherzigen „Papiertiger“ wahr, der sich mitmenschlicher Fürsorge und vorbeugender Aufklärung verschrieben hat. Er schwankt zwischen Sympathiegefühlen für den zur Tat entschlossenen Schüler und den Einwänden, die er als Pädagoge dagegen zu machen hat.Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 176–178.
Rückhalt findet Starusch als Patient auf dem Behandlungsstuhl an seinem Zahnarzt. Dessen Fortschrittskonzept ist rein evolutionär und gründet in nachweislichen Erfolgen der Zahnmedizin. Wissend um die komplizierten Verstrickungen in der Welt, hält er nichts von einfachen Rezepten und revolutionären Umtrieben. In Ruhe und Gelassenheit sucht er seine Gesprächspartner von der beschwerlichen Suche nach dem goldenen Mittelweg in Problemlagen zu überzeugen. Sein auf praktische Vernunft gegründetes Konzept ist auf eine möglichst alle Lebensbereiche umfassende Prophylaxe gerichtet.Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 170–172.
Der Gymnasiast und Lieblingsschüler Staruschs, Philipp Scherbaum, ist davon durchdrungen, ein Zeichen setzen zu müssen gegen das Vorgehen des US-Militärs in Vietnam, das unter anderem zahllose menschliche Brandopfer hinterlässt. Seinen Hund Max, den er liebevoll betreut, will er mit Benzin übergießen und vor Cafébesuchern am Berliner Ku‘damm verbrennen. Ausreden lassen will er sich den Plan anscheinend nicht; doch weil er ihn Starusch eröffnet hat, lässt er auch dessen pädagogische Einwirkungsversuche zu, damit sein Lehrer schließlich von sich sagen könne, er habe alles Mögliche versucht. Auf eine Lichtbilderpräsentation Staruschs mit Dias aus der Berliner Landesbildstelle, die von Hexen-, Juden- und Ketzerverbrennungen über Phosphorverbrennungen im Zweiten Weltkrieg bis zur Selbstverbrennung einer vietnamesischen Nonne reichen, reagiert Philipp mit der Bemerkung, dass da nur Menschen betroffen seien. An solche Bilder seien die Leute gewöhnt. Ein brennender Hund aber könne bei den hundeverrückten Berlinern verstörend und aufrüttelnd wirken.
Entschiedene Unterstützung und Anfeuerung erhält Philipp für sein Vorhaben von seiner befreundeten Mitschülerin Veronika Lewand. Ihr Denken kreist um die Politgruppe. „Sie liebt die Bilder schöner Revolutionsführer, hasst dagegen alle Philosophen und Lehrer, die die Welt bloß unterschiedlich interpretieren, statt mit Marx‘ Hilfe zu begreifen, dass es darauf ankommt, sie zu verändern.“Dieter Stolz: Günter Grass, der Schriftsteller. Eine Einführung. 3. aktualisierte und erweiterte Neuausgabe, dtv, München 2023, S. 174.
Mit ausgesprochener Sympathie begleitet die als Kollegin mit Starusch lose liierte Studienrätin Irmgard Seifert, die in seiner Klasse 12a Musik unterrichtet, Philipp Scherbaums Tatvorhaben, nachdem sie, von ihrem Kollegen darüber informiert, anfangs noch eine polizeiliche Meldung des Falls für richtig befunden hat. In den Gesprächen mit Starusch ist sie ständig mit Schuldgefühlen befasst, die sich auf ihre Rolle im BDM als 17-Jährige beziehen. Als stellvertretende Leiterin eines Lagers für evakuierte Stadtkinder war sie zu Beginn des Jahres 1945 stolz darauf gewesen – wie ihr die eigenen Briefe aus dieser Endphase der NS-Zeit vor Augen führten –, Ausbilderin für Jugendliche an der Panzerfaust gewesen zu sein. Außerdem hatte sie einen Bauern bei der NSDAP-Kreisleitung denunziert, der sein Land nicht für die Aushebung eines Panzergrabens zur Lagerverteidigung hatte hergeben wollen, und war seinerzeit empört gewesen, das das für den Angezeigten folgenlos geblieben war. Philipp Scherbaum drängt sie nun in einem Pausengespräch, ihr mit seiner Tat zu helfen, ihre eigene Schuld zu bekennen und ein Beispiel zu geben: „Gehen Sie mir, gehen Sie uns voran, damit unser Versagen nicht allgemein wird.“ (S. 62 f. und 210)Alle Seitenangaben gemäß örtlich betäubt. Roman, 2., neu durchgesehene Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999 .
