mini|Waldfriedhof Hanerau, Zugangstor an der Westseite (2015) Der Waldfriedhof Hanerau (auch Herrnhuter Gottesacker genannt) ist ein Begräbnisplatz in Hanerau-Hademarschen im schleswig-holsteinischen Kreis Rendsburg-Eckernförde. Er liegt im Waldpark Wilhelmshain und wurde 1805 von Johann Wilhelm Mannhardt angelegt. In seinem Aufbau ist der Waldfriedhof einmalig in Norddeutschland. Er gehört zu den Kulturdenkmalen der Gemeinde.
Entstehungsgeschichte Der Waldfriedhof Hanerau wurde von dem gebürtigen Württemberger Johann Wilhelm Mannhardt (1760–1831), dem Gründer des Ortes Hanerau, angelegt. Mannhardt war nach seinem Theologiestudium in Tübingen als Hauslehrer bei der Altonaer Kaufmanns- und Reederdynastie van der Smissen, einem 1589 aus Holland vertriebenen Familienverbund mit mennonitischer Konfession, tätig. Unter anderem unterrichtete er die Kinder Hinrich III van der Smissens. Mehrfach unternahm er mit ihnen Bildungsreisen, so auch ins nordschleswigsche Christiansfeld, eine Siedlung der Herrnhuter Brüdergemeine, in der er den als schlichten Gottesacker angelegten Begräbnisplatz kennenlernte. Im Jahr 1790 heiratete Mannhardt Hinrich III van der Smissens Tochter Anna (1771–1843), seine ehemalige Schülerin. Entgegen der Bestimmungen der Mennoniten durfte er seine evangelisch-lutherische Glaubenszugehörigkeit beibehalten und wurde, nachdem er 1798 mit finanzieller Unterstützung seines Schwiegervaters das Gut Hanerau im damaligen Herzogtum Holstein erworben hatte, wie alle Gutsherren vor und nach ihm Patron der Severinkirche in Hademarschen. Inmitten des Gehölzes westlich der Gutsinsel – das in den Jahren 1812 bis 1816 in den Waldpark Wilhelmshain umgestaltet wurde – legte er 1805 nach dem Vorbild von Christiansfeld einen Gottesacker an. Vorgesehen war die Begräbnisstätte für ihn selbst, seine Frau Anna und ihrer beider Nachfahren sowie für Annas Herkunftsfamilie und die Bürger Haneraus. Die Bezeichnung Herrnhuter Gottesacker für den Waldfriedhof erklärt sich allein durch die äußerliche Ausrichtung. Die gelegentliche Bezeichnung Mennonitenfriedhof hat ihren Hintergrund in der Konfession der van der Smissens.
Anlage und Anordnung Der Friedhof wurde als Rechteck in Ost-West-Richtung und nach Ordnung der Herrnhuter Brüdergemeine und ihrem Verständnis von der Gleichheit im Tod und der Ruhe vor der Auferstehung angelegt. Doppel- und Familiengräber gibt es nicht. Eine linke und eine rechte Hälfte mit jeweils drei quadratischen Feldern werden durch einen breiten Mittelweg durchschnitten. Auch zwischen den Feldern auf jeder Seite gibt es Wege. Innerhalb der Felder liegen nach Geschlecht getrennt in Reihen links die männlichen und rechts die weiblichen Verstorbenen. Das jeweils obere Feld ist für Ehepaare vorgesehen, wobei ihre Gräber spiegelbildlich angeordnet sind. In den mittleren Felder liegen ledige Erwachsene und in den unteren Kinder. Von der ursprünglichen Ordnung gibt es mittlerweile leichte Abweichungen.
Alle Verstorbenen schauen nach Osten zum Sonnenaufgang. Die Gräber sind mit gleichartigen Grabplatten aus Sand- oder Marmorstein bedeckt, auf denen der Name, die Lebensdaten sowie der Geburts- und der Sterbeort des Entschlafenen eingraviert sind, teilweise auch ein Hinweis zur Profession oder auf einen Bibelspruch.
Nach alten Quellen war der Friedhof um 1818 von einer Hecke und hohen Lärchen umgeben und zählte bereits vierzig Gräber. An das obere Ende, die Westseite, grenzte damals eine Laube mit der Inschrift: Sie ruhen von ihrer Arbeit. Am unteren Ende betrat man den Friedhof, wie Gertrud Storm 1922 in Vergilbte Blätter aus der grauen Stadt schreibt, durch ein lebendiges Tor. Auf Fotoaufnahmen aus den 1980er Jahren ist ein Jägerzaun als Umgrenzung zu sehen. Etwa seit den 2000er Jahren umgibt ein kleiner Wall den Waldfriedhof.
Unklar ist, ob das hölzerne Tor, das den Zugang von der Westseite zum Friedhof ermöglicht, und weitere Aufschriften schon Anfang des 19. Jahrhunderts vorhanden waren. Beim Betreten des Friedhofs durch das Tor ist die Aufschrift zu lesen: Trachtet nach dem, was droben ist. Auf der Friedhofinnenseite steht: Selig sind die, die in dem Herrn sterben. Sie ruhen von ihrer Arbeit. Die Aufschriften wurden vom 1730 angelegten Herrnhuter Gottesacker übernommen. Neben dem Tor lehnen an einer Feldsteinmauer Grabplatten aufgelöster Gräber, ebenfalls getrennt nach dem Geschlecht der Verstorbenen und bei Ehepaaren in spiegelbildlicher Anordnung. Auf dem Platz der ehemaligen Laube stehen Gedenksteine. Am unteren Zugang zum Friedhof, der Ostseite, befindet sich eine lebensgroße Storm-Statue.
