mini|Kaiser Jin Zhangzong Jin Zhangzong (; persönlicher Name Madage, sinisiert Wanyan Jing; * 31. August 1168 in Zhangbei, Hebei; † 29. Dezember 1208 in Zhōngdū (heute Peking)) war von 1189 bis 1208 der sechste Kaiser der über einen Teil Nord-Chinas regierenden Jin-Dynastie. Er war ein Förderer von Kunst sowie Literatur und erließ 1202 einen neuen Strafcodex. Während seiner Regierung führte ein Dammbruch des Gelben Flusses 1194 zu verheerenden Überschwemmungen. Einen Angriff des Song-Reichs konnten seine Armeen 1206/07 abwehren, doch stieg die von den Mongolen ausgehende Gefahr, nachdem Dschingis Khan ihre Stämme 1206 unter seiner Herrschaft vereint hatte.
Leben Abstammung und frühes Leben Wanyan Jing stammte aus dem adligen Clan Wanyan und war der älteste Sohn von Wanyan Yungong († 1185), einem Sohn des Jin-Kaisers Shizong. Seine Mutter war Kaiserin Xiaoyi († 1191) vom Tudan-Clan. 1178 wurde er zum Prinzen von Jinyuan erhoben und begann die Schrift seines Volks, der Jurchen, sowie die chinesischen Klassiker bei Jinshi Wanyan Kuang, Sijing Xu Xiaomei und anderen Lehrern zu studieren. Nach dem Tod seines Vaters 1185 wurde er zum Verwalter der Präfektur Daxing ernannt und beherrschte die Jurchen-Sprache so gut, dass er in ihr dem Kaiser Shizong bei einer Audienz seinen Dank für die Übertragung dieses Amts ausdrücken konnte. Dies war nicht selbstverständlich, weil durch die starke Sinisierung des Jurchen-Adels ihre angestammte Sprache immer mehr in Vergessenheit geriet.Jacques Gernet: Die chinesische Welt. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988 (französische Originalausgabe Paris 1972), ISBN 3-518-38005-2, S. 306. 1186 wurde Wanyan Jing zum Kanzler des Staatsministeriums zur Rechten ernannt.Wanyan Jing, in: Baidu Baike.
Erste Regierungsjahre Nach dem Tod seines Großvaters, des Kaisers Shizong († 20. Januar 1189), bestieg Wanyan Jing den Thron, weil sein Vater Wanyan Yungong, der Kronprinz, schon verstorben war. Wanyan Jing erhielt postum den Tempelnamen Kaiser Zhangzong. Seine erste Regierungsdevise nannte er Mingchang; sie umfasste die frühen Jahre 1190 bis 1196 seiner Herrschaft. Zum Regierungsantritt ordnete er u. a. eine Erhöhung der Beamtengehälter und eine Steuersenkung an. Er interessierte sich für Literatur und ernannte wissenschaftlich und literarisch gebildete Minister, deren Amtsausübung eine kluge Staatsführung und einen gewissen Wohlstand im Jin-Reich gewährleisteten. Wanyan Shouzhen reformierte etwa als Justizminister und Rechtsberater der Regierung die Strafgesetze und schuf so klare Rechtsnormen. Die Bevölkerungszahl des Jin-Reichs nahm zu und erreichte in den letzten Regierungsjahren Zhangzongs über 56 Millionen Menschen.
Bis zu einem gewissen Grad setzte Kaiser Zhangzong die Politik seines Großvaters Shizong fort, den Gebrauch der Jurchen-Sprache und die Pflege der Traditionen der Jurchen zu fördern. Er griff eines der Projekte des Jin-Kaisers Wanyan Liang († 1161) auf und ließ in allen Präfekturen und Kreisen seines Reichs konfuzianische Tempel errichten. Er gab auch die Anlage des künstlichen Taiye-Sees im Stadtgebiet des heutigen Peking in Auftrag, um dort fischen zu können. Im Gegensatz zu seinem Großvater betrachtete er die Jagd nicht als notwendige Art der militärischen Ausbildung, sondern als Erholungsmöglichkeit.Jing-shen Tao: The Jurchen in Twelfth-Century China, University of Washington Press, 1976, ISBN 0-295-95514-7, S. 85 f.