Markante Geschehensmomente und Einlassungen
Teil 1 Erst im zweiten des lediglich durch Ziffern in drei Teile gegliederten Romans kommt es durch Philipps Ansage an seinen Lehrer zur Auseinandersetzung über dessen Tatplan. In Teil 1 stehen die Routinen der Starusch von Irmgard Seifert empfohlenen Zahnarztpraxis, die Aufklärung über die vorliegenden Zahnfehlstände sowie die Maßnahmen und Hinweise des Behandlers im Vordergrund. In das Behandlungsgeschehen eingeflochten sind Gedanken, Beobachtungen und Äußerungen des Ich-Erzählers Starusch zum schulischen Alltag, zu seinem Werdegang vom abgebrochenen Studium der Germanistik und Kunstgeschichte über die Ausbildung zum Maschinenbauingenieur bis zu seiner durch die Verlobung mit Sieglinde Krings begünstigten Anstellung in den Krings-Zementwerken. (S. 27–29)
Die Beziehung der Verlobten gerät in der Rückblende des Patienten im Zahnarztstuhl aus dem Gleichgewicht, als Sieglindes Vater, der vormalige Feldmarschall Ferdinand Krings (die Figur ist angelehnt an Ferdinand Schörner) zu Beginn des Jahres 1955 aus sowjetischer Lagerhaft nach Hause zurückkehrt und sich ganz der Rekonstruktion von Fronteinsätzen und Schlachtenkonstellationen widmet. Dabei muss ihm Heinz Schlottau zur Hand gehen, der als sein früherer Untergebener nun in Krings-Zementwerken als Elektriker beschäftigt ist. Tochter Sieglinde, auf die ihr Vater mit seinem Gebaren abstoßend wirkt, benutzt sowohl ihren Verlobten als auch Schlottau als Informationsbeschaffer, um Ferdinand Krings Selbstinszenierungen als Kriegsheld zu widerlegen. Sexuell verkehrt sie mit beiden Männern nur noch auf Grundlage derartiger Gegenleistungen. „Mein Vater will Schlachten gewinnen, die andere verloren haben. Weil unser kunstsinniger Freund Eberhard sich entschieden hat, ihn wie ein Geschichtsfossil zu bewundern, fällt mir die Aufgabe zu, meinen Vater zu schlagen, und zwar an allen Fronten, die ihm einfallen.“ Starusch gibt sie schließlich den Laufpass. Der phantasiert unter zahnärztlicher Betäubung diverse Arten der Ermordung Sieglindes zusammen, eine davon durch Erdrosselung mit der Fahrradkette ihres zurückgekehrten Vaters. (S. 42–57; Zitat S. 71)
Gelegentlich, so auch bei den Phantasiemorden, wechselt die Ich-Perspektive des Erzählers Starusch in die des äußeren Geschehensbeobachters. Angeregt werden die Betäubungsphantasien zum Teil durch Fernsehbilder, die der Behandler zur Ablenkung des Patienten mitunter zuschaltet. In einer Betäubungssequenz erlebt Starusch ein Fernsehquiz, bei dem seine Verlobte Sieglinde als Moderatorin das Schülerpaar Philipp und Veronika gegen Feldmarschall Krings zu Fragen historischer Schlachtendetails antreten lässt. Diese werden zu Staruschs Befriedigung von seinen Eleven großteils sicher beherrscht. (S. 116–120)
Teil 2 Als Starusch seinem Zahnarzt die Gewissensnöte darlegt, die ihm Philipps Tatplan bereitet, den behördlich zu melden er sich aber außerstande sieht, erwidert sein Behandler: „Lernen wir von den Katholiken, und halten wir unser Ohr hin.“ (S. 140) Mit seinen Argumenten und Appellen richtet der Studienrat wenig aus. Auch als er Philipp als erprobten, von Kollegin Seifert für talentiert befundenen Songschreiber anspricht, und ihm zu einer gewiss Furore machenden Ballade vom Dackel Max rät, der verbrannt werden möchte, lassen ihn sowohl Philipp als auch die rauchend dabeistehende Veronika auflaufen: „Old Hardy [Spitzname für Eberhard Starusch] glaubt an die Unsterblichkeit. Haste gehört: Ich soll für die Ewigkeit schreiben.“ Veronika findet: „Das sind die üblichen Deutschlehrersprüche. Er ist ein Papiertiger.“ (S. 175)