Die Art der Bepflanzung änderte sich über die Jahrhunderte, blieb aber immer einheitlich und schlicht. Ursprünglich war eine einfache Grasfläche und zu Häupten ein Rosenstrauch, zu Füßen ein Farn vorgesehen. Aufnahmen vom Ende des 20. Jahrhunderts zeigen die Bepflanzung mit Lebensbäumen. Auch heute wächst an vielen Gräbern ein auf eine Höhe von ca. eineinhalb Metern eingekürzter Lebensbaum. Nach aktueller Nutzungsordnung (Stand 2026) ist als Randbepflanzung ein Bodendecker wie Immergrün oder Efeu vorgeschrieben. Eine kleine Fläche vor dem Grabstein kann mit Blumen bepflanzt werden. Üblich sind je nach Jahreszeit Rosen, Eisbegonien oder Heidekraut.
Bezug zu Theodor Storm mini|Theodor Storm, Bronzeplastik von Werner Löwe (2014) Während seiner Hademarscher Zeit von 1880 bis 1888 pflegte Theodor Storm einen intensiven Kontakt mit der Gutsfamilie. Nahezu täglich ging er im Waldpark Wilhelmshain spazieren und suchte dabei den Waldfriedhof auf. In seinem überlieferten Briefwechsel mit zahlreichen Dichterkollegen und in der Storm-Literatur wird auf den Waldfriedhof meist als Mennonitenfriedhof Bezug genommen.
Der Friedhof gehörte zu Storms Lieblingsplätzen. Regelmäßig führte er seine Besucher dorthin und wünschte ihn sich als Stätte für sein eigenes Begräbnis.
Zum Waldfriedhof als letzte Ruhestätte kam es nicht. Beerdigt wurde Storm – wie seine beiden Ehefrauen – auf dem St.-Jürgen-Friedhof in Husum. Am 19. Mai 1993 wurde am Osteingang des Waldfriedhofes eine lebensgroße Bronzeplastik des Bildhauers Werner Löwe aus Heiligenstadt eingeweiht. Sie stellt den Dichter sitzend auf einer Bank dar.
Gräber bekannter Personen und Nachfahren Johann Wilhelm Mannhardt (1760–1831): Erbherr auf Gut Hanerau sowie Gründer des Ortes Hanerau und Anna Mannhardt, geborene van der Smissen (1771–1843) Wilhelm Mannhardt (1800–1890): Gründer einer Landesbaumschule (1846) sowie des Mannhardtschen Knabeninstituts (1849) und Charlotte Amalie Mannhardt, geborene Höpfner (1809–1884), Schwester des königlich dänischen Staatsrats Johann Höpfner Heinrich Wachs (1822–1895): Erbherr auf Gut Hanerau, Mediziner und Reichstagsabgeordneter Julius Wilhelm Leberecht Mannhardt (1834–1894): Augenarzt und Diplomat Johannes Mannhardt (1840–1909): leitete das Mannhardtsche Knabeninstitut zusammen mit seiner Frau Helen Mary, geborene Vavasseur (1850–1922), während Theodor Storms Hademarscher Zeit; Helen Mary Mannhardt – Enkelin des schottischen Missionars und Bibelübersetzers Robert Moffat – ruht ebenfalls auf dem Waldfriedhof Franciscus Mannhardt (1846–1927): Augenarzt, Leiter der staatlichen Augenklinik in Hamburg-Eppendorf Gotthilf Constabel (1859–1941): Fotograf, nahm u. a. 1886 das Altersfoto zum 70. Geburtstag Theodor Storms auf, gründete 1892 mit Ludwig Knackstedt das Unternehmen Constabel & Knackstedt, Kunstanstalt für Lichtdruck und Photographie Rudolf Heinrich Detloff von Kalben (1869–1951): Offizier, Landwirt und Regionalhistoriker Otto Julius Wachs (1874–1941): Erbherr auf Gut Hanerau, Landrat der Kreise Jork und Süderdithmarschen Johann Wilhelm Mannhardt (1883–1969): Politologe und Soziologe Heinrich Detloff von Kalben (1898–1966): Staatsminister, leitender Verwaltungsbeamter und NS-Funktionsträger in Bayern Jan Oskar Bender (1909–1994): Komponist und Kirchenmusiker Otto Wachs (1909–1998): Bankier und Olympiateilnehmer 1936 im Segelsport Gerd Hartwig Peters (1925–2023): Waldbauer und Regionalhistoriker
Literatur Max Suhr: Theodor Storm in Hademarschen und Hanerau. Zum Gedenken an den 100. Todestag des Dichters am 4. Juli 1988. Hrsg.: Gemeinde Hanerau-Hademarschen. Boyens & Co., Heide 1988, S. 92–94 und S. 104–109. Arthur Gloy: Geschichte und Topographie des Kirchspiels Hademarschen. Kommissionsverlag von Lipsius & Tischer, Kiel 1895, S. 69. Antje Mickan: Raum und Stein. 3.1 Der Grabstein von Wilhelm Mannhardt auf dem Hanerauer Friedhof. In: Martina Kumlehn, Ralph Kunz, Thomas Schlag (Hrsg.): Dinge zum Sprechen bringen. Performanz der Materialität. Festschrift für Thomas Klie. Walter de Gryter, Berlin/Boston 2022, S. 205–208, ISBN 978-3-11-074432-3. (online)
Weblinks
Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein: Herrnhuter Gottesacker Gut Hanerau: Der Waldfriedhof in Hanerau SH-Kunst: Werner Löwe – Theodor Storm Literaturland Schleswig-Holstein: Hanerau-Hademarschen – Wissenswertes
Einzelnachweise
Kategorie:Friedhof in Schleswig-Holstein HanerauHademarschen Kategorie:Kulturdenkmal in Hanerau-Hademarschen Kategorie:Erbaut 1805