Parteikämpfe bei Hof Zu Beginn seiner Regierung hatte Kaiser Zhangzong den ehemaligen Palastdiener Xu Chiguo zum Kanzler des Staatsministeriums ernannt, der nun mit einer Konkubine des Herrschers, Li Shi'er, zusammenarbeitete, um immer größere Kontrolle über alle Hofangelegenheiten ausüben zu können. In der Folge wandten sich viele Personen an ihn, die sich durch seine Fürsprache einen schnelleren Aufstieg erhofften. Zhangzong wurde unterdessen misstrauischer gegenüber seinen Onkeln und ließ die kaiserlichen Prinzen überwachen. Als er 1193 von Aufstandsplänen von Kaiser Shizongs Sohn Wanyan Yongdao, Prinz von Zheng, erfuhr, ließ er ihn hinrichten. Danach war Zhangzong noch argwöhnischer, ließ die Prinzen strenger kontrollieren und schränkte ihre Freizeitaktivitäten ein. So hegte er Misstrauen gegenüber einem weiteren Sohn Shizongs, Wanyan Yongzhong, und wurde darin durch Meldungen von angeblichen Äußerungen einer rebellischen Gesinnung des verdächtigen Prinzen und dessen Söhnen bestärkt. Xu Chigao und die Konkubine Li Shi'er erreichten durch Intrigen, dass hochrangige Beamte wie der Kanzler Jiagu Qingchen die Hinrichtung Yongzhongs befürworteten. Letzterer musste daraufhin auf Befehl Zhangzongs im Jahr 1194 Selbstmord begehen. Wanyan Shouzhen hatte wegen Zweifel an Yongzhongs Schuld gegen dessen Verurteilung protestiert und wurde deshalb vom Kaiser zum Präfekten von Jinan degradiert.
1197 konnten Beamte des Zensorats Kaiser Zhangzong überzeugen, Xu Chiguo vorläufig als stellvertretenden Militärkommissar auf einen im Norden des Jin-Reichs gelegenen Militärposten zu versetzen. Xu Chiguo fiel zwar bald danach in einem Krieg, doch Li Shi'er genoss weiterhin die Gunst des Kaisers. Nur aufgrund des Widerstands mehrerer Minister verzichtete Zhangzong, sie zur Kaiserin zu erheben; stattdessen ernannte er sie 1199 zu seiner Hauptgemahlin. Zwei ihrer Brüder erlangten hohe Ämter und hatten bedeutenden Einfluss auf die Hofpolitik. In der Folge verschlechterte sich die Atmosphäre bei Hof zusehends.
Flutkatastrophe; Konflikte mit den Tataren 1194 verlagerte der Gelbe Fluss seinen Lauf vom Norden der Shandong-Halbinsel nach Süden. Dabei verursachte er eine Überschwemmung weiter Gebiete. Hierdurch wurden viele Bauern von ihrem Land vertrieben und Kommunikationswege unterbrochen. Diese Überflutung schürte Unruhen in der Bevölkerung. Die nötigen Maßnahmen zum Hochwasserschutz belasteten den Finanzhaushalt der Jin-Dynastie. Zudem schädigten Dürren und Heuschreckenplagen die an das Song-Reich grenzenden Regionen. Besonders Shandong war von den Naturkatastrophen schwer betroffen. Gleichzeitig sah sich Kaiser Zhangzong mit dem Aufstieg der Mongolen konfrontiert. Daher ordnete er in den Jahren nach 1192 die Restaurierung und Verstärkung der Großen Mauer an. Jin-Heere führten zur Zeit der Überflutungen des Gelben Flusses auch Strafexpeditionen ins mongolische Gebiet durch. Zur Beschaffung der hierfür nötigen Gelder konfiszierte die Jin-Regierung Land von Han-Chinesen, die der Steuerhinterziehung verdächtigt wurden, und verteilten es an vertrauenswürdige Jurchen. Dies führte zu Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen.Herbert Franke: The Chin Dynasty, in: The Cambridge History of China, Bd. 6, 1994, S. 245 ff.
1195 griffen Jin-Armeen gemeinsam mit den Tataren den Stamm der Qungrat an. Vom Tatarenführer Zuxu ausgelöste Streitigkeiten über die Beuteverteilung führten jedoch im folgenden Jahr zu einer Attacke der Jin auf die Tataren. Der Jin-General Wanyan Xiang entsandte eine Vorhut unter Wanyan Anguo zum Cherlen-Fluss, wo sie die Truppen der Tataren drei Tage in Schach hielt, bevor das Hauptheer der Jin eintraf und die Tataren besiegte. Am 4. Februar 1196 flammte der Konflikt mit den Qungrat wieder auf, als diese ins Jin-Reich einfielen und eine Heeresabteilung der Jin schlugen. Unterdessen wurden die vor den Jin-Truppen fliehenden Tataren von Toghril, dem Khan der Keraiten, und Temüdschin (dem späteren Dschingis Khan) bezwungen. Daraufhin trafen sich Toghril und Temüdschin mit Beamten der Jin, die, erfreut über die Vernichtung der Tataren-Armee, ihnen Titel verliehen. Einer dieser Beamten, ein Kitan namens Yelü Ahai, schloss sich zusammen mit seinem Bruder Tuhua 1203 Temüdschin an. Der besiegte Tatarenführer Zuxu unterwarf sich den Jin, rebellierte jedoch im gleichen Jahr erneut, ehe er sich 1198 abermals ergab. Kurz danach starb er.Carl Fredrik Sverdrup: The Mongol Conquests: The Military Operations of Genghis Khan and Sube'etei, Helion & Company Limited, 2017, S. 51 ff.
Symbolische Herrschaftslegitimation der Jin-Dynastie Kaiser Zhangzong bemühte sich, den Jin-Staat im politischen Bereich nach dem Vorbild des Tang- und Song-Reichs umzugestalten. Zur Vereinheitlichung der Gesetzgebung ließ er 1202 einen neuen Strafcodex, den Taihe lüling, in Kraft setzen. Um dieselbe Zeit übernahm er das Element „Erde“ unter den fünf Elementen des Wuxing-Zyklus als Emblem der Jin-Dynastie, da nach der traditionellen politischen Auffassung jede chinesischen Dynastie eines dieser fünf Elemente zur symbolischen Herrschaftslegitimation für sich wählen musste. Damit beanspruchte Zhangzong für die Jin-Dynastie in Rivalität zur Song-Dynastie, zur Herrschaft über die gesamte zivilisierte Welt berechtigt zu sein.Herbert Franke: The Chin Dynasty, in: The Cambridge History of China, Bd. 6, 1994, S. 249 f.
Abwehr eines Angriffs der Song Da der Kaiser der Song-Dynastie, Ningzong, zweimal jährlich Gesandtschaften in die zentrale Hauptstadt der Jin, Zhōngdū (heute Peking), schickte und diese Delegationen dabei gerade durch die am meisten von den Naturkatastrophen betroffenen Gebiete des Jin-Reichs reisten, war der Hof der Song genau über die dadurch entstandenen Probleme der Jin-Regierung informiert. Ab 1204 begingen lokale Militärführer der Song wiederholte Grenzverletzungen und Raubzüge in der Region am Huai-Fluss. Der einflussreiche Song-Kanzler Han Tuozhou, der für eine Vergeltungspolitik gegen das Jin-Reich eintrat, duldete oder förderte sogar diese Übergriffe. Dadurch verschlechterten sich die Beziehungen zwischen den Jin und Song, obwohl die diplomatischen Missionen und die jährlichen Zahlungen der Song zunächst weiterhin stattfanden. Im Sommer 1206 beschloss der Kanzler, den Krieg gegen die Jin zu beginnen, woran Kaiser Ningzong selbst indessen wenig Interesse zeigte. Der stellvertretende Kriegsminister Ye Shi, ein prominenter Vertreter des Neokonfuzianismus, lehnte die ihm übertragene Ausarbeitung der Kriegserklärung ab, da er gegen diese Militäroperation war, und wurde deswegen degradiert. An seiner Stelle verfasste Li Bi, ein Anhänger von Han Tuozhou, die erhalten gebliebene Kriegserklärung, die Anschuldigungen gegen die Jin und Behauptung enthält, dass die Jin aufgrund ihrer bösen Taten das Mandat des Himmels und damit die Herrschaftslegitimation verloren hätten. Das Dokument wurde am 14. Juni 1206 im ganzen Song-Reich offiziell verkündet. Kaiser Zhangzong und der Jin-Hof trafen daraufhin Vorbereitungen zur Mobilisierung ihrer gesamten Streitkräfte.Herbert Franke: The Chin Dynasty, in: The Cambridge History of China, Bd. 6, 1994, S. 247 f.